5.2 Definition des Begriffs „Risikomanagement“ 41
5.3 Ziele des Risikomanagements 44
5.4 Kosten und Nutzen der betrieblichen Vorbereitung auf den
Pandemiefall 45
5.5 Umsetzung der Pandemieplanung als Bestandteil des
Risikomanagements im Unternehmen 46
5.6 Zusammenfassung: Risikomanagement vor dem Hintergrund einer
Pandemie 47
6 Pandemieplanung als Bestandteil des Risikomanagements 48
6.1 Betriebliche Pandemieplanung im Rahmen des Risikomanagements
48
6.2 Ansätze zur Umsetzung einer betrieblichen Pandemieplanung 50
6.2.1 Aufgabe der betrieblichen Pandemieplanung. 50
6.2.2 Pandemieplanung 51
6.3 Neuraminidase-Hemmer als Bestandteil der Pandemieplanung 56
6.4 Zusammenfassung: Pandemieplanung als Bestandteil des
Risikomanagements. 59
7 Fazit 61
Quellenverzeichnis 63
II
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1
Austausch von Grippeviren 6
Abbildung 2
Mögliche Auswirkungen einer Grippepandemie in Deutschland. 14
Abbildung 3
Auswirkungen einer Pandemie auf das öffentliche Leben 15
Abbildung 4
WHO Phaseneinteilung einer Influenzapandemie 16
Abbildung 5
H5N1-Fälle beim Menschen. 17
Abbildung 6
Pandemie-Szenarien: Nachfrageausfall 25
Abbildung 7
Auswirkungen der Pandemie auf Gewerbezweige im Worst-Case-
Szenarium 28
Abbildung 8
Einschätzung des betriebswirtschaftlichen Schadens einer Pandemie für
das eigene Unternehmen 29
Abbildung 9
Pandemiefolgen im eigenen Unternehmen 30
Abbildung 10
Schematischer Verlauf einer Pandemiewelle mit Auswirkungen auf den
Personalausfall 32
Abbildung 12
Risikoanalyse. 40
Abbildung 13
Risikoanalyse. 40
III
1 Einleitung
Unternehmerisches Handeln bedeutet, Risiken einzugehen, um Chancen zu nutzen. Dabei dürfen Risiken das Erreichen von Unternehmenszielen nicht gefährden. Aus diesem Grund umfasst eine erfolgreiche Unternehmensführung auch das Erkennen und Analysieren von Risiken sowie das Erreichen eines optimalen Chancen-Risiko-Profils für das Unternehmen. Dabei liegt der Focus der Risikobetrachtung auf Gefahren, die sich aufgrund einer unzureichenden Ausrichtung des Unternehmens auf das Geschäftsumfeld ergeben (strategische Risiken). Weiterhin werden Risiken beobachtet, die Folge einer negativen Entwicklung des Marktes sein können und somit eine Unsicherheit der zukünftigen Umsatzentwicklung bedeuten (Marktrisiken). Auch Risiken, die die finanzielle Stabilität und Liquidität eines Unternehmens betreffen (Finanzrisiken), Gefahren die sich aufgrund von gesellschaftlichen bzw. politischen Veränderungen ergeben und Risiken, die mit der internen Organisation und der Unternehmensführung im Zusammenhang stehen, werden im Management eines Unternehmens 1 berücksichtigt. In den letzten Jahren haben Terroranschläge, wie der Anschlag auf das World-Trade-Center oder Naturkatastrophen, wie im Jahre 2002 das Hochwasser an der Elbe, gezeigt dass Unternehmen nicht nur Risiken ausgesetzt sind, die sich allein aus ihrem wirtschaftlichen Handeln ergeben. Auf der einen Seite sind solche Ereignisse für die betroffenen Unternehmen so einschneidend, dass der gesamte Geschäftsbetrieb und damit die Existenz des
Unternehmens von ihnen bedroht ist. Auf der anderen Seite wird der Eintritt ei- nes solchen Ereignisses von den meisten Unternehmen für so unwahrschein- lich gehalten, dass eine Risikovorbereitung nicht notwendig erscheint. Für die genannten Beispiele eines Terroranschlages oder einer Naturkatastrophe mag diese Einschätzung auch zutreffend sein. Mit Ausbruch der Vogelgrippe in Süd- ostasien und den Auswirkungen der Lungenkrankheit SARS im Jahre 2003 trat jedoch eine weitere Bedrohung in den Blickpunkt der Öffentlichkeit - die Gefahr einer weltweiten Infektionskrankheit, einer Pandemie. Wie hoch das Risiko ei- ner Pandemie ist, wurde vom Präsidenten des Robert Koch-Instituts Reinhard Kurth, wie folgt kommentiert: „Die Frage ist dabei nicht, ob eine Pandemie 2 kommt, sondern wann sie kommt“. Die Auswirkungen einer Pandemie würden
