Das Bild, das die Deutschen von den vielfältigen Formen des Widerstandes gegen den
Nationalsozialismus haben, hat sich seit Ende des Zweiten Weltkrieges stark gewandelt, so wie sich auch die Gesellschaft im Allgemeinen verändert hat. Bis zum Fall der Mauer waren das Widerstandsbild und die Deutung der einzelnen Akteure durch den Ost-West-Konflikt geprägt und in Folge dessen in der Bundesrepublik und der DDR grundverschieden. Wenn ein detaillierter Ausblick über der Geschichte der Bundesrepublik gegeben werden soll, erscheint es unerlässlich, auch auf die des sozialistischen Deutschlands einzugehen und umgekehrt. Genauso kann nicht einfach das Widerstandsbild und dessen Wandel in der westdeutschen Gesellschaft analysiert werden, ohne das der Ostdeutschen zu betrachten. Freilich wurde der Widerstand in beiden deutschen Gesellschaften völlig unterschiedlich bewertet, aber nach der Wiedervereinigung verschmolzen nicht nur zwei Gesellschaften und zwei politische Systeme miteinander, sondern auch zwei mal vierzig Jahre Historiographie. Die zwei gegensätzlichen deutschen Systeme hatten auch vierzig Jahre lang eine unterschiedliche Geschichtsschreibung und -forschung betrieben und dies natürlich auch in Bezug auf den Widerstand gegen das Hitler-Regime.
Dieser Umstand sollte nicht weiter verwundern, da die Geschichtswissenschaft, prinzipiell die Geisteswissenschaften allgemein, sehr stark auf staatliche Förderungsmittel angewiesen sind und deswegen leicht in die Situation geraten können, zugunsten von machtpolitischen Interessen instrumentalisiert zu werden. Im Übrigen können Geisteswissenschaften niemals völlig objektiv vorgehen, da die Autoren auch bei wissenschaftlicher Vorgehensweise immer auch eine subjektive Meinung vertreten, die unweigerlich in die Arbeit mit hinein fließt. Vor allem aber die Deutsche Demokratische Republik betrieb eine recht offensive Geschichtspolitik, so dass es nicht verwundern sollte, dass alle Geschichtswerke politisch ziemlich rot gefärbt erscheinen, um ins sozialistische Weltbild zu passen. Aber auch im Westen gab es natürlich Geschichtspolitik, die jedoch der des Ostens in keinster Weise das Wasser reichen konnte.
Alles in allem existierten in beiden deutschen Gesellschaften völlig andere Geschichtsbilder, vor allem in Bezug auf den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg, und somit natürlich auch über den Widerstand.
Um also unser heutiges gesamtdeutsches Widerstandsbild verstehen zu können, müssen wir die Veränderungen des Widerstandsbildes in beiden deutschen Teilsystemen analysieren.
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Bevor wir uns jedoch mit dem Widerstandsbild der Deutschen auseinandersetzen, müssen wir uns zunächst einmal klar machen, was unter Widerstand zu verstehen ist und welche Widerstandsgruppen es im Dritten Reich zu welchem Zeitpunkt gab. Denn wo beginnt eigentlich Widerstand? Können Leute, die in der Öffentlichkeit den Hitlergruß verweigerten, ansonsten aber passiv blieben, als Widerständler bezeichnet werden, oder können nur diejenigen als solche bezeichnet werden, die tatsächlich aktiv gegen das Regime aufbegehrten? Die Beantwortung dieser Frage hängt ganz entscheidend davon ab, wie breit der Widerstandsbegriff gefasst wird. Auch dies hat sich seit Ende des Zweiten Weltkrieges entscheidend verändert.
Allgemein unterscheidet Ian Kershaw in seiner Monographie Der NS-Staat vier Kategorien von politischer Nonkonformität: Zum einen Dissens, dann Opposition, des Weiteren Resistenz und schließlich Widerstand. Alle vier Verhaltenstypen haben eins gemeinsam: Alle sind auf irgendeine Art und Weise dem Regime gegenüber kritisch eingestellt. Während Personen, die sich in der Kategorie des Dissens’ (also der weichsten Form der Nonkonformität) befinden, nur in einzelnen Sachfragen dem Regime widersprechen, ansonsten aber auf Regierungskurs sind und deswegen untätig bleiben, wird in der Phase des Widerstands das System komplett abgelehnt und aktiv darauf hingearbeitet, dieses zu beseitigen. Opposition und Resistenz können als Zwischenstufen gewertet werden, in denen die Unzufriedenheit steigt, der Wille zum Handeln aber noch nicht ganz ausgeprägt ist.
