in meiner beabsichtigten Reiserichtung. sche Grenzkirche, denn das gegenüber Die Siedlungen werden kleiner und sel-liegende Priebus gehörte zum schlesitener, bis schließlich der Ostrand der schen Herzogtum Sagan (heute śagań) Muskauer Heide erreicht ist, wo man und seine Kirche war, wie jetzt wieder, vor dem Schießlärm der Bundeswehr katholisch. Nur das Dorf Pechern, gut warnt. Heute bleibt alles ruhig und ich fünf Kilometer neißeabwärts, ist heute rolle nach rechts hinab ins stille Neiße-noch vom „alten“ Schlesien in Deutschtal, das verträumt in der Morgensonne land übrig. Den Norden und Osten der daliegt. Groß sind hier die Ortsschilder, bis dato sächsischen Oberlausitz ringsum bisweilen sechszeilig beschrieben. In der gliederte man erst 1815 in die preußische Leipziger Gegend sind zwar ebenso Provinz Schlesien ein. große Schilder zu finden, nur erscheint Die Grenze ist inzwischen so offen wie dies hier schlüssiger, weil jede Angabe nie, seitdem sie gezogen wurde. Auf der darauf zweisprachig erfolgt. Auch Klein anderen Seite werden fortan zwei Wahr-Priebus wird auf Sorbisch als „Přibuzk“ nehmungen stets mitfahren: Vertrautheit ausgewiesen. Als letztes Dörfchen vor und Fremde. Ähnliche Landschaft, beder polnischen Grenze liegt hart am lin-kannte Baustile. Auf der alten Landkarte ken Neißeufer Podrosche, dessen slawi-gewohnte Ortsnamen, fast wie zu Hause. scher Name von „unterwegs“, „auf Rei-Nach etwas Beschäftigung mit der polnisen“ her heute kaum besser passen schen Phonetik erscheinen auch die heukönnte. tigen Namen nicht mehr so rätselhaft, wenn man sie aussprechen kann. Polni-
DieNeiße-Aue bei Podrosche
häusern. Und die hübsche Altstadt von Linkerhand ruht der Friedhof auf dem Görlitz gibt es. Danach ist Schluss, höchsalten Burgwall oberhalb des Flussübertens flott tanken und Zigaretten holen. gangs. Einschusslöcher an den Grabstät-Aber sonst: freiwillig fährt man nicht ten sind stumme Zeugen der unglücklinach Polen! O doch - und ob! chen Kämpfe vom Frühjahr 1945. In deren Vorgeschichte „taufte“ man auch Ohne weiteren Verzug überquere ich die diesen Ort um, nämlich in „Grenzkirch“. Lausitzer Neiße und schaue mich in einer Es mutet wie ein düsterer Treppenwitz ersten Runde in Priebus (Przewóz) um. der Geschichte an, wie eine Ahnung: als Krieg und nachfolgender Verfall haben hätten die eifrigen Namenserfinder von viele Lücken gerissen, die mit lieblosen damals schon eine Handvoll Jahre frü-Grünflächen oder unschmucken Plattenher jenes vorweggenommen, was sich bauten dürftig aufgefüllt wurden; eine alsbald einstellen sollte. Tatsächlich Erscheinung, die sich von hier bis an die stand hier lange vordem eine evangelilitauische Grenze hundertfach wieder-
2
holt. Ähnlich setzt sich das ostdeutsche Pendant bis an die Elbe im Westen fort. Teile der Stadtmauer zeigen sich dem aufmerksamen Besucher, und der mächtige backsteinerne „Hungerturm“ - ein Rest der Burg in den Wiesen am westlichen Ortsrand. Der grausame Hans von Sagan ließ hier seinen eigenen Bruder schmachten, wie eine deutsche Inschrift noch bezeugt. Das Messtischblatt aus früherer Zeit verzeichnet unweit auch den alten Wendenfriedhof. Der preußi-
Derehemalige Herzoglich Saganer Forst als heutiger Teil der
„Bory Dolnośląskie“ sche Typenbau des Priebuser Bahnhofs dient seinem Zweck nicht mehr.