1 Vgl. Gleißner, Werner / Lienhard, Herbert / Stroeder, Dirk H. (2004), S. 39.
2 Allianz, Rheinisch-Westfälisches Institut f. Wirtschaftsforschung (2006), S. 7.
1
sich nicht nur auf eine Belastung für das Gesundheitswesen begrenzen, sondern auch die Volkswirtschaften wären von den Effekten unmittelbar betroffen. Damit stellt sich auch für Unternehmen die Frage, wie weitreichend die Gefahr einer Pandemie im Rahmen des Risikomanagements aufgegriffen werden muss.
Im Rahmen dieser Arbeit sollen Antworten auf die wichtigsten Fragen im Zu- sammenhang mit den Risiken einer Pandemie für Unternehmen gegeben wer- den. Weiterhin sollen die Aspekte der Notwendigkeit einer Risikovorsorge vor den Gefahren einer Pandemie beleuchtet werden. Auf diese Weise soll dazu beigetragen werden, dass sich Unternehmen der Herausforderung einer sach- gerechten Pandemieplanung stellen.
Um dieses Ziel zu erreichen, wird im zweiten Kapitel auf die Entstehung von
Pandemien und deren Auswirkungen eingegangen. Anhand der Erfahrungen, die mit Pandemiefällen in der Vergangenheit gesammelt wurden, soll eine Risi- koeinschätzung für die Zukunft gegeben werden. Am Ende des Kapitels steht eine Beurteilung der augenblicklichen Gefahrensituation.
Das dritte Kapitel arbeitet die volkswirtschaftlichen Auswirkungen einer Pandemie heraus. Dabei werden sowohl die Konsequenzen auf der Nachfrageseite, als auch auf der Angebotsseite beleuchtet. Die kurz-, mittel- und langfristigen Auswirkungen einer Pandemie auf die Volkswirtschaft sind ein weiterer Schwerpunkt dieses Kapitels. Da jede Branche unterschiedlich durch den Ausbruch einer Pandemie betroffen sein wird, soll am Ende des Abschnitts die Wirkung einer Pandemie auf die unterschiedlichen Branchen erläutert werden.
Eine Pandemie wird Betriebe besonders durch den Ausfall von Mitarbeitern treffen. Weiterhin sind Störungen im Versorgungssystem und Änderungen im wirtschaftlichen Umfeld zu erwarten, die Auswirkungen auf das einzelne Unternehmen haben werden. Diese Effekte sollen im vierten Kapitel beleuchtet werden.
2
Die zuvor beschriebenen Auswirkungen auf das Unternehmen können im Rahmen des Risikomanagements aufgegriffen werden. Im fünften Kapitel soll daher diskutiert werden, was unter den Begriff Risiko und Risikomanagement zu verstehen ist. Auch sollen die Ziele und der Nutzen vom Risikomanagement definiert werden. Am Ende wird auf die Frage eingegangen, warum für das Risiko einer Pandemie eine spezielle Planung notwendig ist.
Das sechste Kapitel gibt Informationen über die Pandemieplanung als Bestandteil des Risikomanagements. Dabei sollen die Aufgaben sowie die Ansätze zur Umsetzung einer Pandemieplanung beleuchtet werden. Da in der Öffentlichkeit der Einsatz von Medikamenten, wie zum Beispiel „Tamiflu“, zur Vorsorge der Folgen einer weltweiten Infektionskrankheit aktuell diskutiert wird, soll in diesem Kapitel auch auf die Verwendung von Neuraminidase-Hemmern als Bestandteil des Risikomanagements eingegangen werden.
Neben einer Zusammenfassung der Inhalte dieser Arbeit soll als Abschluss ein Fazit gezogen werden, dass und anderen den Stellenwert einer Pandemie für das Risikomanagement eines Unternehmens verdeutlicht. Dabei wird auch die Frage zu beantworten sein, ob Risikomanagement, neben den dafür erforderlichen Anforderungen, auch eine Chance für das Unternehmen darstellt.
