Inhaltsübersicht
Einleitung 1
1. Theoretischer Hintergrund 2
1.1 Frequenzeffekte 2
1.2 Poplacks Studie zum Subjunktiv im Kanadafranzösischen 3
1.3 Kritische Betrachtung von Poplacks Studie 8
2. Empirische Untersuchung 10
2.1 Daten 10
2.2 Vorgehen und Auswertung der Daten 11
2.3 Ergebnisse der Untersuchung 13
(A) IND-Gebrauch aufgrund von falloir als Diskurs strukturierender Marker
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(B) IND-Gebrauch aufgrund von falloir als Einleitung konkurrierend
mit anderen syntaktischen Strukturen 16
()C Der IND als Vereinfachung der Informations- und syntaktischen Struktur 20
(D) KOND-Gebrauch aufgrund von Tendenz zur Zeitkonkordanz 23
3. Synthese, Vergleich mit Poplacks Studie, Diskussion 24
4. Ausblick 26
Literaturverzeichnis 28
Abk ürzungsverzeichnis 29
Anhang 30
Einleitung
Das Französische unterscheidet vier Modi: Indikativ, Imperativ, Subjunktiv und Konditional. Diese Verbalmodi dienen dem Ausdruck der Modalität. „Die Modalität eines Satzes ist eine semantische Eigenschaft, die die Einstellung des Sprechers zum Inhalt des Satzes betrifft“ (Lehmann: Internet). Während der Indikativ sich auf einen Sachverhalt bezieht, der als faktisch, reell betrachtet wird, bezieht sich der Subjunktiv auf einen Sachverhalt, der als gedanklich, nicht faktisch betrachtet wird. Das Konditional bezieht sich auf einen Sachverhalt, der als hypothetisch betrachtet wird, für den eine Bedingung erfüllt werden muss. Es beinhaltet eine größere Ungewissheit bezüglich des Sachverhalts, wohingegen der Subjunktiv eine spezifischere Alternative zu einem Sachverhalt darstellt (vgl. Dreer 2007: 258). Die Grenzen sind hier im tatsächlichen Sprachgebraucht jedoch schwer zu ziehen. In traditionellen Grammatiken werden Verben deshalb in semantische Klassen unterteilt, die dem Sprecher anzeigen, welcher Modus zu wählen ist. Somit gibt es Auflistungen von Matrixverben, nach welchen der Subjunktiv stehen muss, beispielsweise bei deontischen Modalitäten oder verneinten Verben des Fühlens und Denkens, oder stehen kann, je nach Absicht des Sprechers. Die somit in der Theorie recht durchschaubare Bildung und Anwendung des Subjunktivs wird erschüttert durch den tatsächlichen Gebrauch dessen im gesprochenen Französisch: Einerseits wird der Subjunktiv nach Konjunktionen verwendet, die ursprünglich keinen verlangen (après que), andererseits ist bei immer mehr Verben, die ursprünglich den Subjunktiv verlangen, ein Rückgang des Subjunktivs zu verzeichnen (z.B. bei verneinten Verben des Fühlens und Denkens). Bei einigen wenigen der Subjunktiv fordernden Verben, wie z.B. falloir, scheint er sich jedoch zu halten. Es kann angenommen werden, dass die Konservierung des Subjunktivs bei diesen Verben mit der Frequenz der Verben selbst zusammenhängt. Was aber nun, wenn nach falloir nicht der Subjunktiv, sondern Indikativ oder Konditional folgt?
Diese Frage soll in der vorliegenden Arbeit untersucht werden. Gegenüber stehen sie hierbei der Konservierungseffekt (Subjunktiverhalt) und die Tendenz zu analogem Ausgleich (Indikativ-/Konditionalgebrauch), wie er bei vielen Matrixverben bereits geschehen ist. Im Folgenden wird untersucht, welche semantischen, pragmatischen und syntaktischen Bedingungen erfüllt werden, dass nach falloir nicht der Subjunktiv folgt. Dabei soll diskutiert werden, ob die Semantik des Matrixverbs, wie Poplack (1992) annimmt, keine Rolle beim Gebrauch oder Nichtgebrauch des Subjunktivs spielt und der Ausdruck des Modus von morphosyntaktischen Faktoren abhängt.
