Inhaltsverzeichnis
Abstract 1
Hinweise zur Tansliteration aus dem Russischen 2
1. Einleitung 3
2. Die Ereignisse von Osch 6
2.1 Einführung in die Erzählungen 6
2.2 Presseschau 13
2.3 Erzählung I 15
2.4 Erzählung II 34
2.5 Erzählung III 47
2.6 Zusammenfassung 67
3. Die Ereignisse von Aksy 74
4. Zur Dynamik von Konflikten in Kirgistan 98
5. Literatur- und Quellenverzeichnis 105
6. Anhang 112
Abstract
The present work deals with the dynamics of conflict in the post- soviet periphery. Independent Kyrgyzstan is used as an example of a region, which seems to have a lot of conflict producing factors such as a devastating economic situation, ethnic hatred (especially in the south of the country) and weak and corrupted governmental structures. Surprisingly despite these factors, Kyrgyzstan goes through a relatively long period of peace. The latest violent incident, the so-called Events of Aksy, which occurred in March 2002, in large did not course a development of violence. Within six months it was solved without regime destabilizing consequences for the power holders, who nevertheless were blamed for the rest of the year for having caused these clashes.
In the work, trying to analyse this paradox, the author puts forward the thesis, that not such factors like bad economic conditions or a difficult ethnic situation are crucial for the emergence of violent conflicts, but rational calculations and profit maximizing strategies of the power holders from the state apparatus. This thesis is first tested by the analysis of the only violent conflict Kyrgyzstan had to experience in the last two decades, the so-called Events of Osh. Here, the author tries to apply different approaches from the discipline of conflict studies for the disclosure of various dimensions of the conflict. By viewing violent events from three 'perspectives' the limits of different factors and explanations are compared.
The second case study examines the above-mentioned Events of Aksy. The question, why this conflict between power holders around the president Askar Akaev and an opposition movement, led by famous politician Azimbek Beknazarov, did not escalate, will be answered in this chapter.
In the final chapter the author tries to summarize the results of the case studies, confronts them with the findings from the field and considers them with regard to the duration of 'Leninist Legacies' or, to put it more precisely, informal soviet institutions, as a crucial factor for the emergence of violent conflicts in the post- soviet periphery.
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Hinweise zur Umschrift russischer Wörter
In der vorliegenden Diplomarbeit erfolgt die Wiedergabe russischer Wörter in der Regel in der wissenschaftlichen Transliteration nach DIN 1460. Ausnahmen bilden Begriffe oder Eigennamen, die ursprünglich aus dem Russischen stammen, aber auf Grund ihrer allgemeinen Gebräuchlichkeit in den deutschen Wortschatz Einzug erhalten haben wie z.B. 'Perestroika' oder 'Gorbatschow'.
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1. Einleitung
Die in diesem Zitat geäußerten Befürchtungen Talbotts über ein Abrutschen Zentralasiens, besonders des Ferganatals, in bürgerkriegsähnliche Zustände werden von vielen Kommentatoren geteilt. 2 Immer wieder wird auf die schwierige wirtschaftliche, soziale und demographische Situation aufmerksam gemacht, die einen Nährboden für Konflikte darstellen könnte. Im Ferganatal macht die komplizierte ethnische Gemengelage jenen Sicherheitsexperten Sorgen, die noch die Zusammenstöße zwischen Meschetinzen und Usbeken 1989 und Usbeken und Kirgisen 1990 im Bewusstsein haben. Der Einfall von Extremisten nach Südkirgistan in den Sommermonaten 1999 und 2000 und die kläglichen Versuche der kirgisischen Regierung, den Extremisten Paroli zu bieten, haben darüber hinaus klar gemacht, dass es auch um das Sicherheitspotential dieser kleinen Republik nicht gut bestellt ist. Die sogenannten Ereignisse von Aksy im März 2002 brachten nach Meinung von Beobachtern das Land nahe an den Rand eines Bürgerkriegs. Und in der Tat, betrachtet man die wirtschaftliche Entwicklung Kirgistans, die schwierige soziale Situation (mehr als 60 % der Bevölkerung gelten als arm 3 ), die schon durch die Geographie vorgezeichnete Spaltung des Landes in Nord und Süd, den zunehmenden Autoritarismus des Regimes von Präsident Askar Akajev und die bis heute nicht gelösten Spannungen zwischen den Ethnien (besonders im Süden des Landes), dann scheint man den Schluss ziehen zu müssen, dass Kirgistan eine hohe Anfälligkeit für Gewaltkonflikte besitzt. 4 Umso mehr, als 1990 mit den sogenannten Ereignissen von Osch der Süden des Landes für mehrere Tage sich in einen Schauplatz bürgerkriegsähnlicher Auseinandersetzungen verwandelte, die nach Meinung vieler Beobachter nur durch das Eingreifen sowjetischer Truppen beendet wurden. Die Verhältnisse, die für den damaligen Ausbruch verantwortlich gemacht wurden, scheinen sich bis auf den heutigen Tag nicht wesentlich geändert zu haben. Diese dunklen Zukunftsszenarien, die bereits seit Mitte der 90er Jahre entworfen werden, scheitern aber zunehmend an einem wichtigen empirischen Detail: die Konflikte bleiben
1 Zitiert bei
Lubin
(1999), S. xv.
2 Vgl. die Analyse Nancy Lubins zu Sicherheitsfragen im Fergantal, Lubin (1999).
3 Vgl. Worldbank (2003).
4 So beispielsweise Moldaliev (2002), Peimani (2002) oder Schoeberlein (2002).
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aus! Und das ist in der Tat irritierend. Denn wendet man auf die Verhältnisse in Kirgistan Konfliktforschungsansätze an, welche die strukturellen Ursachen von Gewaltkonflikten untersuchen, dann kommt man zu dem Ergebnis, dass die Chance für den Ausbruch eines 5 Auch Ansätze, die Konfliktes weitaus größer ist als die Chance, dass ein Konflikt ausbleibt. mehr auf die autoritativen Bestrebungen der herrschenden Clique in Bischkek und den damit verbundenen prognostizierten Ausschluss konkurrierender Eliten (besonders im Süden) von den Verteilungsketten abzielen, müssen zu der Erkenntnis kommen, dass sich eigentlich ein Konflikt längst hätte abzeichnen müssen in einem Land, in dem es überraschenderweise verhältnismäßig ruhig bleibt.
Warum ist das so? Was sind die Gründe für die relative Stabilität Kirgistans? Auf diese Frage Antworten zu finden ist das Hauptanliegen dieser Diplomarbeit. Es geht darum, verschiedene theoretische Ansätze aus der Konfliktursachenforschung und einzelne Ansätze aus der inzwischen sehr breiten Transformationsforschung auf die Entwicklungen Kirgistans seit der Perestroika anzuwenden. Dabei wird die These vertreten, dass für den Ausbruch oder das Ausbleiben von Konflikt in Kirgistan die eigennutzorientierten Machtstrategien der herrschenden Zentraleliten entscheidend sind. Nicht Landknappheit oder ethnische Gegensätze, schon gar nicht religiöser Extremismus, sondern das Handeln von Akteuren, die der staatlichen Spitze zugerechnet werden können, also an den Schalthebeln der Macht sitzen, ist verantwortlich für Krieg oder Frieden. Gewaltkonflikt ist danach Teil einer Strategie, der dann angewendet wird, wenn es dem persönlichen Profit nutzt und der verhindert wird, wenn ansonsten den eigenen Interessen Schaden droht. Um diese These zu überprüfen werden in der vorliegenden Arbeit zwei Fallstudien durchgeführt. Die erste und auch weitaus umfassendere hat die Ereignisse von Osch vom Juni 1990 zum Thema, also den wohl bedeutendsten Konflikt auf kirgisischem Boden seit Beginn der Perestroika. In der zweiten, etwas kleineren Studie werden die Ereignisse von Aksy, also der Zusammenstoß zwischen Demonstranten und Polizeikräften im März 2002, und ihre Folgen für die politische Entwicklung Kirgistans im Jahr 2002 in den Blick genommen.