3
2 Pandemien
Der schwarze Tod (Hermann von Lingg)
Erzittre Welt, ich bin die Pest, ich komm' in alle Lande und richte mir ein großes Fest, mein Blick ist Fieber, feuerfest und schwarz ist mein Gewande. ...
Ich bin der große Völkertod, ich bin das große Sterben, Es geht vor mir die Wassernot, ich bringe mit das teure Brot, den Krieg tu' ich beerben. ...
Byzanz war eine schöne Stadt, und blühend lag Venedig; nun liegt das Volk wie welkes Blatt, und wer das Laub zu sammeln hat, wird auch der Mühe ledig. 3 ...
Das hier in Ausschnitten zitierte Gedicht von Hermann von Lingg verdeutlicht die verheerenden Folgen einer Pandemie auf die Menschheit am Beispiel der Pest. Zudem veranschaulicht es den Schrecken, den die Pest beim Menschen hinterlassen hat. Aber auch Ereignisse in neuerer Zeit zeigen, wie groß die Furcht vor einer weltweiten Infektionskrankheit ist. So versetzte im Jahr 2006 die steigende Zahl der mit Grippe infizierten Vögel die Öffentlichkeit in Angst und Schrecken und rückte die Gefahr einer weltweiten Pandemie in den Blick- 4 punkt der Öffentlichkeit.
3 Lingg, Hermann v. (1906).
4 Vgl. Muth, Clemens / Zweimüller, Manuela (2007), S. 6.
4
2.1 Definition des Begriffs „Pandemie“
Der Begriff Pandemie leitet sich aus dem Griechischen pan (= alles) und demos (= volk) ab. Von einer Pandemie wird gesprochen, wenn eine Erkrankung Län- 5 dergrenzen überschreitet und sich weltweit ausbreitet. Verursacher ist dabei
ein neuartiges Virus, welches hoch ansteckend ist und sich deshalb schnell in der Bevölkerung verbreitet wird. Aufgrund der Neuartigkeit des Virus besteht in 6 der Bevölkerung eine geringe Immunität. Ein aktuelles Beispiel für eine Pandemie ist die Ausbreitung des HI-Virus, als Verursacher der AIDS-Erkrankung. 1982 wurden die ersten Fälle einer Infektion mit dem HI-Virus in den USA registriert. In der Folgezeit infizierten sich Menschen in der ganzen Welt. Da die Übertragung nicht durch den alltäglichen Umgang mit infizierten Personen er- 7 folgen kann, breitet sich dieses Virus jedoch nur verhältnismäßig langsam aus. Trotz allem haben sich seit Anfang der achtziger Jahre weltweit über 60 Millio- 8 nen Menschen mit dem HI-Virus infiziert. Ein Virus mit einer höheren Ansteckungsrate könnte eine noch verheerendere Auswirkung haben. Gegenwärtig wird vor allem vor dem Ausbruch einer Grippepandemie gewarnt. So befürchtet David Nabarro, der UN-Koordinator für die Vogelgrippe, dass der Ausbruch einer Grippepandemie mit mehreren Millionen Todesopfern jederzeit eintreten 9 könnte.
2.2 Entstehen von Pandemien
Die WHO geht gegenwärtig davon aus, dass die Gefahr einer Pandemie auf- 10 grund von Influenzaviren am wahrscheinlichsten ist. Aus diesem Grund soll an
dieser Stelle das Entstehen einer Pandemie am Beispiel einer Infektion mit einem Grippevirus erläutert werden. Um zu verstehen, wie ein Grippevirus weltumspannend zu einer hohen Zahl von Erkrankten sowie einer hohen Sterblichkeitsrate führen kann, soll im Folgenden ein Überblick über die medizinischen Mechanismen, die zu einer Pandemie führen können, gegeben werden.
