Inhaltsverzeichnis
Einleitung 2
1 Säkulare Entwicklungen der Erwerbstätigkeit 3
1.1 Das Normalarbeitsverhältnis 3
1.2 Die Erosion des Normalarbeitsverhältnisses und die Folgen 4
1.3 Arbeit verliert ihre existenzsichernde Funktion: Die Working Poor 6
2 Inklusion Exklusion und Armut 7
2.1 Geld als Schlüsselmedium der Inklusion 8
2.2 Verliert die Arbeit ihre inkludierende Funktion 9
3 Grundeinkommen garantiert bedingungslos 10
Fazit 13
Literaturverzeichnis 14
1
Einleitung Sowohl die populäre, als auch die wissenschaftliche Diskussion um das bedingungslose Grundeinkommen fokussiert hauptsächlich die Probleme der Umsetzbarkeit und möglicher Auswirkungen. Die Erörterung dieser Dimensionen ist fraglos wichtig, wenn auch nur einer aus der Vielzahl dieser Entwürfe jemals seinen utopischen Charakter verlieren und Realität werden soll. Schließlich verlassen schon die weniger ambitionierten Konzepte der Sozialdivi- dende oder des Bürgergeldes die ausgetretenen Wege der bundesdeutschen Sozialstaatstradi- tion und der mit ihr verbundenen Vorstellungen von sozialer Sicherheit und Gerechtigkeit. Über dem berechtigten Interesse an den Folgen gerät jedoch manchmal in den Hintergrund, dass es keiner utopisch anmutenden Vorstellung einer Post-Arbeitsgesellschaft jenseits von Lohn und Rentabilität 1 bedarf, um die Notwendigkeit des Grundeinkommens zu belegen. Die mittlerweile erreichte Popularität der Grundidee des Grundeinkommens, die sich in den vielen unterschiedlichen Ansätzen zeigt, dürfte vielmehr darauf zurückzuführen sein, dass es Lösun- gen verspricht: Lösungen für Probleme, die aus den Entwicklungen des Arbeitsmarktes, des Arbeitsverhältnisses, der Arbeit als solcher ergeben, beispielsweise für Armut trotz Erwerbs- tätigkeit.
Solche säkularen Tendenzen gilt es in ihrer Bedeutung für das Individuum und sein Verhältnis zur Gesellschaft zu erfassen. Was bedeutet Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse und damit der Erwerbsbiographien, die Vermehrung von Teilzeitarbeit für die Möglichkeiten zur Teilha- be an der Gesellschaft? Um dies zu erfassen, bietet sich das Konzept sozialer Exklusion an, wie es Christoph Deutschmann in Abgrenzung sowohl zu klassischen Armutsforschungsan- sätzen, als auch zu Luhmanns Systemtheoretischem Ansatz entwickelt hat. Die Konstruktion von Inklusion / Exklusion über Geld als „Schlüsselmedium“ bietet die Möglichkeit, Teilhabe- chancen jenseits eines rein materiell definierten Armutsbegriffs zu verstehen.
Auf dieser Grundlage soll in der vorliegenden Arbeit folgende These belegt werden: Durch säkulare Entwicklungen der Arbeit verliert diese mehr und mehr ihren gesellschaftlich inklu- dierenden Charakter. Das Grundeinkommen kann eine Lösung dieses Problems liefern, indem es den Verlust des Inklusionspotentials ausgleicht. Um diese Argumentation zu belegen, wer- den in einem ersten Schritt die säkularen Tendenzen der Arbeitsgesellschaft dargelegt, in ei- nem zweiten Schritt anhand des Inklusions- / Exklusionskonzeptes von Deutschmann auf ihre Auswirkungen auf die inkludierende Funktion von Lohnarbeit hin untersucht. In einem dritten Schritt schließlich sollen die Grundlinien der verschiedenen Grundeinkommenskonzepte im
1 André Gorz: Arbeit zwischen Misere und Utopie, Frankfurt a.M. 1 2000., S. 102f.
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Sinne der These auf ihr Inklusionspotential überprüft werden. Dabei wird am Beispiel der Forderungen von André Gorz zu sehen sein, ob und auf welche Weise ein solches Grundein- kommen den Verlust der inkludierenden Funktion von Erwerbsarbeit kompensieren könnte. Dabei soll in Abschnitt 1 das empirische Bild der Lage der Arbeit nur skizziert werden, da die potentiellen Bruchlinien zwischen Theorie und Empirie den Rahmen dieser Arbeit schnell sprengen könnten. Diese Skizze soll vielmehr die Relevanz der theoretischen Überlegungen in Abschnitt 2, insbesondere 2.2, verdeutlichen. Dabei ist es nicht entscheidend, eine möglichst schlüssige Verbindung zwischen den – nicht oder nur kursorisch behandelten - Armutsdefini- tionen, die bei der Messung im empirischen Bereich verwandt werden, und dem Exklusi- onskonzept von Deutschmann zu finden. Vielmehr zeigen diese Erkenntnisse auf, welches exkludierende Potential in den beschriebenen Entwicklungen der Erwerbsarbeit liegt.
1 Säkulare Entwicklungen der Erwerbstätigkeit
1.1 Das Normalarbeitsverhältnis
Verschiedene Betrachter haben für die säkularen Trends der Arbeit in Deutschland unter- schiedliche Schlagwörter formuliert: Es ist von der „Erosion des Normalarbeitsverhältnisses“ die Rede, oder auch vom „Ende der Vollbeschäftigungsgesellschaft“. Der Begriff des Nor- malarbeitsverhältnisses beschreibt eine Erwerbstätigkeit, für die folgende Eigenschaften kon- stitutiv sind:
• Die Tätigkeit wird als Vollzeitbeschäftigung, also in Einheiten von ganzen Normar- beitstagen verrichtet.