Ursprünglich war gedacht, die Untersuchung der Ereignisse von Osch als eine Art Aufhänger für eine größere Analyse der heutigen Situation Kirgistans zu nutzen. Im Zuge der Arbeit an diesem Kapitel durfte ich jedoch feststellen, dass sich das Material, so gering es im Umfang auch ist, als äußerst interessant, weil widersprüchlich und irritierend, herausstellte. Aus diesem Grund habe ich den Ereignissen von Osch weitaus mehr Aufmerksamkeit gewidmet und versucht, neuere Ansätze aus der Kriegsursachenforschung
5 Vgl. zum strukturellen Ansatz
Gurr
(1993).
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in einer Art kreativen Eklektizismus auf diesen Konflitk anzuwenden. Die Analyse des Oschkonflikts macht dann auch den zentralen Teil der Diplomarbeit aus. Manche der Erkenntnisse aus dieser Untersuchung werden am Ende des entsprechenden Kapitels gesondert diskutiert, so zum Beispiel die Möglichkeiten einer neuen Herangehensweise bei der Analyse zentralasiatischer Gewaltkonflikte der Perestroikaphase. Damit soll Überschneidungen von Ergebnisdiskussionen bei den abschließenden Betrachtungen am Ende der Arbeit vorgebeugt werden.
Die Ereignisse von Aksy treten mit dieser Vorgehensweise etwas in den Hintergrund. Das ist nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass es sich hierbei nur im breiteren Sinne um eine Konfliktanalyse handelt. Denn interessant bei diesen Auseinandersetzungen im Süden der Republik ist nicht die Frage, wie es zu dem Konflikt kam (obwohl auch darauf eine Antwort geliefert werden soll), sondern warum eine Eskalation ausblieb, obwohl viele Beobachter eine solche für unvermeidbar hielten. Möchte man dieses Problem lösen, muss man die Perspektive ändern, und die Zeit nach den Ereignissen von Aksy rückt in den Fokus der Analyse.
Die Ergebnisse aus der Fallstudie zu den Ereignissen von Aksy münden anschließend unter Hinzunahme der Ergebnisse aus der ersten Fallstudie ein in umfassendere Überlegungen zur Diskussion um die Frage nach den Funktionsprinzipien der postsowjetischen Machtordnung Kirgistans. Ziel ist es nachzuweisen, dass auch die Frage von Konflikt ein Bestandteil jener Machtordnung ist und es deswegen gilt, die Funktionsprinzipien von Machtausübung in Kirgistan unter die Lupe zu nehmen, wenn man verstehen möchte, was die Dynamik von Konflikten in der postsowjetischen Peripherie bestimmt.
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2. Die Ereignisse von Osch
2.1 Einführung in die Erzählungen
Thema und Zielsetzung
Dieses Kapitel befasst sich mit den Ereignissen von Osch vom Juni 1990 und bildet den zentralen Untersuchungsabschnitt der vorliegenden Diplomarbeit. Die Ereignisse von Osch waren der wohl heftigste Ausbruch ethnischer Gewalt in Kirgistan in den Umbruchsjahren der Perestroika, vielleicht sogar in ganz Zentralasien. Usbeken und Kirgisen fielen zu Tausenden übereinander her. Innerhalb weniger Tage starben mehrere hundert Menschen und erst Monate später konnte die Situation stabilisiert werden. Die in diesem Kapitel als „Erzählungen“ deklarierten Untersuchungen dienen dem Ziel, die These von einer Initiierung dieses Konfliktes durch regionale Eliten zu überprüfen. Damit wendet sich diese Analyse des Oschkonfliktes gegen Erklärungen, nach denen dieser in erster Linie durch soziostrukturelle oder gar kulturelle Faktoren bedingt wurde. Innerhalb der Konfliktursachenforschung soll darüber hinaus die entscheidende Rolle eigennutzorientierter Handlungen von Elitenakteuren für das Entstehen von ethnischen Konflikten betont werden. Gerade auch für solche Konflikte, die als „ethnic riots“ auf den ersten Blick den Charakter eines spontanen Gewaltausbruchs, bedingt vielleicht durch lang aufgestauten ethnischen Hass, angeheftet bekommen.
Auf der anderen Seite sollen durch die Zentrierung auf die These von einer Initiierung des Oschkonfliktes nicht alle anderen möglichen Faktoren ausgeblendet werden. Vielmehr geht es um den Versuch, durch die Aufdeckung verschiedener Dimensionen der Konfliktgenese deutlich zu machen, wie komplex die Gründe für den Gewaltausbruch waren. Eine Diskussion der Ergebnisse dieser „Aufdeckungen“ soll am Ende der „Erzählungen“ dann noch einmal verdeutlichen, warum trotz der verschiedenen Dimensionen der Konfliktgenese die These von der Konfliktinitiierung ihre Berechtigung besitzt.
Fakten und ihre Interpretation
Über die Ereignisse von Osch stehen nur wenige Informationen zur Verfügung. Primärquellen, also beispielsweise Zeugenaussagen, Verwaltungsstatistiken, Gerichtsakten, Verhörprotokolle, Filmaufnahmen oder Krankenhausdaten existieren nicht oder sind nur bedingt zugänglich. Eine Analyse ist also auf Informationen angewiesen, wie sie von Journalisten oder anderen Beobachtern geliefert werden (und muss sich in jedem Fall auf Daten und Quellen stützen, die nicht direkt Zeugnisse des Konfliktes sind, wie Bevölkerungsstatistiken, Informationen zur historischen Entwicklung in der Ošskaja Oblast'
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- dem Verwaltungsgebiet, dessen Zentrum die Stadt Osch ist - oder Daten zur offiziellen Kaderpolitik in der Kirgisischen SSR.) Die Gefahr, dass bei einem solchen Informationsdefizit im Endergebnis nur ein Konstrukt produziert wird, welches mit der vergangenen Wirklichkeit nichts gemein hat, scheint groß. Wenn nur wenige gesicherte Fakten existieren und sich diese nicht ohne Weiteres in ein Bild einfügen, dann steigt die Gefahr, dass sie von einem Forscher an die falschen Stellen des Bildes gesetzt werden. Existierten mehr Fakten, würden sich auch die Möglichkeiten der Anordnung zu einem schlüssigen Bild, wenn vielleicht auch theoretisch erhöhen, so doch praktisch verringern. Was muss getan werden, um dieser Gefahr zu begegnen? Um das Problem besser zu fassen hilft eventuell ein Blick auf das allgemeine Verhältnis von Fakten und Interpretationen in den Geschichts- und Sozialwissenschaften, auf die Beziehung zwischen als unverrückbar anerkannten Tatsachen und der schöpferischen Imaginationskraft des deutenden Forschers, der aus diesen Tatsachen mitunter gegensätzliche Schlussfolgerungen ziehen kann. Und vielleicht kann auch anhand dieses Blickes auf die Grundzüge historischen und sozialwissenschaftlichen Forschens deutlich gemacht werden, worauf ein Forscher seine besondere Kraft zu verwenden hat, wenn er sich mit einer solch unvorteilhaften Quellenlage konfrontiert sieht, wie das bei einer Untersuchung der Ereignisse von Osch der Fall ist.
