- ii -
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Vorüberlegungen zur Unterrichtseinheit 2
2.1. Vorüberlegungen zur Klasse 2
2.2. Fachliche Vorüberlegungen 3
3. Die Unterrichtseinheit 5
3.1. Die ersten Stunden der Unterrichtseinheit 5
3.2. 4 Stunden im Detail 7
3.2.1. Didaktische Analyse 7
3.2.2. Methodische Analyse 13
3.2.3. Geplanter Unterrichtsverlauf und Auswertung 17
3.3. Nachfolgende Stunden der Unterrichtseinheit 27
4. Schlussbetrachtung 28
5. Quellenverzeichnis 29
- iv - Zusammenfassung
In dieser Unterrichtseinheit wird der vom Bildungsplan geforderte Themenkomplex „Struktur der Materie“ im bilingualen Unterricht mit einem Schwerpunkt fachethischer Aspekte behandelt. Ausgehend von den Grundlagen des Atomaufbaus und der Radioaktivität lernen die Schüler den Aufbau und die Funktion eines Kernkraftwerkes (Kernspaltung, kontrollierte Kettenreaktion) und schließlich einer Atombombe (unkontrollierte Kettenreaktion) kennen.
Während der Einheit wird häufig am Computer mit authentischen Quellen aus dem Internet gearbeitet, die den Schülern ein Entdecken neuer Erkenntnisse eingebettet im jeweiligen Kontext der Webseite ermöglicht.
Sowohl bei den Kernkraftwerken als auch bei der Atombombe wird die ethische Dimension in Form von verschieden ausgeprägten Diskussionen thematisiert. Dabei liegen der Verlauf und das Resultat der Diskussion jeweils komplett in der Hand der beteiligten Schüler.
1. Einleitung
In der akademischen Physik ist es schon seit langer Zeit Usus Forschungsdaten, Artikel und andere Publikationen in englischer Sprache abzufassen. Dies liegt auch auf der Hand, da so gut wie alle Wissenschaftler international im Austausch stehen und Ergebnisse gemeinsam erarbeitet und diskutiert werden. Viele Projekte, so z.B. der neue Large-Hadron-Collider in Genf, sind heutzutage nicht nur wegen der nötigen Zusammenarbeit internationaler Spezialisten, sondern auch aufgrund der Finanzierung ohne Beteiligung mehrerer Länder gar nicht mehr denkbar.
Trotz der englischsprachigen internationalen Wissenschaftskultur befindet man sich in der Schulphysik im bilingualen Bereich noch auf Neuland. Zwar gibt es schon vereinzelt bilinguale Inseln oder gar größere Projekte wie z.B. den bilingualen Physik-Kurs in Heidenheim 1 , dennoch liegt die Entwicklung des bilingualen Physikunterrichts momentan noch deutlich hinter anderen „klassischen“ bilingualen Fächern wie Geographie, Geschichte oder Biologie. Grund genug ein weiteres Puzzleteil zu den bisher bilingual bearbeiteten Themengebieten der Physik hinzuzufügen.
Das Thema „Struktur der Materie“ bietet sich meiner Meinung nach besonders gut als Thema für den bilingualen Unterricht an. Es kommen kaum Rechnungen vor, vielmehr steht das Verständnis von Modellen und Zusammenhängen im Vordergrund, was viele Sprechanlässe bietet. Da zu diesem Thema nicht allzu viele Versuche zur Verfügung stehen, ermöglicht es stattdessen oft eine Textarbeit bzw. Simulationen, die für den bilingualen Unterricht authentisches Sprachmaterial darstellen. Weiterhin bietet das Thema gute Möglichkeiten der Visualisierung, spannende historische Bezüge sowie viele Anknüpfungspunkte an aktuelle weltpolitische Ereignisse. So können oft schülernahe und spannende Sprechanlässe geschaffen werden. Durch den naheliegenden fachethischen Bezug (Atomenergie, Atombombe) kann die Verantwortung der Wissenschaft diskutiert und hinterfragt werden.
