Inhalt
1. Einleitung 3
2. Hauptteil 4
2.1. Satzzeichen. 4
2.2. Anzeichen. 6
2.3. Tiefenpsychologie 9
2.4. Doppeldeutigkeiten 10
3. Schlussbetrachtung. 11
4. Literaturverzeichnis 13
1. Einleitung
Heinrich von Kleists Erzählung „Die Marquise von O…“ beginnt mit einer Zeitungsannonce 1 , die einen unerhörten Sachverhalt publik macht, nämlich dass eine adlige Witwe unwissentlich schwanger geworden ist und nun auf diesem Wege den Vater ihres noch ungeborenen Kindes sucht.
Verknüpft mit diesem unerhörten Bekenntnis muss eine „unerhörte Begebenheit“ 2 sein, die zu ermitteln der Erzähler dem Leser nicht gerade leicht macht, denn auch bei intensivster Suche gibt es keine eigentliche Schilderung dessen, zumindest nicht explizit 3 . Was es jedoch gibt, ist „der gewaltigste Gedankenstrich der deutschen Literaturgeschichte“ (Gottfried Benn), sowie einige Zeichen bzw. Anzeichen mehr. So ist es wohl zu erklären, dass die vorliegende Erzählung bis heute nichts von ihrer Brisanz verloren hat.
Zahlreiche Interpreten haben sich bis dato mit diesem Kleist-Text beschäftigt und versucht, hinter sein „Geheimnis“ zu kommen. 4 Doch in der Tat ist ,Die Marquise von O…’, obwohl die Geschichte an sich heutzutage fast banal anmutet 5 , sozusagen Hollywoodreif (Krieg, Ausnahmezustand, Verstoß gegen gesellschaftliche Konventionen, schließlich Klärung und Happy End), aufgrund Kleists Spiel mit Doppeldeutigkeiten 6 , Bildern, tiefenpsychologischen Vorgängen (fast ein Jahrhundert bevor diese von Sigmund Freud formuliert wurden!) sowie den bereits erwähnten Zeichen ein Faszinosum geblieben.
Meiner Meinung nach ist es so, dass die Erzählung sich jedem Leser/Rezipienten auf andere Art und Weise erschließt, je nachdem von welchen Aspekten man sich angesprochen fühlt. Daher werde ich auch nicht versuchen die immer wieder heißdiskutierte Frage zu klären, ob die Marquise vergewaltigt oder selbst sexuell aktiv wurde und diese Tatsache zu vertuschen
1 Vgl. Neumann, Gerhard: Skandalon, Seite 162 (…, dass Kleist seine Geschichte aus einer Zeitungsnotiz
entwickelt,…“)
2 Vgl. Greiner, Bernhard: Der uneinholbare Grund des Erzählens, Seite 287 (…, die wahrhaft unerhörte
Begebenheit,…“), sowie Vinken, Barbara/Haverkamp, Anselm: Die zurechtgelegte Frau, Seite 136 („…die
unerhörte Begebenheit, die durch die Zeitung verbreitet wird,…“)
3 Vgl. Harlos, Dieter: Die Gestaltung psychischer Konflikte einiger Frauengestalten im Werk Heinrich von
Kleists, Seite 45 („Was bei dieser kurzen Begegnung geschieht, wird nicht mitgeteilt.“)
4 Vgl. Neumann, Gerhard: Skandalon, Seite 150 („Dies mag wohl der Grund sein, warum man sich dem Text
über die Marquise von O… - als einem gleichsam immer noch unerledigten Phänomen und unerachtet einer
immensen Forschung - von neuem zuwendet.“), sowie Greiner, Bernhard: Der uneinholbare Grund des
Erzählens, Seite 292 („Ganz unterschiedliche Spekulationen sind möglich,…“)
5 Vgl. Greiner, Bernhard: Der uneinholbare Grund des Erzählens, Seite 290 („…, der Reiz des Stofflichen
erschöpft sich jedoch schnell.“)
6 Vgl. Greiner, Bernhard: Der uneinholbare Grund des Erzählens, Seite 288 („…, in dieser an Zweideutigkeiten
so reichen Geschichte,…“)
bzw. zu verdrängen sucht, denn das haben schon andere vor mir mehr oder weniger zufrieden stellend getan. Ich werde vielmehr die Zeichen, insbesondere jenen besagten Gedankenstrich, genauer betrachten, mit dem quasi alles beginnt und zu dem auch wieder alles zurückkehrt.
2. Hauptteil
2.1. Satzzeichen
Zum ersten Mal taucht der Gedankenstrich an dramatischer Stelle mitten im Kriegsgeschehen auf (S. 5, Z. 14 „Hier - traf er,…“) 7 . Und nicht nur mitten im Kriegsgeschehen, sondern auch mittig zwischen zwei Wörtern, wo er sofort auffällt, weil er dort nicht hingehört. Oder vielleicht doch? Was genau bedeutet denn „Gedankenstrich“? Trennt er Gedanken voneinander oder steht er stellvertretend für sie? Und wenn er im Text als Stellvertreter dasteht, dann für wessen Gedanken? Die des Erzählers, des Lesers oder der Protagonisten?
Eine Person, die in dieser Situation wohl als „gedankenlos“ bezeichnet werden kann, ist die Marquise selbst, denn wir erfahren kurz zuvor im Text, dass „sie auch völlig bewusstlos niedersank“ (S. 5, Z. 13-14). Und wo kein Bewusstsein, da keine gedankliche Tätigkeit, oder? Und was ist mit Graf F…? Sollte er an der vermeintlichen Stelle tatsächlich die ihm zugeschriebene Vergewaltigung begangen haben, so war das wohl auch recht „gedankenlos“ von ihm angesichts seiner militärischen Position (S. 6, Z. 17-19: „Obristlieutenant vom t…n Jägerkorps, und Ritter eines Verdienst- und mehrerer anderen Orden“) und seines Adelsstandes. Denn damit stellt er sich schließlich auf die gleiche Stufe mit den gemeinen Soldaten, die zuvor versucht hatten, der Marquise Gewalt anzutun, was durch die Art der Schilderung außer Frage steht (S. 4, Z. 27 - S. 5, Z. 4). 8
Wie man sieht, ist dieser Gedankenstrich eine verzwickte Sache. Er lässt sich nicht ignorieren und schon gar nicht vereinnahmen. Auf jeden Fall regt er den Leser zum Nachdenken an und das ist doch schon sehr viel für so ein unscheinbares Satzzeichen. Und der Gedankenstrich bleibt keineswegs auf diese Textstelle beschränkt, sondern wandert durch die Erzählung und taucht ab und an wieder auf, sich seiner Signifikanz allzeit bewusst.
7 Vgl. Vinken, Barbara/Haverkamp, Anselm: Die zurechtgelegte Frau, Seite 131, Zeile 1-9
Sämtliche Seitenangaben in Klammern beziehen sich auf die Reclam-Ausgabe „Heinrich von Kleist: Die
Marquise von O…/ Das Erdbeben in Chili“, Stuttgart 1984, Universalbibliothek 8002
8 Vgl. Harlos, Dieter: Die Gestaltung psychischer Konflikte einiger Frauengestalten im Werk Heinrich von
Kleists, Seite 46, Zeile 16-24
Arbeit zitieren:
Magister Artium Susanne Krebs, 2004, Unerhörte Zeichen in Heinrich von Kleists Erzählung "Die Marquise von O.", München, GRIN Verlag GmbH
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