Fakten und Fiktionen bei Richard J. Evans
Ich möchte das genannte Problem mit einem Verweis auf die Überlegungen Richard J. Evans in seinem Buch „Fakten und Fiktionen“ erörtern. In diesem Werk setzt sich Evans mit den Vorwürfen postmoderner Theoretiker auseinander, die in ihrer radikalsten Denkrichtung Geschichte mit Geschichtsschreibung gleichsetzen und sie als Produkt eines schöpferischen Konstruktionsaktes der Historiker verstehen. Damit verliert Geschichte die ihr ursprünglich zugeschriebene Eigenschaft einer Widerspiegelung des tatsächlich Gewesenen, der vergangenen Wirklichkeit. Ein Geschichtswerk und letztlich damit auch eine solche Untersuchung, wie sie hier präsentiert wird - da auch diese sich auf historische Dokumente stützt und ein Ereignis aus der Vergangenheit zu interpretieren sucht - wird damit zu einem Produkt des Historikers, das nichts mehr aussagt über die Vergangenheit, sondern nur über den Verfasser.
Evans wendet sich gegen eine solche Theorie und schaut zunächst einmal auf die Rolle von Fakten in der Geschichte. Er erklärt, dass Fakten auch außerhalb der Geschichtsschreibung existieren, unabhängig davon, ob ein Forscher sie „entdeckt“ hat oder nicht. Entscheidend, so Evans, sei die Transformation von Fakten in Belege, also der Versuch des Historikers, anhand von historischen Fakten eine These über den wahren Verlauf oder Zustand eines
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Abschnitts der Vergangenheit zu stützen. Erst an diesem Punkt komme die 6 Aber, und das ist für eine Abwehr Konstruktionskompetenz des Historikers zum Einsatz.
postmoderner Vorwürfe ausschlaggebend, seien auch hier dem Historiker gewisse Grenzen gesetzt. Er könne nicht frei jeglicher Zwänge die Fakten, bzw. die Quellen, die ihn von der Existenz gewisser Fakten unterrichten, benutzen, sondern müsse sich dabei den Regeln einer logisch- rationalen Bezugnahme beugen. Man kann nicht in eine Quelle hineininterpretieren, was durch die Aussagen einer Quelle nicht gedeckt wird: „Wir sind in unserer Interpretation durch die Wörter, die der Text enthält, begrenzt, Wörter, die keineswegs, wie die postmodernen Denker meinen, eine unendliche Anzahl von Bedeutungen annehmen 7 können.“
Auf der anderen Seite ist laut Evans der Historiker einer größtmöglichen Offenlegung seiner Beweggründe für die Wahl seines Untersuchungsgegenstandes verpflichtet. Und er muss erklären, warum er ihn auf jene Art und Weise zu untersuchen gedenkt und was die Hintergründe für die Annahme seiner Thesen sind. Er muss offenlegen, von was für einem Standpunkt aus er sich dem Forschungsgegenstand nähert. Dahinter steht die Feststellung, dass das Interesse eines Historikers aus der Gegenwart herrührt. Er formt es zu einer Theorie und nähert sich so seinem Gegenstand: „Theorie leitet sich stets aus der Gegenwart der Historiker ab, nicht aus ihren Quellen. Die Verwendung von Theorie ist für Historiker 8 - „Historiker werden stets von ihren aktuellen Anliegen geleitet; die unumgänglich.“
Wahrheit geht nicht aus einer vorurteilsfreien, neutralen Lektüre der Quellen hervor, selbst 9 Daraus lässt sich schlussfolgern, dass in die Interpretation von wenn dies möglich wäre.“
Fakten tatsächlich ein großes Maß an eigener schöpferischer Kraft einfließt. Dieses Maß muss sich aber immer selbst darstellen und darf niemals die von den Quellen gesetzten Grenzen verlassen.
Das Ergebnis einer solchen Herangehensweise fasst Evans folgendermaßen zusammen: „Unsere Quellen und die Methoden, mit denen wir sie behandeln, versetzen uns, wenn wir sehr vorsichtig und gründlich vorgehen, in die Lage, uns einer Rekonstruktion vergangener Wirklichkeit anzunähern, die zwar unvollständig und provisorisch sein mag - und mit Sicherheit nicht absolut neutral ist -, die aber dennoch wahr ist. Natürlich sind wir uns darüber im klaren, daß wir bei der Auswahl des Materials für die Geschichten, die wir erzählen, und beim Zusammenfügen und Interpretieren dieses Materials nicht frei sind, sondern geleitet werden: von literarischen Modellen, von sozialwissenschaftlichen Theorien,
6 Vgl. dazu
Evans
(1998), S. 79 f.
7 Ebenda, S. 106. 8 Ebenda, S. 86. 9 Ebenda, S. 89.
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von moralischen und politischen Überzeugungen, von ästhetischen Vorstellungen und sogar von unseren eigenen unbewußten Annahmen und Wünschen. Wer das nicht sieht, der macht sich etwas vor. Und doch sind die Geschichten, die wir erzählen, wahre Geschichten, selbst wenn die Wahrheit, die sie erzählen, unsere eigene ist, und selbst, wenn andere Menschen sie anders erzählen können und werden. Denn die Tatsache, daß keine Beschreibung irgendeines Gegenstandes von der Perspektive des Autors völlig unabhängig sein kann, bedeutet nicht, daß keine Beschreibung irgendeines Gegenstandes wahr sein 10 kann.“
Und auf die Forderung nach Objektivität bezogen schreibt er: „Objektive Geschichte ist Geschichte, die innerhalb der Begrenzung der historischen Imagination durch die Fakten der Geschichte und die Quellen, die diese Fakten offenlegen, erforscht und geschrieben wird, stets gebunden durch das Bemühen des Historikers, eine wahre, eine redliche und 11 angemessene Darstellung des betreffenden Gegenstandes zu geben.“
Erzählkonstruktionen und die Ereignisse von Osch
Wie im Abschnitt zuvor erwähnt, sollte der Forscher stets darum bemüht sein, sich seinen eigenen Standpunkt, von dem aus er die Untersuchung vornimmt, zu vergegenwärtigen, ihn zu reflektieren, denn: „[w]enn wir die Selbstreflexion aufgeben und in der Kunst der Selbstkritik so sehr versagen, daß wir meinen, dies nicht zu tun, werden unsere Vorurteile und Voreingenommenheiten unbemerkt in unsere Arbeit einfließen und unsere 12 Quellenlektüre [...] verfälschen“.
