„In einem Zeitalter, wo man Früchte oft vor der Blüte erwartet und vieles darum zu verachten scheint, weil es nicht unmittelbar Wunden heilt, den Acker düngt, oder Mühlräder treibt, (…) vergißt man, daß Wissenschaften einen inneren Zweck haben und verliert das eigentlich
literarische Interesse, das Streben nach Erkenntnis, als Erkenntnis, aus dem Auge." 1
Alexander von Humboldt: "Über die Freiheit des Menschen. Auf der Suche nach Wahrheit".
1 Bildquelle: Portait von Alexander von Humboltd (Alexander von Humboltd Stiftung; http://www.avh.de/de/stiftung/namenspatron/portrait.htm [15.08.2008])
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 7
1.1 ZUM VORGEHEN IN DIESER ARBEIT 8
2 Theoretische Grundlagen 9
2.1 DIE GEOGRAPHIE 9
2.1.1 Die Geschichte 9
2.1.2 Das Fach 11
2.1.3 Ziele und Anforderungen des Geographiestudiums 12
2.2 SCHREIBEN IM STUDIUM 14
2.2.1 Anforderungen und Kompetenzen beim Verfassen von Haus- und
Seminararbeiten 14
2.2.2 Schreibprobleme 17
2.2.2.1 Wissenschaftssprache und -stil 18
2.2.2.2 Intertextualität 19
2.2.2.3 Ratgeberliteratur 20
2.2.2.4 Schreibanforderungen aus Sicht der Lehrenden 20
2.3 TEXTPRODUKTIONSMODELL NACH JAKOBS 21
3 Methodik 25
3.1 ONLINEBEFRAGUNG ALS ERHEBUNGSMETHODE 25
3.1.1 Konzeption der Fragebögen 26
3.2 QUALITATIVE INHALTSANALYSE ALS AUSWERTUNGSMETHODE 28
3.2.1 Bestimmung des Ausgangsmaterials 30
3.2.2 Bestimmung der Analysetechnik 32
3.2.3 Grenzen der qualitativen Inhaltsanalyse 33
3.3 STATISTIK ALS AUSWERTUNGSMETHODE 34
4 Auswertung 35
4.1 TEILNEHMER 35
4.1.1 Studierende 35
4.1.2 Dozenten 37
4.2 SCHREIBVERSTÄNDNIS 37
4.3 ANFORDERUNGEN 41
4.4 SCHREIBPHASEN 46
4.5 SCHREIBSCHWIERIGKEITEN UND -HILFEN 48
5 Einordnung und Diskussion der Ergebnisse 54
5.1 EINORDNUNG IN DAS TEXTPRODUKTIONSMODELL (JAKOBS 1999) 54
5.2 RATGEBERLITERATUR 56
5.3 INTERTEXTUALITÄT 57
5.4 WISSENSCHAFTSSPRACHE UND -STIL 57
5.5 ANFORDERUNGEN UND KOMPETENZEN BEIM VERFASSEN VON HAUS- UND
SEMINARARBEITEN 58
6 Fazit 60
Abbildungsverzeichnis 62
Literaturverzeichnis 63
Anhang 67
ANHANG 1: STUDIERENDENFRAGEBOGEN 67
ANHANG 2: DOZENTENFRAGEBOGEN 73
ANHANG 3: ERGEBNISSE STUDIERENDE 80
ANHANG 3: ERGEBNISSE DOZENTEN 104
Zusammenfassung
Die vorliegende Arbeit entstand zu dem frei gewählten Thema „Schreiben in der Geographie“. Ziel dieser Arbeit ist es, die Schreibsituation und Schreibausbildung der Studierenden des Faches Geographie an der RWTH Aachen näher zu beleuchten. Speziell geht es hier um die Physische Geographie. Die Untersuchung ist als einführend zu betrachten, da noch keine Untersuchungen zum Schreiben in der Geographie durchgeführt wurden. Der für die Untersuchung erstelle Corpus entstand im Rahmen einer Onlinebefragung von Studierenden und Dozenten des Faches und wurde gemäß dem Verfahren der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring ausgewertet. Als Ergebnis der vorliegenden Untersuchung kann man festhalten, dass nur im Ansatz eine gezielte Schreibausbildung in der Physischen Geographie stattfindet. Vor allem im Bezug auf die Realisierung von Haus- und Seminararbeiten konnte festgestellt werden, dass gerade unterschiedliche Formalien den Studierenden Schwierigkeiten bereiten und im Umgang mit Fachliteratur Probleme bestehen. Hier würden sich weiterführende Untersuchungen anbieten, um konkrete Empfehlungen und Ziele für eine Schreibausbildung ausarbeiten zu können.
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Schreiben in der Geographie
1 Einleitung
In den Zeiten demographischer Veränderungen und des Klimawandels, von Diskussionen um Energiequellen und die Knappheit von Rohstoffen, der Globalisierung von Wirtschaft, Kultur und Terror, von Hurrikans, Tsunamis und verheerenden Waldbränden, gewinnt die Wissenschaft der Geographie in all ihren Facetten immer mehr an Bedeutung. In den Köpfen der Menschen herrscht allerdings mehr die Erinnerung an den schulischen Erdkundeunterricht vor, in dem es darum ging, Städte, Flüsse und Gebirgszüge auswendig zu lernen. Geographie ist mehr als das, jedoch wird sie kaum so wahrgenommen. Die Geographin Beate Ratter stellte in einem Zeitungsartikel bereits 1995 fest: Ich denke, dass hier ein ernstes Defizit in der geographischen Ausbildung vorliegt.
