Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
1.1 Begriffsdefinition 3
1.2 Quellen nordischer Mythologie 5
2. Die Snorra Edda 8
2.1 Snorri Sturluson 8
2.2 Die verwendeten Quellen 9
2.3 Die vier Haupthandschriften 11
2.4 Der Inhalt der Snorra Edda 12
3. Quellenkritik an ausgewählten Beispielen 14
3.1 Mythologische Novellistik 14
3.2 Euhemerismus 16
3.3 Der Einfluss des Christentums auf mythologische Quellen 19
4. Fazit 22
Quellen und Literatur 25
Quellen 25
Literatur 25
1
1. Einleitung
„Welch schmerzliche Lücken hätte unsere Kenntnis von der alten heidnischen Mytho-
logie, wenn wir die Snorra Edda nicht besäßen!“ 1
Für zahlreiche Autoren (Simrock 2 , deVries 3 , Uecker 4 ) ist die Snorra Edda die [!] wichtigste Quelle nordischer oder in diesem Fall alter heidnischer Mythologie. 5 Vor allem die Einband-
texte der verschiedenen Ausgaben bzw. Editionen der Snorra Edda, die es im Buchhandel zu erwerben gibt, lassen den Eindruck entstehen, dass es sich bei der Snorra Edda um eine Quel- le der nordischen Mythologie handelt. Diese Einschätzung wird jedoch nicht von allen For- schern geteilt, so dass die Frage, ob es sich bei der Snorra Edda tatsächlich um eine (Primär-) Quelle der nordischen Mythologie handelt, durchaus kontrovers diskutiert wird.
Während also die Frage bezüglich der Authentizität der Snorra Edda als mythologische Quelle von der Forschung noch nicht ausreichend geklärt werden konnte, herrscht in der Fra- ge bezüglich des Entstehungszeitraums bzw. -orts weitestgehend Einigkeit. Demnach wurde die Snorra Edda um 1220 – und somit ca. 200 Jahre nach der Einführung des Christentums –, auf Island verfasst. Diese Zeitspanne von ca. 200 Jahren ist es, die zu den Bedenken einiger Wissenschaftler führen, ob die Snorra Edda tatsächlich eine Quelle der nordischen Mytholo- gie sei. Es ist zwar durchaus vorstellbar, dass historische oder in diesem Fall mythologische Stoffe bzw. Erzählungen durch mündliche Überlieferungen über einen längeren Zeitraum be- wahrt werden können, dass nach 200 Jahren aber keinerlei christliche Einflüsse in die nordi- sche Mythologie, wie sie von Snorri Sturluson niedergeschrieben wurde, eingeflossen sein sollen, scheint mir zumindest diskussionswürdig zu sein. Im Zentrum dieser Arbeit steht da- her die Untersuchung unterschiedlicher Forschungsmeinungen zu dieser Frage. Welche Posi- tionen werden bzw. wurden von welchen Forschern vertreten und wie hat sich die Einschät- zung der Snorra Edda in den letzten 150 Jahren verändert? Von diesen unterschiedlichen Posi- tionen ausgehend, soll schließlich die Frage geklärt werden, ob bei der Snorra Edda überhaupt
1 de Vries, Jan: Altnordische Literaturgeschichte, Bd. 1, Berlin 1956, S. 232.
2 Vgl. Simrock, Karl: Handbuch der Deutschen Mythologie mit Einschluß der nordischen, Bonn 1878, S. 4: „Die Quellen der Mythologie ausführlich zu besprechen, gebricht hier der Raum, und nur der Raumsparung wegen gebe ich hier diejenigen Werke an, auf welche ich mich am Häufigsten beziehe […]. Unter den nordischen ste- hen billig die beiden Edden voran“.
3 Vgl. de Vries: Altnordische Literaturgeschichte, S. 232.
4 Vgl. Uecker, Heiko: Geschichte der altnordischen Literatur, Stuttgart 2004, S. 47: „Im Dialog zwischen dem fragenden Gylfi/Gangleri und dem antwortenden Göttern entfaltet Snorri die heidnische Mythologie.“ 5 Begriffsdefinition folgt unter 1.1.
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von einer unbeeinflussten Variante der nordischen Mythologie gesprochen werden kann oder ob in ihr nicht Entlehnungen der christlichen Religion gefunden werden können.