Und dies gilt umso mehr bei einer Untersuchung der Ereignisse von Osch. Denn wie bereits angemerkt, können wir nicht der Tatsache entgehen, dass (bisher) nur wenige Fakten zu den Ereignissen von Osch „entdeckt“ wurden. Die spärliche Quellensituation zwingt den Forscher, ein umfangreiches Maß an eigener Imaginationskraft aufzubringen um die wenigen Informationen, die wir über diesen Konflikt besitzen, in eine Argumentation mit hohem Erklärungspotential zu integrieren. Der daraus resultierenden Gefahr, in der Transformation von Fakten in Belege zu konstruktivistisch vorzugehen, kann man aber entgegentreten durch ein noch stärkeres Bemühen den eigenen Standpunkt zu reflektieren. Dieser Forderung nach einer noch stärkeren Reflexion soll im Folgenden mit einer Offenlegung des eigenen Standpunktes und mit einer Erläuterung der angewandten Methode begegnet werden.
11 Ebenda, S. 242. 12 Ebenda, S. 218.
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Die Ereignisse von Osch werden in dieser Untersuchung aus drei verschiedenen Perspektiven betrachtet und auch dreimal erzählt. Die Perspektiven, die eingenommen werden, sind zeitlicher Natur: Es geht darum, den Blick einmal auf Geschehnisse vor dem Ausbruch des Konfliktes, während des Konfliktes und nach dem Konflikt zu richten. Dadurch geraten stets neue Aspekte in den Fokus des Forschers, die es dann auf ihre Relevanz für den Ausbruch des Konfliktes hin zu untersuchen gilt. Ähnlich wie auch ein Gebäude oder eine Statue aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet sich unterschiedlich darstellt, soll auch bei dieser Vorgehensweise durch die Einnahme der Perspektiven der Blick auf unterschiedliche Schichten des Konfliktes freigelegt werden.
In dieser Herangehensweise steckt sehr viel Imaginationskraft des Forschers. Sowohl die Anwendung des 'Perspektivenmodells' als auch die durch den Blick geleistete Auswahl von Fakten sind höchst schöpferische Prozesse. Ebenso die Transformation von Fakten in Belege, also das 'in Beziehung setzen' von einzelnen Fakten im Rahmen einer Argumentation, stellt eine Konstruktion dar. Dass diese nicht willkürlich verläuft, wird durch das Andocken des Forschungsprozesses an die Erkenntnisse aus der aktuellen Kriegsursachenforschung gewährleistet. Es sind die hier rezipierten Theorien wie zum Beispiel der sogenannte 13 , die in der Art der Kontextualisierung von Fakten ihren Niederschlag Hamburger Ansatz finden.
Die aus den Quellen herauskristallisierten Fakten, wie z.B. die Bevölkerungsstatistiken für die einzelnen Rajone der Ošskaja Oblast', setzen dem Forscher wiederum Grenzen in seinem interpretativen Vorgehen. Sie lassen sich nicht „gegen den Strich lesen“, sondern allerhöchstens auf unterschiedliche Art und Weise in Beziehung zueinander setzen. Eine hohe ethnische Polarisierung in einem Rajon kann durchaus widersprüchlich interpretiert werden, so zum Beispiel einerseits als Grund für eine höhere Gewaltintensität während eines Konfliktes aufgrund der Übermacht der einen Gruppe und des deswegen ungezügelten Vorgehens dieser gegen die schutzlose Minderheit; andererseits als Ursache einer verringerten Gewaltintensität in einem Konflikt aufgrund einer verkürzten Herausbildung von ethnischen Feindschaftsbildern bei der ethnischen Mehrheit, was seinen Grund wiederum in allzu wenigen direkten Kontakten mit der zu kleinen Minderheit haben könnte.
Solche Fragen lassen sich nur durch ein Abgleichen des Faktums (also hier die Tatsache des Vorhandenseins einer ethnischen Polarisierung in einem Rajon) mit anderen Fakten und das Einsetzen des Faktums in einen Kontext klären (beispielweise durch eine Antwort auf die
13 Der Hamburger Ansatz wurde von Mitarbeitern des
Arbeitskreises Kriegsursachenforschung
(AKUF) an der Universität Hamburg entwickelt und stellt den Versuch dar, eine umfassende Theorie über die Bedingungen kriegsähnlicher Konflikte in ein Modell für ihre praktische Untersuchung zu übersetzen.
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Frage, ob es tatsächlich zu Gewalt kam oder nicht). Mitunter hilft auch nur der Vergleich mit Erfahrungswerten aus anderen Untersuchungen, also das Herausreißen des Faktums aus seinen näherliegenden (aber vielleicht wenig hilfreichen) Kontexten und die Transferierung in einen völlig neuen (wobei aber auch dieser Kontext nicht willkürlich geschaffen ist, sondern sich aus dem Interesse an der Sache ergibt; im oben genannten Fall zum Beispiel der Vergleich mit Erfahrungen aus anderen Konflikten, in denen vielleicht ethnische Polarisierung eine Rolle gespielt hat).
Die mit Hilfe der drei Perspektiven generierten Erzählungen sind also durchaus Konstrukte. Sie sind sogar teilweise sehr spekulativ, denn an manchen Punkten beruhen Schlussfolgerungen auf Vermutungen über den Ablauf von Prozessen, allein gestützt durch die Kenntnisse vom Ablauf von Prozessen in ganz anderen Kontexten. Und doch sind diese Konstrukte nicht bloß das Ergebnis eines reinen Willküraktes. Ihre Grenzen erfahren sie in einer Bezugnahme auf die Fakten, die ihnen zu Grunde liegen und in einer ständigen Reflexion der eigenen Konstruktionsprinzipien, wodurch angezeigt wird, an welcher Stelle im Erzählprozess es sich noch um Fakten handelt und wo Interpretation beginnt.
Aufbau der Erzählungen
Die Erzählungen selbst werden eingeleitet mit einem Tatsachenbericht, der in aller Kürze zusammenfasst, was sich mit Sicherheit über den Konflikt festhalten lässt. In der ersten Erzählung werden die Ereignisse von Osch als ein Konflikt um Land interpretiert, der durch die ethnische Stratifizierung in den Verwaltungs- und Wirtschaftsstrukturen der Ošskaja Oblast' zusätzlich an Dynamik gewinnt. In der zweiten gilt es das Kursieren von Gerüchten, das in vielen Berichten über das Konfliktgeschehen eine entscheidende Rolle spielt, in Relation mit einer „ethnischen Geographie“ zu setzen. In der dritten Erzählung wird der Konflikt als Kampf rivalisierender Elitengruppen um den Erhalt oder die Erlangung von Macht in der Ošskaja Oblast' gedeutet. Dabei werden die regionalen Kaderpolitiken in Relation mit weltpolitischen Ereignissen gesetzt, angefangen mit dem Ende des Afghanistankrieges bis hin zu Perestroika und Glasnost. Im Anschluss an die drei Erzählungen werden in einer Zusammenfassung noch einmal die Ergebnisse zusammengetragen und Schlussfolgerungen für weitere Forschungen gezogen. Die in einer Erzählung gewonnenen Ergebnisse werden in der Regel gegen Ende mit Erkenntnissen und Ansätzen aus der Konfliktursachenforschung verglichen und durch die Präsentation von zusätzlichem Material auf ihre Gültigkeit für eine Erklärung des Ausbruchs der Ereignisse von Osch hin abgeklopft. Mitunter werden diese Regeln auch durchbrochen und es findet sich ein Vergleich mit Erkentnissen aus anderen
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Untersuchungen bereits nach einzelnen Abschnitten, oder aber es werden Modelle zur Erklärung von Konflikten zur Strukturierung der Erzählung schon vorab in diese integriert. Wo solche „Regelverletzungen“ auftauchen, werden sie explizit gemacht, damit der Leser nachvollziehen kann, an welcher Stelle sich der Konstruktionsprozess befindet. Eingeleitet in die Erzählungen wird mit Zeitungsmeldungen, alle datiert auf den 6. Juni 1990, mit deren Hilfe vorab noch einmal verdeutlicht werden soll, wie widersprüchlich die Informationen zu den Ereignissen in Osch und Umgebung teilweise waren und wie schwer es sein kann, Fakten zu „entdecken“.
