Inhaltsverzeichnis
Einleitung - 2 -
1. Historische Hintergründe. - 3 -
2. Das Leben und das kindliche Spiel in den Ghettos - 3 -
2.1 Der Hunger und Nahrungsmittelmangel. - 4 -
2.2 Der allgegenwärtige Tod - 5 -
2.3 Die Zwangsarbeit - 6 -
2.4 Die Spielsachen - 6 -
2.5 Kinderaktionen und Deportationen - 7 -
2.6 Das Leben mit den „Bewachern“ - 8 -
3. Das Leben und das kindliche Spiel in den Lagern - 9 -
3.1 Der Hunger und Nahrungsmittelmangel. - 10 -
3.2 Der allgegenwärtige Tod - 10 -
3.3 Das Leben mit dem Ungeziefer - 11 -
3.4 Die Spielsachen - 12 -
3.5 Die anderen Zeitvertreibe - 12 -
4. Spieltheoretische und andere Deutungsversuche. - 13 -
4.1 Spiel als Spiegel der Gesellschaft. - 13 -
4.2 Spiel als Probe des Ernstfalls - 13 -
4.3 Spiel als kurze Atempause bzw. Erholung - 14 -
4.4 Spiel als Zeichen des Überlebenswillens. - 15 -
4.5 Spiel als Täuschung und Protest. - 16 -
5. Fazit und Diskussion - 16 -
Literaturverzeichnis. - 18 -
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Einleitung
„Schon die Vorstellung, daß Kinder im Vernichtungslager gespielt haben, stellt die Rationalität des menschlichen Geistes und sein Vorstellungsvermögen auf die härteste Probe.“ (Eisen 1993, 103). Das habe auch ich gedacht, als ich im letzten Semester, in der Vorbereitung auf ein Referat für das Seminar „Das Spiel in der Pädagogik“, auf den geschichtlichen Abriss von Spiel und Erziehung in Heimlichs „Einführung in die Spielpädagogik“ (2001) gestoßen bin. Dort geht der Autor auf drei Seiten auf das Thema „Spiel und Erziehung im Nationalsozialismus“ ein. Hier beschreibt er dies nicht nur im Hinblick auf deutsche Kinder, sondern betrachtet auch die Kinder in den Ghettos 1 und Lagern 2 . Beeindruckt von diesem Sachverhalt, verwendete ich einen gewählten Ausschnitt des Artikels schon im Seminar für die Gruppenarbeit. Aber die Fragen, die ich mir in diesem Zusammenhang weiterhin stellte, waren noch nicht beantwortet. Ich suchte Antworten zu den Fragestellungen, wie und was die eingesperrten Kinder in der Zeit des Nationalsozialismus in den Ghettos und Lagern genau spielten. Wie könnten diese Spiele im Hinblick auf ihre Realität und Situation gedeutet werden und durch Spieltheorien erklärt werden?
Ohne einen Blick auf die Zeit des Nationalsozialismus und auf das alltägliche Leben der Ghetto-und Lagerbewohner zu werfen, können diese Fragen nicht geklärt werden. Aus diesem Grund beginnt diese Arbeit mit einigen wenigen relevanten historischen Hintergründen aus der Ära Hitlers. Im zweiten Kapitel werden schließlich das alltägliche Ghettoleben und vor allem die kindlichen Spiele dort erläutert. Das darauf folgende Kapitel beschäftigt sich mit dem Leben und dem kindlichen Spiel in den Lagern dieser Zeit. Zuerst überlegte ich, diese beiden Kapitel miteinander zu kombinieren, was aber aufgrund der doch sehr unterschiedlichen Lebensbedingungen fatal gewesen wäre. Der vierte Abschnitt meiner Arbeit wird sich mit Deutungsversuchen und der Suche nach „passenden“ Spieltheorien der kindlichen Spiele in den Ghettos und Lagern beschäftigen. Das fünfte und letzte Kapitel dieser Arbeit beschäftigt sich mit einem Ausblick und den von mir getroffene Schlussfolgerungen.
1 Ghettos sind abgeschlossene Wohnviertel in Städten und Orten, in denen die Juden leben mussten und so von der
deutschen Bevölkerung abgegrenzt wurden.
2 In der Zeit des Nationalsozialismus wurden viele Lager errichtet, in denen die Juden und andere Minderheiten
festgehalten wurden. Es gab in dieser Zeit Durchgangslager, Konzentrationslager und Vernichtungslager. Diese
Unterscheidung wird aber innerhalb dieser Arbeit nicht getroffen und alle werden unter dem Begriff „Lager“
zusammengefasst.