Hierzu soll zunächst der Begriff „nordische Mythologie“ näher erläutert werden, da er zentral für den Umgang mit dieser Fragestellung ist. Anschließend soll ein Überblick darüber gegeben werden, welche durchaus unterschiedlichen Quellen es in Bezug auf die Mythologie und Religion der nordischen Länder gibt und auf welche (nichtschriftlichen) Quellen heute noch zurückgegriffen werden kann. Weiterhin wird dargelegt welche Quellen Snorri Sturlu- son für seine Ausarbeitungen genutzt hat bzw. genutzt haben könnte. Zur besseren Einord- nung des Wirkens Snorri Sturlusons und um die Snorra Edda als mögliche Quelle der nordi- schen Mythologie untersuchen zu können, ist es darüber hinaus notwendig, einen kurzen Ab- riss über Snorri Sturlusons Leben zu geben. Inwiefern Snorri Sturluson in der Edda die My- thologie seiner Vorfahren vorgestellt hat, oder ob er nicht vielleicht nur poetologische Ziele im Auge hatte, sprich dichterisch in Erscheinung treten wollte, soll ebenfalls Teil dieser Un- tersuchung sein. Da diese oft diskutierte Frage ein zentrales Thema derjenigen Wissenschaft ist, die sich mit der nordischen Literatur des Mittelalters beschäftigt und man sich auch heute nicht einig in ihrer Beantwortung ist, werden im Hauptteil dieser Arbeit wichtige Positionen der Wissenschaft vorgestellt und miteinander verglichen.
Daran anschließend, folgen eine Zusammenfassung der Ergebnisse und der Versuch, die Frage nach einer originalen Mythologie in der Snorra Edda zu beantworten.
1.1 Begriffsdefinition
Im Rahmen dieser Arbeit ist es nicht möglich eine allgemeingültige Definition von My- thos/Mythologie in Abgrenzung zum Begriff der Religion zu geben, dennoch bemüht sich die folgende Darstellung um eine Eingrenzung dieser Begriffe, wie sie in dieser Arbeit verwendet werden sollen.
Die Begriffe Mythos bzw. Mythologie werden umgangssprachlich häufig mit Geschichten oder Erzählungen aus vergangener Zeit verbunden, wobei ihnen aufgrund ihrer zumeist sensa- tionellen Handlung nicht selten ein gewisses Maß an Unwahrheit unterstellt wird. Auch wenn in ihnen Märchenmotive zu finden sind, so sind Mythen aber nicht nur einfache Märchen bzw. unterhaltsame Geschichten, sondern haben eine weit wichtigere Bedeutung: Sie präsen- tieren Kulturen mit ihren Erinnerungen, Traditionen und Gebräuchen. Rudolf Simek hat daher darauf hingewiesen, dass es sich bei Mythen nicht nur um fantastische (Götter-) Geschichten handelt. Er spezifiziert den Begriff „Mythos“ und geht davon aus, dass beispielsweise die „germanische Mythologie als Gesamtheit der Glaubensvorstellung des germanischen Heiden-
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tums verstanden werden [soll], wie sie uns in Sachfunden, Bilddarstellungen und schriftlichen
Quellen überliefert sind.“ 6 Der Mythos ist demnach nicht als bloße Geschichte, sondern als
eine kulturgeschichtliche Quelle zu verstehen, die ein vollständiges Weltbild enthält, nach dem sich eine Kultur ausgerichtet hat. Diese Erzählungen verdeutlichen beispielsweise, wie man sich in früheren Zeiten die unterschiedlichen Naturphänomene erklärte: Der Wechsel von Tag und Nacht, der Lauf der Jahreszeiten und die Existenz von Blitz und Donner – für all diese Phänomene wurden die Götter mit ihren unterschiedlichen Kräften verantwortlich ge- macht. Wir, die die Naturgesetze, die hinter diesen Erscheinungen stehen, kennen, mögen über diese Erklärungsversuche lächeln, jedoch sollte beachtet werden, dass die Mythen we- sentlich zur Moral- und Ethikbildung der Menschheit beigetragen haben. In den zahlreichen Erzählungen wurde der Mut eines Kriegers als heldenhafte Tugend gepriesen; ebenso wurde aber auch Schwäche als eine Eigenschaft hervorgehoben, von der auch die allmächtigen Göt-
ter betroffen sein konnten. 7 Und auch auf dem Gebiet der Rechtsprechung waren Mythen von
großer Bedeutung: Zivilisatorische Errungenschaften wie Gerechtigkeit oder die Tatsache, dass man nicht töten soll, gehen auf Mythen zurück. Und nicht zuletzt stärkten die Mythen, indem sie von Generation zu Generation weitergegeben wurden, das Zusammengehörigkeits- gefühl der Menschen und waren somit maßgeblich an der Identitätsstiftung unterschiedlicher Völker beteiligt.