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Dies soll in Hinblick auf die Rolle der Frequenz bei Sprachwandelprozessen geschehen. Wenn man davon ausgeht, dass der Gebrauch von sprachlichen Formen die Grammatik formt („language use shapes grammar“, Bybee und Thompson 2007: 269), so ist die Häufigkeit des Gebrauchs einer sprachlichen Form und die folgende Verankerung derer (entrenchment) in der mentalen Repräsentation des Sprechers von zentraler Bedeutung. Die Rolle der Frequenz bei Sprachwandelprozessen wird in Kapitel 1 erläutert. Dabei wird die Studie von Poplack zum Gebrauch des Subjunktivs im Kanadafranzösischen vorgestellt und ihre Ergebnisse werden kritisch betrachtet. In Kapitel 2 folgt die Analyse des Indikativ-oder Konditionalgebrauchs nach falloir im Französischen Europas. In Kapitel 3 wird diese Untersuchung mit Poplacks Studie verglichen und die Rolle der Frequenz wird hinsichtlich der Ergebnisse diskutiert. Kapitel 4 wird einen Ausblick gegeben.
1. Theoretischer Hintergrund
1.1 Frequenzeffekte
Von der Grundannahme ausgehend, dass „die mentalen Repräsentationen sprachlicher Strukturen sich zumindest in Teilen unserer Erfahrung mit Sprache verdanken“, so beeinflusst „die Häufigkeit, mit der ähnliche oder gleiche sprachliche Ereignisse produziert und perzipiert werden […] die kognitive Repräsentation von Sprache“ (Pfänder 2009: 1). Durch diese wiederholten Erfahrungen entstehen sprachliche Routinen bzw. „kognitive Trampelpfade“ (entrenchment) (vgl. Pfänder 2009: 1). Dabei werden sprachliche Handlungen automatisiert (vgl. Bybee und Thompson 2007: 271). Somit lassen sich quantitative Veränderungen im Sprachgebrauch als Erklärungen für sprachlichen Wandel heranziehen (vgl. Pfänder 2009: 12). Diese quantitativen Veränderungen konstituieren sich in zwei verschiedenen Arten von Häufigkeiten: Token- und Typefrequenz. Tokenfrequenz ist die Anzahl der Wortformen in einem Korpus, wobei jede Wiederholung einer Form einmal zählt. Typefrequenz ist die Anzahl der verschiedenen Wortformen in einem Korpus, wobei jede Form nur einmal zählt. Eine hohe Tokenfrequenz ist einerseits verantwortlich für den sogenannten Reduktionsprozess, d.h. sie fördert sprachlichen Wandel. Der Reduktionseffekt agiert auf drei Ebenen: der phonetischen (phonetische Reduktion), der syntaktischen (Verlust der internen Konstituentenstruktur), und auf der semantischen Ebene (semantic bleaching) (vgl. Bybee und Thompson 2007: 270f.). Andererseits ist eine hohe Tokenfrequenz für den sogenannten Konservierungseffekt verantwortlich, wobei Konstruktionen resistent gegenüber sprachlichem Wandel werden. Während der Reduktionseffekt bei Grammatikalisierungsprozessen eine wichtige Rolle spielt, agiert der Konservierungseffekts vor allem aufgrund von produktiven Mustern mit hoher Typefrequenz und führt zu Irregularitäten (vgl. Bybee und Thompson 2007: 269f.).
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Der Konservierungsprozess geschieht aufgrund einer erhöhten lexikalischen Stärke und entrenchment eines bestimmten Wortes oder einer Phrase. Dieses „konservative Verhalten“ hängt damit zusammen, dass hochfrequente Formen kognitiv leichter zugänglich sind: Je mehr eine sprachliche Form gebraucht wird, desto mehr wird ihre mentale Repräsentation gestärkt, was sie beim nächsten Gebrauch leichter und schneller zugänglich macht. Wörter, die fest verankert (entrenched) und einfach zugänglich sind, sind weniger von regulären Nivellierungen und analogischen Ausgleichen im sprachlichen System betroffen (vgl. Bybee und Thompson 2007: 271). Morphologische Irregularität findet man somit immer bei hochfrequenten sprachlichen Formen.