Die Ethik nimmt einen wichtigen Platz in der Unterrichtseinheit ein - nicht nur wegen der Möglichkeit den Schülern einen affektiven Zugang zur Thematik zu bieten, sondern auch als didaktisches Ziel. Der Physikunterricht sollte Menschen mündig machen, also den Schülern helfen in der heutigen Welt zu reifen Bürgern zu werden. Dazu ist es wichtig sich aufgrund fachlichen Wissens und eines persönlichen Wertesystems eine Meinung zu bilden und damit Entscheidungen treffen zu können. Es braucht beide Komponenten um zu einer guten Entscheidung zu kommen: Wer nur kühl und fachlich kompetent überlegt, wird mögliche moralische Folgen unbeachtet lassen; wer nur philosophiert ohne das nötige physikalische Verständnis zu haben, dem werden zwangsläufig relevante Fakten als Basis seiner Entscheidung fehlen. Nur im Zusammenwirken von Wertesystem und fachlicher Kompetenz kann der Mensch eine gut fundierte Entscheidung fällen.
1 http://www.schule-bw.de/unterricht/faecher/physik/projekte/bilingual/
- 2 - 2.Vorüberlegungen zur Unterrichtseinheit
2.1. Vorüberlegungen zur Klasse
Die Klasse 10a besteht aus 31 Schülern 2 , davon sind 19 Mädchen und 12 Jungen. Das Verhältnis zur Klasse ist sehr gut, wenn auch die mündliche Mitarbeit manchmal etwas zu wünschen übrig lässt 3 . Erschwerend kommt hinzu, dass die Stunden sehr ungeschickt liegen: Nur einmal in der Woche haben wir eine Doppelstunde Dienstag nachmittags, und zwar die 9. und 10. Stunde (14:40-16:15) nach dem Sportunterricht. Oft ist die Motivation dann nicht mehr allzu groß. Also optimale Voraussetzungen einmal etwas Neues auszuprobieren.
Die 10a ist eine gemischte Klasse mit vielen Schülern, die dem bilingualen Zug des xxxxxxxxxxxxxxx-Gymnasiums angehören (im Folgenden ‚bilinguale Schüler’) und somit schon Erfahrungen mit bilingualem Erdkunde-, Geschichts- und Biologieunterricht haben, sowie einigen nicht-bilingualen Schülern. Um die Sorgen und Ängste der nicht-bilingualen Schüler zu mindern habe ich in der Klasse das aus dem Sport bekannte Timeout-Zeichen eingeführt. Sobald sich ein Schüler inhaltlich abgehängt fühlt, kann er mir dies mit dem Timeout-Zeichen zu verstehen geben, worauf ich die Möglichkeit habe mithilfe der stärkeren Schüler das eben erarbeitete Thema nochmals für den abgehängten Schüler zu repetieren. Notfalls kann bei Schwierigkeiten nach der üblichen Didaktik des bilingualen Unterrichts sogar in die deutsche Sprache gewechselt werden 4 . Dieses Prinzip hat sich bereits in meinen vorherigen Lehrerfahrungen im bilingualen Unterricht bewährt. Zwar kam es bisher in meinem bilingualen Unterricht erst zweimal vor, dass ein Schüler davon Gebrauch machte, aber allein das Wissen um die Möglichkeit problemlos nachhaken zu können ließ die Schüler sicherer werden.
Da ich in der Klasse ein relativ großes Leistungsgefälle festgestellt habe, erhoffte ich mir in dieser Einheit gerade denjenigen sprachlich begabten Schülern, die den Naturwissenschaften eher abgeneigt sind, einen neuen Zugang zum Fach Physik bieten zu können. Die schüleraktivierenden Unterrichtsmethoden in Kombination mit der englischen Sprache sollten trotz der oben genannten ungünstigen Umstände motivierende Wirkung zeigen, so dass die Schüler das Fach Physik als eines der spannenderen Fächer in der Schule erleben.
