1. Einleitung
In der vorliegenden Hausarbeit wird ein Protagonist des Romans Doktor Faustus von Thomas Mann unter verschiedenen Gesichtspunkten näher betrachtet. Das Alterswerk oder auch die nach Thomas Mann selbst ernannte „Lebensbeichte“ 1 begann der Autor mit 67 Jahren im Exil in Kalifornien zu schreiben. Es kostete ihn viel Kraft und Anstrengung, selbst sagte er dazu, dass seine Krebserkrankung „dem Werk zur Last zu legen [ist], das wie kein anderes an mir gezehrt und meine innersten Kräfte in Anspruch genommen hat“ 2 Der 700seitige Roman wuchs schließlich zu einem Konstrukt von überlappenden Zeitebenen, Anspielungen und montierten Persönlichkeiten und Sachverhalten an. Der Erzähler Serenus Zeitblom übernimmt in diesem Werk eine Schnittstellenfunktion, er fügt Zeitstränge und Handlungsebenen zusammen, fungiert als Biograph, übernimmt die Rolle des humanistischer Bildungsbürgertums im Roman und soll nicht zuletzt laut Thomas Mann für die „Durchheiterung des düsteren Stoffes“ 3 sorgen.
Ziel dieser Arbeit ist es nun, die Biographie, die Funktionen, das Wesen und die Sprache des Erzählers Serenus Zeitblom klar herauszustellen, sowie seine Beziehung zu Adrian Leverkühn zu analysieren.
2. Serenus Zeitblom
2. 1 Biographischer Überblick
Im zweiten Kapitel des Romans erfolgt eine kurze Beschreibung der Familienverhältnisse von Zeitblom, sowie ein Vorgriff auf seinen späteren Werdegang. Zeitblom selbst begründet die Knappheit der Ausführungen über seinen Lebensweg und die „sonderbare Verzögerung“ 4 dieser mit seiner stetig vorherrschenden Bescheidenheit und der Zurücknahme seiner Person. „Mit aller Bestimmtheit will ich versichern, dass es keineswegs aus dem Wunsche geschieht meine Person in den Vordergrund zu schieben“. 5
Serenus Zeitblom wird 1883 als ältestes von vier Kindern in Kaisersaschern an der Saale, einer vom Autor fiktiv gewählten Stadt, geboren. Auch Adrian Leverkühn
1 Hage (1976) S. 92
2 Mann (2002) S. 681
3 Mann (2002) S. 697
4 Mann (2008) Kap II. S.11
5 Mann (2008) Kap I. S. 7
2
verbringt dort einen Großteil seiner Kindheit und Jugend. Dies und die Bekanntschaft der beiden Familien sind die Basis für die Freundschaft der beiden Charaktere. Trotz der Konfessionsunterschiede, Leverkühns Familie ist im Gegensatz zu den Zeitbloms protestantisch, stehen beide Familien in einer engen Beziehung zueinander. Während des Verfassens der Biographie ist Zeitblom 60 Jahre alt, da die Gegenwart des Romans 1943 spielt. 6
Der Erzähler stammt aus einer bürgerlichen, katholischen Familie, der Vater Wolgemut Zeitblom führt eine Apotheke, „die bedeutendste am Platze“. 7 Seine Mutter bezeichnet er als „eine fromme Tochter der Kirche.“ 8 Der Erzähler betont, dass er eine „gesunde, human temperierte, auf das Harmonische und Vernünftige gerichtete Natur“ 9 habe und deutet im weiteren Verlauf an, dass er eine Beziehung zu den schönen Künsten pflegt, speziell zur Musik. Er spielt die Viola d` amore, eine Geige mit sechs Seiten. Diese Notiz gibt dem Leser bereits hier ein Bild von Zeitblom, denn diese Geige ist ein veraltetes Instrument, leise und wenig expressiv, wie ihr Benutzer. Thomas Mann wählte das Streichinstrument demzufolge nicht zufällig, sondern um das Wesen Zeitbloms bereits zu Romanbeginn geschickt zu kennzeichnen.
Zeitblom studiert nach der Schulzeit die klassischen Sprachen an den Universitäten in Gießen und Jena. Später wechselt er nach Leipzig und Halle, da der zwei Jahre jüngere Leverkühn dort zu studieren beginnt. Nach dem Ablegen des Staatsexamens begibt er sich auf eine eineinhalbjährige Studienreise nach Italien und Griechenland. Anschließend bekommt er eine Anstellung an dem Gymnasium seiner Heimatstadt und lehrt dort Latein, Griechisch und Geschichte. Inzwischen heiratet er, seinem puren „Ordnungsbedürfnis und [dem] Wunsch nach sittlicher Einfügung ins Menschenleben“ 10 nach Helene, geb. Ölhafen. Mit ihr hat er drei Kinder, die Tochter Helene und zwei Söhne.
An Ostern 1913 wechselt er in den bayrischen Schuldienst und unterrichtet in Freising zum einen als Gymnasialprofessor, zum anderen als Dozent an der theologischen Fakultät mehr als zwei Jahrzehnte lang. Dieser Umzug hängt zusammen mit Leverkühn, welcher sich im bayrischen Pfeiffering zurückzieht.
6 Mann (2008) Kap. I. S. 7
7 Mann (2008) Kap II. S. 12
8 ebd.