Kein ständiges Überholen und Überholt-
Steinen, feinteiliger, gemauert wurde. Den einst umfriedeten Kirchhof, ver-Gleich den meisten Städten und Dörfern buscht und im hohen Gras versunken, in der Lausitz nördlich des Gebirgsvorbetritt man durch das leidlich erhaltene landes siedelt man hierzulande wie auf spitzbogige Tor. Inseln in einem weiten Meer aus Kiefernwäldern, in denen das junge Früh-
lingsgrün allmählich die dunklere Reife eines fortschreitenden Sommers annimmt und unter den Sohlen die Äste und Kienäpfel prasseln. Leuchtend gelbbraun stehen die Kiefernstämme, von denen sich stetig kleine trockene Borkenblättchen loslösen, im Tageslicht. Zwischen ihnen deckt sich der sandiggraue Waldboden ringsum mit saftigem, leuchtendem Preiselbeergesträuch zu. Die Sonne entfaltet ihre Kraft. Es duftet nach Harz und Nadeln. Der Blick im Kirchturm nach oben mün-Und still wird die Landstraße mit ihren det an ein paar scherenschnittartig wuhier welligen, da ausgefransten Ränchernden Bäumchen vorbei in den stahldern; hat man als Autofahrer diese Seite blauen Vormittagshimmel. Unten ist es der Neiße erreicht, beginnt man zu entdunkel, die obersten sonnen- und regenspannen und nur noch zu fahren. 3
gegerbten Steinlagen aber ruhen im den südlichsten Teil der Provinz Licht. Südlich des Dorfes strecken sich Brandenburg bildete. die riesigen Heiden auf Görlitz zu. Man
reicht die sandige, mit Kiefern bestandene und vom Wasser geformte Eiszeit-Leuthen (Lutynka) nahe der Autobahn landschaft, bevor die Berge als östliche Berlin-Breslau (Wrocław) hütet eine Ka-Verwandtschaft der weiter drüben gelepelle mit Backsteinportal, Wehrmauer genen Mittelgebirge mit ihren Ausläufern und Torturm. Urtümlich wirken die beginnen. Weit weg sind die Metropolen groben Mauern in diesem stillen Heide-Berlin und Breslau, Dresden und Posen dorf. An trockenen Ziegelgiebeln längs (Poznań). Hier in dieser scheinbar weltder Dorfstraße rankt Wein empor. fernen Abgeschiedenheit trafen einst Die Großgemeinde Wiesau (gmina Wy-zwei große Provinzen aufeinander, allein miarki) denkt auch an deutsche Besuvon der Fläche her: Brandenburg, das in cher und beschildert ihre Sehenswürseiner Mitte den Hauptstadtriesen umdigkeiten zweisprachig, so auch die beischießt und im Norden schon in die den Sühnekreuze in der Nachbarschaft pommersche Ostseenähe übergeht; und der Wehrkirche, im Schatten der Bäume. wo am Elblauf in der Westprignitz erste Leuthen hat einige Namensvettern im niederdeutsche Hallenhäuser des weitelausitzisch-schlesischen Großraum, dar-ren Hamburger Umlands stehen. Und unter Leuthen bei Cottbus mit einer an-Schlesien, unter dem sich viele ein ansehnlichen Backsteinkirche und Leuthen heimelndes Berg- und Gebirgsvorland (Lutynia) bei Breslau, das man seit dem dachten, dessen kohleschweres östliches Siebenjährigen Krieg kennt. Industriegebiet in der Ferne vor den To-Inzwischen ist es warm geworden, die ren des mystischen Krakau (Kraków) als trockene Luft flirrt zwischen den Forsten einem Schmelztiegel von Geist, Nationali-und über den leichten Sandböden. Untäten und Religionen lag. In diesem Landmerklich, man weiß es nur von histori-strich, wo auch das nahe Sachsen und der schen Karten, gelangt man auf einem wechselnde Besitz verschiedener anderer Höhenzug nun aus dem alten Saganer Herrschaften ihre Zeugnisse hinterlassen Kreis in die Niederlausitz, die einmal haben, gingen die Sphären des protestan-
4
Arbeit zitieren:
Albrecht Neumann, 2008, Ein Sommertag in Niederschlesien und der östlichen Niederlausitz, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Die Einführung der Zweiten Reformation in den Städten Anhalts
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Seminararbeit, 23 Seiten
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Albrecht Neumann hat den Text Ein Sommertag in Niederschlesien und der östlichen Niederlausitz veröffentlicht
Albrecht Neumann hat einen neuen Text hochgeladen
Unterwegs am Golf. Along the Gulf
Von Basra nach Muscat. From Ba...
Annegret Nippa, Peter Herbstreuth, Hermann Burchardt
Points of Arrival: Travels in Time, Space, and Self / Zielpunkte: Unte...
Marion Gymnich, Ansgar Nünning, Vera Nünning
IdeenBlitze für Frühlings- und Sommertage
Kleine Aktionen für den Alltag...
Ingrid Biermann, Angela Weinhold
Niederlausitz - Die Senftenberger Seenplatte
Wanderungen in die Erdgeschich...
Ulrich Sebastian, Thomas Suhr
0 Kommentare