5 Vgl. Pickel, Michael (2005), S. 10.
6 Vgl. Allianz, Rheinisch-Westfälisches Institut f. Wirtschaftsforschung (2006), S. 10.
7 Vgl. Robert Koch-Institut, Statistisches Bundesamt (Hrsg.) (2006b), S. 10.
8 Vgl. Allianz, Rheinisch-Westfälisches Institut f. Wirtschaftsforschung (2006), S. 13.
9 Vgl. Hotz, Manuela / Müller-Gauss, Uwe (2006), S. 70.
10 Vgl. Weltgesundheitsorganisation WHO (2005), S. 4.
5
Grippeviren werden in drei Gruppen unterteilt, die man als Typ A, B und C bezeichnet. Dabei kann sich das Virus Typ B nur im Menschen vermehren, Typ C bei Menschen und Schweinen und das Influenzavirus Typ A kann sich neben Menschen und Schweinen auch bei Pferden, Vögeln und anderen im Wasser 11 lebenden Tieren vermehren. Influenzaviren des Typs A sind aufgrund dieser
Eigenschaft und ihrer Fähigkeit, immer neue Varianten zu bilden, Ursprung von
Pandemien. Wie sich ein Pandemievirus bilden kann, soll das folgende Szena- rio aufzeigen: Sollte sich ein Mensch gleichzeitig mit einem Vogelgrippevirus und einem Menschengrippevirus infizieren, besteht die Möglichkeit der Entste- hung eines neuen Virusstamms. Dieser Virusstamm übernimmt von beiden Vi- rustypen Genanteile. Der so entstandene Virus kann aufgrund der Vogelgrippe- anteile ein hohes Gefahrenpotential für den Menschen haben und aufgrund der Genanteile des Menschenvirus gleichzeitig hoch ansteckend sein. Die Entste- hung neuer Virusstämme durch Vermischung von Genanteilen, kann besonders durch Schweine erfolgen, weil Schweine sowohl Träger von Menschen-, als 12 auch von Vogelviren sein können.
Abbildung 1 Austausch von Grippeviren
Der aus dem Genaustausch des Vogelgrippevirus und einem menschlichen Grippevirus entstandene Krankheitserreger, birgt zurzeit die höchste Gefahr, der mögliche Ausgangspunkt für eine Pandemie zu sein. Nachdem dieses Virus
11 Vgl. Allwinn, Regina / Doerr, Hans Wilhelm (2005), S. 710.
12 Vgl. Schmitt, Heinz.-J. (2005).
13 Roche Deutschland (2008).
6
die Fähigkeit zur Übertragung von Mensch zu Mensch erlangt hat, ist mit einer 14 weltweiten Ausbreitung der Krankheit zu rechnen. Auch tragen folgende drei Gründe zur Ausbreitung der Grippeerkrankung bei:
1. Zwischen einer Infektion mit dem Virus und dem Ausbruch der Erkrankung vergehen bei einer Influenza bis zu vier Tage. In dieser Zeit ist bereits eine Ansteckung möglich, ohne dass der Überträger der Erkrankung selbst weiß, dass er bereits Virusträger ist.
2. Influenzaviren breiten sich durch die sogenannte „Tröpfcheninfektion“ aus. So werden sie aus geringer Distanz beispielsweise beim Sprechen, insbesondere aber durch Niesen, auf die Schleimhäute anderer Menschen über- 15 tragen.
3. Die hohe Mobilität von Menschen ermöglicht eine schnelle weltweite Aus- 16 breitung von Infektionskrankheiten.
Aufgrund der Neuartigkeit des Virus wurde das Immunsystem des Menschen bisher mit diesem Krankheitserreger nicht konfrontiert, so dass keinerlei Abwehrmechanismen entwickelt werden konnten und mit einer hohen Erkrankungsrate gerechnet werden kann. Auch ist aus diesem Grund zu befürchten, dass der Krankheitsverlauf schwerwiegend sein wird und mit einer hohen Mor- 17 talitätsrate zu rechnen ist. Eine Schutz durch Impfungen wird absehbar nicht
möglich sein, weil die Entwicklung eines Grippeimpfstoffs erst dann erfolgen kann, wenn eine Identifizierung des neuen Influenzavirus erfolgt ist. Dabei ist zu beachten, dass von der Entschlüsselung des Virus bis zur Zulassung eines Impfstoffs ein Zeitraum von bis zu acht Monaten vergehen kann. Insofern muss davon ausgegangen werden, dass im ersten Jahr nach Ausbruch einer Grippepandemie ein nur sehr begrenztes Kontingent an Impfdosen zur Verfügung
14 Vgl. Allianz, Rheinisch-Westfälisches Institut f. Wirtschaftsforschung (2006), S. 17.
15 Vgl. Hotz, Manuela / Müller-Gauss, Uwe (2007a), S. 19.
16 Vgl. Schröder-Bäck, Peter / Sass, Hans-Martin / Brand, Helmut et al. (2008), S. 195.
17 Vgl. Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, Regierungspräsidium Stutt- Landesgesundheitsamt (2007), Anhang 2 H1, S. 4.