9 Mann (2008) Kap. I. S. 8
10 Mann (2008) Kap. II. S. 15
3
Im ersten Weltkrieg dient Zeitblom als einziger seines Bekanntenkreises als Rittmeister, 1915 jedoch erkrankt er an einer Infektion und kommt nach einem Aufenthalt in einem Erholungsheim im Taunus wieder nach Freising, um an seinem „alten Ort der Aufrechterhaltung des Bildungswesens“ 11 zu dienen. Um 1934 lässt er sich in den Ruhestand versetzen und beginnt am 23. Mai 1943, drei Jahre nach Leverkühns Tod, mit dem Schreiben der Biographie. Zeitblom fängt am gleichen Tag zu schreiben an wie Thomas Mann. 12 Hier wird der erste enge Zusammenhang zwischen Mann und Zeitblom deutlich. 1945 beendet Zeitblom die Arbeit an der Biographie zeitgleich mit dem Ende des zweiten Weltkrieges.
2. 2 Die Funktion von Serenus Zeitblom im Roman
Serenus Zeitblom verfasst auf den ersten Blick die Biographie seines langjährigen Freundes Adrian Leverkühn. Er schreibt über dessen Leben, steht demzufolge über dem Stoff. Aber dieser Stoff steht im nah, seine innere Beteiligung daran ist sehr stark, demzufolge steht er ebenso im Stoff. Für ihn als Romangestalt ist der Gegenstand lebendige Gegenwart, in deren Problematik er involviert ist. Zeitblom ist deswegen von seinem Stoff unmittelbar ergriffen, er fühlt sich verpflichtet zu Rechtfertigungen und Stellungnahmen. Dies führt zu einer Darstellung in dramatischer Bewegtheit. 13
Serenus Zeitblom wird zunächst als pensionierter, einflussloser, sonderbarer und biederer Biograph dargestellt. Dieser Eindruck manifestiert sich in den ersten Kapiteln. Im weiteren Verlauf jedoch wird deutlich, dass sich allein auf seinen Bericht der Leseeindruck von Leverkühns Leben, Umgebung und seinem konfliktreichen Künstlerdasein gründet. Zeitblom wächst von der vorerst einflusslosen Randfigur zu einem zweiten Helden 14 , denn in ihm steckt ein kenntnisreicher Kunstkritiker, ein zynischer Beobachter und nicht zuletzt ein wahrer Schriftsteller. Schon früh traf Thomas Mann die Entscheidung, einen Erzähler einzuschalten, dieser besitzt nach Mann im Roman drei Funktionen.
Zunächst ist Zeitblom als „Medium des Freundes“ 15 ein fiktiver Biograph. In der „Entstehung des Doktor Faustus“ schreibt Mann dazu: „ Das Dämonische durch ein exemplarisch undämonisches Mittel gehen zu lassen, eine humanistisch fromme und
11 Mann (2008) Kap. XXXI. S. 416
12 Mann (2002) S. 696
13 Metzler (1960) S. 18
14 Hermanns (1976) S.291
15 Mann (2002) S. 697
4
schlichte, liebend verschreckte Seele mit seiner Darstellung zu beauftragen, war an sich eine komische Idee, gewissermaßen entlastend, denn es erlaubt mir, die Erregung durch alles Direkte, Persönliche, Bekenntnishafte, das der unheimlichen Konzeption zu Grunde lag, ins Indirekte zu schieben [...].“ 16 Zeitblom ist somit eine Entlastung für den Autor, denn dessen eigene Ansichten, insbesondere bezüglich der nationalsozialistischen Geschehnisse, werden durch Zeitblom als Mittler
transportiert und somit nicht direkt auf den Autor bezogen. Die zweite Funktion besteht darin, dass der Erzähler Zeitblom eine „Durchheiterung des düsteren Stoffes“ 17 erzielen soll. Der Inhalt des Romans wird dadurch für den Leser erträglicher. Genau heißt dies, dass durch Zeitbloms relativ nüchterne und für den Verstand erfassbare Erzählweise der Leser die irrationalen, dämonischen Züge im Buch versteht und lernt damit umzugehen. Als Beispiele sind hier die mysteriösen Arztbesuche und der Teufelspakt zu nennen, welche für den Verstand des Lesers irrational sind, ihn zweifeln lassen würden, doch durch Zeitbloms Erzählweise relativiert werden und nicht mehr so abstrus wirken.
Die dritte Funktion besteht schließlich darin, dass der Autor die Möglichkeit gewinnt, seine Erzählung auf doppelter Zeitebene spielen zu lassen. Zeitblom ist nicht nur Biograph, sondern auch eine aktiv am Romangeschehen beteiligte Romanfigur. Thomas Mann kann durch Zeitblom die Zeit, von der er schreibt, mit der Zeit, in der er schreibt, in Beziehung setzen lassen. 18 Ohne Zeitblom könnte Thomas Mann das Leben Leverkühns, welches schon 1940 endet, nicht mit den gegenwärtigen Ereignissen in Deutschland, den Schrecken des Nationalsozialismus, in Verbindung setzen.
Zeitblom ist als Erzähler die Schnittstelle verschiedener Ebenen, vor allem verschiedener Romanebenen. Der Untertitel Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde lässt den Leser vermuten, dass es sich um eine Biographie und einen Künstlerroman handelt. Dies allerdings ist nur ein Teil des Romans, denn er ist gleichzeitig ein Deutschlandroman 19 und ein Gesellschaftsroman 20 . Der Deutschlandroman beschäftigt sich vor allem mit den Diskussionen im Kridwiß- Kreis und den Disputen während einer Wanderung von Zeitblom, Leverkühn und Kommilitonen in der Studienzeit. Ebenfalls fallen in diese
16 ebd.
