Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung Seite 1
2. Wenn man keine Eigenschaften hat:
Ulrich als Spiegelbild der Moderne Seite 3
3. Der moderne Mensch: reduziert auf seine Funktion Seite 6
4. Seinesgleichen und Parallelaktion:
Katharsis zwischen den Stühlen Seite 9
5. Von der Unmöglichkeit des Möglichen -
Kritik liquidiert nicht das System Seite 14
7. Literaturverzeichnis Seite 17
1. Einleitung
Robert Musils Roman der Mann ohne Eigenschaften (M.o.E.) zeichnet wie kein anderer deutschsprachiger Roman seines Formats und seiner Zeit ein vielschichtiges Bild der Moderne. Diese gestaltet sich komplex, sachbezogen und ausdifferenziert. So ausdifferenziert, dass für den Protagonisten, Ulrich, Eigenschaftslosigkeit als erstrebenswertes und lebbares Attribut erscheint. Nur im Zustand der
Eigenschaftslosigkeit, so meint er, könne man die Vielheit der Welt erfassen und erfahren und somit Vor- und Nachteile ihrer fragmentarischen Bestandteile bewerten. Diese Grundhypothese der Eigenschaftlosigkeit - ergänzt durch verschiedene Ideenkonstrukte und Utopieversatzstücke - soll als Moralfundament und
Handlungsmaxime seines Lebens gereichen. Und wirklich: Er allein vermag die gesellschaftlichen Normen und Zwänge, die Handeln und Sein der übrigen Romanfiguren bestimmen, als eben solche zu entlarven, „er entscheidet sich gegen ein Leben des Wahns und der Verblendung 1 “. Ihre Individualität, ihre gefestigte Persönlichkeit, ihre vernünftigen Ansichten und Träume, erscheinen aus der Perspektive Ulrichs als Farce. Das Leben wird zum Vexierbild eines Lebens: Obschon es ein reales Leben ist, muss man es zunächst, wie Ulrich, mit einer
1 Graf, Werner: Erfahrungskonstruktion - Robert Musils Roman ’ Der Mann ohne Eigenschaften’.
Verlag Volker Spiess, Berlin 1981. Seite 25.
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bestimmten Technik anblicken, nämlich eigenschaftslos, damit man es in seiner Ganzheit erkennt. Kann dieses Kunststück aber wirklich gelingen? Kann man in einer Welt, die ihrem Wesen nach ihr eigenes Wesen verkennt, dadurch, dass man sich von ihr distanziert, dem wahren Wesen der Welt, dem wahren Leben, näher rücken? Seinesgleichen führt bei Musil in den anderen Zustand - jener mündet in den Weltkrieg. Ulrichs Ansinnen, durch Verbindung und Kombination bereits bestehender, geltender Denkmodelle und Wirklichkeiten, die Welt so zu ändern, dass ein „rechtes Leben“ (255) möglich ist, versinkt im Morast der Etappe von Verdun. War das Scheitern bereits in der Diegese des Romans angelegt? Mit Hilfe der kritischen Theorie, jener Frankfurter Denkschule der Soziologen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, lässt sich Ulrichs Scheitern ohne große Verrenkung als zwangsläufig erklären. Indem er sich nämlich für die Konstruktion seines „rechten Lebens“ jener Ideen bedient, die das im Umkehrschluss für Ulrich „unrechte Leben“ hervorbrachten, verhält er sich schon affirmativ zur Welt und jenem Unrecht, welches das moderne Leben manifestiert. Obschon die kritische Theorie in der akademischen Welt in Ungnade gefallen ist und flächendeckend durch die modischere Systemtheorie ersetzt wird, scheint ihre Erklärung des Scheiterns logisch. In dieser Hausarbeit soll der Versuch unternommen werden, zu erfassen, welche Ziele die Protagonisten verfolgen, was sie daran hindert, diese Ziele zu realisieren - kurzum: Verblendungszusammenhänge sollen benannt und aufgedeckt werden.
Werner Graf und Klaus Laermann haben mit ihrer Arbeit auf diesem Gebiet maßgebliche Arbeit geleistet und ihnen gelang es, Parallelen zwischen Musils Romanwelt und den Theoriemodellen der Frankfurter Schule aufzudecken. Dies scheint freilich nicht ihr primäres Ziel gewesen zu sein. Mutmaßlich ging es beiden in erster Linie darum, durch Anwendung des Geistes der kritischen Theorie auf das Werk einen literarischen Erkenntnisgewinn zu erzielen - was ihnen auch gelungen ist. Die kritische Theorie war das Fundament, auf das sie ihre Interpretation aufsetzten. In einer Zeit, in der die kritische Theorie im wissenschaftlichen Diskurs eine marginale Rolle spielt, scheint das umgekehrte Vorgehen sinnvoll: Der Versuch, mit der Romanwelt als Fundament, die Wirkkraft der kritischen Theorie zu erfassen.
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Dass diese unkonventionelle Herangehensweise mit ihrem umgekehrten Erkenntnisinteresse schließlich auch literarischen Erkenntnisgewinn erzielen könnte, ist anzunehmen und wäre wünschenswert. Der Versuch, dies zu tun, kann freilich in diesem Rahmen keinen exegetischen, sondern vielmehr einen kursorischen Charakter haben. Dennoch sollte er gewagt werden: Anhand der Figur Ulrichs sollen - mit Unterstützung Grafs und Laermanns - einzelne Aussagen und Textpassagen aus Werken der kritischen Theorie, insbesondere der Minima Moralia aber auch aus den Soziologischen Exkursen des Institutes für Sozialforschung und anderer, bewertet und in die Romanwelt situiert werden.