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1. Historische Hintergründe
Mit der Machtergreifung der NSDAP 3 mit ihrem Führer Adolf Hitler im Jahre 1933 begann in Deutschland die Zeit der größten Judenverfolgung der Geschichte. Das von den Deutschen angestrebte Ziel war es das jüdische Volk vollkommen auszurotten und die Vorherrschaft der „arischen Herrenrasse“ 4 zu erreichen. In der Zeit von 1933- 1945 wurden insgesamt „…sechs Millionen Juden und andere Opfergruppen durch die Nazis…“ (Shoa.de) hingerichtet. Von Beginn an dieser nationalsozialistischen Ära wurden Gesetze verabschiedet, die den Juden zunehmend mehr Rechte nahmen und letztendlich auf die „Endlösung der Judenfrage“ 5 hinzielten. Am 15. September 1935 wurden z.B. die „Nürnberger Rassengesetze“ kundgegeben, die unter anderem auch Ehen zwischen Deutschen und Juden verbot und den Juden alle politischen Rechte entzog (vgl. Nürnberg Online). So wurde die jüdische Bevölkerung zunehmend von der arischen Rasse getrennt. Ab 1938 war es ihnen durch Erlass der Deutschen verboten Stadtparks, Spielplätze, Schwimmbäder, Erholungsstätten und Kulturstätten zu betreten (vgl. Eisen 1993, 55). Diese Abgrenzung führte so weit, dass zunächst die in Deutschland lebenden Juden in Ghettos leben mussten, die 1939/40 vollständig geschlossen wurden, sodass ihre Bewohner die Wohnviertel nicht mehr verlassen durften. Von dort aus wurden sie in den folgenden Jahren in Durchgangslager, Konzentrationslager und/ oder in Vernichtungslager deportiert.
In den beiden folgenden Kapiteln soll aufgeigt werden, wie sich das Leben in den abgetrennten Wohnvierteln und Lagern für die dort lebende jüdische Bevölkerung gestaltete. Außerdem wird beschrieben was und wie die Kinder dort spielten.
2. Das Leben und das kindliche Spiel in den Ghettos
Nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939 und den ersten territorialen Eroberungen der Deutschen in Osteuropa entstanden auch in diesen Gebieten zahlreiche Ghettos, die als „Sammellager“ für die dort lebenden Juden galten. Diese befanden sich in den städtischen
3 NSDAP ist die Abk. für „Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei“; die einzige zugelassene politische Partei
in der Zeit des Nationalsozialismus (1933-1945).
4 „Arier“ wurden durch die im 19. Jahrhundert aufkommende Rassenideologie mit der nordischen Rasse (physische
Eigenschaften z.B.: blond, blauäugig, helle Hautfarbe, groß, schlank, schmales Gesicht) gleichgesetzt; im
Nationalsozialismus verengte sich die Bedeutung von Arier auf „Nichtjude“ (vgl. Lexikon Institut Bertelsmann).
5 Die „Endlösung der Judenfrage“ bedeutet die vollkommene Vernichtung aller Juden.
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Bezirken oder Orten, die am schlimmsten durch den Ersten Weltkrieg zerstört wurden. Viele Häuser waren gar nicht oder nur noch zum Teil bewohnbar, sodass die räumliche Enge die Bewohner bald dazu zwang, dass sich ca. 8 - 10 Menschen ein Zimmer teilten (vgl. Eisen 1993, 59). Das tägliche Leben in den Ghettos war für seine Bewohner, neben Wohnungsmangel, gekennzeichnet durch Unterdrückung, Nahrungsmittelmangel, Kälte, Freiheitsentzug, Gestank, Elend, Verlust von Bezugspersonen, Gewalt, Demütigung und Ängsten. Durch all die Mangelerscheinungen war auch der Tod in den Ghettos allgegenwärtig. Es lagen oft sterbende Menschen auf den Straßen, die dort verendeten und dann mit Karren eingesammelt wurden (vgl. Eisen 1993, 102). Aber trotz der jüdischen Verwaltung der Ghettos durch die Judenräte und jüdischen Organisationen war eine Besserung der Lebensbedingungen in den Wohnvierteln, wegen der strengen Überwachung durch die deutsche Regierung nicht möglich. Trotzdem konnten die Kinder bis zu einem bestimmten Stadium des körperlichen Verfalls spielen. Wenn sich der Hunger, die Kälte und alle anderen Mangelerscheinungen zu sehr in den kleinen Körpern festgefressen hatten und die Energie der Jungen und Mädchen nachließ, konnten sie sich auch dem Spielen nicht mehr hingeben, denn „Wenn der Körper allzu tief gesunken ist, kann der Geist sich nicht erheben.“ (Eisen 1993, 160).