17 ebd.
18 Metzler (1960) S. 6
19 Neumann (2001) S. 143
20 Hasselbach (1994) S.79
5
Kategorie die Beschreibungen von Kaisersaschern. Der Gesellschaftsroman zeigt sich in der Studienzeit Leverkühns in Halle und Leipzig, sowie in der Münchner Gesellschaft, in welcher die Freunde verkehren. Durch den Deutschland- und Gesellschaftsroman soll die Entwicklung Deutschlands zum Nationalsozialismus erklärt werden. Der Teufelspakt und das dazugehörige Faust- Motiv ziehen sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch, deswegen kann der Roman auch als Faustroman bezeichnet werden. Der Teufel tritt an verschieden Stellen immer wieder auf, als Fremdenführer in Leipzig, welcher Leverkühn zu Esmeralda bringt, oder als Dozent Schleppfuß. 21
Zudem verknüpft Zeitblom durch den Einbau seiner Person in den Roman Leverkühns geistige Welt mit der politischen und gesellschaftlichen Sphäre, an welcher der Künstler selbst nur bedingt und in einer Nebenrolle teilnimmt. Zeitbloms Arbeit beschäftigt sich hauptsächlich mit der Interpretation des Lebens und der Werke des Freundes, zudem schildert er die Gesellschaft seiner Zeit, insbesondere die kulturellen und politischen Ströme.
Der Darstellungsbereich wird über das unmittelbare Erlebnisfeld des Künstlers Leverkühn hinaus erweitert, obwohl Zeitblom nur wenig von seinen persönlichen Bewandnissen erzählt, sondern sich auf die Begebenheiten in Adrians Umgebung und den gemeinsamen Bekanntenkreis beschränkt.
Der Leser bekommt dadurch einen Gesamtüberblick über die Gesellschaft des Romans, bei einer Beschränkung auf Leverkühns Leben würde ihm dies verwehrt bleiben. Als Belege sind hierbei die Familie Rodde und die Dreiecksbeziehung zwischen Ines Institoris (geb. Rodde), Helmut Institoris und Rudi Schwerdtfeger zu nennen. An Leverkühns Leben geht diese fast unbemerkt vorbei, durch das Einschalten von Zeitblom jedoch als Erzähler und aktive Romanfigur, welche eine Vertrauensperson von Ines Institoris ist, wird der Leser davon in Kenntnis gesetzt. 22 Wie bereits kurz angedeutet, beschäftigt sich Zeitblom im ersten Kapitel ausschließlich mit den Gewissensskrupeln, ob er „der rechte Mann“ 23 für die Aufgabe des Biographen Leverkühns sei und ob er die „nötige Affinität“. 24 Des weiteren betont er im zweiten Kapitel des Romans seine human-gesunde und natürlich- vernünftige Geisteshaltung, er setzt sich durch diese Selbstdarstellung ständig von etwas Anderem ab. Dieses Andere ist ihm wesensfremd und beschäftigt ihn stark. Die
21 Kurzke (1985) S. 276- 278
22 Diersen (1985) S. 285
23 Mann (2008) Kap. I. S. 7- 10
24 Mann (2008) Kap. I. S. 7- 10
6
Biographie im Ganzes ist das ihm Wesensfremde, diese ist für ihn problematisch und gar nicht human- gesund. Leverkühns Dasein als Künstler, die permanente Gegenwart der teuflisch- abstrus und für Zeitbloms Verstand unverständlichen Begebenheiten und auch Personen sind nicht in der eigentlichen Natur des Biographen. Zeitblom befindet sich demzufolge in einer seltsamen inneren Situation, denn er hat sich die Darstellung einer Sphäre zur Aufgabe gemacht, die sein Weltbild eigentlich negieren würde und welche ihm fremd ist. Der Leser versteht jetzt die Quelle seiner Konfusion. Diese trägt sich durch den ganzen Roman. 25 Die Zweifel an der nötigen Affinität und die Scheu vor dem Wesensfremden stehen in einem engen Zusammenhang. Zeitblom legt seine Gewissensskrupel und Mutmaßungen, ob er der rechte Mann für diese Aufgabe sei, deswegen dem Leser so offen dar, da er diesen vor sich selbst als Interpret des Lebens Leverkühns warnt, denn Zeitbloms human- gesunder Verstand ist verlegen und getrübt durch das ihm Wesensfremde. Dies wird auch bemerkbar, wenn er über Leverkühns Krankheit spricht. Sie wird nicht als „Wahnsinn“ angesprochen, sondern Zeitblom sagt: „zwei Jahre nachdem er aus tiefer Nacht in die tiefste gegangen.“ Der Biograph verschleiert mit dieser liebevollen Umschreibung das Wesentliche und für den Leser auch Offensichtliche, die Syphilis. 26
Zeitblom schlägt stets einen Balanceakt zwischen dem ihm Wesensfremden und seiner eigenen inneren, humanen, altdeutschen Gesinnung. Er versucht auszugleichen.