• Das verdiente Einkommen sichert die Existenz und ist die einzige Einkommensquelle.
• Es ist unbefristet und grundsätzlich auf Dauer angelegt.
Seine Entstehung ist auf die spezifische historische Konstellation der deutschen Wiederauf- bauphase nach 1945 zurückzuführen, in der ein expandierender industrieller Sektor einen ho- hen Anteil der Arbeitskräfte aufsaugte. In der Folge entstanden sozialpolitische Maßnahmen, insbesondere der Wohlfahrt, sowie rechtliche und tarifliche Normen, die auf dem beschriebe- nen Arbeitsverhältnis als Regelfall basieren: So basieren z.B. alle Leistungen sozialer Siche- rung auf der Dauer und Umfang der vorangegangenen Erwerbsarbeit. Diese gesellschaftlich- politische Ausrichtung besteht bis in die Gegenwart fort. Für das arbeitende Subjekt ergab sich eine konstante Erwerbsbiografie mit Tendenz zur Statusverbesserung, die kaum durch Arbeitslosigkeit oder auch nur Betriebswechsel gestört wurde. Obgleich das Normarbeitsver- hältnis nie auch nur annähernd universale Gültigkeit erlangte, „wurde [es] gleichermaßen so-
3
zialpolitisches Leitbild, praktischer Orientierungsrahmen am Arbeitsmarkt und auch empi- risch vorherrschende Beschäftigungsform der Nachkriegszeit“. 2 Die generelle soziale „Normalität“ des Regelarbeitsverhältnisses innerhalb der Industriege- sellschaft findet sich auch im Begriff der „Arbeitsgesellschaft“, der zu Beginn der 1980er im Zuge der beginnenden Diskussion über die ersten Veränderungen des Arbeitsmarktes Kon- junktur hatte. Für Autoren wie Hannah Arendt und andere ist „Arbeit […] zentrale gesell- schaftliche Normalität, welche die gesellschaftliche Integration sicherstellt“. 3 Sah man sich damals am „Ende der Arbeitsgesellschaft“, so ist diese Annahme zu revidieren: Die abhängige Erwerbsarbeit verschwindet nicht, sie ist vielmehr einem strukturellen Wandel unterworfen. Zu einem Ende gekommen ist jedoch, folgt man Georg Vobruba, die „Vollbeschäftigungsge- sellschaft“. Der Begriff beschreibt nichts anderes als die gesellschaftliche und politische Prä- gung auf einen vermeintlichen Normalzustand, basierend auf dem oben genannten „Normal- arbeitsverhältnis“, ergänzt um das ausreichende Vorhandensein entsprechender Arbeitsplätze im Zustand der Vollbeschäftigung. Vobruba fasst in seine Begriffsbildung außerdem auch, dass in einer solchen Gesellschaft abhängige Erwerbstätigkeit die biographische Norm ist. 4 Dies kann und wird im Zusammenhang dieses Manuskriptes analog zu Hannah Arendt als integrative Funktion interpretiert.
1.2 Die Erosion des Normalarbeitsverhältnisses und die Folgen
Das „Ende der Vollbeschäftigungsgesellschaft“, das zu Beginn der 1980er Jahre verortet wird, soll hier als Überbegriff für die Entwicklungen im Bereich der Arbeit dienen. Verschiedene Prozesse überlagern sich hier: Einerseits nimmt die Arbeitslosigkeit signifikant zu, bis 1999 fehlen zur Vollbeschäftigung bereits sieben Millionen Arbeitsplätze. Der Anteil des Normal- arbeitsverhältnisses an der Erwerbstätigkeit sinkt zwischen 1970 und 1995 von 84% auf 68%, eine Tendenz, die sich bis in die Gegenwart weiter fortsetzt. 5 Teilzeitbeschäftigung und „ge- ringfügige Beschäftigung“, sowie Zeitarbeit setzen sich vermehrt durch. Das Bild der Er- werbsformen differenziert sich also. Diese „neuen“ Beschäftigungsformen“ zeichnen sich
2 Rainer Dombois: Der schwierige Abschied vom Normalarbeitsverhältnis, in: APuZ 37/1999, S. 13-20, hier S. 14; Vgl. ebd. S. 13f.
3 Georg Vobruba: Entkopplung von Arbeit und Einkommen. Das Grundeinkommen in der Arbeitsgesellschaft, 2. erw. Aufl., Wiesbaden 2007, S. 119; Siehe auch Abschnitt 2.2 dieser Arbeit.
4 Vgl. Vobruba: Entkopplung, S. 119f.
5 Vgl. Gustav Horn / Camille Logeay, / Rudolf Zwiener: Wer profitierte vom Aufschwung?, in: Institut für Mak- roökonomie und Konjunkturforschung Report, Ausgabe 27/2008, S. 1-14; Vgl. auch Markus Grabka / Joachim Frick: Schrumpfende Mittelschichten - Anzeichen einer dauerhaften Polarisierung der verfügbaren Einkom- men?, in: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung Wochenbericht 75 (2008), S. 101-108, hier S. 104; Laut Grabka / Frick liegt der Anteil der Normalarbeitsverhältnisse an der Zahl aller Arbeitsverhältnisse für 2006 noch bei 55%.
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Arbeit zitieren:
Christoph Sprich, 2008, Exklusion trotz Arbeit? , München, GRIN Verlag GmbH
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