2 In diesem Text wird aus Gründen der Lesbarkeit bei männlichen und weiblichen Formen auf die kategorische Doppelnennung beider Formen verzichtet. So wird im Folgenden z.B. statt ‚Schülerinnen und Schüler’ schlicht der Begriff ‚Schüler’ gebraucht.
3 Laut Klassenlehrer ist dies auch in den anderen Fächern der Fall
4 hierbei handelt es sich um das Prinzip der “aufgeklärten Zweisprachigkeit“ nachzulesen unter anderem in Ministerium für Kultus Jugend und Sport (Hrsg.). Bilingualer Unterricht Englisch - Dokumentation zum Stand 2001 Gymnasien. Stuttgart: Klett 2001.
- 3 - 2.2.Fachliche Vorüberlegungen
„Überall dort, wo die Wissenschaft neue Erkenntnisse gewinnt, schafft sie grundsätzlich auch neue Macht.“ - Carl-Friedrich von Weizsäcker
Die ethische Dimension der Physik steht in den dokumentierten Stunden bewusst im Vordergrund. Wissenschaft und Grundlagenforschung - in der Physik, wie auch in den anderen Naturwissenschaften - ist immer auch Pionierarbeit. Der Mensch wagt sich in völlig neue Bereiche der Erkenntnis vor, erwirbt sich damit neues Wissen und schafft somit noch nie dagewesene Möglichkeiten, dieses Wissen anzuwenden. Die Konsequenzen daraus sind anfangs oft kaum oder nur schwer abzusehen, da es sich ja tatsächlich um eine völlig neue Sachlage handelt. Dann müssen Entscheidungen getroffen werden: In welchem Bereich soll tiefer nachgeforscht werden und welche Möglichkeiten an Entwicklungen sollen realisiert werden. Oft werden diese Entscheidungen von Industrie und Politik getroffen, da diese die nötigen finanziellen Mittel zur Verfügung stellen. Aber kann der Wissenschaftler tatsächlich die Entscheidung und damit auch die Verantwortung über eventuelle Folgen ganz aus der Hand geben, wo er doch der fachliche Experte ist? Inwieweit kann man überhaupt Verantwortung für Folgen übernehmen, die noch kaum absehbar sind und deren Realisierung vielleicht in der Hand völlig anderer Menschen liegt?
Fest steht, dass Entscheidungen getroffen werden müssen und, dass diese Entscheidungen Folgen haben. Carl-Friedrich von Weizsäcker, der seinen wissenschaftlichen Werdegang bewusst in diesem Spannungsfeld von Wissenschaft und Ethik erlebt hat, sagte einst: „Überall dort, wo die Wissenschaft neue Erkenntnisse gewinnt, schafft sie grundsätzlich auch neue Macht.“
Um die immer vorhandene Interdependenz von Forschung und ethisch-moralischen Entscheidungen bewusst zu machen, möchte ich mich des folgenden Beispiels bedienen:
Die Geschichte lehrt uns, dass der Weg der Wissenschaft eine Einbahnstraße isteinmal gemachte Entdeckungen und Entwicklungen können nicht wieder rückgängig gemacht werden 5 . Schon früh zeigte sich dies drastisch, etwa an der Erfindung des Streitwagens, der im 2. Jahrtausend vor Christus die Kriegsführung und damit auch die Weltgeschichte nachhaltig veränderte 6 . Diejenigen Völker, die im Besitz dieser neuen „Waffe“ waren, konnten durch ihre technische Überlegenheit selbst zahlenmäßig weit größere Heere problemlos in die Flucht schlagen. Der Stand der Erkenntnis hatte die Kombination aus der Erfindung des Rades und des Wagens sowie der Entdeckung des Pferdes als schnelles, zähmbares Tier möglich gemacht. Die Technik der Zeit konnte diesen leicht-gängigen Wagen realisieren und die ersten Völker, die dies taten, hatten das Potenzial zum schnellen Sieg in der Hand. Nur wer
5 In der Waffenentwicklung wird dieses Prinzip der Einbahnstraße besonders deutlich, wenngleich es natürlich auch für andere Bereiche des wissenschaftlichen Fortschritts seine Gültigkeit hat. Hier soll aber kein allgemeingültiges Prinzip postuliert werden, denn es gab in der Geschichte durchaus auch Rückschritte in Wissenschaft und Technik - meist allerdings nur dann, wenn eine komplette Kultur unterging.