Die Idee der Mitte zwischen zwei Extremen wächst jedoch im Romangeschehen zur Tugend des Sich- Bescheidens im Mittelmäßigen. Ein Beleg dafür ist, dass Zeitblom im Kridwiß- Kreis seine Meinung zurückhält, weil er von der Kraftlosigkeit seiner Anschauungen überzeugt ist. Vom bürgerlichen Drang nach sozialem Engagement ist bei ihm nur die mürrisch geübte Pflicht übriggeblieben. 27 Die Idee die düstere Geschichte durch den humanistisch gebildeten Gymnasialprofessor erzählen zu lassen, bringt auch einen ironischen Aspekt in den Roman hinein. 28 Zeitblom strahlt nach Außen den Standpunkt der Standpunktlosigkeit aus. Er verzichtet in seinen Aufzeichnung auf Eindeutigkeit zugunsten der Mehrdeutigkeit. Er relativiert Sachverhalte, weil er sich nicht festlegen will und benutzt zu diesem Zweck sehr oft die mehrteilige Konjunktion „sowohl/ als
25 Metzler (1960) S. 10- 11
26 Metzler (19960) S. 16
27 Hasselbach (1994) S. 73
28 Koopmann (1990) S. 484
7
auch“. Das erste Kapitel, im folgenden Stichpunkt wird darauf noch intensiver eingegangen, ist ein eingehender Beweis für das eben erwähnte, da Zeitblom dort mit einer großen Wortgewalt zum Leser direkt spricht, es jedoch schafft, nichts Konkretes oder Präzises auszusagen. Diese Relativierung ist Ironie.
2. 3 Die Sprache Zeitbloms
Thomas Mann versucht am Anfang des Romans einen Schreibstil nachzuahmen, der einem sechzigjährigen Altphilologen und Gymnasialprofessor ähnelt, er benutzt eine stilistische Verkleidung. Der Beginn des Doktor Faustus ist streng im „Serenus-Zeitblom- Stil“ geschrieben, er besteht aus langen, komplizierten und verschachtelten Sätzen und an einigen Textstellen aus lateinisch- deutschen Textfragmenten, wie beispielsweise „item“ 29 an einem gewöhnlichen Satzanfang Die gediegene Ausdrucksweise weist auf einen Mann von Bildung hin. 30 Im ersten Kapitel wird dies deutlich. Zeitblom schafft es auf fast fünf Buchseiten nicht sich präzise auszudrücken oder dem Leser etwas Konkretes zu vermitteln. Der ganze Roman klingt in seiner Vielschichtigkeit zwar an, Zeitblom und Leverkühn, dessen Teufelsverschreibung, sein Tod und die Verbindung des Schicksals mit der politischen Entwicklung Deutschlands. Das ganze Spektrum wird jedoch nicht ausgeführt oder erklärt. Der Leser begreift nur, dass sich all diese Inhalte aufeinander beziehen lassen und in einem Zusammenhang stehen, ein gekonnter Zug von Thomas Mann, um Leseerwartungen aufzubauen. Es lässt sich die Vorstellung eines unseligen Schicksals erahnen, ebenso das Wirken dämonischer Mächte. 31 Zeitblom legt sich in seiner Wortgewalt nicht fest, nimmt Gesagtes zurück, zweifelt an seiner Fähigkeit und führt Entschuldigungen für sein Tun an. Die Zitate „Ich bitte wieder ansetzen zu dürfen“, „[...] ob ich in meiner ganzen Existenz nach der rechte Mann für diese Aufgabe bin [...]“, „ob ich [...] die nötige Affinität besitze“ und „[...] besteht ja noch nicht die geringste Aussicht, das [sic!] meine Schrift das Licht der Öffentlichkeit erblicken könnte“ 32 sind Belege dafür. Zeitblom scheint von Selbstzweifeln geprägt zu sein, ebenso von der Mutmaßung, dass der Roman keine Leserschaft findet. Thomas Mann skizziert hier den alten, konfusen Gymnasialprofessor, welcher jedoch beim Leser durch diese Authentizität Sympathie hervorruft. Ein nüchterner, typischer Beginn eines Romans, in welchem schlicht und
29 Mann (2008) Kap. XVI. S. 190
30 Diersen (1985) S. 286 f.
31 Metzler (1960) S. 17f.
32 Mann (2008) Kap I. S. 7- 10
8
ohne Umschweife davon gesprochen wird, wer über wen warum schreibt, baut nicht in dem Maße die Spannung auf das Kommende auf, wie es im erste Kapitel des Doktor Faustus der Fall ist.
Thomas Mann gibt diesen ursprünglichen Zeitblom- Erzählstil schnell auf und passt die Ausdrucksweise dem jeweiligen Gegenstand des Erzählens an. Der ursprünglich typische Zeitblom- Stil kommt dann zum Vorschein, wenn Zeitblom von sich selbst spricht und von den Gefühlen zu Adrian. Der Stil tritt zurück, wenn er Vorgänge, Begebenheiten und Umstände beschreibt, die in erster Linie Leverkühn betreffen. Während Zeitblom als Vertrauter mit Ines Institoris spricht und daraufhin Leverkühn Bericht erstattet, sind Zeitblom und seine Ausdrucksweise gewitzter, kritischer und weltoffener. Thomas Mann korrigierte Zeitbloms Charakter und Erzählweise demzufolge an einigen Stellen und machte dies ebenso wieder rückgängig, wenn es nicht mehr von Nöten ist.
