Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Klärung der Begriffe 4
2.1. Definition und Abgrenzung des Begriffs „Pädosexualität“ 4
2.2. Definition des Begriffs „sexueller Missbrauch“ 5
3. Typologien, Klassifikationen und Modelle
über Pädosexuelle Täter 6
3.1. Klassifikation nach Groth 7
3.2. Erweiterung der Klassifikation nach Simkins et al. 9
3.3. Vier-Faktoren-Modell nach Finkelhor 11
3.4. Das Modell der vier Vorbedingungen nach Finkelhor 17
4. Täterstrategien 22
4.1. Kontaktaufnahme 23
4.2. Auswahl der Opfer 24
4.3. Der Grooming-Prozess 25
5. Fazit 30
6. Literaturverzeichnis S 32
Studienarbeit: Typologien und Strategien pädosexueller Täter (J.D.) 3
1. Einleitung
In der vorliegenden Arbeit setze ich mich mit pädosexuellen Tätern, verschiedenen Typologien, Modellen und Täterstrategien auseinander. Ich habe dieses Thema gewählt, weil ich während meines Praktikums im Jugendamt häufiger auf Fälle stieß, bei denen sexueller Missbrauch große eine Rolle spielte. Mir wurde deutlich, wie wichtig es - gerade für Fachkräfte - ist, über Missbrauchsstrukturen und Strategien der Täter informiert zu sein, um diese zu erkennen, aufdecken zu können und angemessene Schritte einzuleiten.
Ich werde zunächst kurz auf die Begrifflichkeiten eingehen und im Folgenden verschiedene Typologien, Klassifikationen und Modelle über Missbrauchstäter vorstellen. Anschließend werde ich mich mit Täterstrategien auseinandersetzen und die Studienarbeit mit einem kurzen Fazit abschließen. Ich möchte jedoch darauf hinweisen, dass diese Studienarbeit lediglich eine kurze Übersicht zu dem Thema darstellen kann. Es gibt sicherlich noch viele weitere Bereiche und Aspekte, die im Bezug auf sexuellen Missbrauch und die Täter Erwähnung finden müssten. Da dies aber den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, habe ich mich hier auf eine knappe Darstellung der bekannteren Tätertypologien und -strategien beschränkt.
Studienarbeit: Typologien und Strategien pädosexueller Täter (J.D.) 4
2. Klärung der Begriffe
2.1. Definition und Abgrenzung des Begriffs „Pädosexualität“
Wenn es um die Bezeichnung des sexuellen Interesses an vorpubertären Jungen und Mädchen geht, gibt immer wieder Verwirrungen und divergierende Meinungen. Ich habe mich in meiner Auseinandersetzung für den Terminus Pädosexualität entschieden, den Dannecker (1996) und Ohlmes (2005) ebenfalls verwenden, da er das sexuelle Interesse der Täter in den Vordergrund stellt. Ein im allgemeinen Sprachgebrauch sehr häufig verwendeter, aber auch von Tätern bevorzugter Begriff ist der der Pädophilie, der sich von dem im Jahr 1902 durch den Gerichtspsychiater Richard von Kraft-Ebing geprägten Terminus „Paedophilia erotica“ ableitet (vgl. Ohlmes 2005, S. 12). Das Wort pädophil hat seinen Ursprung in der griechischen Sprache und setzt sich aus den Wörtern παῖς („pais“: Kind, Knabe) und φιλία („philia“: Freundschaft, Zuneigung, Liebe) 1 zusammen, meint also eine freundschaftliche Liebe zu Kindern. Pädosexuelle bezeichnen sich selbst daher häufig auch als „Kinderfreunde“.
Ich halte den Begriff pädophil für sehr ungeeignet, weil er eine gegenseitige, freundschaftliche Liebe und Zuneigung suggeriert und das Moment der sexuellen Gewalt, sowie das Bedürfnis des Pädosexuellen nach Macht und Manipulation dabei völlig negiert. Ohlmes schreibt hierzu: „Allerdings ist Sexualität immer von narzistischen Motiven und Handlungsmustern geprägt. Vor allem eigennützige sexuelle Wünsche des Erwachsenen prägen diese Beziehung und nicht etwa, wie es der Begriff ‚Pädophile‘ vermuten lässt, die Liebe zu Kindern“ (Ohlmes 2005, S. 13). Die pädosexuelle Beziehung ist durch ein drastisches Machtungleichgewicht gekennzeichnet. Es gibt hierbei, wie Ohlmes schreibt, „nur einen Partner, der über ein Sexualobjekt verfügt“ (ebd., S. 14).