Das Spektrum des Widerstands gegen das NS-Regime kann als sehr breit bezeichnet werden. Am bekanntesten ist sicherlich die Widerstandsgruppe des 20. Juli um Oberst von Stauffenberg, der 1944 vergeblich versuchte, Hitler im Führerhauptquartier Wolfsschanze/ Ostpreußen mit einer Bombe zu töten und hierfür mit dem Leben bezahlte. Zur Widerstandsgruppe des 20. Juli gehörten neben Claus Graf Schenk von Stauffenberg auch die Militärs Friedrich Olbricht, Albricht Ritter Merz von Quirnheim und Werner von Haeften. Widerstand existierte aber nicht nur auf Seiten der höheren Militärs und des alten preußischen Adels, sondern in allen Schichten der Gesellschaft.
In diesem Zusammenhang muss u.a. auch auf den Kreisauer Kreis um Carl Goerdeler, Ludwig Beck und Ulrich von Hassel verwiesen werden.
Während sich die bürgerlichen und konservativen Widerstandsgruppen aber erst in den letzten Kriegsjahren formierten, da ihre Mitglieder größtenteils einst selbst glühende Anhänger Hitlers und des Nationalsozialismus gewesen waren, standen Angehörige des linken Spektrums von Anfang an in Opposition zu Hitler, weswegen v.a. KPD-Mitglieder aber auch
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Abgeordnete der Sozialdemokraten bereits 1933 zur „Schutzhaft“ in Dachau und anderen Konzentrationslagern interniert wurden.
Auch außerhalb der politischen Parteien regte sich Widerstand: Zum einen von kommunistischen Verbindungen wie der Roten Kapelle, zum anderen von Gewerkschaften oder studentischen Organisationen, so z.B. der Weiße Rose um Hans und Sophie Scholl, die an der Universität München antinationalsozialistische Flugblätter verteilten. Am Widerstand beteiligt waren auch Mitglieder der beiden großen Kirchen. Während auf Seiten der katholischen Kirche der Münsterer Bischof Clemens August Graf von Galen zu nennen ist, dessen öffentliche Predigten das Euthanasie-Programm beendeten, sind auf evangelischer Seite vor allem zwei Namen bedeutsam: Pfarrer Martin Niemöller und der Theologe Dietrich Bonhoeffer, die beide in der konsequent antinationalsozialistischen „Bekennenden Kirche“ formiert waren.
Im Übrigen muss auf Einzeltäter wie Johann Georg Elser verwiesen werden, die bereits in den 30ern ohne funktionierendes Netzwerk im Hintergrund, auf eigene Faust versuchten, Adolf Hitler zu töten.
Je nachdem, wie breit der Widerstandsbegriff gefasst wird (also auch je nachdem, in welchem bundesdeutschen Jahrzehnt wir uns befinden), könnte man auch oppositionelle Kräfte zum Widerstand dazuzählen, die nicht aktiv an einer Verschwörung beteiligt waren, sondern vielmehr deren Mitglieder auf irgendeine Art und Weise logistisch unterstützen (in dem sie Informationen weiterleiteten oder Kost und Logis bereitstellten). Zu diesem Kreis der „indirekten Widerständler“ können auch solche Deutsche gezählt werden, die z.B. unter Gefährdung ihres eigenen Lebens, Juden bei sich aufnahmen, versteckten und so deren Deportation verhinderten. Als weiteres Beispiel möchte ich an die Industriearbeiter erinnern, die durch Sabotage oder einfach dadurch, dass sie langsamer arbeiteten, Sand ins Getriebe der militärischen Produktion streuten oder dies zumindest versuchten.
Schließendlich können auch die erklärten Gegner des Hitler-Regimes, wie z.B. Juden, Sinti und Roma oder Homosexuelle zum Widerstand gezählt werden. Zwar leisteten nicht alle von ihnen Widerstand, einige bauten jedoch in den Konzentrationslagern, in denen sie inhaftiert waren, Untergrundorganisationen aus, die versuchten, mit kommunistischen Verschwörern außerhalb der Lager und den alliierten Geheimdiensten in Kontakt zu treten.
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Joachim Graf, 2007, Die Veränderungen des Widerstandsbildes in der deutschen Gesellschaft (1945 bis heute), München, GRIN Verlag GmbH
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