Verwundert stellt der Leser an einige Stellen fest, dass Zeitblom von Gesprächen, welche offensichtlich nur zwei Personen betreffen, so genaue Kenntnisse besitzt, als wäre er anwesend gewesen. Ein treffendes Beispiel hierbei ist Leverkühns Auftrag an Rudi Schwerdtfeger. (Kap. XLI) „Ich möchte dich zu ihr schicken“ 33 äußert er seinem Freund gegenüber und meint damit, dass der Geiger die Zeichnerin Marie Godeau im Auftrag Leverkühns um ihre Hand bitten soll. Zeitblom erklärt an keiner Stelle, wieso er diese detaillierten Kenntnisse besitzt. Das Geschehen zeigt sich dem Leser in einer merkwürdigen Realität, da dieser ständig im Hinterkopf hat, dass Zeitblom als aktiv beteiligte Person im Roman nicht über diesen Wissenstand verfügen kann, selbst wenn Leverkühn ihm davon berichtet hätte. 34 Die Glaubwürdigkeit wird in den Gesprächsszenen erschüttert, in denen aus dem Ich- Erzähler plötzlich ein auktorialer Erzähler mit allwissender Autoreneinsicht wird. 35
Thomas Mann baut feine Widersprüche in die Person Zeitbloms ein und relativiert somit seine Ernsthaftigkeit. Einerseits ist es, wie bereits erläutert, eine Tatsache, dass der Biograph das Wissen eines auktorialen Erzählers benutzt, andererseits betont er, er „ [...] schreibe keinen Roman und spiegle nicht allwissende
33 Mann (2008) Kap XLI. S. 578
34 Diersen (1985) S. 286- 288
35 Assmann (1987) S. 93
9
Autoreneinsicht in die dramatischen Phasen einer intimen, den Augen der Welt entzogenen Entwicklung vor“. 36
2. 4 Das Verhältnis zwischen Leverkühn und Zeitblom
Zeitblom gilt als zweiter Romanheld, er wurde als Figur gleicher Größenordnung wie Leverkühn konzipiert. Als Verkörperung des Mittleren und Eingeschränkten stellt er das ergänzende Gegenstück zu der extremen Genialität Leverkühns dar. Der Lebensinhalt des Biographen ist die sorgende Beobachtung des Freundes, so wechselt Zeitblom ebenfalls während des Studiums nach Halle, „um zu hören, was er hörte, an seiner Seite“ und um „ein Auge auf ihn zu haben“ 37 Selbst fasst er zusammen, dass er sein „[...] eigenes Leben, ohne es gerade zu vernachlässigen, immer nur nebenbei, mit halber Aufmerksamkeit, gleichsam mit der linken Hand führte, und das [seine] eigentliche Angelegenheit, Spannung, Sorge dem Dasein des Kindheitsfreundes gewidmet war [...]“ 38 Diese enge Beziehung Zeitbloms zu Leverkühn ergibt sich aus der eigenen Problemlosigkeit. Da er keine eigenen Konflikte hat, lenkt er seine gesamte Aufmerksamkeit auf Leverkühn und dessen Leben. Ein prägnantes Beispiel dafür ist das Verhältnis des Biographen zu seiner eigenen Familie. Mit seiner Frau Helene Ölhafen hat er, wie bereits in Punkt 2.1 beschrieben, drei Kinder. Als Zusatz bleibt anzumerken, dass diese nicht zufällig von Zeitblom ausgewählt und geehelicht wurde, denn höchst wahrscheinlich spielt der Vorname seiner Ehefrau in Kombination mit Zeitbloms humanistischer Denkweise eine entscheidende Rolle. Helena, von deren Name sich Helene ableitet, die griechische Göttin, schönste Frau ihrer Zeit, hat jedoch nach Zeitblom nur in „bürgerlich bescheidenem Maß“ 39 Ähnlichkeit mit seiner Ehefrau, deren „Jugendreiz“ zudem rasch verschwand. Ähnlich verhält es sich mit seinen drei Kindern, diese können es bei weitem nicht „mit einer Kinderschönheit wie dem kleinen Nepomuk Schneidewein, Adrians Neffen [...] aufnehmen“. „Etwas Berükendes [sic!], das will ich nur zugeben, war zu keiner Zeit an keinem meiner Kinder.“ 40 Seine Söhne bleiben auch im gesamten Roman unbenannt, Nepomuk Schneidewein bekommt jedoch Kosenamen wie „Echo“ und „Elfenprinzchen“ 41 . Er wird von Zeitblom höher geschätzt und gelobt. Vernarrt, ganz
36 Hage (1976) S. 89 f.
37 Mann (2998) Kap XI. S. 119
38 Mann (2998) Kap XXXI. S. 416
39 Mann (2008) Kap II. S. 16
40 Mann (2008) Kap II. S. 16
41 Mann (2008) Kap XLIV. S. 608
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wider seiner Natur, gibt der Autor beispielsweise Sätze vom Neffen Leverkühns wieder und fasst zusammen, dass Nepomuk „[...] Glückseligkeit, eine beständige heitere und zärtliche Erwärmung der Herzen [...]“ 42 brachte. . Dieser Gegensatz in den Empfindungen zwischen der eigenen und Leverkühns Familie mag einerseits daran liegen, dass Zeitblom nicht damit konform geht, dass seine Söhne dem Nationalsozialismus dienen, andererseits ist diese Abstufung mit der Aufmerksamkeit und dem Interesse am Leben Leverkühns zu begründen. „Es kommt soweit, dass [sic!] er sein persönliches Leben mit Beruf, Ehe, Kindern ganz beiseite schiebt, ihm gar nicht den Raum zur Entfaltung gönnt, weil er in atemloser Spannung den Weg des Freundes verfolgt und alles dem Wunsche unterordnet, in der Nähe Adrians zu bleiben, ihn zu begleiten.“ 43
Zeitblom führt ein Leben im Schatten des Freundes, es existiert eine Liebe ohne Gegenliebe, ein Verantwortungsgefühl ohne Einflussmöglichkeit, denn Leverkühn geht vor den Augen Zeitbloms langsam zu Grunde, ohne dass dieser ihm helfen kann. 44
Zeitblom wird zum Trabant Leverkühns, er positioniert sich selbst dort hinein. Eine innere Spannung ist im ganzen Roman fühlbar, das Verhältnis der Freunde lässt sich in drei Phasen einteilen.