Nicht-sexuelle Verhaltensweisen des Kindes werden umgedeutet und somit sexualisiert. Die Qualität der Beziehung verändert sich geradezu paradox: das Kind wird zum Objekt sexueller Befriedigung für den Pädosexuellen und es wird „sexuell so ‚behandelt‘ als ob es erwachsen sei“ (Dannecker 2002, zitiert nach Ohlmes 2005, S. 14). In der internationalen Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10) wird ebenfalls der Begriff Pädophilie verwendet. Er bezeichnet hier erwachsene Menschen, die Kinder in
1 Übersetzung aus Gemoll, W.(1991): „Griechisch-deutsches Schul- und Handwörterbuch“
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der Vorpubertät oder einem frühen Stadium der Pubertät als präferierte Sexualpartner ansehen (vgl. ebd., S. 15). Abzugrenzen von der Pädosexualität ist die Päderasterie („Knabenliebe“), die eine „erotisch-sexuelle Verbindung zwischen erwachsenen Männern und Jungen in und nach der Pubertät“ (Arbeitsgemeinschaft Humane Sexualität 2005, S.15) beschreibt, wie sie beispielsweise im antiken Griechenland als Teil des gesellschaftlichen Lebens akzeptiert wurde.
Im Weiteren schließe ich mich der Begriffsdefinition von Ohlmes an: „Als pädosexuell werden im Folgenden erwachsene Menschen bezeichnet, deren primäres sexuelles Interesse Kindern gilt, die nicht den Status eines Ersatzobjektes haben, sondern als eigentliche/r Sexualpartner/in begehrt werden, wobei das primäre sexuelle Interesse sich im Laufe eines Lebens verschieben kann.“ (Ohlmes 2005, S. 15)
2.2. Definition des Begriffs „sexueller Missbrauch“
In Literatur und Forschung werden sehr unterschiedliche Definitionen für sexuellen Missbrauch verwendet. Je nach Enge oder Weite der Definition unterscheiden sich auch die Ergebnisse aus Untersuchungen über das Ausmaß sexueller Gewalt gegen Kinder erheblich. Bange und Deegener weisen daraufhin, dass eine Kombination verschiedener Ansätze nötig ist, um möglichst alle Fälle sexueller Gewalt zu erfassen. Grenzfälle werde es jedoch auch dann immer geben und ein spezielles Verhalten könne so in einem Fall klar ein sexueller Missbrauch sein, in einem anderen jedoch nicht (vgl. Bange/Deegener 1996, S. 104).
Da eine angemessene Erörterung der Definition allerdings den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, verweise ich auf Bange und Deegener (1996), die nach umfassender Auseinandersetzung mit dem Begriff die folgende Definition vorschlagen: „Sexueller Mißbrauch an Kindern ist jede sexuelle Handlung, die an oder vor einem Kind entweder gegen den Willen des Kindes vorgenommen wird oder der das Kind auf-grund körperlicher, psychischer, kognitiver oder sprachlicher Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen kann. Der Täter nutzt seine Macht- und Autoritätsposition aus, um seine eigenen Bedürfnisse auf Kosten des Kindes zu befriedigen.“ (ebd., S. 105) Um die Bandbreite des sexuellen Missbrauchs zu skizzieren, möchte ich hier abschlie- ßend einige Beispiele von Ursula Enders wiedergeben (aus: Enders 2003, S. 31-33):
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• „Herr E. lädt die Jungen aus der Nachbarschaft regelmäßig ein und gibt ihnen
Alkohol zu trinken. Als Gegenwert überredet er die Jungen, ihm Modell für pornographische Aufnahmen zu stehen.“
• „C. (12 Jahre alt) drückt den Kopf eines 7-jährigen Jungen aus der Nachbarschaft an seinen Penis.“
• „Herr B. hat seine Freunde zum Doppelkopf eingeladen. Als seine 13-jährige Enkelin die belegten Brötchen herumreicht, packt er sie an die Brust mit dem Kommentar: ‚Wird sie nicht proper?‘ Schallendes Gelächter der Kartenrunde.“
