Gliederung
1 Einleitung 2
2 Hauptteil
2.1 Der Ursprung der Sprache nach Rousseau
2.1.1 Das Verhältnis des Discours sur l’inégalité zum Essai sur l’origine 3
des langues
2.1.2 Der sprachtheoretische Exkurs des Discours als Kritik an Condillac 4
2.1.3 Die Sprachursprungstheorie des Discours 5
2.1.4 Die Begründung des affektiven Sprachursprungs im Essai sur 7
l ’origine des langues
2.1.5 Rousseaus Klimatheorie: südliche versus nördliche Sprachen 8
2.2 Der Ursprung der Sprache nach Herder
2.2.1 Herders Reaktion auf die Sprachursprungshypothesen seiner Zeit 9
2.2.2 Der Begriff der „Besonnenheit“ und seine Begründung durch 10
die Theorie der „Sphären“
2.2.3 Die Urszene der Sprachentstehung 11
2.2.4 Das Ohr als „erster Lehrmeister der Sprache“ 11
3 Schluss 12
4 Bibliograpie 14
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1 Einleitung
Eine Fragestellung, die im Zeitalter der Aufklärung mit äußerst großem Eifer diskutiert wurde, ist die nach dem Ursprung der Sprache. Vor allem in Frankreich entwickelte sich im Laufe des 18. Jahrhunderts eine lebhafte Debatte über die Entstehung der menschlichen Lautsprache. Neben Philosophen wie Maupertuis, Turgot oder Perrin diskutierten auch die Enzyklopädisten Diderot, Du Marsais und Beauzée den Sprachursprung, was das allgemeine Interesse der Philosophen an dieser Thematik belegt. Da die Lautsprache als differencia specifica des Menschen gegenüber dem Tier betrachtet werden kann, führt das Nachdenken über deren Ursprung natürlich unweigerlich zur Diskussion über das Wesen des Menschen, über seine stammesgeschichtliche Entwicklung sowie über die Abgrenzung des Menschen vom Tier. Georgia Veldre stellt somit berechtigterweise fest, dass die Thematik des Sprachursprungs „in engem Zusammenhang mit anthropologischen und
naturgeschichtlichen Fragestellungen“ 1 steht, weshalb sie auch eng mit Fragen der Weltanschauung bzw. Religion verflochten ist und eine gewisse Sprengkraft in sich birgt. Auf der einen Seite propagierten Philosophen, die sich strikt an der biblischen Glaubenslehre orientierten, den göttlichen Ursprung der Sprache, welcher zumeist „die strikte Grenzziehung zwischen Mensch und Tier wie auch das Bild der nach dem Schöpfungsakt konstant bleibenden Lebewesen“ (Veldre 1997: S. 125) einschloss. Anhänger dieses göttlichen Ursprungs, wie z.B. Beauzée oder der deutsche Philosoph Süßmilch, gingen außerdem davon aus, dass der Mensch bereits als vernunftbegabtes Wesen mit voller Denkfähigkeit erschaffen wurde, was eine göttliche Eingabe der Sprache erst ermöglichte. Auf der anderen Seite begannen Philosophen, die Trennlinie zwischen Tier und Mensch anzutasten und sich mit einer möglichen Entwicklung des Menschen aus einem wie auch immer gearteten Naturzustand zu beschäftigen. Seit Condillac, dem Begründer des Sensualismus in Frankreich, gewannen außerdem Hypothesen an Bedeutung, die davon ausgingen, dass Sprache und Denken eng miteinander verknüpft sind und sich deshalb nur gemeinsam entwickeln konnten. Es
1 Veldre, Georgia (1997): „Rousseau und die Preisfrage der Berliner Akademie zum Sprachursprung im Jahre 1769“. In: Hassler, G./ Storost, J. (Hrsg.) (1997): Kontinuität und Innovation: Festschrift für Werner Bahner zum 70. Geburtstag. Münster: Nodus. S.125.
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waren jedoch nicht ausschließlich sensualistische Sprachursprungstheorien, die sich mit der Möglichkeit einer menschlichen Sprachschöpfung befassten. Einer der bekanntesten und einflussreichsten französischen Sprachdenker des 18. Jahrhunderts war neben Condillac Jean-Jacques Rousseau, dem Droixhe und Hassler eine „sensualistisch-anthropologische Sicht der gemeinsamen Entwicklung von
Gesellschaft, Sprache und Denken“ 2 attestieren. Rousseau beschäftigt sich in zwei seiner Werke mit der Sprachursprungsthematik. Zum einen streift er diese in seinem Discours sur l’origine et les fondements de l’inégalité parmi les hommes (1755), zum anderen behandelt er sie eingehend in seinem Essai sur l’origine des langues, welcher mit dem Untertitel où il est parlé de la mélodie et de l’imitation musicale erst posthum (1781) veröffentlicht wurde. Der wohl bedeutendste Sprachtheoretiker auf deutscher Seite war zu dieser Zeit Johann Gottfried Herder, dessen Abhandlung über den
Ursprung der Sprache (1772) für Aufsehen sorgte und als „Kulminationspunkt“ 3 der Literatur zu dieser Thematik eingestuft werden kann. Auf den folgenden Seiten sollen sowohl die oben genannten Schriften Rousseaus als auch die Abhandlung Herders genauer unter die Lupe genommen werden.