Der erste Abschnitt umfasst die gemeinsame Kindheit, Schulzeit und die ersten Studiensemester. In dieser Zeit besteht eine relativ nahe Beziehung, ein Austausch von Gedanken in langen Gesprächen und eine gemeinsame Freizeitgestaltung, bspw. während der Vorträge von Wendel Kretschmar (Kap. VIII) oder den Wanderungen mit Kommilitonen in Thüringen (Kap. XIV).
Zeitblom denkt sich intensiv in Leverkühns Wesen hinein, auch Sachverhalte, die er ihm vorerst verschweigt, ahnt er bereits. Als Leverkühn die Absicht hat, sein bisheriges Studium zu Gunsten eines Musikstudiums zu beenden, meint Zeitblom, dass er „wusste, was sich vorbereitete“ 45 . Bei Leverkühn kommt zwar keine ähnliche Gegenneigung und kein so großes Gegeninteresse auf, aber er ist aufgeschlossener als in den folgenden Phasen gegenüber Zeitblom. Die Wege der beiden Freunde trennen sich nun, Leverkühn verschlägt es nach Leipzig, wo es zu dem einschlägigen Erlebnis mit Esmeralda in einer „Schlupfbude“ kommt. Leverkühn berichtet Zeitblom davon in einem Brief und dieser fühlt sich vom Erlebten
42 Mann (2008) Kap XLIV. S. 612
43 Metzler (1960) S. 22 f.
44 Hasselbach (1994) S. 70
45 Mann (2008) Kap. XV. S. 174
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mitbetroffen, „tagelang spürte ich die Berührung ihres Fleisches auf seiner eigenen Wange und wusste dabei mit Widerwillen, mit Schrecken, dass sie seither auf der seinen brannte.“ 46 Leverkühn durchbricht mit der Erläuterung dieser Bordellerfahrung in Briefform seine eigentliche Verschlossenheit, da er Entlastung und Hilfe braucht. Diese kann Zeitblom ihm jedoch nicht gewähren, da er sich zu stark in Leverkühn hineinfühlt und auch mit dem ihm Wesensfremden überfordert ist. Bei dem nur folgenden Wiedersehen ist Leverkühn verändert, „Dieser Blick, der ihm nun eigentümlich lieb, [...] war in der Tat etwas Neues: stumm, verschleiert, distanziert bis zum Beleidigenden,[...],von kalter Traurigkeit,[...] endete mit einem nicht unfreundlichen, aber doch spöttischen Lächeln der verschlossenen Mundes [...].“ 47
Der distanzierte Blick gilt dem Biographen, Leverkühn hat erkannt, dass „der Geist Zeitbloms den seinen nicht fassen und halten kann.“ 48 Die Trennung der beiden Protagonisten, welche vorher nur räumlich war, Leverkühn in Leipzig - Zeitblom in Halle, vollzieht sich jetzt auch innerlich.
In der zweiten Phase schreitet die Trennung voran, beide entwickeln sich in einem völlig unterschiedlichen Umfeld. Zeitblom führt ein bürgerliches Leben als Gymnasiallehrer in seiner Heimatstadt und heiratet „zur Gründung von Ruhe und Frieden“. Leverkühn hingegen sucht nach einem Ort, wo er sich „recht vor der Welt vergraben und ungestört mit [seinem] Leben, [seinem] Schicksal Zwiesprache halten könnte“ 49 . Zu diesem Zweck geht er mit Rüdiger Schildknapp nach Italien. Als Zeitblom mit seiner Ehefrau im Sinne der „klassizistischen Bildungsreise“ 50 dorthin kommt, entfremden sich die Freunde endgültig. Die Eifersucht Zeitbloms auf Schildknapp spielt eine entscheidende Rolle. Leverkühn nimmt die Anwesenheit des Übersetzers dankbar wahr, denn dieser befreit ihn aus der gefühlvollen und gläubigen Stimmung Zeitbloms. Der Humorist tritt zwischen die Freunde. Während des gesamten Aufenthaltes in Palestrina gewährt Leverkühn Zeitblom kein Gespräch, auch als dieser sich nach seinem entstehenden Werk fragt, weist Leverkühn ihn ab. Ebenfalls erfährt Zeitblom nichts von dem schicksalshaften Zusammentreffen zwischen Leverkühn und dem Teufel und dem Abschluss des Paktes. Wieder in Deutschland zieht Leverkühn zu den Schweigestills nach
46 Mann (2008) Kap. XVII S. 199
47 .Mann (2008) Kap. XX S. 218
48 Metzler (1960) S.48
49 Mann (2008) Kap. XXIII. S. 283
50 Metzler (1960) S. 49