6 siehe Kornhardt, Hildegard (Hrsg.). Oswald Spengler: Reden und Aufsätze. München: 1937, S. 147- 152.
- 4 - mitzogoder schließlich eine noch bessere Waffe entwickelte, konnte diesen modernen Heeren standhalten.
Auch Mitte des 20.Jahrhunderts nach Christus zeigt dasselbe Prinzip der Einbahnstraße seine Gültigkeit. Sobald der Bau einer Atombombe aufgrund des Standes der Forschung und Technik möglich ist, wird voraussichtlich irgendjemand eine solche bauen. Sobald ein Staat im Besitz einer Atomwaffe ist, verschafft er sich einen ungleich größeren Vorteil gegenüber anderen Staaten, so dass auch diese in den Zugzwang kommen, selbst eine Atombombe zu entwickeln. Zu Beginn des 2.Weltkriegs ist die Forschung und Technik reif. Es stellt sich nur die Frage welche Nation als erstes Erfolg hat, eine Atombombe zu bauen. Gleichzeitig stellt sich die Frage, in wessen Händen die Waffe gut aufgehoben wäre und - vor allem - ob sie überhaupt entwickelt werden sollte. Kann eine Waffe, auch wenn ihre Entwicklung möglich ist, aus ethischen Gründen abgelehnt werden?
Oswald Spengler, Gymnasiallehrer der Naturwissenschaften und Geschichtsphilosoph, sagte in seinem Vortrag am 6.Februar 1934: „In der Erfindung, Verbreitung oder Ablehnung bestimmter Waffen liegt ein Ethos.“ Weiter führte er aus: „Der Bogen z.B. ist die erste Fernwaffe, die von einer Gruppe europäischer Stämme als unritterlich instinktiv abgelehnt wurde. Es gehören dazu unter anderem die Römer, die Griechen des Mutterlandes und die meisten Germanenstämme.“ 7
Die Ablehnung einer Waffe scheint zunächst also möglich und ist so auch schon da gewesen. Doch konnten die Römer, Griechen und Germanen die Ausbreitung von Pfeil und Bogen langfristig nicht verhindern. Inwieweit eine Ablehnung von Atomwaffen und entsprechende internationale Verträge langfristig Erfolg haben werden, ist noch nicht abzusehen. Dies kann aber keine Entschuldigung sein, einfach nichts zu tun und den Lauf der Dinge abzuwarten. Der Mensch sieht sich gezwungen Stellung zu beziehen und entsprechend zu handeln.
Dieses Spannungsfeld von physikalischer Erkenntnis und ethischen Entscheidungen deutlich zu machen, war ein Ziel der dokumentierten Stunden. Dies zeigte sich sowohl in der Abwägung von Chancen und Risiken der Kernenergie als auch in der historisch eingeordneten Diskussion zur Atombombe.
7 Kornhardt, Hildegard (Hrsg.). Oswald Spengler: Reden und Aufsätze. München: 1937, S. 147-152.
- 5 - 3.Die Unterrichtseinheit
3.1. Die ersten Stunden der Unterrichtseinheit
Im Folgenden findet sich eine grobe Übersicht der ersten acht Stunden der Unterrichtseinheit, in deren Kontext die im nächsten Unterkapitel detailliert dargestellten Stunden eingebettet sind. Die Stunden 1-8 legen das fachliche Fundament für die nachfolgenden schülerzentrierten Unterrichtsformen und Diskussionen und stellen auch einen Grundstock an nötigem Vokabular zur Verfügung.
