Die Hauptunterschiede der beiden Systeme in Bezug auf die „production regimes“ Unter „production regimes“ versteht man die institutionell vorgegeben Rahmenbedingungen, die in die vier konstitutiven Teile Finanzsystem (I.), System der Arbeitsbeziehungen (II.), Berufsausbildungssystem (III.) und Beziehungen zwischen den Unternehmen (IV.) unterteilt und untersucht werden.
In Bezug auf I. dominiert in den liberalen Marktwirtschaften der Kapitalmarkt, wobei sich die Unternehmen ihr Kapital an der Börse besorgen, an der sie notiert sind. Dies impliziert zum einen die Orientierung an kurzen Zeithorizonten, zum anderen die Möglichkeit höherer Risiken. Anders bei den koordinierten Marktwirtschaften: Hier herrscht eine Bankendominanz vor, da die Industrie sich über Bankkredite finanziert, was den Banken Einflussnahme in den Aufsichtsräten verschafft. Die Gründe für diese Unterschiede sind in der Industrialisierung zu suchen, bei welcher sich Großbritannien auf wenig kapitalintensive Branchen (Textil z.B.) spezialisierte, die deutsche Stahlindustrie aber auf langfristig gebundenes Kapital angewiesen war, was nur die Banken zur Verfügung stellen konnten. Im System der Arbeitsbeziehungen dominieren in liberalen Ländern deregulierte Arbeitsmärkte, bei denen die Beschäftigten kaum Einfluss auf die Unternehmensführung nehmen können. Betriebsrätliche Mitbestimmung gibt es nicht, Löhne werden hauptsächlich auf der Unternehmerseite ausgehandelt. Die Beschäftigungspolitik ist wesentlich flexibler, Entlassungen können also wesentlich leichter vom top management durchgesetzt werden. Kennzeichnend für die koordinierten Staaten sind hingegen gewerkschaftliche Mitbestimmung, überbetriebliche Lohnaushandlung und ein begrenzter Kündigungsschutz. Beschäftigte können in nicht unerheblichem Ausmaß Einfluss auf die Unternehmensführung ausüben, der Druck durch Betriebsräte und Gewerkschaften ist enorm. Bezüglich III. wird in den angelsächsischen Ländern der Schwerpunkt auf allgemeine Kenntnisse gelegt, wobei Beschäftigte nur selten eine längere berufsbezogene Ausbildung erhalten und kaum in Fortbildungsprogrammen geschult werden. Wesentlich mehr Aufmerksamkeit wird der Aus- und Weiterbildung in den koordinierten Marktwirtschaften geschenkt, in denen die Beschäftigten eine intensive berufsbezogene Ausbildung durchlaufen, in welche die Wirtschaftsverbände und einzelnen Unternehmen relativ stark mit einbezogen werden.
Hinsichtlich der Unternehmensbeziehungen ist in liberalen Marktwirtschaften ein starker Konkurrenzdruck zu beobachten, wodurch wenige Möglichkeiten zur Kooperation bestehen. In Staaten wie der BRD bestehen dagegen erhebliche Möglichkeiten zur Kooperation, z.B. bei der Standardsetzung oder der technologischen Entwicklung. Des Weiteren bietet die gute
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Koordinierung untereinander und die korporatistische Organisierung vielfältige Einflussmöglichkeiten z.B. auf den Staat, mit dem Lösungen ausgehandelt werden können.
Leistungsvergleich zwischen den liberalen und koordinierten Marktwirtschaften Vergleicht man resultierend aus den vier erläuterten Faktoren der „production regimes“ die liberalen und koordinierten Marktwirtschaften in Bezug auf das BIP pro Kopf, die Bruttoinlandsinvestitionen, die Arbeitslosenquote, die Gesamtbeschäftigung und die Inflationsrate miteinander, so fällt auf, dass das angelsächsische Kapitalismussystem in vier der fünf makroökonomischen Kennziffern schlechter abschneidet als die beiden koordinierten Marktwirtschaften (national und dezentral). Lediglich bei der Inflationsrate sind die liberalen Marktwirtschaften nicht Schlusslicht, sondern liegen im Mittelfeld. Allerdings können Unternehmen angelsächsischer Staaten eine höhere Profitabilität vorweisen.