Rhetorik, Diskussionsverhalten und öffentliche Präsentation sowohl von
Forschungsergebnissen als auch des Faches im Allgemeinen spielen eine nur
untergeordnete Rolle. (Ratter 1995)
Wissenschaftliches Schreiben, Diskussionsverhalten etc. stellt an Dozenten wie Studierende besondere Anforderungen wie beispielsweise der Umgang mit Fachwissen oder die richtige Adressierung des Inhalts. Es ist dementsprechend nicht nur Schreibkompetenz im allgemeinen gefragt, sondern spezifische Kenntnisse und Fähigkeiten zur Produktion wissenschaftlicher Texte (Kruse/Jakobs 1999:20f). Die Idee dieser Arbeit entspringt zum einen aus eigenen Erfahrungen die während des Geographiestudiums gemacht wurden und ähneln dem, was von Ratter bereits angesprochen wurde. Des Weiteren fußt die Idee für diese Arbeit aber auch auf den Untersuchungen von Lehnen und Schindler (Lehnen/Schindler 2007) zum „Schreiben in den Ingenieurwissenschaften“, auf einer Umfrage von Göldi (2001), auf einer Umfrage von Ehlich und Steets an der Ludwig-Maximilian-Universität München zu wissenschaftlichen Schreibanforderungen (Ehlich/Steets 2003), sowie auf einer Untersuchung von Schreibproblemen im Studium an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg von Dittmann et al. (Dittmann et al. 2003). Alle Autoren kamen anhand von Befragungen und Interviews zu Einblicken in die Bedingungen der Textproduktion und -bewertung und konnten so Schreibanforderungsprofile einzelner Fächer erheben und Problempunkte skizzieren. Als weitere Grundlagen, speziell zum wissenschaftlichen Schreiben im Studium, dienen Kruse (2001; 2006), Ehlich (2003) und Jakobs (1999a/b). Schreiben wird hier durchgängig als wichtiger Teil der universitären Kommunikation und Ausbildung gesehen. Dittmann stellt zudem fest, dass die zulässigen Stilmittel wissenschaftlichen Schreibens hochgradig fachspezifisch sind. Allerdings werden Studierende nicht auf die Anforderungen in ihrem Fach vorbereitet (Dittmann 2003:159ff).
Ziel der vorliegenden Untersuchung ist es, die Ausbildung und die Anforderungen an das Schreiben in der Geographie, exemplarisch am Geographischen Institut der RWTH Aachen, zu beleuchten. Dies soll mit dieser Arbeit speziell für den Bereich der Physischen Geographie in Bezug auf die Realisierung von Haus- und Seminararbeiten untersucht werden. Ziel ist es nicht, die Arbeit am Institut in irgendeiner Form zu diskreditieren, sondern es geht vielmehr darum, einen positiven Beitrag zur Schreibausbildung zu leisten. Es soll anhand einer Befragung von
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Studierenden und Dozenten der Physischen Geographie überprüft werden, welche Anforderungen gestellt werden und ob diese erfüllte werden. Des Weiteren soll untersucht werden, wo Problempunkte und Schwierigkeiten beim Schreiben und in der Ausbildung liegen. Die Studierenden können hier vor allem Auskünfte über Schwierigkeiten bei der Textproduktion und die entsprechenden Hilfsangebote geben und aus ihrer Sicht bewerten. Auch eine Selbsteinschätzung der Studierenden und eine entsprechende Fremdeinschätzung aus Sicht der Dozenten erscheinen sinnvoll. Die Dozenten können weiterhin Auskünfte über die von ihnen gestellten Anforderungen geben, so wie die tatsächlich erbrachte Leistung der Studierenden benennen.
Vorweg anzunehmen ist allerdings, dass die gestellten Textproduktionsaufgaben im Studium in der Regel keine echten Aufgaben sind, da sie für die Studierenden keine weiterführende Funktion haben, wie beispielsweise im späteren Berufsleben. Daraus folgt die Annahme, dass das Studium nur begrenzten Raum für die Umsetzung berufsnaher oder authentischer Schreibaufgaben bietet.
1.1 Zum Vorgehen in dieser Arbeit
Zunächst werden die theoretischen Grundlagen geklärt, auf welche die durchgeführte Untersuchung aufsetzt (Kap. 2). Da keine spezielle Literatur zum Schreiben in der Geographie existiert, werden allgemeine Erkenntnisse zum Schreiben in den Wissenschaften und an der Hochschule zu Grunde gelegt (u.a. Jakobs/Kruse 1999; Kruse 2001; Ruhmann 1997). Daran anschließend wird das methodische Vorgehen, vor allem die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring, näher erläutert (Kap. 3). Dieses Verfahren wurde gewählt, da diese Arbeit einen explorativen Charakter hat. Nachdem der theoretische und methodische Hintergrund geschaffen wurde, werden die Ergebnisse der Befragung ausgewertet und zusammenfassend dargestellt (Kap. 4). In einem anschließenden Kapitel werden die Resultate in die Theorie eingeordnet und diskutiert (Kap. 5). Abschließend werden die Ergebnisse zusammengefasst und ein Fazit gezogen (Kap. 6).
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Schreiben in der Geographie
2 Theoretische Grundlagen
Im folgenden Kapitel werden die theoretischen Grundlagen für diese Arbeit beschrieben. Zum allgemeinen Verständnis des Untersuchungsgegenstandes und des Forschungsinteresses werden das Fach der Geographie und seine Entstehung beleuchtet (Kap. 2.1). Anschließend werden das Schreiben im Studium und die allgemeinen Schwierigkeiten der Studierenden bei der Textproduktion dargestellt (Kap 2.2). Besonderer Fokus wird hier auf die Erstellung von Haus- und Seminararbeiten gelegt und das Textproduktionsmodell von Jakobs (1999a) vorgestellt (Kap. 2.3). Da keine explizite Theorie für den Gegenstandsbereich dieser Arbeit, dem Schreiben in der Physischen Geographie, existiert, wird versucht, die Theorie aus verwandten Forschungsbereichen zu übertragen.
2.1 Die Geographie
Im Folgenden werden zum weiteren Verständnis das Fach Geographie, seine Geschichte, die Ziele und Anforderungen vorgestellt.
