Inhaltsverzeichnis
Einleitung 1
1 Marcuse und die kritische Theorie 1
2 Marcuses Toleranzkonzeption 4
Freunds Psychoanalyse 3 8
3.1 Marcuses Freudrezeption 10
3.2 Fromms alternative Freudrezeption 12
4 Zum Zusammenhang zwischen Marcuses Freud- 13
rezeption und Toleranzkonzeption
4.1 Diskussion 15
5 Literatur 19
Einleitung
Ziel dieser Arbeit ist es, den Einfluss von Herbert Marcuses Freudrezeption auf seine Toleranzkonzeption herauszuarbeiten. In einem ersten Teil wird kurz die Geschichte und Zielsetzung der Frankfurter Schule erläutert und Marcuses Stellung darin beleuchtet. Der zweite Teil beschäftigt sich mit Marcuses Toleranzkonzeption. Dabei steht Marcuses Aufsatz Repressive Toleranz im Zentrum. Anschliessend wird gezeigt, in wie fern Marcuses Vorstellung von Toleranz von dessen Freudrezeption abhängt. Schliesslich soll gezeigt werden, ob und wie weit Marcuses Toleranzkonzeption durch eine von ihm abweichende Freudrezeption verändert werden kann. Hierzu wird die Freudrezeption Erich Fromms der von Marcuse gegenübergestellt.
1 Marcuse und die kritische Theorie
Die Bezeichnung „Kritische Theorie“ geht auf den Titel des von Max Horkheimer 1937 verfassten Aufsatzes „Traditionelle und kritische Theorie“ zurück. Max Horkheimer war seit 1923 Direktor des Instituts für Sozialforschung an der Universität Frankfurt auf welche der Name „Frankfurter Schule“ zurückgeht. Mitarbeiter am Institut waren in den 30er Jahren Theodor Adorno, Herbert Marcuse, Erich Fromm, Leo Löwenthal und Friedrich Pollock. 1933 musste das Institut unter dem Druck des Nationalsozialismus über Genf nach Paris und sodann in die Vereinigten Staaten an die Columbia University in New York emigrieren. 1938 verliess Erich Fromm das Institut aufgrund wachsender Differenzen mit Marcuse, Adorno und Horkheimer. Vor dem Hintergrund des Nationalsozialismus einerseits und des Scheiterns der Revolution der Arbeiterbewegung nach dem 1. Weltkrieg andererseits sah es das Institut als seine Aufgabe, die traditionelle marxistische Theorie kritisch zu prüfen und deren Tragfähigkeit und Reichweite zu untersuchen. Die Mitglieder des Instituts waren bemüht, auf der Basis marxistischen Gedankengutes, die sozialen Verhältnisse, welche zum Phänomen Nationalsozialismus hatten führen können zu untersuchen und gewissermassen die marxistische Theorie selbst an die veränderten gesellschaftlichen Bedingungen anzupassen. Dies sollte unter Einbezug zeitgenössischer Disziplinen wie der Sozialwissenschaft oder der Psychoanalyse geschehen, was in einer interdisziplinären Forschungsorganisation mündete. Der
1
Philosophie kam dabei die Rolle des integrativen Mediums zwischen den beteiligten Einzelwissenschaften zu. Das Institut bezog eine kritische Position zwischen den zwei bestehenden Ordnungssystemen Kapitalismus und Marxismus. Die Schaffung dieses gedanklichen Spielraums wird als einer der positiven Beiträge der kritischen Theorie überhaupt bewertet. 1
Ziel der Frankfurter Schule war es, eine historische Theorie der Epoche auf der Grundlage des historischen Materialismus Marx’ und der Psychoanalyse Freuds zu formulieren. 2 Vor allem Marx’ frühe Werke „Grundrisse“ und „Ökonomische und philosophische Manuskripte von 1844“, welche in den 30er Jahren erstmals veröffentlicht wurden, fanden grosses Interesse. 3 Die kritische Theorie sollte nicht nur mehr ökonomische Verhältnisse untersuchen, sondern die gesellschaftliche Totalität. Ihre Vertreter waren bestrebt, eine Alternative zum kapitalistischen System zu formulieren und deren Grundlagen zu erforschen. 4 Man war sich einig, dass ein sozialer Wandel den Wandel der Natur des Menschen bedingen müsste. 