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2.2 Presseschau
„Berlin (afp/taz) - Mindestens elf Menschen sind am Dienstag bei einem Nationalitätenkonflikt in der zentralasiatischen Sowjetrepublik Kirgisien getötet, über 210 sind verletzt worden. Der Oberste Sowjet der Republik rief den Ausnahmezustand über das Gebiet um Osch aus, das im südlichen Teil der Republik liegt. Einheiten der Sondertruppen des Innenministeriums patroullieren im Krisengebiet. Zwischen 22 und 6 Uhr ist eine nächtliche Ausgangsperre ausgerufen worden. An den nationalistisch motivierten Auseinandersetzungen sollen nach offiziellen Angaben 10.000 Usbeken und 15.000 Kirgisen beteiligt gewesen sein. 51 Personen wurden festgenommen. Laut dem Informationsdienst von Radio Moskau dauerten die Auseinandersetzungen auch gestern im Laufe des Tages weiter an. Zu den Zwischenfällen sei es gekommen, weil eine Gruppe von Kirgisen „beschlossen hatte, Felder der Leninkolchose für den Bau von Wohnhäusern zu nutzen, während die Usbeken den Ackerboden verteidigten”, hieß es in einer Darstellung der sowjetischen Nachrichtenagentur 'tass’. Die Kirgisen hätten den Boden in der Nähe der Provinzhauptstadt Osch als Bauland gefordert, weil die Wohnsituation in ihrem Gebiet besonders beengt sei. Daraufhin seien usbekische Landarbeiter den Kirgisen entgegengetreten. In dem Gebiet stellen Kirgisen etwa 50 Prozent der Bevölkerung, Usbeken etwa 30 Prozent.“ 14 - taz, 6. Juni 1990
„Frunze - By decree of the Presisium of the Kirgiz Republic Supreme Soviet, a state of emergency was introduced on June 4 in the city of Osh. [...]
The disturbances in the city continued for more than two days. Two cars and a number of stores were damaged, and an attempt was made to seize the city police headquarters. In the village of Uzgen, extremist- minded young people of the Uzbek nationality laid siege to the building housing the prosecuter's office.
[...] The situation in [Osh] has not improved in the past 24 hours. New clashes have taken place. There are casualties. Self- defense detachments have been created at enterprises and in residential microboroughs, and both hostile groups have put up barricades to protect themselves from possible attacks and pogroms.
Maj. Gen. V. Goncharov, Kirgiz Republic Minister of Internal Affairrs, who has been appointed commandant of the area, reports that the number of dead has reachecd 35.“ 15 - Izvestija, 6. Juni 1990
„Confrontation has never led to anything good. This was confirmed once again by the tragic events that occured in Osh on June 4.
Confrontation between segments of the Kirgiz and Uzbek population had been going on for a whole week there. The reason for it was the unauthorized seizure of a field belonging to the suburban Lenin Collective Farm in Kara- Su District so it could be used for individuel construction.[...]
The authorities yielded. They consented to the taking of this plot of land. [...] They based their action on the fact that the problem had long been coming to a head. In the past few years quite a few new enterprises and organizations have opened in Osh, and old ones have expanded appreciably. This required an influx of new manpower from rural areas. People settled wherever they could: in dormitories, in private apartments, in temporary structures. [...] As of today, more than 12, 000 residents of Osh are registered on just the official waiting lists for housing. [...]
But it turned out that what satisfied some offended others. Residents of an Uzbek neighborhood
14 „Usbeken
und Kirgisen bekriegen sich“
in: taz - die tageszeitung, vom 6. Juni 1990 (Auszug). 15 „State
of Emergency Introduced“
(Izvestia, June 6, 1990), in: The Current Digest of the Soviet Press, Vol. XLII, No. 23 (1990) (Auszug).
13
[makhala] adjacent to the collective farm field considered themselves insulted. [...] According to preliminary information from law- enforcement agencies, seven people died as a result of the clash, including one policeman, 207 sought medical assistance. And 111 people were hospitalized. [...] - (Kirgiz News Agency.)“ 16 - Sovetskaja Kirgiszija, 6. Juni 1990
Selbst mit größerer zeitlicher Distanz zu den Geschehnissen konnte kein Konsens über das tatsächlich Vorgefallene erzielt werden. Bei den Opferzahlen konkurrierten offizielle Angaben mit Vermutungen unabhängiger Beobachter des Konfliktes. Sogar die Maßnahmen von staatlicher Seite gegen die Ausschreitungen lassen sich heute nur noch schwer nachvollziehen.
Über diese Veranschaulichung der komplizierten Informationslage hinaus sind für die folgende Untersuchung aber auch die in diesen Berichten enthaltenen Erklärungen für den Ausbruch des Konfliktes von Nutzen. Izvestija, Sovetskaja Kirgizija und die taz (mit Verweis auf die sowjetische Nachrichtenagentur tass) führen die ethnischen Spannungen einmütig auf die ungünstige Situation auf dem Wohnungsmarkt und den begrenzten Zugang zu Bauland zurück. Diese Erklärung hat sich bei vielen Kommentatoren durchgesetzt und begegnet dem wissbegierigen Analytiker immer wieder. Sie ist damit gut geeignet, eine Kontrastfolie für alternative Interpretationen zu bilden, die ich nun in den Erzählungen entwickeln werde.
16 „Field
of Contention“
(Sovetskaya Kirgizia, June 6, 1990), in: The Current Digest of the Soviet Press, Vol. XLII, No. 23 (1990) (Auszug).
14
2.3 Erzählung I
Tatsachenbericht:
Auslöser der „Ereignisse von Osch“ war ein Streit um ein Stück Land, das von der Gebietsführung von Osch Vertretern einer informellen kirgisischen Vereinigung als Bauland zugesprochen worden war, aber zu einer Kolchose gehörte, die mehrheitlich von Usbeken bewirtschaftet wurde. Am 4. Juni versammelten sich Angehörige beider ethnischen Gruppen in Osch und Umgebung und es kam zu Ausschreitungen, über die die Sicherheitskräfte zunehmend die Kontrolle verloren.