2. Wenn man keine Eigenschaften hat: Ulrich als Spiegelbild der Moderne
Wer den Mann ohne Eigenschaften von Robert Musil im Geiste der kritischen Theorie liest, der interpretiert ihn auch im Geist der kritischen Theorie. Dies bedeutet, dass man als Leser voraussetzt, dass Musil einen Roman geschrieben hat, der aktiv die Zustände in der Gesellschaft kritisiert - oder sie zumindest derart deutlich darstellt, dass eine Kritik implizit im Text angelegt ist. Dies legte jedenfalls schon der Titel des Werkes nah. Ein Mann ohne Eigenschaften scheint keine unbedingt erstrebenswerte und auch nicht positiv konnotierte Eigenschaft zu sein, so man denn überhaupt von einer solchen sprechen kann. Laermann ist hier zuzustimmen, wenn er betont, dass „unter Eigenschaftslosigkeit nicht das Fehlen von Angaben über die Person des Helden zu verstehen ist 2 “. Stattdessen führt er den Begriff Merkmale ein, um die im Roman gemachten Angaben über Ulrichs Person zu benennen. Jene sind es, die Ulrich in der Kartei des Polizeiapparates kategorisierbar und somit wieder erkennbar machen; sie sind Kennzeichen.
Trotz seiner Eigenschaftslosigkeit werden zahlreiche Angaben zu Ulrichs Person gemacht und das, was man eigentlich einer eigenschaftslosen Person zuschreiben würde, nämlich, dass sie sich zu nichts verhalten darf, wäre, wie Larmann betont, nicht darstellbar. Ulrich hat eine Geschichte und eine darstellbare Haltung zur Welt. Er wohnt etwa in einem Schloss: Es besitzt „drei Stile übereinander“ (20) und nach
2 Laermann, Klaus: Eigenschaftslosigkeit, Reflexionen zu Musils Roman „Der Mann ohne
Eigenschaften“. J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung Stuttgart, 1970, Seite 1.
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eingehender Beschäftigung mit Kunstzeitschriften „kam er zu der Entscheidung, dass er den Ausbau seiner Persönlichkeit doch lieber selbst in die Hand nehmen wolle“ (20). Der Ausbau des Anwesens wird mit dem Ausbau von Ulrichs Persönlichkeit gleichgesetzt. Es wird also nicht zwischen menschlichen und materiellen Kennzeichen unterschieden - eine bemerkenswerte Tatsache, die unmittelbar an die Rhetorik der kritischen Theorie erinnert: „Die Form des Individuums selber ist die einer Gesellschaft, die sich am Leben erhält durch die Vermittlung des freien Marktes, wo freie, unabhängige Wirtschaftssubjekte zusammenkommen 3 “. Ulrich nimmt also vorweg, was Soziologen heute als allgemeingültig definieren - nicht nur solche, die an die kritische Theorie glauben: Der Mensch ist dem Markt ausgesetzt und dieses Ausgesetzt-Sein hat dem Menschen Teile seiner Identität genommen, die durch Markt- und Konsummechanismen ersetzt werden. Dies drückt sich auch in besagtem Kapitel aus, in dem die Wohnsituation Ulrichs geschildert wird.
Doch der Ausbau seiner Persönlichkeit mittels des Ausbaus des Hauses musste, folgt man der kritischen Theorie, ohnehin scheitern: „Wie es mit dem Privatleben bestellt ist“, heißt es in der Minima Moralia, „zeigt sein Schauplatz an. Eigentlich kann man überhaupt nicht mehr wohnen 4 “. Adorno führt weiter aus: „Wer sich in echte, aber zusammengekaufte Stilwohnungen flüchtet, balsamiert sich bei lebendigem Leibe ein 5 .“ Zudem betont Adorno, dass man dieser Unmöglichkeit zu wohnen bestenfalls durch ein „unverbindliches, suspendiertes“ Verhalten begegnen könne. „Es gehört zur Moral, nicht bei sich selber zu Hause zu sein.“ Anhand dieser Formulierung eröffnet Adorno seine Dialektik des Wohnens. Die Kunst eines angemessenen Lebens bestünde nämlich „darin, in Evidenz zu halten und auszudrücken, dass das Privateigentum einem nicht mehr gehört, in dem Sinn, dass die Fülle der Konsumgüter potenziell so groß geworden ist, dass kein Individuum mehr das Recht hat, an das Prinzip ihrer Beschränkung sich zu klammern; dass man aber dennoch Eigentum haben muss 6 “.
3 Horkheimer, Max, Adorno, Thoedor: Soziologische Exkurse, Europäische Verlagsanstalt Frankfurt
am Main, 1956, Seite 47.
4 Adorno, Theodor: Minimalia Moralia. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, Berlin, 1951, Seite 55.
5 Ebd.
6 Ebd.
4
Arbeit zitieren:
Ralf Mischer, 2009, Entfremdung und Verblendung , München, GRIN Verlag GmbH
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