• „Frau A. stimuliert den Penis des 2-jährigen Sohnes ihres Lebensgefährten mit ihrem Mund.“
• „Herr C. missbraucht seinen 10-jährigen Sohn und seine 6-jährige Tochter. Auch zwingt er den Jungen, sexuelle Handlungen an seiner Schwester auszuführen. Der Junge übernimmt die Rolle des Aggressors und zwingt unabhängig vom Vater seine Schwester, seinen Penis in die Hand zu nehmen und zu reiben.“
• „Der Schulbusfahrer lässt sich von der 7-jährigen S. ‚kratzen‘, denn es juckt ihm angeblich so in der Hose, und er muss doch den Bus lenken.“
• „Herr B. fesselt und vergewaltigt zunächst seine Frau vor den Augen seines 3jährigen Sohnes. Anschließend zwingt er seine Frau, die Genitalien des Jungen zu manipulieren, während er diese Handlungen filmt.“
• „Der 16-jährige F. penetriert seine drei Monate alte Stiefschwester mit dem Finger.“
• „Der beste Freund der Familie zwingt die 7-jährige D. mit Gewalt, sich von ihrem Hund die Scheide lecken zu lassen.“
• „Frau W. steckt den Finger in den Anus ihres 8-jährigen Sohnes und macht dabei abfällige Bemerkungen über die Attraktivität des Jungen.“
• „Der Freund der Oma vergewaltigt des 5-jährigen T. oral.“
• „Herr R. bietet seiner Stieftochter bei der ersten Menstruation an, ihr zu zeigen, wie man die Bauchschmerzen wegmacht - er vergewaltigt sie.“ [...]
3. Typologien, Klassifikationen und Modelle über Pädosexuelle Täter
Pädosexuelle Täter können keineswegs als homogene Gruppe von Menschen betrachtet werden und so weist auch Deegener ausdrücklich darauf hin, dass es nicht den sexuellen Missbraucher gibt (vgl. Deegener 1995, S. 61). Dannecker zufolge, ‚biete‘ die Pädose- xualität „wie andere Sexualitäten auch eine Vielfalt von Begehrungsmodalitäten, sexu-
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ellen Praktiken, Beziehungsformen, die in Hinblick auf die seelischen Auswirkungen auf Kinder zu differenzieren sind.“ (Dannecker 2002, zitiert nach Ohlmes 2005, S. 13) Dennoch gibt es viele Versuche, Typologien und Klassifikationssysteme über Sexualstraftäter zu erstellen und Gruppen von Tätern mit gemeinsamen Merkmalen heraus zu kristallisieren. Die am stärksten Verbreiteten möchte ich hier darstellen.
3.1. Klassifikation nach Groth (1982)
Groth nimmt eine grobe Unterteilung von pädosexuellen Tätern in zwei grundlegende Typen vor: den fixierten und den regressiven Täter-Typ.
Als fixierten Typ beschreibt Groth Täter, die bereits zu Beginn ihrer psycho-sexuellen Entwicklung, eine primäre und ausschließliche sexuelle Neigung gegenüber Kindern entwickeln. Ihre Haltung ist eine mehr oder weniger zeitlich überdauernde. Die fixierten Täter können zwar auch sexuelle Begegnungen oder sogar dauerhafte Beziehungen mit Gleichaltrigen aufweisen, jedoch sind diese Beziehungen selten von ihnen initiiert und eher als Auswirkungen des sozialen Drucks anzusehen, oder aber sie dienen als Mittel, um sich Zugang zu Kindern zu verschaffen. Ihre sexuellen Interessen bleiben auf Kinder gerichtet (vgl. Deegener 1995, S. 193). Der fixierte Täter wird nach Groth durch seine pädosexuellen Phantasien und Wünsche zumeist nicht beunruhigt und fühlt sich durch pädosexuelle Handlungen wohl und befriedigt. Ernsthafte Schuld- oder Schamgefühle verspürt er kaum und selbst wenn, erlebt er seine sexuelle Neigung zwanghaftals etwas, dem er nicht widerstehen kann. (Sexuelle) Beziehungen zu Erwachsenen meidet er aus Angst vor Ablehnung, Unzulänglichkeit, Minderwertigkeit, Schüchternheit, Verlegenheit, Strafe oder einfach aufgrund mangelnder sexueller Anziehung (vgl. ebd., S. 194).