2.1.1 Die Geschichte
Die wörtliche Übersetzung des Wortes „Geographie“ bedeutet soviel wie „Erdbeschreibung“ (Baade et al. 2007:33). Die Wurzeln der Geographie reichen weit zurück, so sind z. B. erste Örtlichkeits-, Länder- und Erdteilbeschreibungen aus den altchinesischen Reichen und der antiken Kulturwelt des Mittelmeerraums bekannt (Vieten 2000:15). Die ersten „Geographen“ waren jedoch Gelehrte der griechischen Antike. Zu den bekanntesten zählen Eratosthenes von Kyrene (295 - 214 v. Chr.) und Ptolemäus (ca. 100 - 175). Eratosthenes versuchte beispielsweise den Erdumfang anhand des Schattenwurfs an zwei unterschiedlichen Orten zu berechen. Das Ergebnis hat bis heute eine nahezu 99 prozentige Übereinstimmung mit dem wirklichen Erdumfang. Ptolemäus wurde durch das nach ihm benannte Weltbild bekannt, in welchem die Erde der feste Mittelpunkt des Weltalls ist (Wilhelmy 2002:42). In jener Zeit der griechischen Antike wurde geographisches Wissen vor allem durch mündliche Überlieferungen, schriftliche Berichte und eigene Reisen zusammengetragen. Daraus wurden dann systematische Überlegungen zur Erklärung geographischer Phänomene, wie beispielsweise dem jährlichen Nilhochwasser angestellt (Blotevogel 2002a:38). Es wurde versucht neben einer reinen Beschreibung der Umwelt auch Gesetzmäßigkeiten, Ursachen und Wirkungen zu identifizieren. Dies führte dazu, dass der Geographie zunächst einmal der Status einer mathematischen Wissenschaft zukam (Vieten 2000:16). Dieses Wissen wurde jedoch im mittelalterlichen Abendland nur teilweise tradiert. Trotz gegenteiliger Behauptungen zählte das Wissen über die Kugelgestalt der Erde jedoch zum Allgemeinwissen dieser Zeit (Blotevogel 2002a:38).
Im ausgehenden 15. Jahrhundert wurde die Geographie durch das starke Interesse an der Seefahrt und den damit verbundenen Entdeckerdrang wiederbelebt. Die Nachfrage nach Karten, Globen und Reiseberichten wuchs, wobei neben den bereits
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Schreiben in der Geographie
Als eigenständige wissenschaftliche Disziplin etablierte sich die Geographie ab Mitte des 19. Jahrhunderts an den Universitäten (Blotevogel 2002a:38 ; Baade et al. 2005:30).
Man begann mit einem methodischen Ausbau der Allgemeinen Geographie, mit der
Einrichtung erster Lehrstühle an den Universitäten, der Gründung Geographischer
Gesellschaften und dem systematischen Sammeln von Forschungsergebnissen. (Vieten
2000:16)
In den ersten 30 Jahren des 20. Jahrhunderts war die Geographie durch wissenschaftlichen Fortschritt geprägt, aber auch durch nationalpolitische Überlegungen und Verstrickungen in die Ideologien der Nationalsozialisten. Durch diesen Einfluss unterblieb eine intensive und ernsthafte Auseinandersetzung mit der deutschen Geographie nach dem zweiten Weltkrieg. Erst in den 70er Jahren kam es zu weitreichenden Neuerungen. Die geschah durch die Verlagerung weg von der Länderkunde hin zu den einzelnen Zweigen der Allgemeinen Geographie (vgl. Abb.1). In den 90er Jahren wurde schließlich auch der raumzentrierte Ansatz der wissenschaftlichen Geographie, welcher die Aufgabe der Geographen darin sah, Raumgesetze aufzudecken, in Frage gestellt. Dadurch wurde der methodologische Gegensatz zwischen der naturwissenschaftlichen Physischen Geographie und der gesellschafts-wissenschaftlichen Anthropogeographie mehr akzentuiert (Blotevogel 2002a:40f).
2.1.2 Das Fach
Wie bereits gezeigt, kann die Geographie auf eine lange Tradition und Geschichte zurückblicken. Als Hochschulfach existiert sie jedoch erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Allerdings ist die Hochschulgeographie nicht mit dem gleichzusetzen, was gemeinhin als „Erdkunde“ bezeichnet wird (Baade et al. 2005:30). Wie bereits in der Einleitung erwähnt, ist festzuhalten, dass das gesellschaftliche Bild von Geographie nicht selten von Schulerinnerungen über auswendig gelernte Hauptstädte, Flussläufe und Gebirgszüge dominiert wird. Im Gegensatz zu klar abgegrenzten Fächern wie der Medizin oder den Rechtswissenschaften, in denen Absolventen eher nach ihren Spezialgebieten gefragt werden, muss der Geograph sich und die Wissenschaft dahinter immer als Ganzes erläutern (Ratter 1995). Dies stellt sich häufig als Problem dar, da die Geographie eine Position zwischen den Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften einnimmt. Von den Geographen selber wird das Fach auch als Raumwissenschaft bezeichnet (vgl. Abb.2). Geographie als Wissenschaft wird üblicherweise definiert als die Wissenschaft von der
Erdoberfläche in ihrer räumlichen Differenzierung, ihrer physischen Beschaffenheit sowie
als Raum und Ort des menschlichen Handelns. Sie beschäftigt sich insofern nicht nur mit
der Erdoberfläche, sondern auch mit dem Menschen und seiner physischen und sozialen
Umwelt. Im wörtlichen Sinne definiert als >> Erdbeschreibung <<, gilt die Geographie als
die Disziplin, die Informationen und Wissen über die Erde als den Lebensraum der
Menschen erzeugt, ordnet und in Texten, Karten und anderen Repräsentationsformen für
die Bevölkerung, Staat und die Wirtschaft bereitstellt. (Blotevogel 2002b:15)
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Abbildung 2: Die Geographie im Gefüge der Wissenschaften (Borsdorf 2007:28)
2.1.3 Ziele und Anforde rungen des Geographiestudiums
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Schreiben in der Geographie
selbstständig in der Lage sind, Daten und Informationen zu beschaffen und damit eigene Analysen vorzunehmen. Der Begriff des Schreibens wird in beiden Beschreibungen eher sparsam verwendet. Auch bei der Durchsicht der fachspezifischen Anlagen der aktuellen Prüfungsordnung (RWTH 2007:794ff.), sind nur wenige Hinweise hierauf zu finden. Lediglich unter dem Punkt „Prüfungsleistung“ des entsprechenden Lehrangebotes wird eine schriftliche Ausarbeitung wie Protokoll, Ergebnisbericht oder Hausarbeit gefordert. Laut der Prüfungsordnung soll das Studium den Studierenden die erforderlichen fachwissenschaftlichen Kenntnisse und Methoden unter
Berücksichtigung der Anforderung in der Berufswelt vermitteln, dass sie zu
wissenschaftlicher Reflexion, zur Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse und
Methoden und zu verantwortlichem Handeln im Berufsfeld der angewandten Geographie
befähigen. (ebd., S.777)
Des Weiteren fordert die Prüfungsordnung, dass in der Hausarbeit - hierzu zählen auch Exkursionsberichte und Kartierberichte -
(...)die Kandidatin bzw. der Kandidat nachweisen [soll], dass sie bzw. er selbständig und
unter Heranziehen der einschlägigen Hilfsmittel Probleme des Faches schriftlich
bearbeiten und angemessen darstellen kann. (ebd., S.786)
Dies ist im Rahmen dieser Arbeit zu überprüfen, allerdings wird hier der Fokus lediglich auf die Textsorte der Hausarbeit gelegt.
