Inhalt
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Einleitung
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Hauptteil
I. Theoretischer Teil: Der Individuationsprozess nach C.G. Jung 4
II. Die Ausgangssituation Harry Hallers 6
1. Hallers Identitätsproblematik in den Erzählperspektiven 6
a) Vorwort des Herausgebers 6
b) Harry Hallers Aufzeichnungen 6
c) Traktat vom Steppenwolf 7
2. Hallers Identitätsproblematik psychoanalytisch besprochen 8
III. Haller begibt sich auf den Weg der Selbstveräußerung 10
1. Voraussetzung für eine gelingenden Veräußerung Hallers 10
a) Die Mehrseelentheorie 10
b) Das Humorprinzip und die Unsterblichen 10
2. „Anstoß“: Haller begegnet seinen Seelenbildern 11
a) Hermine -für Hallers geistiges Wachstum 11
b) Maria -für die sexuelle Liebe 13
c) Pablo -der Unsterbliche 13
3. In medias res: Die Identitätsspiele 14
a) Der Maskenball 14
b) Das Magische Theater: Der Eintritt kostet den Verstand 15
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Schlussbetrachtungen
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Verwendete Literatur
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Einleitung
„Ich kann und mag natürlich den Lesern nicht vorschreiben, wie sie meine Erzählung zu verstehen haben. Möge jeder aus ihr machen, was ihm entspricht und dienlich ist! Aber es wäre mir doch lieb, wenn viele von ihnen merken würden, dass die Geschichte des Steppenwolfes zwar eine Krankheit und Krisis darstellt, aber nicht eine, die zum Tode führt, nicht einen Untergang, sondern das Gegenteil: eine Heilung.“ 1
In dieser Arbeit soll der Steppenwolf von Hermann Hesse auf den Hintergrund „Psychologie“ bezogen werden. Dabei stellt der Individuationsprozess das Hauptmotiv dar, wofür das System und die Symbolwelt Carl Gustav Jungs als übergeordnetes Referenzobjekt gelten. Aufgezeigt wird hier die Identitätsproblematik des Protagonisten Harry Haller, der unter der Spaltung zweier polarisierender Teilidentitäten leidet und nur jeweils in diesen Extrema leben kann. Aus diesen Umständen heraus verzweifelt und resigniert, stagniert er in seiner Persönlichkeitsentwicklung. Erst als Haller auf seine Seelenbilder, ausgedrückt durch Hermine, Maria und Pablo, trifft, scheint eine weitere Entfaltung möglich. Als Bestandteil Hallers Psyche stehen sie nämlich jeweils für einen ungenügenden Teil seiner Persönlichkeit und stellen deshalb eine Ressource zur Heilung dar, die Haller nutzen kann, indem er seine ihn konstituierenden Figuren in sein Selbst integriert. Dies bedeutet für Haller im Konkreten, die verdrängten Anteile seines Wesens anzunehmen und in sein Ich, sein Bewusstsein, einzufügen, wofür er den Maskenball und das Magische Theater besuchen muss. Die scheinbar unabhängig voneinander handelnden Teilidentitäten bedingen sich dabei gegenseitig und erst in ihrer Verschmelzung kann die Gesamtperson Haller, ausgesöhnt mit seinen polarisierenden Teilidentitäten, „werden“.
Auf welche Weise sich nun bei Haller diese Entwicklung im Einzelnen vollzieht und ob man sie schlussendlich als gelungen bezeichnen kann, dies soll im Folgenden geklärt werden. Dafür wird zunächst in Jungs Begrifflichkeit eingeführt und davon ausgehend Hallers Ausgangskonflikt analysiert. Im Hauptteil der Arbeit soll das Eigentliche, nämlich der Individuationsprozess, das heißt die Handlungsschritte und -träger, die Haller für sein Fortkommen benötigt, skizziert werden. Abschließend sollen diese Punkte diskutiert und der Frage unterworfen werden, ob man diesen Prozess nun „erfolgreich“ durchgegangen nennen darf.