2 Hauptteil
2.1 Der Ursprung der Sprache nach Rousseau
2.1.1 Das Verhältnis des Discours sur l’inégalité zum Essai sur l’origine des langues Über das Verhältnis von Rousseaus Discours sur l’inégalité zum Essai sur l’origine des langues bezüglich der darin enthaltenen Theorien zum Ursprung der Sprache besteht innerhalb der Sekundärliteratur nur wenig Einigkeit. Während manche Rousseau-Philologen auf Unstimmigkeiten, ja sogar auf Widersprüche zwischen den Theorien im Discours und im Essai aufmerksam machen, sind andere Wissenschaftler durchaus von der Vereinbarkeit der beiden Werke überzeugt. Markus Edler beispielsweise überschreibt seinen Vergleich der beiden Werke mit „Wie Feuer und Wasser. Die
2 Droixhe, D./ G. Hassler (1989): „Aspekte der Sprachursprungsproblematik in Frankreich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts“. In: Gessinger, J./ von Rahden, W. (Hrsg.) (1989): Theorien vom Ursprung der Sprache. Bd. 1. Berlin; New York: de Gruyter. S. 312.
3 Stetter Christian (1989): „Johann Gottfried Herder: Abhandlung über den Ursprung der Sprache“. In: Siepmann, H./ Hausmann, F.-R. (Hrsg.) (1989): Von Augustinus bis Heinrich Mann: Ringvorlesung der Philosophischen Fakultät der RWTH Aachen im WS 1987/88. Bonn: Romanistischer Verlag. S. 207.
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Sprachgeschichte im Discours und im Essai“ 4 , während Raymund Wilhelm die rhetorische Ausrichtung bzw. narrative Struktur der Texte betont, zwischen der „Formulierung“ und dem „Gehalt“, also der tatsächlichen „argumentative[n] Absicht“ der Texte unterscheidet und somit behauptet, eine „Einheit“ bzw. „Systematizität“ in
Rousseaus Sprachdenken erkennen zu können. 5 Was jedoch unstrittig ist, ist die Tatsache, dass sich Rousseau im Discours primär - was bereits aus dem Titel hervorgeht - der Entstehung von Ungleichheit bzw. dem Ursprung von Gesellschaft als solcher widmet. Der Sprachursprung spielt dabei also nur eine untergeordnete Rolle und dient vor allem der kritischen Auseinandersetzung mit der sensualistischen Ursprungshypothese, die Condillac in seinem Essai sur l’origine des connaissances humaines postuliert. Während Rousseau im Discours somit vor allem die Schwierigkeiten der Entstehung von Sprache erläutert, die Schwachpunkte der Hypothese Condillacs aufzeigt und folglich eine „’negative’ Version der Sprachursprungshypothese“ liefert, zieht er im Essai eine „’positive’ Darstellung“ (Wilhelm 2001: S. 67) vor, was bedeutet, dass er darin eine eigene Theorie zum Sprachursprung konstruiert.
2.1.2 Der sprachtheoretische Exkurs des Discours als Kritik an Condillac
Obwohl Rousseau prinzipiell der sensualistischen Sprachursprungshypothese des Essai sur l’origine des connaissances humaines folgt, ist er dennoch der Meinung, dass Condillac einige wesentliche Problemstellungen der Sprachentstehung vernachlässigt. In seinem Essai geht Condillac von zwei sprachlosen Menschenkindern in einer Wüste aus, die allmählich lernen, die cris de passion (das Geschrei der Empfindungen) mit den ihnen entsprechenden perceptions (Schmerz, Freude usw.) zu verknüpfen, was dazu führt, dass diese Schreie der Empfindung zu Zeichen für einen anderen werden (vgl. Wilhelm 2001: S. 74). Genau hier setzt jedoch Rousseaus erster Kritikpunkt an, denn für ihn ist der „homme naturel“, der Mensch im Naturzustand, kein gesellschaftliches Wesen, sondern ein stummes, sich selbst genügendes Wesen, das keinerlei Drang zur Gesellschaftsbildung verspürt (vgl. Edler 2001: S. 230). Während Condillac in seiner
4 Edler, Markus (2001): Der spektakuläre Sprachursprung: zur hermeneutischen Archäologie der Sprache bei Vico, Condillac und Rousseau. München: Fink. S. 255.
5 Wilhelm, Raymund (2001): Die Sprache der Affekte: Jean-Jacques Rousseau und das Sprachdenken des « siècle des lumières ». Tübingen: Narr. S. 63-65.
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Arbeit zitieren:
Michael Brendel, 2008, Sprachursprungstheorien im 18. Jahrhundert: Rousseau und Herder, München, GRIN Verlag GmbH
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