1.2 Poplacks Studie zum Subjunktiv im Kanadafranzösischen
Ein Beispiel für den Konservierungsprozess findet sich nach Poplack (1992) im Kanadafranzösischen. In ihrem Aufsatz „The inherent variability of the French subjunctive” (1992: 235-263) untersucht Poplack, in welchen syntaktischen und semantischen Kontexten der Subjunktiv gebraucht wird. Ihre Hypothese ist, dass die Wahl des Subjunktivs nicht von der Semantik des Matrixverbs abhängt und sie plädiert für eine morphosyntaktische Interpretation der Moduswahl im Kanadafranzösischen. Im Folgenden wird Poplacks Studie genauer erläutert. Die Frage nach der genauen Bestimmung des Modus in den romanischen Sprachen wird schon Jahrhunderte lang von traditionellen Grammatikern sowie zeitgenössischen Linguisten diskutiert (vgl. Poplack 1992: 235). Da offensichtlich im Französischen nach einigen Verben der Subjunktiv folgt und nach anderen der Indikativ, stellt sich die Frage, ob die Alternation zwischen Subjunktiv (fortan: SUB) und Indikativ (fortan: IND) eine automatische Konsequenz der Natur des Matrixverbs 1 ist und der Modus in diesem Fall eine rein redundante Markierung für Subordination wäre (siehe Beispiel (1) im Anhang), 2 oder ob die Alternation einen Unterschied in der Bedeutung der Aussage darstellt, d.h. verdeutlicht, wie der Sprecher zum Wahrheitsgehalt der Aussage steht. Folgende Beispiele lassen diese Annahme zu: 3 (2) a. Mais quand tu es jeune, moi je crois que c’est (I) une- une bonne chose. (034/1125) b. Je crois pas que ce soit (S) la fin du monde. (060/195)
(3) a. Admettons mes deux petits soient (S) détachés, ils peuvent me donner une amende pour deux fois vingt-huit piastres. (027/1938)
b. Admettons qu’elle peut (I) pas ou que l’enfant est (I) malade, on peut pas l’envoyer. (117/851) Diese letztere Annahme entspricht der traditionellen Sichtweise und macht den Gebrauch des SUBs von der Semantik des Matrixverbs abhängig. Verben werden in semantische Klassen
1 = Regierendes Verb im Matrixsatz. Der Matrixsatz ist ein übergeordneter Satz, in den ein anderer eingebettet ist; das Matrixverb leitet diesen Nebensatz ein.
2 Diese Funktion entspricht der bedeutungslosen Funktion des SUBs im Lateinischen (vgl. Ludwig 1988: 168, Poplack 1992: 257f.). 3 Die Zahlangaben entsprechen den Nummern der Sprecher und den Zeilenangaben im Ottawa-Hull Korpus.
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eingeteilt (volitiv, emotiv, epistemisch usw.), nach welchen der SUB verwendet oder nicht verwendet werden muss. Ausnahmen zu diesen Regeln werden damit erklärt, dass der Sprecher beispielsweise die Realität der Tatsache betonen möchte (IND in SUB-Kontext), er die Aussage im Kopf vorausplant (SUB in IND-Kontext), oder die Aussage als hypothetisch betrachtet (KOND in SUB-Kontext). Auf weitere Vorschläge einer semantischen Interpretation des Modusgebrauchs soll hier nicht weiter eingegangen werden (siehe dazu Poplack 1992: 236-239).