2.1 Der Hunger und Nahrungsmittelmangel
Die deutsche Regierung arbeitet schon durch die Vergabe von Nahrungsmitteln systematisch auf den Tod der Juden in den Ghettos hin. Die Essensrationen, die durch Lebensmittelcoupons geregelt wurden, waren für die Menschen in den Ghettos viel zu wenig. Der tägliche Hunger magerte die Bewohner bis auf Haut und Knochen aus und hinderte die Kinder an ihrem physischen Wachstum. So beschreibt Andrea Löw (2004) die Situation in Warschau:
„Der durchschnittliche Nährwert der täglichen Lebensmittelzuteilung im Ghetto betrug etwa 230 Kalorien. 1941 wurde auf Lebensmittelkarten nichts als Brot und Zucker ausgegeben: Zunächst 2,5 kg und ab November dann 2 kg Brot sowie 180 bis 200 Gramm Zucker. Andere Lebensmittel, wie etwa Kartoffeln oder Marmelade, wurden sporadisch in kleinen Mengen ausgegeben.“
Auch die Kinder, denen diese Situation nicht verborgen blieb, entwickelten zu dieser Thematik im Ghetto Lodz ein Spiel. Dieses nannten sie „Schlange stehen“ und wurde meist nur von den Mädchen gespielt. Sie nahmen hier die Rolle ihrer Mütter ein, die sie beim Schlange Stehen am Gemüsestand beobachteten. Die Mädchen taten so „… als stünden sie mit „Ghetto-Rumkis“ (den
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Coupons, die Chaim Rumkowski, der Vorsteher der Lodzer Judenrats, als Ghetto-Währung ausgegeben hatte) nach rationiertem Gemüse Schlange.“(Eisen 1993, 118). Die Mädchen schupsten, drängelten, stritten und beklagten sich über die Qualität der ausgegebenen Ware während des Spiels, genauso wie sie es bei ihren Müttern beobachtet hatten.
2.2 Der allgegenwärtige Tod
Die Menschen in den Ghettos wurden von vielen Seiten mit dem Tod konfrontiert. Da waren zu einen die Deportationen, bei denen die meisten ahnten, dass sie in den Tod führen. Zum anderen waren die Leichen im Ghetto selbst. Auf den Straßen lagen die stöhnenden, sterbenden und toten Menschen, die mit Karren eingesammelt wurden (vgl. Eisen 1993, 102). So beobachtete auch Janusz Korczak 6 im Warschauer Ghetto:
„Neben dem Gehsteig liegt ein halbwüchsiger Bub, vielleicht lebt er noch, vielleicht ist er auch schon tot. Und gleich daneben sind drei Buben beim Pferdchenspielen die Zügel durcheinandergeraten. Sie halten Rat, probieren, werden ungeduldig und stoßen dabei mit den Füßen an den Daliegenden. Endlich meint einer: „Laß uns hier weggehen, der ist und im Weg.““(1992, 65)
Und an einer anderen Stelle:
„In der vergangenen Nacht sind nur sieben Juden erschossen worden, sogenannte jüdische Gestapomänner.“ (1992, 57)
Andere kindliche Spiele sind bezeichnend für das Vorhandensein des Todes in den Köpfen der Kinder. Wie zum Beispiel die kindlichen Kriegsspiele, aus dem Lodzer Ghetto, die zwangsweise das Sterben implizierten, denn bei ihnen verloren die „Deutschen“ opferreich gegen die „Russen“ den Krieg (vgl. Eisen 1993, 118f). Oder auch das Spiel, das „Befreiung“ oder „Ponary“ genannt, von den Kindern in Wilna gespielt wurde. Es beruht auf der Geschichte, dass Juden von der Gestapo aus dem Ghetto in die nahe gelegenen Wälder von Ponary geführt wurden. Dort mussten sich die Opfer entkleiden und wurden umgebracht. Das Spiel der Kinder hatte aber einen anderen Ausgang. Hier wurden die „Deutschen“ von den „Juden“ im Wald überwältigt und erschossen. In der Realität wurden die Kleider der Juden zum Teil wieder ins
6 Korczak, Janusz: Erzieher und Tagebuchschreiber im Warschauer Ghetto; 1942 wurde er ins Vernichtungslager
Treblinka abtransportiert.
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Arbeit zitieren:
Linda Neundorf, 2008, Das Spiel der Kinder in den Ghettos und Lagern in der Zeit des Nationalsozialismus, München, GRIN Verlag GmbH
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