Der regressive Typ hingegen zeigt keine frühe sexuelle Fixierung auf Kinder, sondern eher eine konventionell sozio-sexuelle Entwicklung, die sich primär an der Peer-Gruppe orientiert. Im Erwachsenenalter werden seine Beziehungen zu Gleichaltrigen jedoch konflikthafter. Die zunehmenden Verantwortlichkeiten und Anforderungen, sowie eventuell hinzukommende Schicksalereignisse, wie z.B. Krankheit, Arbeitslosigkeit oder Untreue, kann er nicht mehr bewältigen und so kommt es eines Tages dazu, dass er sich zu einem Kind sexuell hingezogen fühlt, das ihm psychisch und physisch unterlegen ist,
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keine Bedrohung für sein Selbstwertgefühl darstellt und zugunsten eigener Interessen manipuliert werden kann. Dieses pädosexuelle Interesse muss jedoch bei diesem Täter-Typ eher als eine Abweichung von seiner eigentlich üblichen sexuellen Orientierung angesehen werden, die durch übermäßige Stress-Ereignisse aktiviert wurde. Die pädosexuellen Handlungen beruhen dann auf einer Regression, als dem Ergebnis von sich plötzlich oder allmählich verschlechternden emotional bedeutsamen oder befriedigenden Beziehungen zu Erwachsenen (vgl. Deegener 1995, S. 194). Im Gegensatz zu dem fixierten Typ empfindet dieser Täter Schuld und Scham über sein Verhalten, jedoch häufig erst nach der Tat. Die pädosexuelle Anziehungskraft kann sich allerdings sekundär ebenfalls zu einer Fixierung ausbilden, die dann als Ergebnis einer sozio-sexuellen Entwicklungshemmung anzusehen ist (vgl. ebd.). Anders als beim fixierten Täter, spielen Alkohol und Drogen im Leben des regressiven Täters häufig eine Rolle; in vielen Fällen steht der Konsum in engem Verhältnis zum Missbrauch (vgl. Ohlmes 2005, S.28).
Beiden Täter-Typen gemeinsam ist, dass sie sich gegenüber dem Kind wie zu einem Mitglied der Peer-Gruppe verhalten. Der fixierte Typ identifiziert sich dabei mit dem Kind und wünscht sich in gewissen Maße selbst noch Kind zu sein. Er neigt dazu, sein Verhalten und seine Interessen dem Niveau des Kindes anzupassen, jedoch auch mit der Absicht, von dem Kind als seinesgleichen akzeptiert zu werden. Der regressive Typ hingegen erlebt das Kind eher als einen „Pseudo-Erwachsenen“. Er versucht seine unbefriedigend und konflikthaften gewordenen Beziehungen mit Gleichaltrigen praktisch durch eine Beziehung zu einem Kind zu ersetzen. Fixierte Täter wählen mit signifikant größerer Wahrscheinlichkeit Jungen als ihre Opfer, wohingegen regressive Täter mit größerer Wahrscheinlichkeit Mädchen missbrauchen(vgl. Deegener 1995, S. 194f). Die Zuordnung eines Täters zu einer der beiden Typen-Gruppen hat entscheidende Auswirkungen auf die Bewertung seiner Tat und das Risiko, das er für seine Umgebung darstellt. Während bei regressiven Tätern der Familiendynamik eine große Bedeutung zukommt, muss bei fixierten Tätern das Augenmerk auf die individuelle Psychodynamik gelegt werden. Seine pädosexuelle Neigung ist nicht beispielsweise auf die eigenen Kinder beschränkt, wie es häufig bei regressiven Inzest-Tätern der Fall ist. Die Prognose für eine Rehabilitation oder Heilung ist bei dem fixierten Typ wesentlich ungünstiger, da er nie eine befriedigende sexuelle Beziehung zu Gleichaltrigen erlebt hat (vgl. Dee- gener 1995, S. 195f).
Arbeit zitieren:
Jana Diener, 2008, Typologien und Strategien pädosexueller Täter, München, GRIN Verlag GmbH
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