Stunde 1 und 2:
In der ersten Stunde wurden zunächst einige Grundlagen des bilingualen Unterrichts wie z.B. die Vokabellisten oder das Timeout-Signal eingeführt und ein inhaltlicher Überblick über die Unterrichtseinheit gegeben. Anhand verschiedener Quellen erarbeiteten die Schüler in Gruppen jeweils ein historisches Atommodell. Anschließend wurden die verschiedenen Modelle der Klasse vorgestellt. Es folgte eine detaillierte Besprechung der fundamentalen Begriffe (Proton, Neutron, Elektron, Isotop,…) sowie eines aktuellen Atommodells. Schließlich fanden die Schüler mit einem Arbeitsblatt und einer Internetseite heraus, warum manche Atome zerfallen.
Stunde 3 und 4:
In der zweiten Woche überprüften und wiederholten die Schüler zunächst den Stoff der 1. Woche mit Hilfe einer ansprechend gestalteten Internetseite 8 . Es wurde dann ein Geiger-Müller Zählrohr aufgestellt, das eine Nullrate aufnahm. Die Schüler staunten über das Vorhandensein von Strahlung im normalen Unterrichtsraum und waren so für weitere Erkenntnisse motiviert. Mithilfe von Abschirmungsversuchen wurden die verschiedenen Strahlungsarten unterschieden, dann wurden verschiedene Größen und Einheiten der Dosimetrie eingeführt. Schließlich erarbeiteten sich die Schüler anhand eines Buchtextes 9 Grundlagen über natürliche Strahlenbelastung.
Stunde 5 und 6:
In der 5. Stunde der Einheit wurde der Zerfallsprozess der Radioisotope genauer beleuchtet. Dafür führten die Schüler in kleinen Gruppen modellhaft Messreihen des Zerfalls von Malzbierschaum durch, werteten sie aus und lernten so unter anderem den Begriff der Halbwertszeit kennen. In der darauffolgenden Stunde wurde das Zerfallsgesetz nochmals anhand einer Computer-Simulation wiederholt und vertieft. Dann lernten die Schüler als praktische Anwendung die C-14 Methode zur Altersbestimmung von archäologischen Funden anhand eines Kurzfilms und einer Internetseite kennen. Schließlich wurden noch weitere positive Anwendungen von Radioaktivität unter anderem in der Medizin thematisiert.
8 Die Seite http://www.s-cool.co.uk bietet unter der Rubrik GCSE, Physics noch weitere gute Darstellungen
9 Milner, Bryan. Physics - New Edition. Cambridge: University Press 2005. S. 144-145.
- 6 - Stunde7 und 8:
Zunächst wurde die Kernspaltung am Beispiel von Uran-235 eingeführt und im Unterrichtsgespräch die Möglichkeit einer Kettenreaktion sowie der gezielten Energiegewinnung erarbeitet. Ein Filmausschnitt, der eine Simulation der Kettenreaktion mit Mäusefallen und Tischtennisbällen zeigt, veranschaulichte das Prinzip. Mit einem Arbeitsblatt lernten die Schüler den prinzipiellen Aufbau eines Kernkraftwerkes mit Druckwasserreaktor kennen. Im Bewusstsein, dass der Umgang mit radioaktiven Substanzen immer Risiken mit sich bringt, informierten sich die Schüler durch eine Internetrecherche über moderne Reaktorsicherheit.
