Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Die Physiker - Zusammenfassung 3
3. Entstehung des Werkes 4
4. Gesellschaftskritik 6
5. Schauplatz 7
6. Personen 9
6.1. Fräulein Dr. h c. Dr. med. Mathilde von Zahnd 9
6.2. Möbius 12
6.3. Newton 14
6.4. Einstein 15
6.5. Familie Rose 16
6.6. Inspektor Richard Voß 18
7. Zusammenfassung 19
Literaturverzeichnis 20
Primärliteratur 20
Sekundärliteratur 20
2
1. Einleitung
„Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.“ 1 Das ist die Quintessenz des Werkes ‚Die Physiker’ von Friedrich Dürrenmatt. In dem Stück spielt Dürrenmatt mit dem Genre Komödie, um den Zuschauer zu provozieren und zum Nachdenken anzuregen. Nachzudenken über die komplexen Wechselbeziehungen von Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft. Was genau in der Entstehungszeit des Werks Ende der fünfziger, Anfang der sechziger passierte, werde ich nach einer kurzen Zusammenfassung des Werkes (Kapitel 2) in Kapitel 3 darlegen. Danach soll die Gesellschaftskritik, welche in diesem Stück geübt wird, näher herausgearbeitet werden (Kapitel 4). Des weiteren werde ich noch auf den Schauplatz (Kapitel 5) eingehen, bevor die einzelnen Figuren betrachtet werden (Kapitel 6). Dürrenmatt gestaltet keine Charakter, sondern modellhafte Figuren, Typen, die bestimmte Verhaltensweisen verdeutlichen sollen, die auch in unserer Gesellschaft auftreten. Näher betrachtet werden sollen dabei, die Ärztin, welche die Wissenschaft für Macht und Herrschaft ausnutzt, sowie die Physiker, die blinde Werkzeuge des Willens zur Macht sind, „vertauschbare Faktoren in einer Rechnung, die nicht aufgehen kann“. 2 Möbius scheint dabei der einzig Verantwortungsbewusste zu sein, Newton sieht die Wissenschaft als wertneutralen Bereich und für Einstein ist es eine Frage der Ideologie. Er sieht die Wissenschaft als Instrument politischer Macht. Als weitere Beispiele dieser modellhaften Typen sollen die Familie Rose, als Vertreter des Bürgertums, und Inspektor Voß, als Vertreter der staatlichen Ordnung, betrachtet werden. Im Kapitel 7 soll dann die Kritik an der Gesellschaft im Allgemeinen und Kritik durch die repräsentativen Rollen noch einmal zusammengefasst werden.
2. Die Physiker - Zusammenfassung
Im Zentrum Dürrenmatts Komödie ‚Die Physiker’ steht das private Sanatorium ‚Les Cerisiers’ in einem nicht näher bestimmten Ort in der Schweiz. Geleitet wird das Institut von der berühmten Ärztin Mathilde von Zahnd. Patienten sind drei Physiker: Johann Wilhelm Möbius, dem der König Salomo erscheint, Ernst Heinrich Ernesti, der behauptet Albert Einstein zu sein und Herbert Georg Beutler, der sich für Sir Isaac Newton hält. Jeder der Physiker hat eine Krankenschwester getötet. Es stellt sich heraus, dass diese Morde geschahen
1 Dürrenmatt, Friedrich. Die Physiker. Komödie. Zürich: Diogenes Verlag. 1998. Im folgenden werden die Quellenangaben aus diesem Werk in Form von Seitenzahlen in Klammern erfolgen.
2 Charbon, Rémy. Die Naturwissenschaft im modernen deutschen Drama. Zürich und München: Artemis Verlag.
1974. S. 185-186.
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um das jeweilige Geheimnis der Patienten zu wahren, welches durch das Bemühen der Schwestern zeitweise bedroht wurde. Keiner der drei Physiker ist wirklich verrückt, sondern mit unterschiedlichen Absichten in die Heilanstalt gekommen. Möbius hat die revolutionäre Weltformel entdeckt, die in den falschen Händen zur Vernichtung der gesamten Welt führen könnte. Durch das Spielen des Verrückten will er sich selbst unglaubwürdig machen und somit den Missbrauch seiner Entdeckung verhindern. Newton und Einstein hingegen sind Spione, die hinter Möbius’ Arbeiten her sind und sein Genie für die Zwecke ihrer Auftraggeber nutzen wollen.