Der Auslöser
Diese knappe Zusamenfassung des Ausbruchs der Auseinandersetzungen soll als Aufhänger benutzt werden, um im Folgenden eine Erzählung zu konstruieren, in der versucht wird, eine hauptsächlich auf strukturellen Faktoren basierende Erklärung für den Konflikt zu generieren. Den Anfang hierzu bildet eine genauere Beschreibung des „Auslösers“ der Ereignisse von Osch, jener oben bereits angedeutete Streit um ein Stück Land der Lenin- Kolchose:
Am Morgen des 4. Juni, gegen halb sieben, versammeln sich an den gegenüberliegenden
Rändern des Feldes der Lenin- Kolchose des Karasujskij Rajon Usbeken und Kirgisen,
letztere in einer Gruppenstärke von ungefähr 1 500 Mann, erstere gar mit mehr als 10 17 Die herbeieilende Gebiets- und Stadtführung, inklusive Vertretern 000 Angehörigen.
der Republiksebene, versucht die kirgisische Seite zur Aufgabe ihrer Position zu
bewegen und bietet Bauland an, das auf den Territorien der Kolchose Kalinin und den
Sowchosen Keneš und Papan liegt. Zeitgleich halten Milizionäre die usbekische Seite in
Schach, in der sich vornehmlich jugendliche Radikale zu Wort melden und die
Stimmung anheizen. Ein Großteil der Kirgisen lässt sich von den Vorschlägen der
politischen Führung überzeugen und verlässt das Feld in Richtung des versprochenen
Baulandes. Dort allerdings zieht sich die Verteilung an die Anwärter verdächtig in die
Länge, wenn sie denn überhaupt vorgenommen wird. An manchen Stellen stehen die
angereisten Kirgisen auch alleine auf dem Land, ohne dass sich Angehörige der
Administration sehen lassen. Die meisten empfinden den Zustand nach längerem
Warten als unerträglich. Gerüchte über Verrat machen die Runde. Im Ergebnis kehrt der
überwiegende Teil wieder auf das Feld der Lenin- Kolchose zurück, wo sich die Lage
inzwischen weiter zugespitzt hat. Auf usbekischer Seite breiten sich am Spätnachmittag
Gerüchte aus, wonach aus den benachbarten Gebieten Namangan, Andiżan und
Fergana der Usbekischen SSR Unterstützung anrückt. Durch diese Nachricht beflügelt,
lehnen sich usbekische Jugendliche gegen die Milizionäre auf, es kommt zu ersten
kleinen Handgreiflichkeiten. Vertreter der Gebietsführung versuchen vergeblich die
17 Vgl. zu den folgenden Ausführungen Berichte des KGB vom 14. Juni und vom 24. Juni 1990,
Razakov
(1993).
15
Menge zu beruhigen. Sie werden mit Steinen beworfen und sehen sich mit den immer
lauter werdenden Rufen nach Autonomie konfrontiert.
Ab 18 Uhr strömen tatsächlich immer mehr Usbeken aufs Feld. Die kirgisische Seite
bewaffnet sich mit Stöcken und Steinen aus Angst vor einem möglichen Angriff durch
die Usbeken. Um 19 Uhr ist laut KGB- Berichten die Situation bereits außer Kontrolle.
Als sich eine halbe Stunde später ein Teil der auf dem Feld versammelten Gruppe mit
weiteren anrückenden Usbeken vereinigen möchte, wird die Absperrung der
Milizionäre durchbrochen. Diese schießen zur Warnung mit Platzpatronen. Bei
anschließenden Auseinandersetzungen mit betrunkenen Jugendlichen wird ein
Milizionär von der Gruppe erfasst und verprügelt. Hinter den Milizionären stehende
Soldaten schießen daraufhin mit scharfer Munition in die Luft, was aber keine Wirkung
auf die Menge zeitigt. In diesem Moment entschließen sich die Milizionäre, das Feuer
direkt auf die usbekische Gruppe zu eröffnen. In der Menge bricht angesichts der durch
die Schüsse Verwundeten Panik aus, die eine unkontrollierte Auflösung der
Versammlung nach sich zieht. Beide Gruppen, sowohl Kirgisen als auch Usbeken
bewegen sich marodierend auf unterschiedlichen Routen in Richtung Osch. Autos
werden in Brand gesetzt, Angehörige der jeweils anderen Ethnie verprügelt und 18 bisweilen auch Plünderungen verübt.
Was waren nun die Gründe dafür, dass sich Usbeken und Kirgisen auf besagtem Feld versammelt hatten? Wer führte die Gruppen an? Und wie war es um die (Bau)Landsituation in der Ošskaja Oblast' zu jener Zeit bestellt?
Um auf diese Fragen Antworten zu finden, wird nun im weiteren Verfahren an die Darstellung des Konfliktausbruchs anknüpfend in kausallogisch umgekehrter Reihenfolge die Identifizierung von strukturellen Konfliktursachen verfolgt. Dass sich dabei der Blick des Betrachters auf Ereignisse und Phänomene richtet, die zeitlich vor dem Konflikt anzusiedeln sind, scheint selbstverständlich, ist aber der hier eingenommenen Perspektive geschuldet.
Die Vorgeschichte
Die direkte Vorgeschichte des Zusammenstoßes auf dem Feld der Lenin- Kolchose beginnt am 27. Mai 1990. An diesem Tag hatten sich bis zu 5 000 Kirgisen auf dem Gelände der Mittelschule Nr. 38 der Stadt Osch eingefunden, um ihren Forderungen nach Bauland 19 Die gesprächsbereite Gebietsführung, namentlich der 1. Sekretär Nachdruck zu verleihen.
des Gebietsexekutivkomitees Bekbolutov, gab sich nach langen Diskussionen geschlagen. Sie
18 Diese Schilderung basiert zur Gänze auf Berichten des KGB. Eine andere Version liefert z.B.
Usmanov
(1990), der schreibt, dass die eigentlichen Versammlungen in Osch stattgefunden hätten und es nur außerhalb der Stadt schließlich zum Zusammenstoß beider Gruppen gekommen sei. Er berichtet ferner, dass die kirgisische Seite mit automatischen Waffen geschossen hätte und die Usbeken daraufhin geflohen seien, vgl. Ebenda. S. 11. In die selbe Richtung geht die Beschreibung Bozdağs, vgl.
Bozdağ
(1991), S. 367.
19 Vgl. Razakov (1993), S. 45 ff. In den bei Razakov abgedruckten KGB- Berichten wird die Versammlung der Kirgisen direkt auf das Feld der Lenin- Kolchose verlegt. Da Razakov aber ausführlicher berichtet und das sicher mit Kenntnis der KGB- Berichte, wird hier seiner Darstellung gefolgt.