Reflexion der ersten Stunden:
Nach den ersten beiden Stunden hatten sich die Schüler bereits an die englische Sprache im Physikunterricht gewöhnt, wohl auch, weil ein großer Teil der Klasse bereits längere Erfahrung mit bilingualem Unterricht hatte. Nur noch selten waren ein paar deutsche Worte während der Stunden zu vernehmen. Das viele Arbeiten mit dem Computer und authentischen Quellen aus dem Internet bereitete den meisten Schülern Spaß. Auch das Modellexperiment mit Malzbierschaum war ein voller Erfolg. Die Schüler waren motiviert und erzielten durchweg Messergebnisse, aus denen sie die nötigen Schlüsse zum Verständnis ziehen konnten. Die relativ selbständige Erarbeitung des Aufbaus eines Kernkraftwerkes fiel allerdings manchen Schülern schwer, weil die Gestaltung des entsprechenden Arbeitsblattes zu viel Interpretationsspielraum ließ und damit die Schüler verunsicherte. Da dennoch einige Schüler erfolgreich waren, ließ ich den Aufbau von ihnen im Unterrichtsgespräch den Mitschülern erklären und ging im Anschluss nochmals auf die Details ein.
Im Großen und Ganzen verlief dieser erste Abschnitt der Unterrichtseinheit nach Plan und die Schüler waren am Ende dieser Phase mit den physikalischen Grundlagen und Englisch als Unterrichtssprache vertraut.
- 7 - 3.2.4 Stunden im Detail
Die Folgenden vier Stunden haben hauptsächlich schülerzentrierte Arbeitsformen, Selbständigkeit und meinungsbildende Methoden zum Mittelpunkt. Auf Basis der in den vorangegangenen Stunden erworbenen physikalischen Grundlagen und der entsprechend erweiterten Englischkenntnisse sollten die Schüler nun größtenteils selbständig in der englischen Sprache arbeiten. Schließlich sollen sie durch ihr physikalisches Wissen und das Kennenlernen verschiedener Standpunkte zum Thema Kernenergie und Atombombe fähig sein fundierte ethische Entscheidungen zu treffen und zu begründen.
3.2.1. Didaktische Analyse
„BILDUNG UND ERZIEHUNG IM PHYSIKUNTERRICHT ist, unabhängig von den fachlichen Inhalten, eine notwendige Forderung unserer Zeit. Physik darf in der Erinnerung der Schüler nicht nur eine Aneinanderreihung von schwierigen Formeln und Fakten sein“ - Roland Reger
a) Überlegungen zum Bildungsplan und Schulcurriculum
Das Thema ‚Struktur der Materie’ beinhaltet im Bildungsplan 1994 sowohl Themen der Kernphysik und Radioaktivität als auch Themen der Halbleiterphysik. Da die Lehrplaneinheit „Elektrizitätslehre II“ aber in meiner Jahresplanung erst zu einem späteren Zeitpunkt behandelt wird, erschien es mir sinnvoll Phänomene der Elektrizitätslehre und auch die Halbleiterphysik in die nachfolgende Einheit zu integrieren (wie dies auch in unserem Schulcurriculum vorgesehen ist) und dort dann auf das Wissen über Atomaufbau etc. zurückzugreifen.
Die dokumentierte Unterrichtseinheit behandelt also gemäß ihrem Titel die Bereiche Radioaktivität und Kernphysik 10 . Darunter fallen im Detail die Unterthemen Atomkern und -hülle, Anwendungen der Radioaktivität in der Medizin, Kernspaltung und Kettenreaktion und Chancen und Risiken von technischen Anwendungen. Als Vertiefungsmöglichkeiten erwähnt das Schulcurriculum die C-14 Methode und den Druckwasserreaktor. Diese Themen wurden bis auf den Bereich ‚Chancen und Risiken’ in den Unterrichtsstunden 1-8 behandelt.
