1 Einleitung
Imperium, ein Wort das seit dem Altertum in immer wieder anderen Kontexten verwendet wird und eine gewisse Vorstellung von Größe, Macht und Stärke impliziert. Vor allem die Imperien der Vorkriegszeit versuchten diese Vorstellungen zu bestärken oder neu zu interpretieren. Sie sahen gerade in dieser mystischen Verklärung eine Möglichkeit ethnische Konflikte zu entschärfen und den Völkerschaften die innerhalb dieser Imperien nun vereint waren eine gemeinsame nationale Identität zu stiften. Die drei kontinentalen Imperien waren in historischen Maßstäben von nicht allzu langer Dauer. Trotzdem sind die Auswirkungen der damaligen Politik gerade in Zentral- und Osteuropa bis heute zu spüren. Nationale Identität und politische Herrschaft sind jedoch nicht immer deckungsgleich, gerade in einem multiehtnischen Raum kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen der beherrschenden Macht und den Minderheiten. Vor allem Österreich-Ungarn hat durch seine besondere geopolitische Lage viele dieser Konflikte erlebt und überlebt, trotzdem ist der Gesamtstaat nach dem Ende des ersten Weltkrieges recht schnell und ohne größere Konflikte aufgelöst worden. Das führte jedoch keineswegs zu einer Befriedung der Region, die Konflikte die danach aufgeflammt sind waren noch um einiges blutiger und langwieriger als alles was innerhalb der Zeit des Bestehens des Habsburgerreiches geschehen war und die Region ist bis heute nicht vollkommen zur Ruhe gekommen Es fehlte also das Regulativ des alles beherrschenden Imperiums. Aber war das Imperium wirklich so sinnstiftend für die einzelnen Bevölkerungsgruppen, dass sie ihre ethnischen Differenzen friedlich und auf politischer Ebene ausgetragen haben und erst als es nicht mehr vorhanden war alles im Chaos versank? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, eignet sich die Betrachtung eines Grenzraumes sehr gut. Grenzräume stellen innerhalb der Nationalstaaten immer besondere Gebiete dar. Sie sind die Schnittstelle zu den Konkurrenten, hier werden Waren und Gedanken ausgetauscht, und doch werden sie meist als rückständig betrachtet. Eigentlich müssten sie ja besonders gut entwickelt sein, da sie in ihrer Schnittstellenfunktion von beiden Seiten profitieren müssten. Dies ist aber selten der Fall. Die Grenze durchschneidet den Lebensraum von Menschen, beeinflusst Infrastruktur und Handelswege. Vor allem während des Imperialismus führte die Abschottung der Nationalstaaten dazu, dass in Grenzräumen gewachsene Strukturen zerstört wurden. Am einschneidensten wirkte
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sich wohl die Trennung ganzer Ethnien und ihre Verteilung auf verschiedene neue Staaten mit eigener nationaler Identität aus. Galizien ist für eine solche ethnische Trennung ein besonders gutes Beispiel. Nach den polnischen Teilungen fand sich hier der Kern einer alten polnischen Adelsnation zusammen die plötzlich ihres Staates beraubt wurde. Es war also nicht so, dass das Imperium plötzlich in einen leeren Raum eindrang und der Bevölkerung die Segnungen der Zivilisation brachte, sondern auf eine Bevölkerung traf die sich noch nicht über ihre nationale Identität im Klaren war. Die ersten Schritte zur Bildung eines eigenen Nationalstaates waren jedoch in Polen schon gemacht. Die Entwicklung wurde durch die Teilungen nur jäh unterbrochen. Das Eindringen des Imperiums führte nun zu einem erhöhten Druck die Frage nach einer nationalen Identität zu beantworten.
Der gesellschaftliche Wandel trug sein übriges dazu bei, dass die Frage nach der nationalen Identität des Einzelnen immer wichtiger wurde. Die alte feudale Ständeordnung wurde abgelöst durch den eine dynamische Wirtschaftsordnung. Zum orbis interior des Einzelnen gesellte sich plötzliche ein naher orbis exterior der direkten Einfluss auf das eigene Leben hatte und nicht von fernen Mythen und Legenden geprägt war. Die Individualisierung des Menschen schritt immer weiter voran und der Einzelne war nun in der Lage sein Leben selbst zu bestimmen und auch willens dazu. Diese Zeit großer Umbrüche führte dazu, dass die Menschen nach neuen Werten und Orientierungspunkten zu suchen begannen. Der Nationalismus bot ihnen die Möglichkeit, sich zu orientieren und neuen Halt zu finden. Er inkludierte einzelne aber exkludierte dafür auch wieder viele. Das führte gerade in den Grenzräumen zu einer Vielzahl von Konflikten. Das Imperium Österreich-Ungarn stand nun vor der Aufgabe möglichst viele Menschen in seine nationale Identität zu inkludieren, unabhängig von ihrer Ethnie. Am Beispiel Galiziens soll in der vorliegenden Arbeit gefragt werden, ob das dem Imperium Österreich-Ungarn gelungen ist, oder ob sich innerhalb des Grenzraumes eigene nationale Identitäten herausgebildet haben. Betrachtet wird der Zeitraum von 1867 bis 1918. Um 1867 war das deutsche Kaiserreich noch nicht als Imperium vorhanden. Österreich-Ungarn hatte jedoch sowohl seine territoriale als auch seine staatsrechtliche Neuordnung weitestgehend abgeschlossen. Das Ende des Betrachtungszeitraumes wird durch das Ende des ersten Weltkrieges markiert. Mit seinem Ende hörten auch die drei Imperien auf zu existieren. Als Grundlage der Arbeit dienten die sehr umfangreichen Studien der Kommission für die geschichte des Habsburgerreiches 1 sowie Studien zur jüdischen Geschichte in diesem Raum. 2
1 Rumpler, Helmut/Urbanitsch, Peter (Hrsg.): Die Habsburgermonarchie 1848-1918. Wien: Verl. der Österr. Akad. der Wiss., 2000.