Abbildung 3: Aufbau des Geographiestudiums an der RWTH (http://www.geographie.rwth-
2.2 Schreiben im Studium
Dass Studierende überhaupt wissenschaftliche Texte schreiben müssen, ist nicht so
selbstverständlich, wie es scheinen mag. Über die längste Zeit ihrer Geschichte war die
universitäre Lehre mündlich geprägt. Erst mit der Humboldtschen Universitätsreform in
der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts änderte sich das. Humboldt öffnete den
Universitäten Zugang zu Forschungsmitteln und charakterisierte sie durch die
Verbindung von Lehre und Forschung. (Kruse 2007a:5)
Jedoch stellt Schreiben für die Wissenschaft inzwischen eine konstituierende Handlung dar (Jakobs/Kruse 1999:20). Universitäten und wissenschaftliche Einrichtungen sind auf geschriebene Texte zur Wissensvermittlung angewiesen und daher stark versprachlicht. Allerdings ist wissenschaftliches Schreiben inzwischen auch als Berufserfordernis so breit verankert, dass es nicht nur im Zusammenhang mit solch wissenschaftlichen Einrichtungen zu sehen ist. Für das Lernen ist daher inzwischen charakteristisch, dass man sich verschiedener Text- und Diskursformen bedient. Dies wären vor allem die Face-to-Face Kommunikation, aber auch schriftliche und nachschriftliche Textarten wie Lehrbücher, Reader und wissenschaftliche Artikel. Wichtig, speziell für Studierende, sind allerdings Textarten, welche zwischen diesen beiden Formen angesiedelt sind. Dies wären Referate, Protokolle, Mitschriften, Exzerpte und Seminararbeiten. Diese sind vor allem in den Geisteswissenschaften zentrale Aneignungs-und Trainingsform der
wissenschaftlichen Kommunikation und werden im Folgenden näher betrachtet (Ehlich 2003:17f).
2.2.1 Anforderungen und Kompetenzen beim Verfassen von Haus- und Seminararbeiten
In der Seminararbeit kondensieren sich die verschiedenen Anforderungen des
wissenschaftlichen Arbeitens in einer Form, für die auf exemplarische Weise alle jene
Arbeitstechniken, die formale und die inhaltlichen, aktualisiert und eingesetzt werden
müssen, auf die der (...) Wissenschaftler für seine Arbeit substantiell angewiesen ist.
(Ehlich 2003:20)
Wie bereits angedeutet, ist das Schreiben von Haus- und Seminararbeiten an deutschen Hochschulen die traditionelle Form, um das Schreiben von wissenschaftlichen Texten zu lernen. „Wissenschaftliches Schreiben lernen heißt, sich mit Formen Strukturen und Konventionen der Wissenschaft vertraut zu machen.“ (Kruse 1997:147) Das Schreiben einer Hausarbeit bedeutet zudem eine problemorientierte, aktive Auseinandersetzung mit Wissen und Wissenschaft sowie Ziele zu formulieren und in angemessener Zeit zu Ergebnissen zu kommen. Häufig geht es darum, dass die Studierenden für sich ein Grundverständnis von Theorien und Methoden in der jeweiligen wissenschaftlichen Disziplin erarbeiten. Meist werden die entsprechenden Themen der Hausarbeiten durch die Dozenten vorgegeben und im Zusammenhang mit einem Referat für eine bestimmte Lehrveranstaltung produziert (Frank et al. 2007:133; Ehlich 2003:22f). Als Ansprüche an wissenschaftliche Texte benennt Jakobs (1999b) sprachliche Klarheit, Folgerichtigkeit der Argumentation, Aufbau und Gliederung, Kohärenz sowie die Offenlegung der Quellen. Gleichzeitig wird aber auch festgestellt, dass die Festlegung und Bewertung solcher Anforderungen in Abhängigkeit von Textsorte,
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Schreiben in der Geographie
Gegenstand und fachinternen Vorstellungen und Maßstäben variiert. Kenntnisse darüber sind essentiell, da die Hausarbeit die wichtigste Form des Leistungsnachweises an der Hochschule ist (Jakobs 1999b:171). Problematisch für die Studierenden ist, dass vor allem innerhalb der Hochschule und von Fach zu Fach diese Anforderungen meist nicht klar definiert sind (ebd., S.171; Frank et al. 2007:133).
Neben den Anforderungen an den produzierten Text spielen jedoch auch die Kompetenzen des Schreibers eine große Rolle. In Anlehnung an Kruse und Jakobs (1999) stellen Dittmann et al. (2003) fünf Kompetenzen für das akademische Schreiben in den Fokus. „Studierende schreiben während des Studiums in der Regel (noch) nicht „wissenschaftlich“, sondern praktizieren akademisches Schreiben, das sich an den Normen wissenschaftlicher Textproduktion orientiert.“ (Dittmann et al. 2003:157) Die fünf Kompetenzen hierzu sind: x Beherrschung der Schriftsprache x Textsortenkompetenz x Stilkompetenz x Rhetorische Kompetenz x Lese- und Rezeptionskompetenz
Beherrschung der Schriftsprache bezeichnet die Einhaltung schriftsprachlicher Normen wie die korrekte Rechtschreibung und Zeichensetzung. Da es sich hierbei zwar um ein häufig auftretendes Problem aber kein spezifisches für das akademische Schreiben handelt, wird dies von Dittmann jedoch nicht weiter verfolgt. Textsortenkompetenz kann ähnlich wie die von Jakobs formulierten Ansprüche an wissenschaftliche Texte betrachtet werden. Es müssen Kenntnisse über die Herstellung von wissenschaftlichen Texten in Abhängigkeit von Maßstäben, Vorstellungen und dem Gegenstand der jeweiligen Disziplin vorhanden sein. Stilkompetenz stellt die Einhaltung fachspezifischer Stilmittel dar, welche von Fach zu Fach stark variieren. Zentral ist hier vor allem der „Windowpane-Stil“ zu sehen (vgl. Kap. 2.2.2.1).
