Die Macht ist weiblich
Schillers ,,Die Jungfrau von Orleans" und Kleists ,,Penthesilea"
im Vergleich
Hausarbeit für das Seminar
,,Schillers Dramen"
WS 2005/2006
Vorgelegt von
Susanne Krebs
Anglistik
Germanistik
Magister
(6. Semester)
2
Inhaltsverzeichnis
Einleitung ... 3
Werdegang und Motivation... 4
Johanna von Orleans von der Hirtin zur Heerführerin... 4
Penthesilea Königin zwischen Wahn und Wirklichkeit ... 6
Identität und Rollenverständnis ... 8
Penthesilea als öffentliche und als private Person... 9
Johanna und die Diskrepanz zwischen Schein und Sein... 10
Geschlechterkampf ... 13
Johannas Kampf an allen Fronten ... 13
Penthesileas Machtspiele ... 15
Schlussbetrachtung ... 16
Literaturverzeichnis: ... 19
Primärliteratur: ... 19
Sekundärliteratur:... 19
3
Einleitung
Friedrich Schiller verarbeitet in seinem Drama ,,Die Jungfrau von Orleans" einen
historischen Stoff aus dem 15. Jahrhundert, wobei seine Wahl gewiss nicht ohne
Grund Parallelen zu den politischen Ereignissen rund um die Französische
Revolution aufweist. Der Freiheitskampf der Franzosen gegen die Engländer lässt
sich mühelos auf den Freiheitskampf des einfachen Volkes gegen den
übermächtigen Adel übertragen.
Heinrich von Kleist belässt sein Drama ,,Penthesilea" im antiken Milieu, aus dem der
Mythos ursprünglich auch stammt, und scheint so von der aktuellen Tagespolitik der
damaligen Zeit weit entfernt. Allerdings prallen auch in diesem Drama zwei politische
Ideen, dargestellt durch zwei Staatsformen, nämlich Griechen und Amazonen,
aufeinander.
Wenn es nun nicht unbedingt politische Dimensionen sein müssen, die beide
Dramen verbinden, was könnte es dann sein? Meiner Meinung nach scheint es den
Autoren vorrangig um die Beschäftigung mit Geschlechterkonventionen zu gehen.
Johanna und Penthesilea verkörpern einen Typus Frau, der ungewöhnlich und
möglicherweise abnorm in der damaligen Zeit erscheint: die öffentliche Frau.
,,Feminine role, as we have described it for the Goethezeit, involves abstention from
public affairs, basic passivity, sentimentality, and self-negating tendencies. " (Prandi
1983, S.48). War es in der Goethezeit die Norm, dass Frauen sich aus dem
öffentlichen Leben fernhielten und ihren Wirkungsbereich auf das Häusliche, Private,
beschränkten, so suchen unsere Titelheldinnen ihr Heil in dem von Männern
beanspruchten öffentlichen Raum. Sie bewegen sich als Kriegerinnen eindeutig in
einer Männerdomäne und behaupten sich dort gegen zahlreiche Widrigkeiten. Denn
für Frauen scheint es grundsätzlich doppelt schwierig, ihren Weg zu machen, da sie
sowohl einem äußeren als auch einem internalisierten Weiblichkeitsideal unterworfen
sind.
Wie verstehen nun unsere beiden Protagonistinnen ihre Rolle, was motiviert sie, was
bringt sie zu Fall? Wo kommen sie her, wo streben sie hin? Um diese Fragen zu
klären, unterziehen wir Johanna und Penthesilea einmal genaueren Betrachtungen.
4
Werdegang und Motivation
Johanna von Orleans von der Hirtin zur Heerführerin
Wenn ich mir Johanna von Orleans als Anführerin des französischen Heeres
vorstelle, erscheint vor meinen Augen das berühmte Gemälde von Eugene
Delacroix ,,Die Freiheit führt das Volk auf die Barrikaden", wird diese Freiheit doch
dort als Frau dargestellt. Aber das ist eine Allegorie, etwas Abstraktes, wohingegen
Johanna von Orleans eine real existierende Person war. Schiller präsentiert uns
seine Johanna als eine Mischung aus Heiliger und Amazone, aus katholisch und
heidnisch, angesiedelt zwischen zwei Heeren, zwei Geschlechtern, zwei Stühlen
sozusagen.
Und
höchstwahrscheinlich
ist
diese
Ambivalenz,
dieses
Spannungsverhältnis das Faszinosum.
Quasi von Beginn an wird Johanna als ,,Zwischending" konstituiert. Sie hat einen
Vater, aber keine Mutter, d.h. ihre Mutter findet keinerlei Erwähnung, also lässt sich
nur spekulieren, ob diese bei Johannas Geburt womöglich gestorben ist.
Möglicherweise hat Johanna deshalb Erscheinungen von der Muttergottes, weil ihr
die eigene Mutter fehlt. Ihre Schwestern jedenfalls dienen nicht als Mutterersatz.
Vielleicht erklärt das Aufwachsen mit nur einem Elternteil auch die Stellung unserer
Protagonistin als Außenseiterin, aber das ist rein spekulativ.