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verkündete, dass ungefähr 30 ha Land der Lenin- Kolchose zur Bebauung freigegeben würden. Die siegreichen Kirgisen zogen daraufhin auf das entsprechende Feld der Kolchose und nahmen es rituell in Besitz, wobei sie sich schworen nicht mehr von dem einmal in Beschlag genommenen Stück Land zu weichen. Gegen diese Entwicklungen setzten sich die größtenteils usbekischen Beschäftigten der Lenin- Kolchose zur Wehr und opponierten zusammen mit anderen Usbeken aus Osch und Umgebung gegen diese Entscheidung der Gebietsführung und verlangten ihre Aufhebung. Sie konnten sich schließlich durchsetzen: Am 31. Mai erklärte eine höhere Instanz die Entscheidung für ungültig und bot stattdessen alternative Landstücke an. Die radikalen, kirgisischen Landbesetzer auf der Lenin- Kolchose erkannten diesen Widerruf der Entscheidung vom 27. Mai nicht an und weigerten sich, das Feld zu verlassen. Und nicht nur das: Sie verlangten eine endgültige Entscheidung ihrer Angelegenheit bis zum 4. Juni, andernfalls, so drohten sie, würden sie mit „wilden“ Bauaktionen beginnen. Die usbekische Seite blieb auch nicht untätig und hielt ihrerseits an dem anderen Ende des Feldes Versammlungen ab. Sie wählte eine Initiativgruppe und stellte Forderungen auf, so zum Beispiel die nach der Einrichtung eines Kulturzentrums, der Eröffnung einer usbekischen Fakultät an der städtischen Universität und nicht zuletzt der Anerkennung eines Autonomiestatus für die usbekischen Gebiete der Kirgisischen SSR. Wie auf kirgisischer Seite wurde auch hier ein Ultimatum gestellt und die Frist ebenfalls auf den 4. Juni gesetzt. Parallel zu den Ereignissen auf dem Feld der Lenin- Kolchose nahmen auch die Spannungen in der Stadt weiter zu: Am 1. Juni setzten usbekische Vermieter kirgisische Mieter zu Hunderten auf die Straße und verhängten einen sogenannten Lepjoschka- 20 SolcheMaßnahmen heizten die Stimmung in der Stadt weiter an. Am 3. Juni Boykott.
zogen in der Stadt aufgeregte Menschenmassen umher, die sich einen Tag später auf dem Feld gegenüber standen. Da beide Seiten, sowohl Usbeken als auch Kirgisen, den 4. Juni als Stichtag für die Erfüllung ihrer Forderungen festgesetzt hatten, war an diesem Tag die Atmosphäre höchst angespannt und entlud sich schließlich in dem Zusammenstoß auf dem Feld der Lenin- Kolchose.
Die Akteure
Die Tatsache, dass bis zu diesem Zeitpunkt immer wieder von Gruppen und Menschenmassen die Rede war, die auch zum großen Teil organisiert auftraten, legt es nahe, sich den Organisatoren dieser „Organisation“ zu widmen. Aus diesem Grund werden an
20 Lepjoschka ist der russische Name für das in ganz Zentralasien übliche Brot. Ein solcher Boykott macht von usbekischer Seite insofern Sinn, als der überwiegende Teil der Stadtkirgisen, in kleinen Wohnungen hausend, nicht in der Lage waren, das Brot für sich selbst herzustellen, hingegen die Usbeken in ihren städtischen Einzelgehöften seit jeher Lepjoschka in Eigenregie buken.
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dieser Stelle die handelnden Akteure - soweit möglich - genauer benannt und in die Erzählung eingefügt. Ein solcher Schritt widerspricht nicht dem Vorhaben, eine Argumentation zu konstruieren, die hauptsächlich auf strukturellen Faktoren basierend versucht, die Ereignisse von Osch zu erklären. Vielmehr stellen die Akteure ein notwendiges Bindeglied in einer Kette dar, an deren Ende die Strukturen identifiziert werden. Die agierenden Usbeken und Kirgisen waren zu einem Großteil organisiert in ethnisch strukturierten Vereinigungen, die es verstanden, durch Feindbildkonstruktion und Manipulation „[...] die Einführung einer Idee eines ausschließenden Nationalismus in das Massenbewusstsein beider sich gegenüberstehender Gruppen der Bevölkerung, Kirgisen 21 . Die Geschichte der Rolle dieser Vereinigungen im Vorfeld und Usbeken, zu vollenden“
der Ereignisse von Osch ist nun der nächste Schritt im Rahmen unserer Erzählkonstruktion. Die Vereinigungen trugen die Bezeichnungen „Oš- ajmagi“ (Osch- Bevölkerung) und „Adolat“ (Gerechtigkeit). Erstere war eine Initiative, die in der Öffentlichkeit die Ansprüche baulandhungriger Kirgisen vertrat, wohingegen Adolat einen Zusammenschluss von Usbeken darstellte und gegen die wahrgenommene Benachteiligung der usbekischen Bevölkerung in der Gesellschaft agierte.
Oš- ajmagi war zum Zeitpunkt des Konfliktes noch eine sehr junge Organisation. Wahrscheinlich im April 1990 gegründet, wurde sie von einem Mann namens Bektemirov 22 Ihr Hauptziel bestand von Anfang an in der Unterstützung und der Forcierung geleitet.
der Ansprüche baulandloser Kirgisen auf bebaubares Land. Laut KGB- Berichten trat Bektemirov dabei bewusst nationalistisch auf und hoffte dadurch diejenigen Kirgisen an sich binden zu können, die desillusioniert, in der Regel sowohl ohne eigene Wohnung als 23 Seine Strategie war auch ohne Arbeit, in Osch und Umgebung ihr Dasein fristeten.
anscheinend erfolgreich: bereits am 20. April hatte Oš- ajmagi mehr als 5 000 Unterschriften gesammelt, mit denen Kirgisen ihrem Anspruch auf Bauland Nachdruck verleihen wollten. Am 23. April wandten sich die Führer von Oš- ajmagi an die Gebiets- und Stadtführung mit der Forderung, die Frage der Verteilung von Bauland zu diskutieren. Zu einem Treffen kam es aber erst am 17. Mai. Die Vertreter von Oš- ajmagi drohten dabei gegenüber der politischen Führung, man würde zur Eigeninitiative greifen, wenn das Problem nicht bis zum 25. Mai gelöst würde. Allerdings setzte man als Stichtag für den Beginn von 24 Dieses Programm wurde dann von den eigenmächtigen Landbesetzungen den 17. Juni fest.
oben beschriebenen Ereignissen überholt. Oš- ajmagi spielte dabei eine nicht unwichtige
21 Vgl.
Ėlebajeva
(2001), S. 88 (eigene Übersetzung).
22 Bozdağ (1991) gibt März 1990 als Gründungsmonat an, vgl. S. 385.
23 So zumindest die Analyse des KGB, vgl. Bericht des KGB vom 24. Juni 1990, Razakov (1993), S. 83. 24 Vgl. Razakov (1993), S. 45.
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Rolle. Sowohl das Treffen am 27. Mai in der Schule 38 als auch die Demonstrationen auf dem Feld der Lenin- Kolchose waren von dieser Vereinigung organisiert worden. Es waren auch Mitglieder von Oš- ajmagi gewesen, die sich geweigert hatten, die Rücknahme der am 27. Mai gefällten Entscheidung zu akzeptieren und die das Angebot alternativen Baulandes 25 auch am 4. Juni strikt ablehnten.