Die Konvergenzhypothese
Bis in die 60er Jahre hinein galt es als ausgemacht, dass sich alle Industrienationen aufgrund ihrer ähnlichen wirtschaftlichen Entwicklung langfristig aneinander angleichen würden, wobei die Konvergenzthese nicht nur von einer westinternen Angleichung zwischen liberalen und koordinierten Marktwirtschaften ausging, sondern auch eine Annäherung zwischen kapitalistischen und kommunistischen Regimes prophezeite. Als Begründung wurde auf den überall gleichen, fortschreitenden technologischen Fortschritt verwiesen. Mitte der 70er Jahre gerieten diese Überzeugungen aufgrund zweier Entwicklungen ins Wanken: Zum einen durch die Ölkrise und den Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems und zum anderen durch empirische Analysen auf Ebene der Unternehmen. Beide Prozesse bewirkten eine Umorientierung hinsichtlich der Konvergenzthese, da die Unterschiede zwischen den kapitalistischen Ökonomien in Bezug auf die Eigentumsstrukturen der Firmen, ihrer Finanzierungsquellen und der Kontrollmechanismen für Unternehmensführungen klar zu Tage traten. Auch in Zusammenhang mit der Globalisierung wird auf eine Angleichung der Systeme hingewiesen, da diese verstärkt zu internationalen Wirtschaftsverflechtungen, aber auch zu einer Abnahme staatlicher Steuerungsfähigkeiten führt. Starke deregulierende Tendenzen scheinen auf eine Anpassung in Richtung des angelsächsischen Modells hinzudeuten. Trotzdem wird wirtschaftspolitisches Handeln auch weiterhin möglich sein, weswegen Vorhersagen bezüglich der Durchsetzung des angelsächsischen Modells schwierig sind. Immerhin waren auch die Vereinigten Staaten, heute Sinnbild der angelsächsischen Marktwirtschaften, nicht immer „liberal“, sondern wiesen ebenfalls regulierende, koordinierte Tendenzen auf.
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II.) Ökonomische Leistungsfähigkeit und institutionelle Innovation „Catching up“, Rekonstruktion und wirtschaftliche Konvergenz
Zur Erklärung für langfristige Entwicklungsmuster der deutschen Wirtschaft wird einerseits auf die Theorie des „catching up“ und andererseits auf die Theorie der Rekonstruktionsperiode verwiesen.
Erstere vertritt die Auffassung, dass internationale Unterschiede bezüglich der Entwicklung von Produktivität und Technologie Konvergenzprozesse nach sich ziehen, wobei das weniger entwickelte Land den Technologiefortschritt des stärker entwickelten Landes nutzt, woraus ein starkes Wirtschaftswachstum resultiert, wobei das rückständige Land langfristig an das Produktionsniveau des anderen konvergiert.
Gemäß der zweiten Theorie setzt nach einem „exogenen Schock“, der den ansonsten konstanten Wachstumstrend abschwächt, eine Rekonstruktionsperiode ein, in welcher überdurchschnittliche Wachstumsraten die Rezessionsphase wieder ausgleichen. Beide Theorien versuchen, das deutsche Wirtschaftswunder zu erklären, was jedoch nur sehr begrenzt gelingt, da beide gesellschaftliche Institutionen vernachlässigen. Langfristige Wachstumsprozesse der Nachkriegszeit lassen sich hingegen wesentlich besser durch das Wechselspiel von ökonomischen Produktionsfaktoren und den nationalen Institutionen erklären, in welche die Ökonomie eingebettet ist. Sowohl das Wirtschaftswunder der 50er und 60er Jahre als auch die darauf folgende wirtschaftliche Einbruchphase lassen sich „gut mit den ordnungspolitischen Entwicklungen in Deutschland in Verbindung bringen.“ 1
Entwicklung von Produktivität und Produktionsregime
Ursprungsland kapitalistischer Strukturen ist Großbritannien, das jedoch in Bezug auf die Produktivität früh von den Vereinigten Staaten überholt wurde. Dicht and amerikanische Produktionsniveau herangekommen sind mittlerweile Deutschland und Japan, die ebenfalls Großbritannien überholt haben. Allerdings scheint die Dynamik der „catching-up“-Entwicklung in Bezug auf die BRD und Japan mittlerweile ein Ende gefunden zu haben. Entsprechend den Veränderungen der Produktivität der vier Volkswirtschaften haben sich auch deren Produktionsregimes gewandelt, dessen Transformationen mit den Produktivitätsherausforderungen und der Produktivitätsentwicklung zusammenhängen.
1 Zitat Klump, entnommen: Naschold, Frieder (1997): Ökonomische Leistungsfähigkeit und institutionelle Innovation. Das deutsche Produktions- und Politikregime im globalen Wettbewerb, in: Naschold et al. (Hrsgb.): Ökonomische Leistungsfähigkeit und institutionelle Innovation, WZB Jahrbuch 1997, Berlin, S. 23.
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Arbeit zitieren:
Joachim Graf, 2007, Comparative Capitalism, München, GRIN Verlag GmbH
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