Unter Rhetorischer Kompetenz verstehen Dittmann et al. zum einen die Systematik, die Darstellung und die logische Argumentation, aber auch die Fähigkeit zur Herstellung von Text-Text-Bezügen (vgl. Kap. 2.2.2.2). Diese Fähigkeit spielt eine große Rolle in der Produktion von Texten, da jede Arbeit zumindest den aktuellen Stand der Forschung berücksichtigen sollte.
Lese- und Rezeptionskompetenz bedeutet schließlich, die Stichhaltigkeit, Stimmigkeit, Begründetheit und Genauigkeit der Texte zu bewerten und eigenständige Textformulierungen daraus zu erstellen. Dies ist jedoch vielen Studierenden eher fremd (Dittmann et al. 2003:157ff).
All diese Kompetenzen spielen im Produktionsprozess einer Hausarbeit eine Rolle, sind jedoch noch keine Garantie für das Gelingen der Textproduktion. Neben dem Vorhandensein von Kompetenzen und Anforderungen sollte der Produktionsprozess auch strukturiert ablaufen. Kruse (2005) schlägt in seinem Schreibratgeber „Keine
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Angst vor dem leeren Blatt“ für die Arbeit an größeren Schreibprojekten sechs Phasen (vgl. Abb.4) vor. Diese Phasen stellen jedoch keine Standardreihenfolge dar. Die Reihenfolge kann von Schreibprojekt zu Schreibprojekt variieren (Kruse 2005:187).
Abbildung 4: Arbeitsschritte in umfangreicheren wissenschaftlichen Schreibprojekten (Kruse
2005:188)
Kritisch ist zu sehen, dass die Hausarbeit mehr eine Trainingsarbeit als ein „Ernstfall“ ist und für einen simulierten Leser geschrieben wird (Lehnen/Schindler 2002:175). Dabei kommt dem Lehrenden die Rolle zu, „als ideeller Gesamtleser [zu fungieren], der die Urteile potentieller zukünftiger Leser von zukünftigen wissenschaftlichen Artikeln vorwegnimmt.“ (Ehlich 2003:21) Hieraus kann jedoch auch eine gewisse Unsicherheit der Studierenden resultieren.
Die Unsicherheit der Lernenden in Bezug auf die Seminar- oder Hausarbeiten stellt einen zentralen Aspekt der hochschuldidaktischen Aufgaben dar. Die universitäre Wirklichkeit wird derzeit durch die Annahme bestimmt, dass sich die Textkompetenz der Studierenden schon irgendwie einstellen wird (Ebd., S.25; Ruhmann 1997:125).
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Schreiben in der Geographie
„Die deutschsprachigen Hochschulen ziehen eine klare Grenze zur Schule hin und
definieren akademische Lehre beinahe ausschließlich über die Vermittlung von
Fachwissen und Forschungsmethoden. Curriculare Überlegungen zur Vermittlung von
Sprachkompetenz sucht man in Ihnen deshalb vergeblich. (Kruse 2006:25f)
Allgemein fällt auf, dass die Schreibförderung losgelöst von der regulären Lehre stattfindet (Ruhmann 1997:126f). So auch am Geographischen Institut der RWTH Aachen, wo seit Kurzem ein Seminar mit dem Titel „Wissenschaftliches Schreiben in der Geographie“ stattfindet. Dieses Seminar gehört allerdings nach Auskunft von Studierenden und des Seminarleiters nicht zu den Pflichtveranstaltungen für die Studierenden und stellt somit auch keinen integrierten Bestandteil der Lehre dar. Das Erkennen eines solchen Bedarfs, der aber aufgrund fehlenden Engagement nicht gedeckt wird, wird von Seiten Kruses angemahnt.
Es ist relativ einfach, Zustimmung zu der Aussage zu bekommen, dass die Studierenden
in ihrem Schreiben unterstützt werden müssen. Es ist aber außerordentlich schwierig, die
Zustimmung dazu zu bekommen, dass ein Fach oder eine Disziplin sich darin engagieren
sollte, dass Schreiben speziell zu unterrichten. (Kruse 2006:29)
Als Konsequenz eines solchen Ausbildungsmangels sieht Ruhmann (1997) vor allem Fehlannahmen und hartnäckige Fehlstrategien bei den Studierenden im wissenschaftlichen Schreiben, welche sich in Form von Schreibproblemen manifestieren (Ruhmann 1997:128).
2.2.2 Schreibprobleme
Im Laufe des Studiums wird man als Studierender immer wieder mit Texten und deren Produktion konfrontiert. Tatsache ist, dass Studierende vor allem mit dem Schreiben von Seminararbeiten oft überfordert sind und kaum ein anderes Lernfeld ihnen mehr Probleme bereitet. In der Folge kann es zu Schreibproblemen, Verdrängungs- und Vermeidungsverhalten kommen (Dittmann et al. 2003:164). Schreibprobleme entstehen vor allem dadurch, dass Schreiben in vielen einzelnen Prozessen abläuft, welche simultan stattfinden. All diese Prozesse müssen die Studierenden aber schon beim Verfassen der ersten Arbeit beherrschen. So sind sie oft überfordert, da sie das Schreiben unterschätzen (u.a. Ruhmann 1997:131). In der Regel wissen sie nicht, welche gedankliche Leistung im Rahmen der Studienarbeit
von Ihnen verlangt wird, was die allgemeinen wissenschaftlichen Kriterien sind, denen
ihre Arbeit genügen muß und was die speziellen Ansprüche ihres Betreuers sind (...) Ihre
Unerfahrenheit betrifft das gesamte Spektrum der Fertigkeiten, die beim
wissenschaftlichen Schreiben erforderlich sind, (...). (Ruhmann 1997:131)
Hinzu kommen eine gewisse Uniformiertheit, ein fehlendes Problembewusstsein und eine fehlende Vorbereitung auf die Schreibanforderungen im Studium. Weitere Probleme resultieren aus dem Lernumfeld. So fehlt die Rückmeldung durch die Lehrenden und die Übung der Studierenden. Viele Studierende stellen sich die Frage, ob das, was sie schreiben, überhaupt jemanden interessieren kann (Jakobs/Kruse 1999:24f ; Dittmann et al. 2003:159f ; Ruhmann 1997:131f). Dittmann et al. (2003) befragten an der Albert-Ludwigs-Universität zu Freiburg 192 Studierende aus den Fächern Volkswirtschaftslehre, Linguistik, Psychologie und Neuere Deutsche Literaturwissenschaften. Die Frage „Haben Sie schon einmal
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Probleme beim Schreiben einer Hausarbeit o.ä. gehabt?“ bejahten zwischen 70,4 % in der Psychologie und 91,9 % in der Linguistik (Dittmann et al. 2003:166f). Neben weiteren Ergebnissen zum Thema Schreibprobleme stellt Dittmann abschließend noch mal heraus, dass gut ein Fünftel der Befragten (42 von 192) schon einmal eine Hausarbeit abgebrochen hat. Dies ist nach Dittmann eine Zahl, die zu denken gibt (Dittmann et al. 2003:182).