7
18 steht. Durch das Fehlen eines Impfschutzes in der Bevölkerung sind die Möglichkeiten, die Verbreitung des Virus zu verhindern, stark eingeschränkt.
2.3 Auswirkungen bisheriger Pandemiefälle
Pandemien stellen zwar ein seltenes Ereignis dar, traten aber immer wieder in der Geschichte auf. Um die Auswirkungen einer zukünftigen Pandemie abschätzen zu können, ist es lohnenswert, den Verlauf und die Auswirkungen vergangener Pandemiefälle genauer zu betrachten. Der Vergleich bisheriger Pandemien bietet die Gelegenheit, gemeinsame Faktoren abzuleiten, die eine bessere Einschätzung der Folgen einer zukünftigen Pandemie ermöglichen.
Seit dem Jahr 1700 wurden weltweit bis zu 13 Grippepandemien gezählt. Die letzten drei ereigneten sich im vergangenen 20. Jahrhundert: in den Jahren 1917/1918 die „Spanische Grippe“, 1957 die „Asiatische Grippe“ und im Jahre 19 1968 die „Hongkong Grippe“. Die „Spanische Grippe“ ist mit vierzig bis fünfzig 20 Millionen Todesopfern ein Beispiel für eine weltweite Infektionskrankheit mit einem schweren Verlauf. Demgegenüber stehen die „Asiatische Grippe“ mit weltweit einer Million Todesopfern und die „Hongkong Grippe“ mit circa 700.000 21 Todesopfern , für Pandemien mit einem moderaten Verlauf. Die Auswirkungen von aggressiven Infektionskrankheiten in der heutigen Zeit können anhand der Folgen der Lungenkrankheit SARS aufgezeigt werden. Im Jahr 2003 erkrankten weltweit mehr als 3.000 Menschen an SARS. Hiervon verstarben mehr als 22 1.000 Menschen. Damit erreichte SARS zwar nicht den Status einer Pandemie, jedoch waren die Konsequenzen dieser Erkrankung weltweit zu spüren und erlauben so Rückschlüsse auf die Effekte einer Krankheitswelle in der heutigen Zeit.
18 Vgl. Fock, Rüdiger (2001), S. 972.
19 Vgl. IBM Global Tchnology Services (2006), S. 3.
20 Vgl. Witte, Wilfried, (2006), S. 5.
21 Vgl. Allianz, Rheinisch-Westfälisches Institut f. Wirtschaftsforschung (2006), S. 12.
22 Vgl. Haas, Walter H. (2005), S. 1020.
8
Spanische Grippe
Die „Spanische Grippe“ nahm im Frühjahr 1918 als Grippewelle in Europa und Asien ihren Anfang. Da die Grippe zuerst in San Sebastián, einem spanischen 23 Feriendorf auftrat, bekam sie den Namen „Spanische Grippe“. Auslöser dieser
Grippepandemie war ein Vogelgrippevirus, welches direkt auf den Menschen 24 übersprang. Durch reine Mutation des Vogelgrippevirus erlangte dieser Krankheitserreger die Fähigkeit, Menschen zu infizieren. Da diesem neuartigen Virus Genabschnitte eines Menschenvirus fehlten, war es mit Blick auf eine Infektion von Menschen gänzlich unbekannt und erlangte so die Fähigkeit, eine 25 hohe Opferrate hervorzurufen. Bis zum Sommer 1918 ebbte die erste Grippewelle wieder ab. Diese erste Krankheitswelle war vor allem durch eine hohe 26 Krankheitsrate gekennzeichnet, jedoch war die Mortalitätsrate relativ gering. Ende August 1918 verursachte das Virus der Spanischen Grippe allerdings eine zweite Erkrankungswelle. Wobei die Symptome zunächst denen eines grippalen Infektes ähnlich waren. Jedoch wandelte sich die Erkrankung nach wenigen Tagen zu einer schweren Lungenentzündung. So beschrieb ein Militärarzt die „Spanische Grippe“ mit den Worten: „Die Kranken spuckten Blut und starben oft 27 einen grausamen Erstickungstod.“ Insgesamt waren bis zu fünfzig Prozent der 28 damaligen Weltbevölkerung mit dem Virus infiziert. Für die Bevölkerung war
die Überforderung des Gesundheitssystems besonders bedrohlich. So erkrankten allein in Nürnberg in der Zeit vom 12. bis zum 18. Oktober über 3.000 Menschen an der „Spanischen Grippe“. Mit der Folge überfüllter Krankenhäuser, des Stillstands des öffentlichen Lebens und weitreichender Beunruhigung der in 29 der Bevölkerung.