Johanna wächst also ohne Mutter auf und ist stark auf ihren Vater fixiert, dem sie
zwar nicht immer gehorcht, doch dessen Urteil sie mit dem Gottes gleichsetzt
(4.Aufzug, 11.Auftritt). Der Vater verkörpert eine höhere Autorität, ist aber nicht stark
genug, sie auf ganzer Linie durchzusetzen. Johanna entzieht sich ihm nämlich, denn
sie verfolgt ein höheres Ziel im Leben, als Ehefrau und Mutter zu sein. Sie rebelliert
sowohl als Tochter als auch als Frau gegen die allzu starren Ordnungen.
Als die väterliche Autorität auf Erden dergestalt versagt, will Thibaut seine Tochter
wenigstens einer himmlischen, männlichen Autorität ergeben wissen (4.Aufzug,
8.Auftritt).
Dem klassischen Rollenverständnis ihres Vaters Thibaut d'Arc steht Johannas eher
untypische Lebensweise entgegen. Schon frühzeitig zeichnet sie sich nämlich durch
,,Andersartigkeit" aus. Sie geht einem friedlichen Beruf nach und hütet Schafe, ist
aber so mutig, eigenhändig einen Wolf zu erlegen, der ihre Herde bedroht. Sie steht
also einerseits mit beiden Beinen im Leben, hat aber auch Phasen, in denen sie
träumt und Visionen hat. Weil diese Visionen sie unter einem Baum ereilen,
bezichtigt ihr eigener Vater sie, mit dunklen, heidnischen Mächten im Bund zu sein.
5
Dem Baum gegenüber befindet sich jedoch eine Kapelle, was die Anwesenheit
christlicher Einflüsse bereits suggeriert. Außerdem ist es so, ,,dass Bäume und
Quellen als herausragende Naturphänomene bevorzugte Orte für Erscheinungen
und Offenbarungen sind." (Jai Mansouri 1988, S.347) Im Grunde müsste der Vater
Johanna noch am ehesten verstehen, schließlich hat er ebenfalls Visionen. Doch da
er wie gesagt ein eher klassisch-patriarchalisch geprägtes Rollenverständnis hat,
kann er Johannas ,,Anomalie" nicht billigen.
Johanna wird äußerlich als weiblich attraktiv beschrieben (S.37 ,,schön zugleich und
schrecklich anzusehn, um ihren Nacken in dunkeln Ringen fiel das Haar")
1
,
demgegenüber steht aber innerlich ihr ,,männlich Herz" (S.11), was der Vater als
,,eine schwere Irrung der Natur" ansieht (S.7). Auffällig sind in jedem Fall Johannas
,,mannhafte Tugenden wie Stärke, Tapferkeit und Mut" (Kollmann 2004, S.103),
wobei es dem Vater lieber wäre, sie würde sich durch eher bürgerliche Tugenden wie
,,Gleichmut, Pflichttreue und Anpassung" (Kollmann 2004, S.104) auszeichnen und
sich den Geschlechterkonventionen unterwerfen. Johannas Schwestern Margot und
Louison passen besser in das frauliche Ideal ihrer Zeit, da sie sich dem Willen des
Vaters beugen und sich verheiraten lassen.
Wie sehr sich Johanna später mit ihrer Mission identifiziert, beweist ihr Griff nach
dem Helm (S.11 ,,rasch und begierig darnach greifend"), dem Symbol des Kampfes.
Dies scheint neben der Jungfrauenerscheinung der zweite Beweis ihrer Berufung.
Das eine ist quasi irdischen Ursprungs, das andere himmlischen. Johanna
rechtfertigt ihr Tun mit einem göttlichen Auftrag, obwohl immer wieder ihre
Leidenschaft für den Kampf an sich durchschimmert. Sie bricht aus dem Alltag aus
um Großes zu vollbringen. Rational ist Johannas Siegeszug nicht erklärbar, denn sie
handelt intuitiv und daher unvorhersehbar. Sie tut das für sich selbst, eventuell noch
für eine höhere Macht, aber keinesfalls für die Gemeinschaft. Was Johanna
auszeichnet sind Charisma und Sendungsbewusstsein. Sie appelliert an das Gefühl
und kann so die Landsleute motivieren. Die Engländer folgen - ganz dem Ideal der
Aufklärung verhaftet - dem Verstand, vernachlässigen dadurch das Herz und
können so dem Phänomen nicht beikommen. Dass Schiller Johanna im
Widerspruch zu den geschichtlichen Überlieferungen auf dem Schlachtfeld statt auf
dem Scheiterhaufen sterben lässt (Kollmann 2004, S.124), zeigt, dass ,,Johanna
nicht Opfer der Männer wie in der Realität" (Kollmann 2004, S.124) ist und dass die
1
Die einfache Angabe von Seitenzahlen bezieht sich auf die Reclam-Ausgabe von Schillers ,,Die
Jungfrau von Orleans" laut Literaturverzeichnis im Anhang
0 Kommentare