Tragödien sind bei den Menschen seit der Antike beliebt. Woran liegen Faszination und Vergnügen an diesen Handlungen, in denen Menschen mehr oder weniger unverdient ins Unglück gestürzt werden. Aristoteles versuchte schon vor über 2000 Jahren Zusammensetzung und Wirkungsweise der Tragödie theoretisch darzulegen. Die Grundmerkmale seiner klassischen Tragödientheorie werden in der berühmten Definition aus Kapitel sechs seiner „Poetik“ aufgeführt:
„Die Tragödie ist Nachahmung einer guten und in sich geschlossenen Handlung
bestimmter Größe, in anziehend geformter Sprache, wobei diese formenden Mittel in den
einzelnen Abschnitten je verschieden angewandt werden - Nachahmung von Handelnden
und nicht durch Bericht, die Jammer und Schaudern hervorruft und hierdurch eine
Reinigung von derartigen Erregungszuständen bewirkt 1 .“
Von den aufgeführten Punkten werden im Folgenden die beiden wichtigsten Wesensmerkmale Handlung und Charaktere, sowie die ästhetischen Wirkungsaspekte Jammer, Schaudern und Reinigung (griechisch: Eleos, Phobos und Katharsis) näher beleuchtet. Aufgrund der Kürze des Textes erfolgen die Erläuterungen nur relativ oberflächlich, wobei auch einige Aspekte ganz außer Betracht bleiben müssen.
Richten wir den Blick zunächst auf die Handlung und ihre Struktur. Allgemein äußerlich hat die Tragödienhandlung zunächst eine bestimmte Geschlossenheit, Größe und Einheit zu wahren, wobei diese drei Merkmale eng miteinander verknüpft sind. Für das Theorem der Geschlossenheit wählt Aristoteles ganz pragmatisch die Definition, wonach die Tragödienhandlung einen Anfang, eine Mitte und ein Ende hat. Der Anfang führt in die Handlung ein, hat aber keine notwendigen Voraussetzungen, verlangt aber eine Fortsetzung. Die Mitte setzt den Anfang voraus und wirkt konsequent auf das Ende hin. Das Ende wird durch die beiden vorherigen Teile verursacht und schließt die Handlung endgültig. Die Handlung darf also weder an einem beliebigen Punkt einsetzen, noch abrupt abreißen oder über das Ende hinauswirken. Die Größe der Handlung richtet sich zunächst danach, dass sie für den Zuschauer nachvollziehbar und erinnerbar bis zum Ende bleibt und, dass die für den Wirkungszweck der Tragödie so wichtigen Elemente des Handlungsumschwunges vom Glück zum Unglück und der Widererkennung von Personen und Sachzusammenhängen durch die Charaktere darin Platz finden können. Die Einheit der Handlung ergibt sich nicht aus der einheitlichen Identität des tragischen Helden, sondern daraus, dass eben nur ein Thema
1 Aristoteles: Poetik. Griechisch/Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Manfred Stuttgart: Reclam 1982 (=RUB 7828), S.19, (im Folgenden: Aristoteles, Poetik)
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Gegenstand der Handlung ist. Ist die Handlung einheitlich, können weder einzelne Teile umgestellt noch weggelassen werden 2 .
Im nächsten Schritt untersuchen wir, inwiefern die tragische Handlung mit der Wirklichkeit verknüpft ist. Aristoteles führt hier die strikte Unterscheidung von Dichtung und Geschichtsschreibung an. Die Historie teilt hiernach das Besondere, das was wirklich explizit geschehen ist, mit. Die Dichtung hingegen sei allgemeiner, philosophischer und stelle das anhand von Modellen das Mögliche und Wahrscheinliche dar. Es gilt hier das Postulat der Wahrscheinlichkeit, obwohl sich der Stoff der Handlung auf wahre historische Figuren stützt. Figuren und Ereignisse bekommen somit einen Modellcharakter, um die Identifikation der Zuschauer mit den Figuren zu bewerkstelligen. Aristoteles verändert somit die wahren Begebenheiten insoweit, dass sie dem Wirkungszweck der Tragödie, Jammer und Schaudern zu erzeugen, besser entsprechen können. Um diese Affekte jedoch wirkungsvoll hervorrufen zu können, müssen sie sich gemäß dem Postulat der Wahrscheinlichkeit, aber doch für den Zuschauer überraschend einstellen 3 .
Abschließend setzen wir uns mit den Handlungsarten und der quantitativen Einteilung der Tragödie auseinander, bevor wir uns dem Bereich des tragischen Charakters zuwenden. Aristoteles unterscheidet zwei Handlungsarten: die einfache und die komplizierte. In der einfachen Art vollzieht sich die Wende zum Unglück ohne Peripetie und Widererkennung. Diese Art zeugt nach Aristoteles von wenig dichterischer Qualität. In die komplizierte Handlung hingegen sind Peripetie und Widererkennung eingeflochten. Peripetie und Widererkennung können dort einfach oder mehrfach stattfinden 4 .