Bei der Definition von Mythologie ist es von besonderer Bedeutung, diese von dem Begriff der Religion abzugrenzen. Ein Mythos ist, wie bereits erläutert, nicht bloß eine Erzählung, aber auch nicht zwingend die Wirklichkeit. Mythen können aus Erfahrungsberichten abgelei- tete Naturmythen sein oder rein fiktionale Helden- oder Göttermythen, welche keinen eigent-
lichen historischen Kern besitzen. 8 Der Mythos unterscheidet sich von der Religion insofern,
als dass er eine überlieferte Erzählung ist, an die nicht mehr zwingend geglaubt wird. Der ursprüngliche religiöse Glauben mit seinen Kulten und Organisationsformen wird nicht mehr praktiziert. Der Unterschied zwischen Mythos und Religion wird am folgenden Beispiel von Walter Baetke deutlich:
„Als im Jahre 999 das Schiff des Missionars Thangbrand auf Island scheitert, sieht ei- ne heidnische Isländerin darin einen Eingriff des Gottes Thor (das Gedicht, in dem sie diesem Gedanken Ausdruck gibt, ist uns erhalten). Das ist religiöser Glaube. Die Göt-
6 Simek, Rudolf: Lexikon der germanischen Mythologie, Stuttgart 2006, S. VIII.
7 Beispielsweise Achilles in der antiken Mythologie.
8 Vgl. Ott, N. H.: Mythos, Mythologie, in: Angermann, Norbert (Hrsg.): Lexikon des Mittelalters, Bd. 6, München
1993, Sp. 993-996.
4
tersage würde erzählen, daß Thor in menschlicher Gestalt erscheint (wie Gylf. C. 49)
und mit seinem Hammer das Schiff zertrümmert.“ 9
Dies bedeutet folglich, dass in der Religion eine Art überirdische Allmacht, die in das Leben der Menschen eingreift, existiert und deren Gunst durch Gebete oder Opfergaben erlangt wer- den soll. Demgegenüber unterscheidet sich der Mythos dadurch, dass in diesem, die göttliche Allmacht durch menschliche Figuren, die real auf der Erde existieren, personifiziert wird: Thor ist Gott in Menschengestalt. Im Rahmen dieser Arbeit soll der Mythos als eine Erzäh- lung mit zeitlichem Abstand zur eigentlich praktizierten Religion verstanden werden. Abschließend gilt es, den Begriff nordisch in „nordische Mythologie“ zu definieren. Auch wenn sich der geographische Norden in der Regel über die Länder Norwegen, Schweden, Dänemark und Island (je nach Definition auch Finnland) erstreckt, so bezeichnet der Begriff „nordisch“ im Rahmen dieser Arbeit lediglich die Literatur Norwegens und Islands, da sich hier das literarische und kulturelle Zentrum des mittelalterlichen Skandinaviens befand.
1.2 Quellen nordischer Mythologie
Die Grundlagen der nordischen Mythen bilden Religionen, welche zum Teil schon in der älteren Eisenzeit in den Gegenden in und um Norwegen bzw. Island existierten und praktiziert
wurden. 10 Diese frühen Religionen gilt es nicht außer Acht zu lassen, da sie zahlreiche Infor-
mationen über die späteren Mythen liefern. Freilich ist kein Dokument erhalten geblieben, das genauere Informationen über den Glauben und die jeweiligen Kultrituale geben kann, aber die Verknüpfung verschiedenster Quellen lässt eine Art kulturgeschichtliches Mosaik entstehen, das die Mythologie der nordischen Länder veranschaulicht.