Die Matrixverben im Kanadafranzösischen aus Poplacks Untersuchung können ebenfalls in drei Gruppen unterteilt werden: Die Verben in Gruppe (1) erfordern immer den SUB (dire, demander, ne pas concevoir, désirer), die in Gruppe (2) erfordern ihn nie (prier, se plaindre, être surpris, avoir l’espoir) und jene in Gruppe (3) erfordert ihn ab und zu (vouloir, avoir peur, ne pas penser, empêcher). Der Unterschied ist jedoch, dass alle diese Verben in den traditionellen Grammatiken den SUB fordern können, d.h. auch jene, die nach Poplacks Untersuchung ihn nie fordern (2). Des Weiteren kommen jene Verben, die den SUB nach Poplack immer oder nie fordern (1), (2), nur drei oder vier Mal in ihrem Korpus vor, wohingegen alle hochfrequenten Matrixverben in Poplacks Korpus einen Grad an Variabilität zeigen (3). Somit lässt sich (auch in Gruppe (1)) eine inhärente Variabilität beim Gebrauch des SUBs vermuten, die wie Poplack annimmt über Jahrhunderte hinweg stabil war. Die Beispiele (7) -(11) im Anhang verdeutlichen diese Variabilität: In den Beispielen (7) und (8) können sowohl die SUB-, als auch die IND- und KOND-Form des Verbs être unter dem gleichen Matrixverb (falloir) in der gleichen Tempusform verwendet werden. In den Beispielen (9) bis (11) sagt der Sprecher annähernd oder ganz genau dasselbe zum gleichen Gesprächspartner und behält das gleiche Matrixverb in der gleichen Tempusform bei, wechselt aber zwischen SUB-, IND- und KOND-Form der eingebetteten Verben. Verschiedene Ansätze zur Erklärung dieser Variabilität bestehen darin, die Matrixverben in weitere Subkategorien zu unterteilen. So wird bei Connors (1978) beispielsweise zwischen einer „automatischen“ Klasse der Matrixverben (Moduswahl und Semantik nicht relevant) und einer „nicht-automatischen“ Klasse (Variation aufgrund semantischer Unterschiede) unterschieden oder bei Rothe (1967) zwischen Opposition (semantischer Unterschied), Variation (semantischer Unterschied ist weniger deutlich) und Automatik (Redundanz und Bedeutungslosigkeit) (vgl. Poplack 1992: 242). Poplack aber geht von der These der inhärenten Variabilität aus, d.h. sie nimmt an, dass der SUB-Modus eine Variante einer linguistischen Variablen ist, die mit dem IND- und KOND-Modus in eingebetteten Sätzen alterniert. Somit dürfte es auch keinen Bedeutungsunterschied zwischen den Aussagen geben. Nach der Theorie der inhärenten Variabilität wird die Wahl einer Variablen in einem bestimmten Kontext von bestimmten Faktoren in der Um-
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gebung bedingt oder gefördert, jedoch nicht endgültig determiniert. Diesen Kontext untersucht Poplack in einen Korpus, wofür 120 Französisch-Muttersprachler in Ottawa-Hull aufgenommen wurden. 3,5 Millionen Wörter natürlicher Sprache wurden auf SUB-Kontexte durchsucht. 4 Dabei wurde nur der SUB-Gebrauch in Nebensätzen, die unter SUB anbindenden Matrixverben eingebettet sind, berücksichtigt. 67 SUB anbindende Matrixverben wurden in 6000 Sätzen gefunden. Die Hälfte der eingebetteten Verben waren ambig, d.h. IND- und SUB-Form identisch (außer für die 1. und 2. Person Plural). Die Untersuchung bezieht sich jedoch nur auf die nicht ambigen Verben (insgesamt 2694).
Als relevant für den SUB-Gebrauch, d.h. für eine nicht-faktische Lesart, wurden folgende Faktoren geachtet, wobei nicht ausgeschlossen wird, dass andere Faktoren ebenso eine Rolle spielen könnten:
(1) Natur des Matrixsatzes (affirmativ, negiert, interrogativ, konditional) (2) weitere Indikatoren für eine nicht-faktische Lesart im Matrixsatz:
(3) Zeitkonkordanz zwischen Matrix- und eingebettetem Verb
(4) Präsenz des Komplementierers que
(5) Existenz von lexikalischem Material zwischen Matrix- und eingebettetem Verb (6) Morphologische Form und Häufigkeit des eingebetteten Verbs (7) Lexikalischer Zusammenhang zwischen Matrixverb und Modus
Jeder der 2694 Sätze wurde auf diese Faktoren mithilfe eines statistischen Programms, der Variable Rule Analysis überprüft um herauszufinden, welche der Faktoren einen statistisch signifikanten Einfluss auf die Wahl des SUBs haben. In 77% der Fälle, in denen im Korpus ein SUB gebraucht werden müsste, wird der SUB tatsächlich auch verwendet, was auf eine nach wie vor starke Tendenz des SUB-Gebrauchs im Kanadafranzösischen hinweist. In zwei Dritteln dieser Fälle ist falloir das Matrixverb. Da seine Häufigkeit das Ergebnis der quantitativen Studie verfälschen könnte, wird dieses separat untersucht. Nach falloir selbst wird in 89% der Fälle der SUB gewählt. Welche Faktoren die Wahl des INDs nach falloir begünstigen, soll die Variable Rule Analysis zeigen. Für die Analyse nicht signifikant sind die Struktur des Matrixsatzes (1) (affirmativ, negiert etc.), weitere Indikatoren für eine nicht-faktische Lesart (2a, c) und die Präsenz von que (4). Ausschlaggebend scheint vor allem das Tempus des Matrixverbs (2b) zu sein. Wenn dieses im KOND steht, so ist die Tendenz sehr stark, dass nach falloir kein SUB gebraucht wird: In 50% der Kondiationalkontexte folgt im eingebetteten Satz das KOND und nicht der SUB (= Zeitkonkordanz). Des Weiteren scheint die