Das darauffolgende Gespräch zwischen den Physikern über die Möglichkeit des wissenschaftlichen Forschens in der heutigen Welt ist der gedankliche Höhepunkt des Stücks. Möbius versucht nun, die anderen zunächst mit Gründen der Vernunft von der Notwendigkeit des Verbleibens in der Irrenanstalt zu überzeugen:
MÖBIUS [...]Unsere Wissenschaft ist schrecklich geworden, unsere Forschung gefährlich, unsere Erkenntnisse tödlich. Es gibt für uns Physiker nur noch die Kapitulation vor der Wirklichkeit. [...] (74)
Letztendlich kann er sie mit dem Argument überzeugen ihre Gefangenschaft als Sühne für die begangenen Morde anzusehen und einen Beitrag zur Rettung der Menschheit zu leisten. Somit scheint das Stück zunächst positiv auszugehen: Die Helden opfern sich und die gestörte Weltordnung scheint wiederhergestellt.
Doch Mathilde von Zahnd, die einzige wahre Irre, hat sämtliche Aufzeichnungen Möbius’ bereits kopiert und will nun die Weltherrschaft an sich reißen: FRL. DOKTOR […] Mein Trust wird herrschen, die Länder, die Kontinente erobern, das Sonnensystem ausbeuten, nach dem Andromedanebel fahren. Die Rechnung ist aufgegangen. Nicht zu Gunsten der Welt, aber zu Gunsten einer alten, buckligen Jungfrau. (85) Resigniert nehmen die Physiker ihre alten Masken als Verrückte wieder auf und bleiben im Irrenhaus.
Formal ist festzuhalten, dass ‚Die Physiker’ sich in zwei Akte gliedern. Dem Stück nachgestellt sind die ‚21 Punkte zu den Physikern’. Diese Punkte erweisen sich bei näherer Betrachtung als Lesehilfen und zusätzliche Deutungsschlüssel des Stückes.
3. Entstehung des Werkes
Das Werk ‚Die Physiker’, 1962 erschienen, fällt in eine Zeit in der Physik und Mathematik als Leitwissenschaften galten. Außerdem fällt es in eine weltpolitische Lage, die einen offenen Konflikt zwischen den Supermächten befürchten lässt:
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„Im Mai 1960 wird ein amerikanisches Aufklärungsflugzeug bei Swerdlowsk von den Sowjets abgeschossen: damit ist die Tatsache von Aufklärungsflügen der USA über sowjetischem Gebiet offenbar; und die Sowjetunion sieht einmal mehr ihre Ansicht bestätigt, wonach der Westen einen Angriff plant. Am 13. August 1961 wird in Berlin die Mauer gebaut, und der damalige Regierende Bürgermeister fordert die USA schriftlich auf, die Mauer gewaltsam zu beseitigen. Im November 1961 stürzt im mittleren Westen der USA ein amerikanischer Atombomber ab, bei dem fünf der sechs Sicherungen versagen: eine Atomkatastrophe erscheint täglich möglich.“ 3
Die Erinnerung an Hiroshima und Nagasaki, wo die Amerikaner im Zweiten Weltkrieg 1945 zum ersten mal Atomwaffen gegen Japan einsetzten, steckte noch in den Köpfen der Menschen. Außerdem brachten die „späten fünfziger und beginnenden sechziger Jahre [...] eine weitere Zuspitzung der Politik des ‚Kalten Krieges’“ 4 , die Auseinandersetzung zwischen dem Ostblock und den Westmächten, die eine globale Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen nicht als unwahrscheinlich erscheinen ließ. 1957 wenden sich 18 deutsche Atomwissenschaftler in der ‚Göttinger Erklärung’ gegen die Verwendung der Atomkraft zu militärischen Zwecken. „In dieser Erklärung wird der Bau taktischer und strategischer Atomwaffen wegen der unabsehbaren Folgen verurteilt, die Wissenschaftler setzen sich aber für die friedliche Verwendung der Atomenergie ein.“ 5 Diese Ereignisse bilden hauptsächlich die zeitgeschichtlichen Einflüsse für das Werk. Dürrenmatt selbst äußert sich in einem Gespräch über den Entstehungsprozess wie folgt: „Ich könnte sagen es gibt zwei Ebenen, auf denen sich die Entstehung eines Stückes abspielt. Die erste Ebene, das ist eigentlich der Umgang mit der Physik, der Umgang mit Physikern, das heißt: mein Interesse, das ich immer für Naturwissenschaft gehabt habe. Ich kenne sehr viele Physiker. Ich kenne ziemlich ihre Probleme, auch die physikalischen Probleme. Ich diskutiere sehr viel mit Physikern. Das ist, ich möchte fast sagen der Untergrund.“ 6 Allgemein sieht Knapp in den fünfziger Jahren eine sichtbare Zunahme Dürrenmatts weltpolitischen Engagements. „Die ‚Theaterprobleme’ vermitteln erstmals eine gesellschaftliche und ansatzweise politische Fundierung seiner Dramaturgie.“ Schon früher entstanden im Auftrag von Walter Lesch, Leiter eines damaligen Züricher Kabaretts, drei Sketsche und ein Chanson. Für Dürrenmatt waren es Gelegenheitsarbeiten, aber für diese Betrachtung sind sie aufschlussreich in Bezug auf die Physiker. In einem der Sketsche (‚Der