Das Besondere an dieser Krankheit war die 25 mal höhere Mortalitätsrate ge- 30 genüber einer gewöhnlichen Grippe. Auffällig war zudem die Verteilung der
Grippeopfer innerhalb der Bevölkerung. Normalerweise versterben vor allem Kinder und ältere Menschen. Die Sterblichkeitsrate kann bei einer gewöhnli-
23 Vgl.
24 Vgl. Meyer, Rüdiger (2004), S. A609.
25 Vgl. Paukstadt, Waltraud (2005), S. 5.
26 Vgl. Witte, Wilfried (2006), S. 5.
27 Allianz, Rheinisch-Westfälisches Institut f. Wirtschaftsforschung (2006), S. 12.
28 Vgl. Hotz, Manuela / Müller-Gauss, Uwe (2006), S. 70.
29 Vgl. Jütte, Robert (2006), S. A33.
30 Vgl. Allianz, Rheinisch-Westfälisches Institut f. Wirtschaftsforschung (2006), S. 12.
9
chen Grippe somit U-förmig abgebildet werden. Bei der „Spanischen Grippe“ bildet die Sterblichkeitskurve jedoch ein W ab, weil zusätzlich eine Spitze bei 31 jungen Erwachsenen zu verzeichnen war. Mit der dritten Welle, deren Sym- 32 ptome weitaus schwächer ausfielen, endete 1920 diese Pandemie.
Zusammenfassend lassen sich folgende Erkenntnisse aus der Grippepandemie von 1918/1920 ableiten. Die „Spanische Grippe" wurde durch ein Virus ausgelöst, das direkt von Vögeln auf den Menschen übergegangen ist. Dieses Virus benötigte nicht den Zwischenschritt über ein anderen Wirt, wie z. B. den Infektionsweg über Schweine, um den Menschen zu infizieren. Die „Spanische Grippe“ trat darüber hinaus in mehreren Wellen auf, was bedeutete, dass die Welt in mehreren Schüben mit der Krankheit konfrontiert wurde. Jeder dieser Schübe hatte unterschiedlich starke Auswirkungen. Mit den Folgen dieser Pandemie war das Gesundheitssystem entsprechend überfordert. Die Hilflosigkeit des Gesundheitswesens führte zu panikartigen Reaktionen in der Bevölkerung. Auch die hohe Morbiditäts- und Mortalitätsrate der „Spanischen Grippe“ demonstriert, wie bedeutend eine Pandemie in ihren Auswirkungen sein kann. Ebenso ungewöhnlich ist die Sterblichkeit bei jungen Erwachsenen, die zeigt, dass eine Pandemie auch außerhalb der üblichen Risikogruppen, wie Kinder und Ältere, grassieren kann.
Asiatische Grippe und Hongkong Grippe
Die 1957 ausgebrochene „Asiatische Grippe“ hatte ihren Ursprung in China. Flüchtlinge brachten das Virus nach Hongkong, von wo aus es sich durch Reisende auch auf dem amerikanischen Kontinent und nach Europa gelangte. 1968 folgte die „Hongkong Grippe“ als deren Verursacher eine Mutation des 33 Krankheitserregers der „Asiatischen Grippe“ ausgemacht wurde. Ebenso wie
bei der „Spanischen Grippe“ verliefen die „Asiatische„ und die „Hongkong Grippe“ in Wellen, wobei auch in diesen Fällen von Pandemien die zweite Welle die 34 verhängnisvolleren Auswirkungen hatte. An der „Asiatischen Grippe“ verstar-
31 Vgl. Stracke, Andrea / Heinen, Winfried (2006), S. 6.
32 Vgl. Allianz, Rheinisch-Westfälisches Institut f. Wirtschaftsforschung (2006), S. 12.
33 Vgl. Allianz, Rheinisch-Westfälisches Institut f. Wirtschaftsforschung (2006), S. 12.
34 Vgl. Reiter, Sabine / Haas, Walter (2005), S. 36.
10
Deutschland. Weltweit 700.000 Menschen erlagen der „Hongkong Grippe“. 35 Auch hier verzeichnete die Bundesrepublik circa 30.000 Todesopfer.