4 Zum genaueren Vorgehen siehe Poplack 1992: 243-246.
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Distanz zwischen dem Matrix- und dem eingebetteten Verb eine Rolle zu spielen (5). Einschübe, falsches Starten oder andere Arten von lexikalischem parenthetischem Material verhindern die Wahl des SUBs. Ebenso ist die morphologische Form des eingebetteten Verbs ausschlaggebend. Einige der französischen Verben, die zu den häufigsten überhaupt im Französischen gehören, haben unregelmäßige SUB-Formen (avoir, être, aller, faire, savoir, etc.). Diese unregelmäßigen Verben machen zwei Drittel (62%) der 1669 SUB-Fälle unter dem Matrixverb falloir aus. Ein regelmäßiges eingebettetes Verb scheint somit im Umkehrschluss den Nicht-Gebrauch des SUBs zu begünstigen.
Die hohe Frequenz von unregelmäßigen Verben im Sprachgebrauch überhaupt, die Tendenz zum SUB-Gebrauch bei ihnen und die hohe Frequenz von falloir in SUB-Kontexten lassen die Annahme zu, dass sogenannte Routinen im SUB-Gebrauch mit falloir existieren. Die restlichen Matrixverben (ein Drittel der 77%) binden den SUB genauso oft an sich, wie nicht. Nicht signifikant für die Wahl des SUB-Modus sind die Struktur des Matrixsatzes (1) (affirmativ, negiert etc.) und weitere Indikatoren für eine nicht-faktische Lesart (2a). Als ausschlaggebend wurde die semantische Klasse des Matrixverbs befunden (2c): Meinungsverben scheinen die Nicht-Wahl des SUBs zu begünstigen. Dies sollte jedoch nicht vorschnell zu einer semantischen Interpretation des SUBs veranlassen: Zum Einen schwankt die Einteilung der Verben in semantische Klassen von Grammatik zu Grammatik, zum Anderen binden die Meinungsverben nur in nicht affirmativen Kontexten den SUB an sich. Ebenso spielt das Tempus des Matrixverbs eine Rolle (2b): Steht das Matrixverb im periphrastischen Futur oder im KOND, so wird der SUB vermieden. Die morphologische Form bzw. die Frequenz des eingebetteten Verbs spielt ebenfalls eine wichtige Rolle (6): Ist das Matrixverb unregelmäßig und sehr frequent, so wird tendenziell der SUB gebraucht. Im Gegensatz zu falloir spielt bei diesen Matrixverben die Präsenz des Komplementierers que eine Rolle: Bei Präsenz wird zu SUB-Gebrauch tendiert, bei Abwesenheit zum IND- oder KOND-Gebrauch. Was machen Sprecher nun, wenn sie keinen SUB gebrauchen? Wie bei falloir gesehen, neigen Sprecher zur Zeitkonkordanz, wenn falloir im KOND steht. Eine ähnliche Beobachtung lässt sich für alle untersuchten Verben machen, wenn kein SUB gebraucht wird: Matrix-und eingebettetes Verb neigen zu Zeitkonkordanz, vor allem KOND, periphrastisches Futur und Imperfekt. Diese Zeitkonkordanz, die rein syntaktischer Natur ist, ist für Poplack ein weiterer Beweis dafür, dass die Moduswahl nicht von der Semantik des Matrixverbs abhängig ist.