Die Peripetie ist das Umschlagen eines erstrebten Zieles eines oder mehrerer Charaktere in sein genaues Gegenteil. Sie unterliegt dem Postulat der Wahrscheinlichkeit. Die Widererkennung ist das Umschlagen von Unkenntnis in Kenntnis, im Bezug auf die Charaktere oder Sachzusammenhänge. Bei den Charakteren kann sie auch wechselseitig erfolgen. Sie tritt meistens in Verbindung mit der der Peripetie auf. Beide sind ursächlich für das schwere Leid oder die Katastrophe am Ende der Tragödie 5 . Die Tragödie besteht aus Prolog, den Episoden, und dem Exodos, die von den Chorpartien Parodos (erste vollständige Partie des Chores) und Stasimon voneinander getrennt werden. Davon abgesehen gibt es die Sonderformen der Solo-Arie und das Klagelied Kommos 6 .
2 Vgl. Fuhrmann, Manfred: Einführung in die antike Dichtungstheorie. Darmstadt: Wissenschaftliche
Buchgesellschaft 1973, S. 20-22, (in Folgenden: Fuhrmann, Antike Dichtungstheorie).
3 Vgl. Aristoteles, Poetik, S.29-33, ferner Fuhrmann, Antike Dichtungstheorie, S. 22-28.
4 Vgl. Aristoteles, Poetik, S. 33 f., ferner Fuhrmann, Antike Dichtungstheorie, S. 28-30.
5 Vgl. Aristoteles, Poetik, S. 35 f.
6 Vgl. Aristoteles, Poetik, S.37.
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Richten wir nun das Augenmerk auf den tragischen Charakter. In diesem Abschnitt verlagert sich der Blickpunkt langsam von den inneren Wesensmerkmalen der Tragödie hin zur ästhetischen Wirkungsweise der Tragödie, dem Jammern, dem Schaudern und der Katharsis. Um Jammer und Schaudern auslösen zu können bedarf es zunächst einer emotionalen Verbindung, einer Identifikation mit der tragischen Hauptfigur. Daher muss der tragische Protagonist eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Zuschauer haben. Weiterhin muss er durch irgendeine Tat in der Handlung schweres Leid erfahren, damit das tragische Moment ausgelöst wird. Anhand von vier Beispielmodellen von Grundtypen nähert sich Aristoteles dem tragischen Charakter. Das Modell des tadellosen Menschen, der vom Glück ins Unglück stürzt, verwirft er, da dieses Modell nicht mit dem moralischen Weltbild der antiken Griechen konform ist. Das Modell, indem ein moralisch schlechter Mensch den Umschwung von Unglück ins Glück erlebt, verwirft Aristoteles als untragisch und menschenunfreundlich. Im Modell, in dem ein ganz schlechter Mensch vom Glück ins Unglück stürzt, bleiben nach Aristoteles Jammer und Schaudern aus, da das Leid durch die moralische Schuld verdient ist. Außerdem bleibt hierbei die Identifizierung des Publikums mit dem Charakter aus 7 . Im vierten Modell wendet sich Aristoteles nun dem Idealtypus des tragischen Charakters und somit der besten Form der Tragödie zu. Dieser steht nun als „mittlerer Mann 8 “ im Brennpunkt zwischen den moralisch-sittlichen Extremen von tadellos-gut und schlecht. In dieser Hinsicht entspricht er weitgehende der Allgemeinheit. Er unterscheidet sich jedoch im Hinblick auf seinen sozialen Status. Der tragische Charakter kommt meist aus begüterten Verhältnissen oder aus dem Adel. Durch diesen hervorgehobenen Staus wird an ihn eine höhere Moralität und Sittlichkeit geknüpft, was das tragische Moment noch weiter verstärkt. Weiterhin muss der tragische Held einen gleichmäßigen Charakter besitzen, in dem Sinne, dass er durch die gesamte Tragödie hindurch, stringent seinen gegebenen moralischen Vorstellungen treu bleibt, wobei Aristoteles auch Ausnahmen davon zulässt. Alles in allem hat der tragische Charakter ein etwas über dem Durchschnitt der Allgemeinheit angesiedeltes moralischsittliches Niveau 9 . Des Weiteren besitzt der tragische Charakter, wie alle Personen, einen gewissen Grad an Erkenntnisfähigkeit (griechisch: dianoia) der Situationen und Sachzusammenhänge um ihn herum. So weit zum Charakter an sich. Wie und warum aber erfolgt nun der Umschwung vom Glück ins Unglück, und das, wie bereits eingangs erwähnt, unverdienterweise? Aristoteles benennt es bei einem ganz einfachen Namen: der tragische Held begeht ganz klassisch einen Fehler (griechisch: hamartia), durch den der Umschwung vom Glück ins Unglück ausgelöst wird. Dieser Fehler begründet sich jedoch nicht oder nur
7 Vgl. Aristoteles, Poetik, S.37-39, ferner Fuhrmann, Antike Dichtungstheorie, S. 30-33.
8 Fuhrmann, Antike Dichtungstheorie, S. 33.
9 Vgl. Fuhrmannn, Antike Dichtungstheorie, S. 30ff.
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Marco Kunze, 2005, Die Tragödientheorie des Aristoteles und ihre ästhetische Wirkung, München, GRIN Verlag GmbH
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