2 Bartal, Israel/Polonsky, Antony (Hrsg.): Focusing on Galicia: Jews, Poles and Ukrainians 1772-1918. Band 12, Littman Library of Jewish Civilization,, 1999
Häusler, Wolfgang: Das galizische Judentum in der Habsburgermonarchie: im Lichte der zeitgenössischen Publizistik und Reiseliteratur von 1772-1848. München: Oldenbourg, 1979
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Für ein zeitgenössisches Bild der Region empfiehlt sich das Studium des Band 19 von“ Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild“. 3 Gerade zur Geschichte der polnischen Ethnie existiert ebenfalls eine Fülle von Veröffentlichungen. Diese sind jedoch nicht immer frei von politischen Stellungnahmen oder der Intention, dass Bild einer geschlossenen unterdrückten Nation zu schaffen und werden deshalb nur sehr eingeschränkt verwendet. 4 Das statistische Material aus dieser Zeit ist sehr kritisch zu betrachten. Die Volkszugehörigkeit wurde in den offiziellen Zählungen über die gesprochene Sprache ermittelt nicht über die ethnische Herkunft. Gleichzeitig wurden diese Erhebungen größtenteils von polnischen Beamten durchgeführt die aus politischen Gründen an einem besonders hohen Anteil an Polen interessiert waren. Gleichzeitig stieg die Mobilität der Menschen in dieser Zeit sehr stark und die Datenbasis ist nicht immer verlässlich. Aus diesem Grund wurden nur wenige statistische Daten in der Arbeit verwendet. Im ersten Teil werden die wirtschafltichen und politischen Verhältnisse in Galizien betrachtet, der zweite Teil beschäftigt sich dann näher mit den einzelnen Ethnien. Der Forschungsstand ist sehr gut, fast alle Aspekte der Geschihcte des Habsburgerreiches wurden bereits in umfassender Breite untersucht. Allein zur Wirtschaftsentwicklung Galiziens im besonderen wurde bisher leider nur wenig gearbeitet. Vor allem die Auswirkungen der ständigen Grenzveränderungen auf den ökonomischen Mikrokosmos Galizien harren noch einer Erforschung.
Gaisbauer, Adolf: Davidstern und Doppeladler; Zionismus und jüdischer Nationalismus in Österreich 1882-1918. Wien: Böhlau, 1988
3 Bobrnyunsky, Michael: Seit der Vereinigung. In Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild. Band 19, Wien, 1898.
4 Buszko, Jozef: Das autonome Galizien als Zentrum der polnischen Unabhängigkeitsbewegung. In Mack, Karlheinz (Hrsg.): Galizien um die Jahrhundertwende. Verl. für Geschichte und Politik, 1990; Struve, Kai: Bauern und Nation in Galizien: über Zugehörigkeit und soziale Emanzipation im 19. Jahrhundert. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht,, 2005.