5 Daraus ergab sich das Interesse in die Psychoanalyse Freuds. Insbesondere war man bestrebt herauszufinden, wie das „Wesen“ des Menschen durch ökonomische Verhältnisse derart bestimmt werden konnte, dass Klassenkonflikte und somit die Kraft des revolutionären Subjektes (bei Marx noch das Proletariat) neutralisiert werden konnten. 6 Auch Herbert Marcuse interessierte sich für die Möglichkeit des Herbeiführens eines „neuen“ Bewusstseins, einer „neuen“ Gesellschaft. Sein Hauptinteresse blieb jedoch die Kritik der liberalkapitalistischen Gesellschaft. Die während des Exils des Instituts in den USA entstandenen Werke "Dialektik der Aufklärung" von Horkheimer und Adorno sowie die "Minima Moralia" Adornos bedeuteten eine Akzentverlagerung von der Kritik am Kapitalismus hin zu einer Kritik der westlichen Zivilisation als Ganzes. In den 50er und 60er Jahren, so deren pessimistische Überzeugung, wurde das ehemalige revolutionäre Subjekt, die Arbeiterklasse, unter der fortschreitenden Industrialisierung und den Bedingungen des Kalten Krieges, zunehmend in das liberalkapitalistische System integriert. Alle Bereiche des menschlichen
1 Marcuse (1996): 140f.
2 Bierhoff (1993): 27
3 Burston (1991): 210
4 Marcuse (1996): 138
5 Martineau (1986): 35
6 Bierhoff (1993): 18f.
2
Lebens, selbst die Bedürfnisse der Menschen, schienen mehr und mehr vom Kapitalismus vereinnahmt zu werden. 7 Horkheimer und Adorno, welche anfangs der 50er Jahre wieder nach Frankfurt rückkehrten, sahen die kritische Theorie immer mehr als blossen Protest, unfähig in der Praxis einen wirklichen Wandel zu erzeugen, während der zusammen mit Marcuse in den USA verbliebene Erich Fromm sich seinen anfänglichen Optimismus bewahrte. 8 Dieser Optimismus begründete sich zu einem Teil in Fromms Erfahrungen aus seiner klinisch-psychoanalytischen Praxis als auch in seiner Freudinterpretation, welche von den übrigen Institutsmitgliedern als radikale Revision Freuds zurückgewiesen wurde.
In dieser Zeit erschienen Herbert Marcuses zwei Werke „Triebstruktur und Gesellschaft“ 1955 und „Der eindimensionale Mensch“ 1964, welche zu Standardwerken der 68er Studentenbewegung wurden. Marcuse beschrieb die Situation der fortgeschrittenen Industriegesellschaft pessimistisch als eine repressive Gesellschaft, in welcher es keine kritische Reflektion sondern nur noch eindimensionales, positivistisches Denken gäbe. Die von Marcuse beschriebene Eindimensionalität meint die zunehmende Assimilierung einer persönlichen Dimension durch den Kapitalismus, die es den Individuen erlaubt, eine zweite soziale Dimension zu hinterfragen. Der Verlust jeglichen negativen Denkens führe dazu, dass jede Reform letztendlich systemerhaltend wirke. 9 Marcuse sah in der Deformation der Triebstruktur des Menschen einerseits die Grundlage der zunehmend repressiven Vergesellschaftung aber auch das Potential der Rebellion, der „grossen Weigerung“ wie er es nannte. Seiner Meinung nach war Freud der Schlüssel zur Erkenntnis, dass sich der Kapitalismus über die Introjektion seiner Bedürfnisse und deren Befriedigungsmöglichkeiten durch die Individuen, welche den Kapitalismus zu ihrem eigenen Bedürfnis machten, selber reproduziert. 10 Die Weigerung bestünde in der individuellen Wahl, Bedürfnisse als konstruiert und damit falsch zu erkennen und sie abzulehnen, was sich angesichts deren tiefen Einbettung in die Persönlichkeitsstruktur der Individuen im Spätkapitalismus als annähernd unmöglich erweise. Es ergibt sich
7 Dazu Marcuse: „Wir waren der Meinung, dass es in dieser Entwicklungsphase nicht eine einzige gesellschaftliche Dimension, ob
materiell oder geistig, gab, die nicht unter den Einfluss der herrschenden Klasse und ihrer politischen und kulturellen Strategien
stand.“ Marcuse (1996): 124
8 Burston (1991): 210f
9 Martineau (1986): 112
10 Marcuse (1996): 127. „Introjektion“ bedeutet eine Reihe spontaner Prozesse in welchen ein Selbst (Ego) „Äusseres“ in „Inneres“
verwandelt.