1 Michels, Volker (Hg.): Materialien zu Hermann Hesses „Der Steppenwolf“, Frankfurt a. M. 1975, S.160.
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Hauptteil
I. Theoretischer Teil: Der Individuationsprozess nach C.G. Jung
„Individuation bedeutet: zum Einzelwesen werden, und, insofern wir unter Individualität unsere innerste, letzte und unvergleichbare Einzigartigkeit verstehen, zum eigenen Selbst werden. Man könnte „Individuation“ darum auch als „Verselbstung“ oder als „Selbstverwirklichung“ übersetzen.“ 2
Unter dem Prozess der Individuation versteht man die Entfaltung eigener Fähigkeiten, Anlagen und Möglichkeiten, er stellt also einen Differenzierungsprozess des Selbst dar. Ziel ist die schrittweise Bewusstwerdung, um sich dadurch als etwas Einzigartiges wahrnehmen und verwirklichen zu können, wobei eine Abrundung zu einer Ganzheit von Persönlichkeit erstrebt wird, das heißt Bewusstes und Unbewusstes sollen in ausgewogenem Verhältnis stehen. Ziel bedeutet hier jedoch nicht „Schlusspunkt“, sondern im philosophischen Sinne vielleicht ein Endzweck, denn nach Jung bleibt dieser Prozess unvollendbar, bis das Lebensende eine Grenze setzt. 3
Der Individuationsprozess besteht also darin, unbewusste Abläufe bewusst zu machen, und zwar indem das Individuum verschiedene Instanzen, die sogenannten Archetypen, die die Bewusstwerdung verdunkeln und erschweren, bewältigt. Der erste Archetyp beziehungsweise die erste Instanz wird als Schatten bezeichnet und gehört zum persönlichen Unbewussten, der Totalität persönlicher und kollektiv- unbewusster Dispositionen. Diese sind im Einzelnen psychische Inhalte, Schatten, die verdrängt und vom Ich nicht zugelassenen und integriert wurden, weil sie mit der bewussten Lebensform nicht vereinbar sind. So werden beispielsweise eigene minderwertige Eigenschaften und andere Insuffizienzen durch den Schatten personifiziert 4 , die, wenn sie ins Bewusstsein treten, als dunkel und negativ wahrgenommen werden, jedoch gleichzeitig eine enorme Ressource der „Selbsterfahrung“ darstellen. Deshalb ist die Realisation, das meint das Annehmen des Schattens, von zentraler Bedeutung. 5
2 Jung, Carl Gustav: Die Beziehungen zwischen dem Ich und dem Unbewussten, Zürich 1933, S.91.
3 Jung, C.G.: Die Archetypen und das kollektive Unbewusste. Bewusstsein, Unbewusstes und Individuation, in: Carl Gustav Jung, Gesammelte Werke, Band 9, Freiburg im Breisgau 1976 , S.293ff.
4 Jung, C.G.: Die Archetypen und das kollektive Unbewusste. Bewusstsein, Unbewusstes und Individuation, in: Carl Gustav Jung, Gesammelte Werke, Band 9, Freiburg im Breisgau 1976 , S.302.
5 Jung, C.G.: Die Dynamik des Unbewussten, in: Carl Gustav Jung: Gesammelte Werke, Band 8, Stuttgart 1967, S.238.
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Im Individuationsprozess weiter ins Unbewusste fortschreitend, repräsentieren dann Anima und Animus die gegengeschlechtlichen Eigenschaften in Mann und Frau, die ebenfalls aus verschiedensten Gründen wie der Beeinflussung durch Erziehung oder
Geschlechterstereotypien nicht zugelassen wurden. Sie zeigen sich wie der Schatten in Projektionen auf und an anderen Personen. 6
Tiefer hinabdringend liegt das kollektive Unbewusste, wo die unzähligen Archetypen beheimatet sind, als überpersönliche Bilder und Eigenschaften dem Subjekt jedoch verdeckt, also unbewusst, bleiben. Eben diese sowie all die unbewussten wie auch die bewussten Schichten der Psyche stehen unter der Führung des übergeordneten Selbst, der letzten Instanz des Individuationsprozesses.