Erschwerend zu der Integration einer Schreibausbildung in die fachliche Lehre kommt seit einigen Jahren das von Kissling (2006) als solches bezeichnete „Schnellstudieren“. Studierende versuchen das zu vermeiden, was Sie nicht auf kürzestem und sicherstem Weg zur Erledigung einer Studienaufgabe führt (Kissling 2006:10f). Dies verstärkt den Mangel an Erfahrung im Studium und steht in Übereinstimmung mit Ruhmann (1997). Die meisten Probleme sind in der Hauptsache auf mangelnde Schreiberfahrung und Aufklärung zurückzuführen und könnten vermieden werden, in dem das Schreiben entsprechend seiner Bedeutung gelehrt werden würde (Ruhmann 1997:128). Jakobs und Kruse (1999) sehen es sogar so, „dass die Hochschulen verpflichtet sind, Schreiben zum Gegenstand der Lehre zu machen, wenn sie ihr hochschuldidaktisches Potential ausschöpfen wollen“ (Kruse/Jakobs 1999:19). Allerdings findet das Schreiben wissenschaftlicher Texte in der Hochschullehre zu wenig Beachtung. Es werden Techniken des wissenschaftlichen Arbeitens gelehrt, jedoch wird Schreiben dabei nicht thematisiert (Kruse 2001:11ff).
Bei der Durchsicht der Literatur werden weitere Probleme verschiedenster Art sichtbar. Dies wären beispielsweise Probleme mit der Zeitplanung und Themenfindung (Kruse 2001:16), Probleme mit der Bewertung von Literatur, Schreibprobleme aufgrund mangelnder Motivation (Dittmann et al. 2003:162f) sowie Probleme mit Wissenschaftssprache und Stil (Kruse 1997:151f). Doch diese Defizite, so Pohl (2004), sind nicht allein den Studierenden anzulasten, „bereite doch das Gymnasium nicht ausreichend vor und hole doch die Universität das Versäumte nicht nach.“ (Pohl 2004:103)
2.2.2.1 Wissenschaftssprache und -stil
Laien assoziieren mit Wissenschaftssprachen vor allem Unverständlichkeit, während Nichtfachleute die Vorstellung von einer genormten Terminologie, Präzision und Klarheit haben (Thiel/Rost 2001:118).
Wenn man Studierende bittet, einen wissenschaftlichen Text zu schreiben, dann
verändert sich ihre Sprache auf eine typische Art: Die Sätze werden länger und
verschachtelter, die Substantivierungen häufen sich, die Ausdrücke werden gespreizter,
das Wort „ich“ verschwindet, Passivkonstruktionen ersetzten handelnde Subjekte und die
Fremdwortrate steigt. (Kruse 1997:141)
Diese Sichtweise wird durch Thiel und Rost (2001) bestätigt. Sie sprechen von ausladenden hypotaktischen Konstruktionen und komplexen, oft langen und verschachtelten Sätzen, in denen Feststellungen durch Passivkonstruktionen wie „Es ist untersucht worden“ statt „Ich habe untersucht“ ausgedrückt werden (Thiel/Rost 2001:119).
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Schreiben in der Geographie
Wissenschaftssprache ist vor allem gekennzeichnet durch eine bestimmte Stilistik, wobei unter Stil die Organisation und Wirkungsweise eines Fachtextes verstanden wird (Thiel/Rost 2001:123). Was den Studierenden fehlt, ist eine positive Bestimmung von Wissenschaftssprache und -stil. Zu den Problemen, die die Studierenden mit der Wissenschaftssprache haben, zählen die
Beeindruckungsstilistik durch Adaption eines wissenschaftlich klingenden Stils und die Imitation von Wissenschaftssprache. Des Weiteren kommt ein fehlender eigener Stil hinzu (Kruse 1997:151f).
Gekennzeichnet ist die Art des studentischen Schreibens durch den sogenannten „Windowpane-Stil“ und stellt Studierende vor besondere Schwierigkeiten. Charakteristisch für diesen Stil sind das Ich-Tabu, das Metapherntabu und das Erzähltabu. Dieser Stil soll, so Kretzenbacher (1992), „den sprachlichen Charakter des wissenschaftlichen Textes soweit wie möglich vergessen machen (...), als ob die Sprache eine klare Fensterscheibe wäre (...)“ (Kretzenbacher 1992:8). Diese, durch den Stil verursachte Unverständlichkeit, wird von Seiten der Wissenschaftler auch mit Distinktionsbedürfnissen, Angst vor Reputationsverlust sowie der Befürchtung, mit einem einfachen Sprachstil nicht ernst genommen zu werden begründet. Dies lässt bei den Studierenden scheinbar den Eindruck entstehen, dass Schwerverständlichkeit zur Selbstpräsentation und Autorität von Wissenschaftlern gehört (Thiel/Rost 2001:130f). Schreiben wird für die Studierenden anstrengend und die Freude am Schreiben geht verloren (Kruse 1997:151).
2.2.2.2 Intertextualität
Die ersten Hausarbeiten, die Studierende an Hochschulen schreiben, setzen sich meist nur aus den Elementen anderer wissenschaftlicher Texte zusammen. Sie müssen sich vollkommen unerfahren auf einem schmalen Grat zwischen freier Wiedergabe des gelesenen und einer Aneinanderreihung von Zitaten bewegen (Kruse/Ruhmann 1999:109f). Intertextualität, die Bezugnahme auf fremde Texte, ist ein Schlüsselaspekt bei der Erkenntnisproduktion in der Wissenschaft. Bezüge zwischen den Texten werden durch zahlreiche Konventionen des Zitierens und Verweisens geregelt. Das Belegen von Quellen ist eine durchgängige Eigenschaft wissenschaftlicher Texte, bereitet jedoch den Studierenden immer wieder Schwierigkeiten. Die Vielfältigkeit der Bezugnahmen ist gleichzeitig Quelle möglicher Verfälschungen und Unzulänglichkeiten (Kruse 1997:146). Jakobs (1999b) spricht hier von einer funktionalen Vielfalt von Textbezügen. So tragen Textbezüge zum Aufbau von Textnetzen bei, schaffen einen Überblick über den Forschungsstand auf den Bezug genommen wird, sichern Kontinuität von Diskussionssträngen und unterstützen beim argumentativen Textaufbau (Jakobs 1999b:114ff).