3
daraus folgender Teufelskreis: damit sich überhaupt das Bedürfnis nach Revolution, einer Alternative zum und einer Verbesserung vom bestehenden herausbilden kann, müssten die Mechanismen, welche die alten Bedürfnisse reproduzieren abgeschafft werden. Damit wiederum diese Mechanismen abgeschafft werden können, müsste zuerst ein Bedürfnis entstehen, diese abzuschaffen. 11
Insgesamt verwarf Marcuse die Idee der bestehenden Demokratie, er glaubte gleichzeitig an eine ideale, herrschaftslose Form der Demokratie und um diese zu verwirklichen, rief er letztendlich zur Gewalt auf, resp. sah diese als gerechtfertigt, wenn sie der letztendlichen Befreiung der Menschen dient. 12
2 Marcuses Toleranzkonzeption
Um Marcuses Toleranzkonzeption zu verstehen, muss zuerst dargelegt werden, wie er die gegenwärtige Situation einschätzte. In „Der eindimensionale Mensch“ versuchte Marcuse zu zeigen, dass der Positivismus im Spätkapitalismus selbst zur Ideologie ge-worden war. Die dem Kapitalismus zugrundeliegende Entfremdung 13 werde als natürlich, als gegeben wahrgenommen. Der Positivismus dient, da er keinen anderen als den Erfahrungswert zulässt, der Verfälschung der Wirklichkeit. Damit der Kapitalismus fortbestehen kann muss ein kontinuierlicher Kreis zwischen Produktion und Konsum bestehen, denn ohne endlosen Konsum würde der Produktionsprozess stagnieren. Um die zunehmende Entfremdung abfedern zu können, braucht es immer mehr soziale Kontrolle. Nach Ansicht Marcuses hat dies in der fortgeschrittenen Industriegesellschaft nur durch Internalisierung der Entfremdung erreicht werden können. Marcuse beschrieb diesen Mechanismus als „Introjektion“ 14 . Die Herrschaft über die Individuen wurzle nun in der instinktiven Struktur der Individuen. 15 Der fortgeschrittene Kapitalismus muss, um fortbestehen zu können, die Entfremdung in die Tiefen der Persönlichkeit und der Instinkte der Individuen senden. Um endlosen Konsum zu garantieren, muss die aus
11 Martineau (1986): 35
12 Martineau (1986): 36
13 „Entfremdung“ im Sinne Marx’ bedeutet, dass der Arbeiter, der seine Arbeitskraft verkauft, nicht für sich selbst produziert und
aufgrund der Arbeitsteilung nur ein Glied in der Produktionskette ist. Das Arbeitsprodukt wird ihm entfremdet, und so entfremdet
er sich auch von seinen Mitmenschen.
14 Marcuse (1964): 9f.
15 Agger (1988): 315
4
Arbeit zitieren:
Elena Holzheu, 2004, Toleranz und Pluralismus: Zum Einfluss von Herbert Marcuses Freudrezeption auf dessen Toleranzkonzeption, München, GRIN Verlag GmbH
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