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2 Das Verhältnis zwischen Reich
und Grenzraum
Neben Deutschland und Russland ist Österreich-Ungarn eines der der drei kontinentalen Imperien dieser Zeit. Staaatsrechtlich handelt es sich dabei jedoch um eine einzigartige Konstruktion. Nur auf den ersten Blick handelt es sich um einen rein autokratisch regierten Staat mit einer zentralen Verwaltung. Der zweite Blick offenbart eine stark föderale Struktur mit weitgehenden Rechten für die einzelnen Ethnien. Besonders deutlich wird dies natürlich am Beispiel der Ungarn. Mit der Etablierung der Doppelmonarchie wurde ein Bündnis zwischen zwei staatsrechtlich souveränen Staaten geschaffen, jeweils mit eigener Gerichtsbarkeit, einer eigenen Militärorganisation und rechtlich gesehen mit einem eigenen Staatsoberhaupt. Die Probleme die aus einer solchen Konstruktion entstehen können werden am Beispiel des ungarischen Aufstandes von 1848 deutlich. Mehr als eintausend Offiziere der Habsburger Armee entschieden sich auf der Seite Ungarns zu kämpfen und sahen darin nicht einmal einen Verrat. Denn sie hatten ihren Eid auf den König von Ungarn geschworen und nicht auf den Kaiser von Österreich. Diese beiden Monarchen wurden aber durch ein und dieselbe Person verkörpert. 5 Hier zeigt sich das Problem eines abstrakten Verständnisses von Monarchie. Die Staaten befanden sich alle noch auf dem Weg in die Moderne. Personale Elemente der frühneuzeitlichen Feudalgesellschaft wurden nach und nach durch abstrakte Symbole, ersetzt die den Staat repräsentierten. Durch die Vermischung der personalen und abstrakten Elemente kommt es zu Konflikten die durchaus bizarr anmuten. Dieser Sonderstatus der Ungarn wurde allerdings erst mit der Dezemberverfassung 1867 in den Staatsaufbau integriert. Damit wurde der einfache Zentralismus durch einen doppelten ersetzt. Wurde das Imperium vorher von Wien aus geführt, entstanden nun de facto zwei unabhängige Staaten mit den Zentren Wien und Budapest. Diese weitreichenden Sonderrechte wurden nun in abgeschwächter Form auch von den anderen Ethnien beansprucht. Diese konnten sich aber gegenüber der Zentralregierung nicht durchsetzen.
5 Deak, Istvan: Beyond Nationalism. A Social and Political History of the Habsburg Ocer Corps, 1848-1918. New York, NY: Oxford University Press, 1990, 36.
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Der Gesamtstaat Österreich-Ungarn wurde zusätzlich noch durch seine Grenzlage zum osmanischen Bereich belastet. Die ständigen Grenzkonflikte und die ungeklärten politischen Verhältnisse auf dem Balkan banden ständig Ressourcen, die für die Modernisierung des Landes nicht zur Verfügung standen. Der Adel konnte seinen politischen Einfluss stetig behaupten und verhinderte oft dringend notwendige politische Reformen.
2.1 Entstehung der Provinz
Galizien entstand nach der ersten polnischen Teilung im Jahre 1772 als „Königreich Galizien und Lodomerien“ 6 aus Teilen der Woiwodschaften Ruskie, Krakowskie und Podolskie. 7 Es wurde damit ein Kronland in Cisleithanien 8 , dem österreichischem Teil Österreich-Ungarns, und erhielt innerhalb der österreichischen föderalen Struktur den gleichen Status wie alle anderen Teile des österreichischen Teils der Doppelmonarchie. An der zweiten polnischen Teilung 1793 war Österreich nicht beteiligt. In der dritten Teilung erhielt es noch das sogenannte Westgalizien hinzu. Dies ging aber im Zuge der napoleonischen Kriege wieder verloren und wurde auf dem Wiener Kongress dem Großherzogtum Warschau zugeordnet und fiel damit an das Russische Reich.
Galizien war ein sehr stark agrarisch geprägter Landstrich. Durch die Erbteilung gab es unzählige Zwergwirtschaften und nur wenige Großgrundbesitzer. Das Bürgertum war nur sehr schwach vertreten und konzentrierte sich auf die zwei großen Städte Lemberg und Krakau. Mit der Eingliederung Galiziens erhöhte sich die Anzahl der nicht-deutschen Bevölkerungsgruppen in Österreich weiter. Vorher lebten auf dem Staatsgebiet Österreichs Tschechen, Serben und Italiener. Jetzt kamen noch Polen und Ruthenen 9 hinzu. Die Mehrzahl der Angehörigen dieser Volksgruppen lebte außerhalb des Reiches. Während die Separationsbestrebungen der Italiener, Serben und Tschechen das Reich jedoch zusätzlich belasteten, gab es in Galizien kaum Tendenzen zur Abspaltung.
6 Zur Entstehung des Namens vergleiche:von Bieberstein, Christoph Frhr Marschall: Freiheit in der Unfreiheit. Die Nationale Autonomie der Polen in Galizien nach dem österreichisch-ungarischen Ausgleich von 1867; ein konservativer Aufbruch im mitteleuropäischen Vergleich. Band 11, Studien der Forschungsstelle Ostmitteleuropa an der Universität Dortmund. Wiesbaden, 1993, 29
7 Bobrnyunsky: Seit der Vereinigung, 22.
8 Der Begri Cisleithanien wurde im Alltag nicht verwendet taucht aber immer wieder in oziellen Dokumenten auf. Analog dazu wurde der ungarische Teil als Transleithanien bezeichnet. Vergleiche dazu: Rumpler, Helmut: Grenzen der Demokratie im Vielvölkerstaat. In Rumpler, Helmut/ Urbanitsch, Peter (Hrsg.): Die Habsburgermonarchie 1848-1918. Band VII Verfassungsrecht und Parlamentarismus, Wien: Verl. der Österr. Akad. der Wiss., 2000, 1
9 Ein zeitgenössischer Begri für das ukrainische Volk.
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Arbeit zitieren:
Stefan Lorenz, 2008, Grenzräume und Randzonen als Reichssubjekte, München, GRIN Verlag GmbH
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