So geben beispielsweise die Gräber verschiedener Zeitalter detaillierte Informationen über die Bestattungsrituale der jeweiligen Kultur in ihrer Zeit, so dass etwa Grabbeigaben eine wichtige kulturgeschichtliche Quelle darstellen. Anhand von Gräbern lässt sich erkennen, welche Kulte und Rituale die Menschen gepflegt haben und wie sie sich „das Leben nach dem Tod“ vorgestellt haben. Archäologische Funde wie Wagen-, Kriegsbeute- oder auch Men- schenopfer in Moorgebieten sind so gut erhalten, dass sie noch heute sehr genau Auskunft über verschiedene Kulte geben können:
„Irgendwann um 400 n. Chr. Fand in Ostjütland in der Nähe von Hadersleben eine Schlacht statt, bei welcher auf einer Seite, vermutlich der der Angreifer, etwa 200
9 Baetke, Walter: Die Götterlehre der Snorra-Edda, Berlin 1950, S. 11.
10 Vgl. Simek, Rudolf: Religionen und Mythologie der Germanen, Darmstadt 2003, S. 20.
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Mann fielen. Davon besaßen 9 ein Pferd, 60 von ihnen trugen Schwerter, Messer, Schilde, Speere und Lanzen, 140 weitere hatten nur Wurfspeere, Lanzen und Schilde […]. Die Männer der siegreichen Verteidiger feierten ihren Sieg unter anderem da- durch, dass die Sättel, Zaumzeuge, Kleider und alle Waffen der besiegten Gefallenen verbrannt, demoliert und dann vom Ufer aus in Bündeln, welche teilweise durch Stei- ne beschwert wurden, in einen kleinen Moorsee geworfen wurden, der auch zu ande- ren Zeiten zu diesem Zwecke diente. […] Der Sinn dieser Handlung, bei der nicht nur 200 brauchbare Kriegerausrüstungen systematisch vernichtet, sondern in Form der Schwerter, Schnallen und Zaumzeuge auch beträchtliche Werte ganz bewusst zerstört und versenkt wurden, kann wohl nur als Opferung dieser Gegenstände an eine Gottheit
verstanden werden, der sie im Falle des Sieges versprochen worden waren.“ 11
Neben diesen archäologischen Quellen, zu denen nicht nur die genannten Waffendeponierun- gen, sondern neben Schmuck und Alltagsgegenständen auch Heilige Haine, Altäre und Fest- hallen zählen, existiert auch eine Reihe von schriftlichen Quellen. Als erste schrift-liche Über-
lieferungen sind sicherlich die Felsritzungen und -zeichnungen der Bronzezeit zu nennen. 12
Weitere erhalten gebliebene Quellen für den skandinavischen Raum sind Runen als schriftli- che Selbstaussagen. Sie sind für die Geschichtsforschung von immenser Bedeutung, da sie als originale Quellen ohne fremde Darstellungs- und Interpretationsabsichten genutzt werden können. Es handelt sich hierbei „um Zeugnisse, die einen unmittelbaren Einblick in das All- tagsleben erlauben, den die sonstigen vorhandenen erzählenden Quellen dieses Zeitraums
weniger ermöglichen.“ 13
In früheren Kulturen war Religion ein zentraler Bestandteil der Gesellschaft, der sich nicht nur in religiösen Kulten, sondern auch in materiellen Gegenständen manifestierte. Dies bedeu- tet, dass praktische und profane Utensilien des Alltags einen religiösen Sinn bzw. Zweck ge- habt haben können. Das Futhark (Runenalphabet) ist somit nicht nur als eine bloße Aneinan- derreihung von Schriftzeichen, sondern wie einige Inschriften auf Fibeln und Brakteaten des
5. und 6. Jahrhunderts zeigen, durchaus auch als Zauberwort oder Zaubermittel mit magischer
Bedeutung zu verstehen. 14 Darüber hinaus wurde es auch für kurze Mitteilungen des alltägli-
chen Lebens, unter denen nicht zwingend magische Absichten vermutet werden müssen, ver- wendet. Interessant ist dabei die Inschrift des Steins von Kuli in Møre og Romsdal, welche offenbar das Datum ihrer Entstehung bekannt gibt:
11 Simek: Religion und Mythologie, S. 43.
12 Diese sollen hier nicht weiter behandelt werden. Näheres dazu: Simek: Religionen und Mythologie.
13 Düwel, Klaus: Runenkunde, Stuttgart 2001, S. V-VI.
14 Vgl. Simek: Religion und Mythologie, S. 222.
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Susanne Stäblein, 2007, Die Snorra Edda als Quelle der nordischen Mythologie? , Munich, GRIN Publishing GmbH
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