Die „Asiatische“ wie auch die „Hongkong Grippe“ verdeutlichen, dass eine Pandemie nicht immer so verhängnisvoll verlaufen muss wie die „Spanische Grippe“. Auch hier zeigt sich, dass Pandemien in mehreren Wellen auftreten und sich die Erkrankung in der ganzen Welt ausbreiten kann. Weiterhin wurde festgestellt, dass die weltweite Übertragung durch die Mobilität der Menschen besonders gefördert wurde.
36 SARS
Im Jahr 2003 zeigte die Verbreitung des SARS-Virus, dass auch weiterhin die Gefahr einer weltweiten Seuche besteht. Die Betrachtung der Folgen von SARS verdeutlicht die Konsequenzen einer bedrohlichen Infektionskrankheit in der heutigen Zeit. Die Erkrankung SARS wurde erstmals im Februar 2003 in Hanoi beschrieben. Hervorgerufen wird SARS durch eine Unterart von Coronaviren. Coronavieren waren bisher als Überträger von harmlosen Erkältungserkran- 37 kungen in der Medizin bekannt. Die Symptome von SARS sind mit denen einer Lungenentzündung vergleichbar und umfassen Fieber, Atembeschwerden, Husten, Hals-, Kopf- und Muskelschmerzen sowie Übelkeit, Erbrechen und Durchfall. Die Zeitspanne zwischen der Ansteckung und dem Ausbruch der Krankheit kann zwischen zwei und zehn Tagen variieren. Auch SARS wird wie 38 Grippeviren durch Tröpfcheninfektion übertragen. Bedrohlich war die hohe
Todesrate bei SARS Patienten. So verstarben zehn Prozent aller Patienten und in der Altersklasse ab sechzig Jahren verstarben ca. fünfzig Prozent der Er- 39 krankten an den Folgen von SARS.
Diese Tatsachen veranlassten die WHO am 12. März 2003 einen globalen Alarm auszurufen. Sie empfahl, nicht dringend notwendige Reisen in Gebiete, die 40 von SARS betroffen waren, zu verschieben. Insgesamt erkrankten in der Zeit
35 Vgl. Allianz, Rheinisch-Westfälisches Institut f. Wirtschaftsforschung (2006), S. 12.
36 SARS: schweres akutes respiratorisches Syndrom (deutsche Übersetzung)
37 Vgl. Rossboth, Dieter / Kraus, Günther / Allerberger, Franz (2006), S. 92.
38 Vgl. Gaber, Walter / Hofmann, Rainer (2003), S. 3.
39 Vgl. Marschall, Manfred / Fleckenstein, Bernhard (2007), S. 8.
40 Vgl. Glasmacher, Susanne / Kurth, Reinhard (2006), S. 12.
11
von November 2002 bis Juli 2003 cirka 8.000 Personen an SARS, von denen 774 Menschen verstarben. Von der Erkrankung waren rund dreißig Länder auf 41 sechs Kontinenten betroffen. Durch die Ausbreitung von SARS wurde bewiesen, dass in einer globalisierten Welt die Verbreitung einer Krankheit in kürzester Zeit möglich ist. Computermodelle, die anhand der Verbreitung von SARS entwickelt wurden, zeigen, dass die Flughäfen London, New York und Frankfurt für die Ausbreitung einer Epidemie hauptverantwortlich sind. Grund ist die hohe 42 globale Vernetzung dieser Flughäfen. Weiterhin konnten folgende Erkenntnisse aus der SARS-Epidemie gewonnen werden. Durch die engen weltweiten wirtschaftlichen Beziehungen verstärkten sich die ökonomische Folgen dieser Krise. Aufgrund der Einflussnahme der Medien auf die Bevölkerung wurden 43 Ängste bis in das Stadium einer Panik gesteigert. Diese Auswirkungen sind
besonders zu beachten, weil keine objektiven Gründe für Panikreaktionen vorlagen. Die wirtschaftlichen Folgen der SARS-Krise, die medizinisch betrachtet im Rahmen der normalen Krankheitsereignisse lagen, waren enorm. So betrug der ökonomische Schaden im asiatischen Raum ca. zwanzig Milliarden US- 44 45 Dollar und weltweit um die sechzig Milliarden US-Dollar. Aber auch positive
Aspekte konnten beobachtet werden. Aufgrund der weltweiten Zusammenarbeit war der Aufbau eines internationalen Netzwerkes zur Erforschung und Bekämpfung der Krankheit in kurzer Zeit möglich, wodurch es gelang, das SARS-Virus 46 in kurzer Zeit erfolgreich zurückzudrängen.