Dittmann et al. (2003) stellten in Ihrer Untersuchung zu Schreibproblemen im Studium verschiedene Fragen zur Intertextualität. Mehr als die Hälfte der Befragten beantwortete die Frage nach Schwierigkeit beim Zusammenfassen von Texten mit „nein“ (56,2 %). Auch scheint die Einordnung und Bewertung von Forschungsliteratur in den Kontext einer Hausarbeit eher wenig problematisch zu sein. Die Frage nach
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Schwierigkeiten, Textzusammenfassungen einzuordnen und zu bewerten beantworteten 56,5 % mit „nein“. Interessant wird sein zu sehen, ob diese Ergebnisse durch die vorliegende Untersuchung gestützt werden.
2.2.2.3 Ratgeberliteratur
An sich sind Ratgeber gute Quellen um etwas über die Vorstellungen, Normen und Konventionen innerhalb einer Domäne zu erfahren, in welcher man erfolgreich agieren will (Lehnen/Schindler 2002:170). Über den Stellenwert des Schreibens in der Geographie herrscht, so scheint es zumindest, Uneinigkeit. Baade et al. (2005) sehen das Aufarbeiten von Forschungsergebnissen in schriftlicher wie mündlicher Form als den für die meisten Studierenden wohl schwierigsten und wichtigsten Teil der studentischen Laufbahn (Baade et al. 2005:52). Andere Autoren ignorieren das Schreiben gänzlich in ihren Studienratgebern oder widmen diesem in der entsprechenden Literatur zwei Seiten, beispielsweise mit dem Verweis: "Grundlagen in einem gängigen Textverarbeitungsprogramm (...) ersparen auch bereits als Studienanfänger bei der Erstellung der ersten Hausarbeit mühsame Stunden (...)". (Vieten 2000:94)
Hier wird die Textproduktion auf den Prozess des Niederschreibens reduziert, was allerdings bei der Komplexität des Verfassens von Texten nicht möglich ist. Die Schreibhandlung an sich bildet nur einen kleinen Teil des Prozesses ab (Kruse 2001:14). Wenn man eine Anleitung hierzu bekommt, werden meist nur Fragen der Arbeitsorganisation und Arbeitstechnik geklärt, jedoch keine Schritte und Prozeduren wie man von der Idee zum Text kommt (Jakobs 1999:174). Wird versucht, am Geographischen Institut der RWTH eine Art „Style Guide“ oder Ratgeber zu finden, so stößt man auf der Internetseite (www.geographie.rwthaachen.de) unter dem Punkte „Lehre“ Æ „Downloads“ lediglich auf eine Literaturliste zum Anfertigen wissenschaftlicher Arbeiten. Klare Formulierungen auf den Seiten der Physischen Geographie sind erst zu finden, wenn man sich bis zur Arbeitsgruppe Klimageographie „durchgeklickt“ hat. Hier gibt es ein Dokument mit dem Titel „Richtlinien für schriftliche Referate, Hausarbeiten, Staats-, Magister oder Diplomarbeiten, sonstige wissenschaftliche Texte“, welches klare Vorgaben in bezug auf Formalien, Layout und Orthographie zur Erstellung eines Textes liefert. Mehr Hilfe wird hier auf den ersten Blick jedoch auch nicht angeboten. „Hilfen zur grafischen Gestaltung und zur Gestaltung der Zitate und Literaturangaben
sind meist das Einzige, was an fachspezifischer Hilfe zum Schreiben von Hausarbeiten
geboten wird (Kruse 2006:30).
2.2.2.4 Schreibanforderungen aus Sicht der Lehrenden
In einer Umfrage an der Ludwig-Maximilian-Universität in München befragten Ehlich und Steets (2003) 620 Professoren und Professorinnen welche schriftsprachlichen Anforderungen an die Studierenden in unterschiedlichen Disziplinen gestellt werden und in welcher Weise Schwierigkeiten auftreten. Die Umfrage orientierte sich dabei an den Textarten Mitschrift, Protokoll, Exzerpt und schriftliche Hausarbeit
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Schreiben in der Geographie
(Ehlich/Steets 2003:129f). In Hinblick auf schriftliche Hausarbeiten ergab die Umfrage, dass diese Textart vor allem im Hauptstudium als Qualifikationsnachweis große Relevanz erfährt. In der Bewertung von Hausarbeiten wird von drei Vierteln der befragten Lehrenden vor allem die sprachliche Form bewertet. Diese macht in den meisten Fällen 20 - 30 % der bewerteten Gesamtleistung aus. Als sprachlicher Faktor spielt hier der wissenschaftssprachliche Stil wohl die größte Rolle, Interpunktion hingegen die geringste (ebd., S.142ff). Als Gesamtergebnis der Befragung wird festgehalten, dass eine bessere Qualifizierung der Studierenden unabdingbar erscheint und die bloße Schulausbildung im schriftlichen Bereich bei weitem nicht mehr den Anforderungen an den Hochschulen genügt (ebd., S.151). Auch hier erscheint ein Vergleich mit den Ergebnissen der vorliegenden Untersuchung interessant.
2.3 Textproduktionsmodell nach Jakobs
In Anlehnung an das von Hayes und Flowers (1980) entwickelte Textproduktionsmodell, entwickelte Jakobs (1999a) ein erweitertes Modell unter Berücksichtigung von Prozessen und Handlungen, welche zur Herstellung von Bezugnahme zwischen Texten führen (Jakobs 1999a:327f). Das Verfassen von Texten wird hier als ein iterativer Handlungskomplex beschrieben, in welchem produktive, reproduktive und rezeptive Prozesse interagieren. Diese Prozesse dienen in erster Linie dem Abruf von Informationen, aus dem Gedächtnis oder externen Quellen. Diese Informationen werden dann einer Bewertung, einer Strukturierung, einer Linearisierung sowie schlussendlich auch einer
Verschriftlichung, Kontrolle und Korrektur unterzogen (Jakobs 2006:316). Einfluss auf den Textproduktionsprozess haben dabei unterschiedliche Faktoren, welche im Modell (Abb. 5) anschaulich dargestellt werden.