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Pfeiffering. Der Name seiner Vermieter lässt schon auf die kommende Entwicklung schließen, Leverkühn schweigt fortan noch öfter als sonst still und zieht sich zurück. Es entstehen zwar Gespräche zwischen ihm und Zeitblom, doch in diesen findet der Künstler großen Gefallen daran, seinen Kindheitsfreund mit seinen „Erfahrungen auf dem Gebiet der Weltphysik zu traktieren“. 51 Leverkühn konfrontiert in diesen bewusst Humanismus und Wissenschaft, zudem bindet er den Humanismus an das Mittelalter und Kaisersaschern. Die Aggressivität, die er hier dem Freund entgegenbringt, weist auf die innere Unruhe Leverkühns seit dem Teufelspakt hin. Zum endgültigen Bruch kommt es in der dritten Phasen, welche sich mit dem Kriegseinsatz Zeitbloms und dem Rückzug Leverkühns in völlige Isolation datieren lässt. Der Künstler strebt nun mehr denn je nach der Verheißung des Teufels, dem Durchbruch. Er spricht mit Zeitblom darüber, doch dieser „versteht trotz aller liebenden Einfühlung und trotz seines psychologischen Scharfblicks Adrians Existenz nicht in ihrer ganzen Problematik, ihrer Gefährdung und ihrem Ringen um Erlösung.“ 52 Ähnlich wie nach der Esmeralda- Begebenheit distanziert sich Leverkühn von Zeitblom und weist ihn hart zurück, bspw. nach dem Tod von Nepomuk Schneidewein mit den Worten „Du guter Mann?... Was willst du hier, das ist kein Ort für dich!“ 53 und äußert zudem: „Spar dir die Humanistenflausen!“ 54 Dies ist Leverkühns Absage an die Humanität und somit auch an die Verkörperung dieser, Zeitblom. Das Gute und Edle [...] das soll nicht sein. Es wird zurückgenommen. Ich will es zurücknehmen.“ 55 . Mit diesen Sätzen löst er das Verhältnis zu seinem einstigen Freund. Die Trennung ist endgültig, es folgt kein weiteres Gespräch, keine Begegnung unter vier Augen, nur der Zusammenbruch Leverkühns. Dessen Zeit ist abgelaufen, er ist gebrochen und lebt fortan entmündigt wieder unter der mütterlichen Obhut. Der Künstler weigert sich Zeitblom, „den Begleiter seines wachen Daseins“ 56 zu erkennen und stirbt 1940. Zeitblom zieht sich zurück, er gibt sein Lehramt auf und vereinsamt durch das Miterleben von Leverkühns Schicksal, da nur das Leben des Freundes dem seinen „Liebe, Spannung, Schrecken und Stolz, seinen wesentlichen Inhalt gegeben hat.“ 57 Dieser Inhalt verlischt langsam,
51 Metzler (1960) S. 50
52 Metzler (1960) S. 52
53 Mann (2008) Kap. XLV. S. 629
54 ebd.
55 Mann (2008) Kap. XLV. S. 631
56 Mann (2008) Nachschrift. S. 668
57 Mann (2008) Nachschrift. S. 671
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deswegen widmet sich Zeitblom einer „Aufgabe“ 58 , der Biographie Leverkühns. Sie ist der Ersatz für ein persönliches, aktives Weiterleben. Da Zeitblom stets im Schatten des Freundes lebte, das eigene Leben ausgeblendet, befindet er sich in völliger Leere, welche er durch das Schreiben der Biographie versucht auszufüllen. Er rekapituliert das Geschehene und verarbeitet es. Die Aufgabe dient aber auch als Rechtfertigung nach Außen, denn Zeitblom tritt resigniert aus Gesellschaft und Zeit aus, lebt einsam, entfremdet von seinen Kindern und isoliert in Freising.
2. 5 Thomas Mann und Serenus Zeitblom
Thomas Mann stellte immer klar, dass er weder mit Zeitblom, noch mit Leverkühn identisch sei, jedoch erweckt er immer wieder den Eindruck, dass er in beiden stark anwesend ist. Es spricht einiges dafür in dieser Doppelidentität mit Leverkühn und Zeitblom den Reflex einer Exilerfahrung zu sehen, wie sie in der Literatur der Emigranten häufig sichtbar ist, bspw. bei Anna Seghers oder Alfred Döblin. Die unheimliche Doppelidentität ist nicht die des in Deutschland lebenden Chronisten und die des in Kalifornien schreibenden Thomas Mann, sondern die des „guten“ und die des „schlechten/bösen“ Deutschlands. Mann konnte nicht über das eine schreiben ohne das andere zu berühren. Zeitblom als Erzählfigur erlaubt Distanz und Annäherung, er gestattet die Teilnahme am düsteren Leben Leverkühns, welches für Deutschland steht und kennzeichnet zugleich auch wieder die innere Distanz, die Außenseiterstellung, die Thomas Mann trotz allem inneren Berührtsein Deutschland gegenüber empfindet und durch Zeitblom ausdrückt. Zeitblom vollzieht erzählerisch nach, was Mann während des Schreibprozesses im Kriegsgeschehen aus der Ferne selbst empfindet. Nicht zufällig ist die Krankheits- und Untergangsgeschichte Leverkühns parallel zu der Deutschlands angelegt. Ähnlich der privaten Katastrophe Zeitbloms vollzieht sich die nationale Katastrophe Deutschlands. 59 Die Ereignisse, welche Thomas Mann in den letzten Kriegsjahren den Radio- und Zeitungsnachrichten entnimmt und welche in seinem Tagebuch notiert sind, sind zugleich Ereignisse im Leben des fiktiven Erzählers Zeitblom. „Zeitblom präsentiert die Geschichte der unpolitischen Innerlichkeit, die im dritten Reich ihre tragische Katastrophe erleidet. Vorwiegend durch seine Interpretation entsteht die Parallele Deutschland - Leverkühn.“ 60 Er reflektiert die Weltgeschichte in der