Im Bildungsplan 1994 Physik, der für diese Klasse noch Gültigkeit hat, findet sich auch folgender Abschnitt: „Die ernsthafte Beschäftigung mit Fragen, die im Rahmen der Kernphysik auftreten, kann den Schülerinnen und Schülern helfen, sich verantwortungsbewusst um eine Orientierung in einer von Technik geprägten Umwelt zu bemühen.“ Weiterhin steht in den pädagogischen Leitgedanken zur 10.Klasse:
10 Die Themenbereiche haben es an sich, dass üblicherweise viel mit radioaktiven Substanzen experimentiert wird. Erfahrungsgemäß scheuen Schüler jedoch den Umgang mit Radioaktivität und zusätzlich benötigt der Lehrer eine Ausbildung zum ‚Strahlenschutzbeauftragten’ als notwendige Voraussetzung für Schülerversuche. Weiterhin ist der Lehrer nach der Strahlenschutzverordnung verpflichtet unnötige Strahlenexposition zu vermeiden und insgesamt die Strahlenexposition aller Beteiligten so gering wie möglich zu halten. Diese Überlegungen führten dazu, dass abgesehen von den Abschirmungsversuchen im experimentellen Bereich vorzugsweise mit Simulationen und Modellen gearbeitet wurde.
- 8 - „DieLehrerinnen und Lehrer werden sich zunehmend als Partner junger Menschen verstehen, denen die Aufgabe gestellt ist, ein selbstverantwortetes Wertesystem aufzubauen […]“. Die neueren Bildungsstandards 2004 wünschen sogar explizit, dass die Schüler „bei technischen Entwicklungen Chancen und Risiken abwägen und […] Methoden [kennen lernen], durch die negative Folgen für Mensch und Umwelt minimiert werden.“
Diesen Forderungen im bilingualen Physikunterricht nachzukommen war unter anderem Ziel dieser Unterrichtseinheit. Die Schüler sollten ausgehend von ihrem erarbeiteten physikalischen Wissen die Möglichkeit bekommen sich ihre eigene Meinung zu bilden bzw. ihre bereits vorhandene Meinung zu reflektieren und gegebenenfalls aufgrund ihrer neuen Erkenntnisse zu ändern.
b) Überlegungen zur Didaktik des bilingualen Unterrichts
i) Interkulturelle Kompetenz
Da die Unterrichtseinheit im Zuge einer bilingualen Insel auf Englisch stattfand, spielten noch einige andere Überlegungen eine Rolle. In seinem für bilingualen Unterricht grundlegenden Artikel „The Bilingual Triangle“ schreibt Hallet, dass „die Inhalte des bilingualen Sachfachs auf keinen Fall deckungsgleich sein können mit denen des muttersprachlichen Fachunterrichts, dass aber andererseits nicht einfach der […] Fachunterricht der Zielsprachenländer in deutsche Klassenzimmer importiert werden kann oder soll.“ 11 Dies schließt er aus seinem Modell, dem bilingualen Dreieck, das die Ziele und Inhalte des bilingualen Unterrichts im interkulturellen Kontext aus folgenden drei Bereichen herleitet:
(I) Phänomene und Sachverhalte der eigensprachlichen Kultur und Gesellschaft (II) Phänomene und Sachverhalte der zielsprachlichen Kulturen und Gesellschaften
(III)kulturunabhängige, kulturübergreifende, globale und universale Phänomene und Sachverhalte
Durch die Beachtung dieser drei Zielfelder sollen die Schüler über die reine Fähigkeit zur Kommunikation in der Fremdsprache hinaus durch eine Kenntnis von Sachverhalten in den zielsprachlichen Kulturen eine interkulturelle Kompetenz erlangen. Somit erfährt die eigene und eigenkulturelle Weltsicht eine Perspektivierung und dadurch auch eine gewisse Relativierung.
Auch bei Trenz in seinen „Informationen zum bilingualen deutsch-englischen Bildungsgang an Gymnasien in Baden-Württemberg“ spielen kontrastierende Betrachtungsweisen, Perspektivenwechsel und schließlich auch ein kritischer Umgang mit Vorurteilen eine große Rolle 12 .
11 Hallet, Wolfgang. „The Bilingual Triangle - Überlegungen zu einer Didaktik des bilingualen Sachfachunterrichts“. In Aspekte der Lehrerausbildung - Bilingualer Unterricht. Mainz :Bildungsministerium 1997, S.10.
12 Trenz, Dr. Günter. Informationen zum bilingualen deutsch-englischen Bildungsgang an Gymnasien in Baden-Württemberg. Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg. 2000.