Hierbei ist der Textproduktionsprozess in den Textproduzenten, der als informationsverarbeitendes System fungiert, eingebettet. In der Abbildung (Abb. 5) ist dies als Kasten mit abgerundeten Ecken anschaulich dargestellt. Kästchen mit
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gestrichelten Linien stellen die Textproduktionssituation dar. Hierbei handelt es sich um Größen wie Zeit, zu behandelnder Gegenstand, das zu realisierende Textmuster, die materiellen Arbeitsbedingungen sowie der bisher produzierte Text. Dies alles befindet sich in einem situativ-pragmatischen Kontext, welcher als zeitlich und sozial geprägter Kultur- und Handlungsraum verstanden wird (Jakobs 1999a:328). Die Ausführung des Textproduktionsprozesses hängt ebenfalls von verschiedenen Faktoren ab. Hierzu gehören Status, Motivation sowie das Langzeitgedächtnis in welchem deklaratives, prozedurales und episodisches Wissen abgelegt sind. Ebenfalls Einfluss haben affektive Faktoren wie Interesse, Motivation und Betroffenheit sowie der Umgang mit Fachliteratur (Jakobs 2006:316). Deklaratives Wissen ist das Wissen um Kriterien und Normen, das prozedurale Wissen enthält Wissen über den Umgang mit Fachliteratur und das episodische Wissen ist das individuell angeeignete Wissen aus der rezipierten Fachliteratur. Auf diese Wissensbestände kann der Textproduzent beispielsweise zwecks der Bereitstellung von Inhalten zurückgreifen. Sollte bereits rezipiertes Wissen in Quantität und Qualität nicht den Ansprüchen des Textproduzenten genügen, kann dies auch zu erneuten Lese- und Rezeptionsprozessen führen. Im Gegensatz zu Hayes und Flowers (1980) ist in diesem Modell der Textproduktionsprozess Bestandteil des Systems „Textproduzent“ und funktioniert als interagierende Prozessschleife, welche rekursive Handlungsschleifen bildet. Hierzu zählen auch Schreib- und Lesehandlungen (Jakobs 1999a:329).
Im Idealfall verläuft der hier abgebildete Textproduktionsprozess wie folgt: Aus dem Langzeitgedächtnis werden die benötigten Informationen wie z. B. Ideen oder Formulierungen abgerufen. Diese bereitgestellten Inhalte werden dann verarbeitet, bewertet, selektiert und linearisiert. Daran schließt sich die Präformulierung des auf mentaler Ebene aufbereiteten Materials an. Hieraus wählt der Textproduzent eine Variante aus und hält diese schriftlich fest. Dieser produzierte Text wird vom Produzenten gelesen und es wird eine mentale Repräsentation des Ist-Zustandes gebildet. Dieser Ist-Zustand wird mit dem intendierten Ziel, dem Soll-Zustand, verglichen. Bei weitgehender Übereinstimmung der beiden Zustände kann das nächste Inhaltselement auf die gleiche Art und Weise produziert werden. Bei einem negativen Vergleich von Ist und Soll muss das bestehende Problem der Differenz näher definiert und eine Entscheidung über das weitere Vorgehen getroffen werden (ebd., S.329ff).
Die Prozesse der Textproduktion laufen stets in Abhängigkeit von den situativen Vorgaben, dem zu lösenden Problem sowie der Reflexion und den Zielen des Textproduzenten ab. Daneben spielen auch die individuellen Voraussetzungen des Textproduzenten eine Rolle.
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Schreiben in der Geographie
Abbildung 6: Individuelle Voraussetzungen des Textproduzenten (Jakobs 1999a:294)
Die obige Darstellung in Form eines Schalenmodells soll einen Eindruck vermitteln welche Faktoren sich auf Textproduzenten und somit auch auf den Textproduktionsprozess auswirken. Die äußere Schale des Modells wird dabei durch die kulturellen, historischen und domänenspezifischen Bedingungen gebildet, welche dem Handeln mit Texten zugrunde liegen. Die mittlere Schale umfasst die Bedingungen am Arbeitsplatz, die Arbeitsmittel und die Beschaffenheit und Verfügbarkeit von Quellen (Jakobs 1999a:325). In der Mitte des Modells steht der Textproduzent. Zu ihm gehören das Wissen, das Können und die Voreinstellung des Produzenten, seine Motivation und seine Interessen, die fach- und kulturspezifische Sozialisation, die bevorzugte Produktionsstrategie, sein Status in der Forschungsgemeinschaft sowie die Einstellung zu Quellen und deren Verfassern. Unter Wissen werden hier die unterschiedlichen vom Textproduzenten benötigten Wissensbestände gefasst, wie etwa das thematische Wissen oder das Wissen über Muster und Funktion von Bezugnahme auf andere Fachtexte. Hierfür ist jedoch auch das Können notwendig, sich kritisch mit Lektüre auseinandersetzen und im Bezug auf das eigene Textproduktionsvorhaben vernetzen zu können. Das Vorwissen beeinflusst hier, wie leicht und umfassend eine Rezeption und Interpretation des Gelesenen gelingt (ebd., S.295f).
Die Ziele, die Motivation und das Interesse des Textproduzenten haben einen wesentlichen Einfluss auf den Textproduktionsprozess. Die Motivation wird durch den Stellenwert der Textproduktionsaufgabe und das Interesse an der Thematik beeinflusst. Motivation wird hier von Jakobs als „das Bedürfnis verstanden, ein spezifisches Ziel zu erreichen (...).“ (ebd., S.297) Motivationale sowie situative Faktoren sind hier ebenfalls zu berücksichtigen. Dazu gehört, ob das Textvorhaben den eigenen Bedürfnissen entspringt oder ob es von jemand anders verlangt wird, in welche größeren Zusammenhänge es sich einordnen lässt und welchen Stellenwert es dort einnimmt. Ebenfalls relevant ist die persönliche Betroffenheit des Textproduzenten durch das Thema, die Erfahrungen, die er hiermit bereits gemacht hat und die Ansprüche, die der Textproduzent sich selber stellt (ebd., S.297).
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Nils Hermans, 2008, Schreiben in der Geographie - Eine explorative Untersuchung zum studentischen Schreiben in der Physischen Geographie, München, GRIN Verlag GmbH
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