Universität Bremen
Modul 65: Kommunikation und Wahrnehmung
Wintersemester 2008/2009
Studiengang: B.A. Public Health / Gesundheitswissenschaften
Spiegelneurone
Autor:
Hendrik Heitland
5. Fachsemester
1
INHALTSVERZEICHNIS
1. Einleitung... 2
2. Die Historie der Spiegelneurone... 3
3. Die Funktion der Spiegelneurone ... 5
3.1 Spiegelneurone beim Menschen... 8
3.2 Anwendungsbereiche... 12
4. Fazit... 15
LITERATURVERZEICHNIS... 17
2
1. Einleitung
Wie kommt es zustande, dass man sich in andere Menschen hineinversetzen kann
und dazu in der Lage ist, z.B. deren jeweilige Stimmungslage zu deuten oder diese
sogar emphatisch mitzufühlen? Zwar waren die Rahmenbedingungen dieses
Phänomens bereits psychologisch erarbeitet worden, jedoch konnten die
neurophysiologischen Zusammenhänge bislang nicht begründet werden. Erst die
häufig als Zufall beschriebene Entdeckung der Spiegelneurone durch Giacomo
Rizzolatti in den 1990er Jahren brachte auch eine biologische Erklärung für die
Grundlagen des Mitgefühls. Hieraus ergibt sich die Fragestellung, ob durch
spiegelnde Nervenzellen tatsächlich das Geheimnis der Empathie gelüftet wurde,
oder ob es noch andere Faktoren für das zwischenmenschliche Einfühlen gibt.
Um diese Frage zu klären, wird unter Punkt 2 zunächst ein Überblick über die
Historie der Entdeckung der Spiegelneurone durch Rizzolatti, mitsamt einem Beispiel
ihrer psychologischen Grundlagen nach Sigmund Freud, sowie Theorien über deren
Bedeutung gegeben. Hierbei wird durch eine Zusammenfassung der beobachteten
Funktionsweisen auch schon eine erste Definition der Spiegelnervenzellen
beschrieben.
Unter Punkt 3 wird die Funktion der Spiegelneurone bei Affen anhand von
Beispielexperimenten
ausführlicher
dargestellt
und
dabei
u.a.
die
Grundvoraussetzungen für ihre Reaktionen oder ihr weites Wahrnehmungsfeld
erläutert. Dies leitet zu Punkt 3.1 über, in dem der Unterschied der Funktionsweisen
bei Affen und dem Menschen deutlich wird: die Fähigkeit zu Empathie und Mitgefühl.
Neben der Darstellung der menschlichen spiegelneuronalen Arbeit, sowie dessen
Auswirkungen, wird zudem auf pathogene Faktoren, die hieraus entstehen können,
eingegangen und durch Vorstellung von Experimenten untermauert. In Punkt 3.2
werden drei Beispiele für die Anwendungsbereiche gegeben, in denen die
Bedeutung der Spiegelnervenzellen für das jeweilige Feld deutlich gemacht wird. So
werden hier u.a. auch gesundheitsfördernde Ressourcen durch spiegelnde
Neuronen, wie es z.B. bei Schlaganfallpatienten der Fall ist, beschrieben.
Unter Punkt 4 wird ein abschließendes Fazit gezogen und die bisherigen
Ausführungen diskutiert.
3
2. Die Historie der Spiegelneurone
Schon seit geraumer Zeit wird erforscht, wie sich die Empathie, Wahrnehmung und
Kommunikation beim Menschen entwickelt. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts kam
der österreichische Psychoanalytiker Sigmund Freud zu der Erkenntnis, dass
Patienten Informationen aussenden, die sich aus deren Ängsten, Erwartungen,
Wünschen und Bedürfnissen ableiten. Diese werden jedoch nicht mittels der Sprache
kommuniziert, sondern äußern sich unbewusst durch bestimmte Zeichen, wie z.B.