- 9 - DerPerspektivenwechsel sollte vor allem in der Stunde ‚The Atomic Bomb in World War II’ zur Geltung kommen, wenn die Schüler das politische und wissenschaftliche Entscheidungsdilemma aus amerikanischer Sicht betrachten, während zeitgleich auch auf deutscher Seite die Wissenschaftler in einem moralischen Konflikt standen 13 . Auch in der Tschernobyl-Stunde sollten die Schüler bewusst die Perspektive englischer Reporter einnehmen, wenngleich auch hier bereits die globale Dimension durchaus vorhanden war. Der Kulturübergreifende Aspekt spielte mehr bei den Stunden über Reaktorsicherheit und Atombomben im Allgemeinen eine Rolle, da es sich dort deutlich um Probleme und Sachverhalte von weltweiter Bedeutung handelte.
ii) Diskurskompetenz und Lerner-Lerner-Interaktion
Bei Vollmer (2002) 14 steht beim bilingualen Unterricht ‚Spracherwerb durch Interaktion’ im Mittelpunkt. Er geht sogar soweit zu sagen: „Bilingualer Unterricht ist Interaktion“ 15 . Damit meint er, dass Schüler und Lehrer Wissenselemente austauschen und somit die inhaltliche Bedeutung und deren sprachliche Form aushandeln.
Um die Diskurskompetenz der Schüler zu verbessern schlägt er insbesondere die Lerner-Lerner-Interaktion vor, da in diesem Fall die Schüler selbst sich gegenseitig Rückmeldung geben, was die Form der Äußerung oder die Plausibilität des Inhalts anbelangt und „weil sich hier eine anders geartete Kommunikations- und Lernstruktur unter Gleichgestellten aufbauen lässt.“ 16
Vollmers Vorstellung von Lerner-Lerner-Interaktion und direkter Rückmeldung durch Gleichgestellte ließ sich im Falle der Stunden, die ohnehin Diskussionen zum Mittelpunkt hatten, gut umsetzen. Weiterhin sollten die Schüler in der Tschernobyl-Stunde auch selbständig durch direkte Interaktion und möglichst ohne Eingreifen des Lehrers die Fakten und Zusammenhänge des Unglücks sinnvoll zusammenstellen.
iii) Authentische Quellen und neue Medien
Weitere Prinzipien des bilingualen Unterrichts wie Authentizität der Quellen und Nutzung der neuen Medien 17 sollten in der Unterrichtseinheit nicht zu kurz kommen. Zunächst erwies sich das Zusammenstellen von authentischen Quellen mit fachlich und sprachlich angemessenem Niveau als größere Schwierigkeit. Milners ‚Physics’ 18 , das mir als englischsprachiges Physikbuch zur Verfügung stand, bot zwar immer wieder exzellent aufbereitetes Material, deckte aber leider nicht alle Themen des
13 Ein kompakter Überblick über die Ereignisse auf deutscher Seite findet sich in Grötschel, Daniela. Die Kernspaltung - Physik, Geschichte und die Frage nach der Verantwortung. Universität Konstanz 2005.
14 Vollmer, Helmut J. "Förderung des Spracherwerbs im bilingualen Sachfachunterricht". In Bach, G. & Niemeier, S. (Hrsg.). Bilingualer Unterricht: Grundlagen, Methoden, Praxis, Perspektiven. 2. Auflage . 2002, S.144-153.
15 ebd. S.144
16 ebd. S.145
17 Diese beiden Prinzipien finden sich unter anderem in Ministerium für Kultus Jugend und Sport (Hrsg.). Bilingualer Unterricht Englisch - Dokumentation zum Stand 2001 Gymnasien. Stuttgart: Klett 2001, S.27 und S.38.
18 Milner, Bryan. Physics - New Edition. Cambridge: University Press 2005.
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Martin Bruch, 2009, The Structure of Matter – Nuclear Physics and Radioactivity, München, GRIN Verlag GmbH
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