3 Knopf, Jan. Friedrich Dürrematt. Reihe: Autorenbücher 3. München: Beck. 1980. S. 101.
4 Knapp, Gerhard P. Friedrich Dürrenmatt - Die Physiker: Grundlage und Gedanken zum Verständnis des Dramas. Frankfurt am Main: Diesterweg. 1985. S. 26.
5 Eisenbeis, Manfred. Lektürehilfen Friedrich Dürrenmatt ‚Die Physiker’. Stuttgart u.a.: Klett-Verlag für Wissen und Bildung. 2001. S. 103.
6 Eisenbeis. 2001. S. 104-105.
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Erfinder’) lässt er einen Professor mit einer Miniaturbombe auftreten. 7 Bedeutender ist die Auseinandersetzung Dürrenmatts mit dem bekannten Buch ‚Heller aus tausend Sonnen’ von Robert Jungk, welche in Form einer Besprechung in ‚Die Weltwoche’ am 7. Dezember 1956 erschien. Darin sind essentielle Gedankengänge der Physiker antizipiert, „insbesondere die Annahme einer nicht mehr vertretbaren Machtballung im Lager der Atomnächte und die Frage nach der Verantwortlichkeit der Wissenschaftler.“ 8
4. Gesellschaftskritik
Das Stück kann als literarische Reaktion auf die beschriebenen dramatischen politischen Ereignisse gesehen werden. Gesellschaftskritik im Allgemeinen, beabsichtigt die Analyse gesellschaftlicher Strukturen, die als problematisch angesehen werden. Dürrenmatt äußert sich dazu wie folgt:
„Ich glaube, es gibt überhaupt keine Werke, die nicht gesellschaftsbezogen sind. Jedes Werk eines Schriftstellers ist in erster Linie das Werk eines bestimmten Menschen. Dieser Mensch ist auf eine bestimmte Weise erzogen worden, lebt in einer bestimmten Kultur, lebt in einer bestimmten Gesellschaft, und insofern ist jedes Werk eines Schriftstellers, sogar die Belletristik, ein Spiegel der Zeit, in welcher der Schriftsteller lebt.“ 9 Seiner Meinung nach, sollte der Schriftsteller zu den Problemen seiner Zeit Stellung nehmen. Dürrenmatt übernimmt die Rolle eines liberalen Zeitkritikers, denn es geht ihm weniger darum eine bestimmte Position einzunehmen oder Probleme zu lösen. Ihm ist es wichtig, „den einzelnen in seinem Verstricktsein in die anonyme, unüberschaubare Welt darzustellen“ 10 . Dem Zuschauer wird am Beispiel des unausweichlichen Scheiterns der Physiker ein Modell seiner eigenen Gefangenschaft vorgeführt. Damit wird den Zuschauer zum Denken angeregt, gar provoziert, „aus seiner Passivität und Lethargie herauszutreten“ 11 und sich mit der Wirklichkeit auseinander zu setzen.
Aber warum ist das Werk in Form einer Komödie? „Hinter Dürrenmatts Konzeption steht die Überzeugung, die Groteske sei die einzige Möglichkeit ein heterogenes Publikum zum Nachdenken zu ‚überlisten’ [...].“ 12 Nachdem der Zuschauer der kriminalistischkomödiantischen Mystifizierung des ersten Teils erlegen ist, tritt „die vom Autor intendierte
7 Knapp. 1985. S. 26.
8 Knapp. 1985. S. 27.
9 Knapp. 1985. S. 38.
10 Eisenbeis. 2001. S. 36.
11 Eisenbeis. 2001. S. 36.
12 Charbon. 1974. S. 182.
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Antje Schoene, 2009, Gesellschaftskritik und repräsentative Rollen in Friedrich Dürrenmatts: Die Physiker, Munich, GRIN Publishing GmbH
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