Zusammenfassend hält Poplack fest, das bestimmte Verben wie falloir oder vouloir stark mit dem SUB-Gebrauch verbunden zu sein scheinen, wohingegen negierte Meinungsverben nicht zum SUB-Gebrauch führen. Sie schließt eine von der Semantik des Matrixverbs abhän-
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gige Interpretation der Moduswahl auch daher aus, da in ihrer Untersuchung für jedes untersuchte Matrixverbs sowohl der SUB, als auch ein anderer Modus folgen kann. Des Weiteren lassen sich für Matrixverben, die oft mit dem SUB vorkommen, lexikalische und syntaktische Synonyme finden, die den SUB nicht fordern (préférer - 100% vs. aimer mieux - 2% SUB-Gebrauch). Daneben stützen die als statistisch signifikant gefundenen morphologischen und syntaktischen Faktoren der Variable Rule Analysis ihre Behauptung. Bei der Analyse darf jedoch nicht die Tatsache in den Hintergrund gerückt werden, dass Kontexte, in denen der SUB eine Option ist, relativ selten in der gesprochenen Sprache sind. Ein Grund hierfür ist die Tendenz zu Dislokationen im gesprochenen Französisch, wobei „immer mehr das Geflecht Parataxe-Hypotaxe/n“ gebrochen wird (Blaikner-Hohenwart 2006: 615). 5 Des Weiteren ist in einem Drittel bis zur Hälfte der möglichen SUB-Fälle die Form des eingebetteten Verbs ambig. Bei den morphologisch deutlichen SUB-Fällen ist in mindestens 40% der Fälle falloir das Matrixverb. Es muss somit darauf hingewiesen werden, dass es relativ wenige Kontexte gibt, in welchen die Stärke des SUBs gemessen werden kann und auf-grund der „Inflation“ durch falloir scheint der SUB produktiver als er ist (vgl. Poplack 1992: 254-259).
Bybee und Thompson (2007) erwähnen Poplacks Untersuchung in ihrem Artikel „Three frequency effects in syntax“ in ihrem Kapitel zum Konservierungseffekt. Auch sie führen die Erhaltung des SUBs auf diesen zurück: Die meisten SUB-Verbformen kommen in bestimmten stark entrenchten Sätzen mit bestimmten, hochfrequenten Matrixverben vor, mit bestimmten eingebetteten Verben, welche wiederum unregelmäßig sind. Diese hochfrequenten Ausdrücke behalten ihre ursprüngliche Form trotz genereller Nivellierungsprozesse, die die Konstruktion solcher Sätze mit IND-Formen in ähnlichen, aber weniger frequenten Kontexten erlauben. Diese Tatsache lässt vermuten, dass diese Hauptverb-Komplementkonstruktionen sich nicht von hoch generalisierten syntaktischen Schemata ableiten, sondern dass vielmehr spezifische Konstruktionen (Routinen) gespeichert und im Sprachgebrauch verwendet werden. Es gibt somit nicht nur eine mentale Repräsentation pro Konstruktion, sondern es kann eine spezifische Instantiierung einer Konstruktion mit spezifischen lexikalischen Items ihre eigene Repräsentation im Gedächtnis haben. Daher kann sie beispielsweise von phonologischer Reduktion oder Bedeutungs-/Funktionsausbleichung unabhängig von Beispielen der gleichen Konstruktion betroffen sein. In einem späteren Stadium können diese stark
5 «Je suis content que papa soit revenu» wird ersetzt durch: «je suis content, il est revenu, papa» bzw. «papa il est revenu, je suis content», „was semantische Erklärungen über die Markiertheit/Nichtmarkiertheit subjonctif bzw. Indikativ eben in den Bereich der Stilistik/Emphase verlagert“ (Blaikner-Hohenwart 2006: 615).
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Arbeit zitieren:
Claudia Bucher, 2009, Subjunktiv, Indikativ oder Konditional nach falloir und die Rolle der Frequenz, München, GRIN Verlag GmbH
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