„Je mehr der Individuationsprozess voranschreitet, umso mehr wird aber wird diese Selbstinstanz im Menschen wirksam, wodurch schließlich die individuelle Geschlossenheit und Ganzheit, die vollendete Individuation (…) zustande kommt.“ 7
Eine absolute Bewusstheit des Selbst ist jedoch nicht möglich, denn aufgrund dessen, dass die menschliche Psyche kein statisches, sondern ein dynamisches Konstrukt ist, wird immer noch unbestimmbar viel Unbewusstes sein. 8 Wichtig aber ist für das Individuum, dass es seine mögliche Entwicklung nicht nur verstehen kann, sondern vor allem durch konkretes Erleben erfährt, denn:
„(…) um es ganz zu verstehen, muss man seine lebendige Wirkung an sich erfahren haben. (…) Es kann als „Seelenheilung“ nur erlebt, oder richtiger gesagt, „erlitten“ werden.“ 9
6 Jung, Carl Gustav: Die Beziehungen zwischen dem Ich und dem Unbewussten, Zürich 1933, S.117ff.
7 Dorsch, Friedrich: Psychologisches Wörterbuch, Hrsg. von C. Becker- Carus u.a., Wien 1976, S.271.
8 Jung, Carl Gustav: Die Beziehungen zwischen dem Ich und dem Unbewussten, Zürich, 1933, S.98.
9 Jacobi, Jolande: Die Psychologie con C.G. Jung. Eine Einführung in das Gesamtwerk, Olten 1982, S.65.
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II. Die Ausgangssituation Harry Hallers
1. Hallers Identitätsproblematik in den Erzählperspektiven
Der Konflikt des Harry Haller wird nicht nur inhaltlich aufgezeigt, sondern zudem in der formalen Konzeption des Steppenwolf. Die dreifach gebrochene Erzählperspektive, welche jedoch nicht als drei unabhängig voneinander existierende Teilabschnitte zu verstehen ist, versucht aus drei unterschiedlichen Perspektiven die Zentralgestalt Harry Haller zu erfassen. Analog dazu unterscheidet Hesse leitmotivisch drei grundlegende Menschentypen, die der Bürger, der sogenannten Steppenwölfe und der Unsterblichen -die Haller konstituierende Figuren.
a) Vorwort des Herausgebers
Als sogenannter Augenzeuge von Hallers Leiden beschreibt der Herausgeber dessen Art zu leben aus seiner bürgerlich konservativen Sicht. Gleich zu Beginn führt er Haller als Außenseiter, als „Steppenwolf“ 10 ein, sein großer Konflikt, und als weitere wichtige Funktion ins zwiespältige Verhältnis Hallers zum Bürgertum. Der Gast „lebte still und für sich“ 11 , war „ungesellig“ 12 und scheint aus einer ihm unbekannten Welt zu kommen. Weiter nimmt der Herausgeber Hallers Hadern mit sich selbst, seine Verzweiflung aus der Unzugänglichkeit und Zurückgezogenheit heraus wahr und stellt schließlich fest, dass deren Ursache nicht nur Enttäuschung vom Leben, sondern vielmehr er selbst ist. Seine Leidensfähigkeit, die an sich positiv besetzt eine Fähigkeit ist und Ressource sein kann, wird für ihn zu einer enormen Belastung, da unbegrenzt und unkontrollierbar. 13
Als der Herausgeber unbemerkt in Hallers Stube tritt, handelt er entgegen seiner Bürgerlichkeit und weist so auch Steppenwölfisches auf. Über der „Schwelle“ 14 entdeckt er eine Wohnung, in der verstreut Bücher, Weinflaschen und Zigarettenkippen herumliegen, Zeugnisse Hallers Drang, Grenzen zu erfahren. Eine erste Verbindung zweier oberflächlich betrachtet konträrer Welten, Pole.
b) Harry Hallers Aufzeichnungen
„Harry Hallers Aufzeichnungen“ kann als Eigenanalyse verstanden werden, für welche eine monologisch reflexive Erzählweise benutzt wird.
10 Hesse, Hermann: Der Steppenwolf, Frankfurt a. M. 1997, S.9.
11 Hesse, Hermann: Der Steppenwolf, Frankfurt a. M. 1997, S.9.
12 Hesse, Hermann: Der Steppenwolf, Frankfurt a. M. 1997, S.9.
13 Hesse, Hermann: Der Steppenwolf, Frankfurt a. M. 1997, S.17.
14 Hesse, Hermann: Der Steppenwolf, Frankfurt a. M. 1997, S.34.
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Arbeit zitieren:
Marie-Luise Leise, 2009, Hermann Hesse: Der Steppenwolf , München, GRIN Verlag GmbH
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