2.4 Szenarien einer zukünftigen Pandemie
Um die Folgen einer zukünftigen Pandemie beurteilen zu können, ist es sinnvoll, entsprechende Szenarien zu entwickeln. Dabei ist zu beachten, dass wichtige Fragen für die Vorhersage des Gefahrenpotentials nicht beantwortet werden können. So sind Aussagen über den Ausgangsort der Pandemie, die Ge-
41 Vgl.
42 Vgl. Geisel, Theo (2004), S. 3.
43 Vgl. Bundesamt für Gesundheit, Abteilung Epidemiologie und Infektionskrankheiten (2003),
S. 544.
44 Vgl. Allianz, Rheinisch-Westfälisches Institut f. Wirtschaftsforschung (2006), S. 40.
45 Vgl. Hewitt, Jonathan (2006), S. 14.
46 Vgl. Bundesamt für Gesundheit (2003), S. 544.
12
47 schwindigkeit der Ausbreitung und die Gefährlichkeit des Virus nicht möglich. Trotzdem können Erfahrungen, die im Rahmen von Pandemiefällen in der Vergangenheit gesammelt wurden, Ausgangspunkt einer Prognose für die Zukunft sein.
Um abschätzen zu können, mit welchen Auswirkungen bei einer Pandemie zu rechnen ist, sollte man zunächst den schlimmsten möglichen Fall (worst case) betrachten. Dafür können die Eckdaten der „Spanischen Grippe“ zugrunde gelegt werden. Für die Bundesrepublik könnte dies bedeuten, dass ca. 20 bis 25 Millionen Menschen an einer Grippe erkranken würden. Hiervon würden ca. 1,2 Millionen Menschen an einer Lungenentzündung leiden. Aufgrund dessen ist mit ca. 200.000 zusätzlichen Krankenhauseinweisungen zu rechnen, was bei einer durchschnittlichen Aufenthaltsdauer von 8,2 Tagen zu 1,6 Millionen zusätzlichen Krankenhaustage führen würde. An den Folgen der Influenza würden allein in Deutschland circa 120.000 Menschen sterben. Rechnet man die Todesopfer hinzu, die mit einer Influenza assoziiert würden, stiege die Zahl auf 48 absehbar 175.000 Menschen.
Es ist jedoch zu beachten, dass diese Zahlen wahrscheinlich kein realistisches Bild für die Auswirkungen einer zukünftigen Pandemie darstellen. Im Vergleich zur Situation von 1918 stehen in der heutigen Zeit mehr Medikamente und ein 49 leistungsfähigeres Gesundheitssystem zur Verfügung. Aus diesem Grund 50 wurde für den Nationalen Pandemieplan von moderateren Zahlen ausgegangen. Bei diesen Planungen geht man von einer Erkrankungsrate von 30 - 35 Prozent der Bevölkerung aus. Dies würde in der Bundesrepublik zu etwa 12 Millionen zusätzlichen Arztbesuchen und 360.000 zusätzlicher Krankenhauseinweisungen führen. An den Folgen würden absehbar 96.000 Menschen versterben. Um eine realistische Risikoplanung vornehmen zu können und die Wirksamkeit von beabsichtigten Maßnahmen überprüfen zu können, ist eine all zu moderate Einschätzung einer zukünftigen Pandemie jedoch nicht empfeh- 47 Vgl.Bundesamt f. Bevölkerungsschutz u. Katastrophenhilfe, Regierungspräsidium Stuttgart
(2007), Anhang 2, H1, S. 1.
48 Vgl. Fock, Rüdiger (2001), S. 971.
49 Vgl. Allianz, Rheinisch-Westfälisches Institut f. Wirtschaftsforschung (2006), S. 18.
50 Nationaler Pandemieplan: Auf Empfehlung der WHO entwickelte das Robert Koch Institut
einen Notfallplan für den Fall einer Grippepandemie. Dieser Pandemieplan wurde im Bundes- veröffentlicht und ist Bestandteil der Nationalen Katastrophenvorsorgeplanung.
13
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André Grimmelt, 2008, Pandemien - Herausforderung für das Risikomanagement von Unternehmen?, München, GRIN Verlag GmbH
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