Stimme, Blicke, Körpersprache, Betonungen, Gesten, etc. ,,Freud erkannte, dass die
in diesen Zeichen enthaltenen Botschaften des Patienten die Tendenz haben, den
Kontakt zwischen Patient und Therapeut in einer für den einzelnen Patienten
spezifischen Weise zu gestalten, wobei der Therapeut vom Patienten, ohne dass es
Letzterem bewusst ist, eine bestimmte Rolle übertragen bekommt. Freud
bezeichnete die Gesamtheit der vom Patienten in Richtung Therapeut ausgesandten
Signale, die an den Therapeuten adressierten Gefühle einschließlich der sich daraus
ergebenden diskreten Inszenierungen, als ,,Übertragung"." Diese Übertragung muss
nun jedoch zunächst auch empfangen werden, um in den Therapieprozess
einzufließen. Nach Freud bedarf es hierfür nicht nur eines intellektuellen
Verständnisses seitens des Therapeuten, um die Semantik des zur Sprache
gebrachten zu analysieren, sondern vor allem die Fähigkeit zur Empathie, um die
Zeichen des Patienten erkennen zu können. Diese Empathie hat zum Zweck, sich in
den Patienten einzufühlen, um die unbewussten Zeichen zu empfangen und zu
deuten. Durch das Mitgefühl wird das Unbewusste der Zeichen also wieder bewusst
gemacht.
Freud entwickelte hierfür die Allegorie des Therapeuten als ,,Receiver", nach der der
Therapeut ,,(...) dem gebenden Unbewussten des Kranken sein eigenes
Unbewusstes als empfangendes Organ zuwenden [soll], sich auf den Analysierten
einstellen wie der Receiver des Telefons zum Teller eingestellt ist. Wie der Receiver
die von Schallwellen angeregten elektrischen Schwankungen der Leitung wieder in
Schallwellen verwandelt, so ist das Unbewusste des Arztes befähigt, aus den ihm
mitgeteilten Abkömmlingen des Unbewussten dieses Unbewusste, welches die
Einfälle des Kranken determiniert hat, wiederherzustellen." Der Analysierende muss
also im Sinne eines Receivers dazu in der Lage sein, in sich eine Resonanz
zuzulassen, um die vom Patienten ausgehenden Informationen wahrzunehmen.
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Damit nahm Freud zukünftige Erkenntnisse neurobiologischer Verfahren vorweg,
nach denen Netzwerke von Nervenzellen im Gehirn nicht nur dann aktiv werden,
wenn die eigene Person fühlt oder handelt bzw. Handlungen plant, sondern auch
dann, wenn diese Vorgänge bei anderen Personen miterlebt werden. ,,Nervenzellen,
die nicht nur am eigenen Erleben und Handeln beteiligt sind, sondern die zugleich im
Sinne einer Resonanz aktiv werden und dem Beobachter so anzeigen können, was
im anderen vor sich geht, werden als ,,Spiegelneurone" bezeichnet."
1
Im Jahre 1996 führte eine kleine Gruppe Neurophysiologen unter der Leitung von
Giacomo Rizzolatti an der norditalienischen Universität Parma Experimente an
Makakenaffen durch, um die Koordination der Planung und Ausführung
zielgerichteter Handlungen im Gehirn zu untersuchen. Es war bereits bekannt, dass
für die Planung einer Aktion handlungssteuernde Nervenzellen im prämotorischen
Cortex des Gehirns verantwortlich sind, während die Bewegungsneuronen im
benachbarten motorischen Cortex die Kontrolle über die Muskelsteuerung haben.
Versuche zu Handlungsabläufen hatten zwar gezeigt, dass die Handlungsneurone
ihre Signale immer ca. 100 bis 200 Millisekunden vor den Bewegungsneuronen
abfeuerten, dies allerdings oftmals auch taten, ohne dass die Bewegungsneurone
aktiv wurden. Um dieses Phänomen zu untersuchen, schlossen Rizzolattis
Mitarbeiter feine Messfühler an die Handlungsneurone mehrerer Makaken an,
wodurch genau festgestellt werden konnte, welche spezifischen Nervenzellen bei der
Ausführung verschiedener Handlungen ihre Signale abfeuerten. ,,Zum Star in diesem
Ensemble von verkabelten Zellen wurde eine handlungssteuernde Nervenzelle (...),
die immer dann und nur dann feuerte, wenn der Affe mit seiner Hand nach einer
Erdnuss griff, die auf einem Tablett lag. Genau dafür, und für nichts sonst, hatte
diese Zelle den Plan. Weder beim alleinigen Anblick der Nuss noch bei einer
sonstigen Greifbewegung der Hand, also ohne Nuss, ging von dieser Zelle
irgendeine Aktivität aus."
Daraufhin geschah jedoch etwas Unerwartetes: Auch als ein Mitarbeiter nach der
Nuss griff, schlug das Messgerät aus. Die Zelle feuerte also auch dann ihre Signale
ab, wenn der Affe nur beobachtete, wie nach der Nuss gegriffen wurde, was bei den
Forschern zu der Erkenntnis führte, dass eine neurobiologische Resonanz existieren
1
vgl. Bauer/Kächele, 2006, S. 36 f
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