58 Mann (2008) Nachschrift. S. 664
59 Koopmann (1990) S. 484 - 486
60 Kurzke (1985) S. 279
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Abgeschiedenheit der oberbayrischen Kleinstadt Freising. Der Humanist ist einsamer Emigant nach Innen. Er bringt im Laufe des Romans seine Abscheu gegen den Nationalsozialismus immer offener zum Ausdruck, dennoch beschränkt sich sein Agieren dagegen nur auf das Schreiben einer Biographie. Thomas Mann jedoch war ein öffentlicher Gegner des Regimes, in seinen unter dem Namen „Deutsche Hörer“ bekannt gewordenen Radiosendungen, welche der BBC ausstrahlte stellte er seinen Standpunkt klar dar. Jedoch steckt auch Selbstkritik in Zeitblom, denn Thomas Mann agierte aus der Ferne, aus dem sicheren Ausland. Welche Möglichkeiten der offenen Meinungsäußerung hingegen hat Zeitblom im gefährlichen Deutschland der NS-Zeit? Das Schreiben der Biographie und somit der Darstellung seiner persönlichen Meinung ist das Maximum, alles andere wäre lebensbedrohlich. Gemeinsam sind dem Autor und seinem fiktiven Erzähler, dass beide ein Gefühl der Entfremdung von ihrer Nation entwickeln, sie können und wollen sich mit den überschrittenen Grenzen ihrer Völker nicht mehr identifizieren. Thomas Mann schreibt dazu in einem Brief an den Schriftsteller Walter von Molo, welcher ihn auffordert, nach Deutschland zurückzukehren: „Ja, Deutschland ist mir in all diesen Jahren doch recht fremd geworden [...] Ich gestehe, dass ich mich vor den deutschen Trümmern fürchte, dass [sic!] die Verständigung zwischen einem, der den Hexensabbat von außen erlebte und euch [....] schwierig wäre.“ 61 Zeitblom spricht nicht nur von einer Entfremdung, er verabschiedet sich sogar in der letzten Zeile des Romans, in welcher er Leverkühn mit seinem Vaterland gleichsetzt, ein Indiz für die Theorie, dass Mann, wie bereits erläutert, bewusst das „böse“ Deutschland durch Leverkühn verkörpern will, von Deutschland. Wörtlich schreibt er: „Gott sei eurer armen Seele gnädig, mein Freund, mein Vaterland.“ 62
61 Hermsdorf (1976) S. 300
62 Mann (2008) Nachschrift. S. 672
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3. Schlussbemerkungen
Die Ausführungen haben gezeigt, dass Serenus Zeitblom oberflächlich gesehen eine Nebenrolle im Roman erfüllt, jedoch bewusst als Erzähler und auch Protagonist von Thomas Mann eingesetzt wird, um Ebenen zur verknüpfen, Sachverhalte offen zu legen, den Leser zu fordern und nicht zuletzt eine Durchheiterung zu bewirken. Das Aufgaben- und Funktionsspektrum Zeitbloms ist immens, ihm kommen innerhalb des Romans entscheidende Rollen zu. Zudem ist er das vielschichtige Gegenstück zu Leverkühn. Die Spannungen, die durch diese Konstellation entstehen, tragen den Roman. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Serenus Zeitblom keine Nebenrolle zukommt, sondern er als zweiter, notwendiger Held im Doktor Faustus fungiert.
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4. Bibliographie:
Primärliteratur
Mann, Thomas: Doktor Faustus. 36. Aufl. Frankfurt am Main 2008.
Mann, Thomas: Die Entstehung des Doktor Faustus. IN: Thomas Mann: Doktor Faustus: Frankfurt am Main 2002, S. 679- 829
Sekundärliteratur
Assmann, Dietrich: Herzpochendes Mitteilungsbedürfnis und tiefe Scheu vor dem
Diersen, Inge: Thomas Mann. Episches Werk, Weltanschauung, Leben. Berlin/ Weimar 1985
Hage, Volker: Vom Einsatz und Rückzug des fiktiven Ich- Erzählers. In: Heinz
Hasselbach, Karlheinz: Thomas Mann. Doktor Faustus. 2. Aufl. München 1998
Hermanns, Ulrike: Thomas Manns Roman „Doktor Faustus“ im Lichte von Quellen und Kontexten. Frankfurt am Main 1994
Hermsdorf, Klaus: Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian
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Koopmann, Helmut: Thomas- Mann- Handbuch. Stuttgart 1990
Kurzke, Hermann: Thomas Mann. Epoche, Werk, Wirkung. München 1985
Metzler, Ilse: Dämonie und Humanismus. Funktion und Bedeutung der Zeitblomgestalt in Thomas Manns „Doktor Faustus“. Diss. Essen 1960
Neumann Michael: Thomas Mann. Romane. Berlin 2001
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Arbeit zitieren:
Marie John, 2008, Serenus Zeitblom - Protagonist in Thomas Manns "Doktor Faustus", München, GRIN Verlag GmbH
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