Adolat war älter als Oš- ajmagi. Diese usbekische Organisation hatte sich bereits im November 1989 gegründet und war bestrebt, dem zunehmenden kirgisischen Nationalismus entgegenzutreten, wie er sich laut den Vertretern von Adolat unter anderem im neuen Sprachgesetz manifestierte, das das Kirgisische zur Staatssprache erhob. Laut Satzung ging 26 , entsprechend um den es der Organisation, die wie auch Oš- ajmagi als informell galt
Erhalt der usbekischen Sprache, der usbekischen Kultur und den Erhalt der Traditionen des usbekischen Volkes. Nach einiger Zeit machten sich aber erste Rufe nach einer Änderung des Status der in der Ošskaja Oblast' lebenden Usbeken laut. Einige Vertreter von Adolat äußerten separatistische Ansichten und der Wunsch nach einer Neusetzung der Landesgrenze wurde publik. Am 2. März wurde von Usbeken aus Dżalal- Abad eine Erklärung an den Vorsitzenden des Nationalitätenrates des Obersten Rates der UdSSR, Nišanov, an den Ersten Sekretär der Kommunistischen Partei Kirgistans, Masalijev, und an die Redaktionen der Izvestija und der Sov'etskaja Kirgizija gesendet, in der neben den Forderungen nach einer Statusaufwertung usbekischer Kultureinrichtungen auch die nach einer Autonomie der usbekischen Gebiete im Süden Kirgistans gestellt wurde. Auch wenn Adolat an dieser Aktion nicht selber beteiligt war, können die Forderungen doch 27 Die Vereinigung verstand exemplarisch für das von Adolat verfolgte Programm stehen.
sich, ähnlich wie Oš- ajmagi auf kirgisischer Seite, als Sammelbecken für alle mit dem aktuellen Status- Quo Unzufriedenen und organisierte den Aufmarsch der usbekischen Seite im Vorfeld der Ereignisse von Osch. Ob es sich um die Übergabe des landeskundlichen, historischen Museums an usbekische Angehörige muslimischen 28 oder die Organisation solcher Aktionen wie des Lepjoschka-Glaubens im Februar 1990 29 Boykotts handelt: Der Einfluss von Adolat ist hier überall anzutreffen. Um es abschließend zusammenzufassen: Nach den zur Verfügung stehenden Informationen waren Oš- ajmagi und Adolat ethnisch motivierte Bewegungen, die es ihren Mitgliedern
25 Vgl. Bericht des KGB vom 24. Juni 1990,
Razakov
(1993), S. 84 f.
26 „informell“ bedeutet in diesem Fall, dass die Organisationen nicht registriert waren. 27 Vgl. Abdruck der Erklärung bei Razakov (1993), S. 104 - 108.
28 Diese Entscheidung sorgte auf kirgisischer Seite für erheblichen Missmut, vgl. Razakov (1993), S. 41. 29 Leider ist dieser Einfluss nicht so ohne Weiteres stichhaltig nachweisbar. In den zur Verfügung stehenden Quellen und Berichten wird zwar überall auf Adolat als Sammelbewegung der Usbeken verwiesen, aber selten über genaue Aktionen berichtet. Allerdings wurde im Nachhinein auch den Führern von Adolat vorgeworfen, die Zusammenstöße provoziert zu haben, vgl. Bozdağ (1991), S. 385.
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ermöglichten Forderungen zu kanalisieren, sie zu verdichten und schließlich auch zu radikalisieren. Darüber hinaus waren sie soziale Netzwerke, über die die Organisation von Aktionen abgewickelt werden konnte.
Wenn auf diese Art und Weise Oš- ajmagi und Adolat als wirkmächtige Organisationen bzw. Akteure identifiziert wurden, schließt sich automatisch die Frage an, durch welche Art von Strukturen ihr Wirkungshorizont bestimmt und begrenzt war. Hier ist nun der Punkt erreicht, wo sich der Konflikterzählung ein weiterer Kreis erschließt und die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse in der Ošskaja Oblast' um 1989/90 als entscheidende strukturelle Faktoren in den Erklärungsansatz eingebaut werden.
Der strukturelle Hintergrund
Die Mitglieder von Oš- ajmagi rekrutierten sich aus der Menge von arbeits- und landsuchenden Kirgisen, die seit den 70er Jahren zunehmend aus den Osch umgebenden Bergregionen ins Tal und in die Stadt geströmt waren in der Hoffnung, dort eine Beschäftigung zu finden. Das Ergebnis war, dass 1990 ungefähr 55 000 Menschen in Osch registriert waren, die einen Antrag auf Zuteilung von Bauland gestellt hatten. Kirgisen machten die überwältigende Mehrheit von ihnen aus. Arbeitslos gemeldet hatten sich zur 30 selben Zeit an die 50 000 Menschen, die meisten von ihnen wiederum Kirgisen. Diese Arbeitslosigkeit und die damit verbundene grassierende Armut in Osch und Umgebung wird auch noch durch andere Zahlen deutlich: offiziell wurden in der Region zu dieser Zeit in jedem Jahr 23 000 weitere Menschen arbeitslos - bei einer Gesamtbevölkerung von knapp 2 Millionen. Allein in den fünf Jahren vor 1991 verdreifachte sich die Zahl der Arbeitssuchenden. Hinzu kam der sehr niedrige Lebensstandard in der Ošskaja Oblast'. Der Durchschnittsverdienst lag bei 64 Rubel. Die offiziell festgesetzte Armutsgrenze in der Kirgisischen SSR lag zu jener Zeit bei 78 Rubel. Neun Zehntel aller Bewohner der Oblast lebten in Armut. Besonders die nach Osch hinzugezogenen Kirgisen lebten unter extrem ärmlichen Bedingungen: „Im gesamten Gebiet herrscht akuter Wohnraummangel, viele Einwohner, vor allem junge Menschen, leben in Baracken und Behelfsunterkünften oder sind obdachlos. Die Wartezeit für eine Wohnung soll zur Zeit fünfzehn Jahre betragen, es wird berichtet, daß in Drei- bis Vierzimmerwohnungen bis zu zwanzig Menschen leben 31 müssen.“
Der Grund für die Migrationsprozesse war, dass die Landwirtschaft, besonders die von den
30 Man muss anmerken, dass es sich hierbei um offizielle Zahlen handelt.
Ėlebajeva
(2001), S. 85, geht davon aus, dass die inoffiziellen Raten weitaus höher lagen. 31 Vgl. hierzu und dem zuvor Angeführten
Bozdağ
(1991), S. 380 f.
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Kirgisen traditionell betriebene nomadische Viehhaltung, an ihre Leistungsgrenze gestoßen war und die steigende Anzahl an Arbeitskräften nicht mehr absorbieren konnte. Die über Jahrzehnte extensiv betriebene Viehhaltung hatte zu einer Überweidung geführt, die wiederum die nutzbare Weidefläche zunehmend reduzierte. Diese Entwicklung erhöhte den Druck auf die arbeitsfähige Bevölkerung, sich nach alternativen Einkommensquellen umzusehen. Ein weiterer Faktor für die sinkende Absorptionsfähigkeit der Viehwirtschaft war das steigende Bevölkerungswachstum: allein in dem Zeitraum zwischen 1979 und 1989 stieg die Bevölkerung der Ošskaja Oblast' um fast 30% an, wobei die Kirgisen mit über 37% 32 die höchsten Wachstumsraten zu verzeichnen hatten.
In Osch trafen die aus der Umgebung stammenden Kirgisen auf für sie sehr ungünstige Bedingungen. In der Regel nicht ausgebildet, fanden sie nur schwer Eingang in die Arbeitswelt der Stadt, deren Arbeitsplatzressourcen im Grunde ebenfalls ausgeschöpft waren. Das Fehlen eines sozialen Netzes tat ein übriges, um die hauptsächlich jungen Leute zu frustrieren und zu desorientieren. Diese soziale Lage zehntausender junger Kirgisen konnte von Oš- ajmagi genutzt werden, indem diesem sozialen Protest eine ethnische Komponente hinzugefügt wurde. Die ließ sich auch leicht konstruieren, denn in den lukrativsten Branchen der Stadt waren überwiegend Usbeken beschäftigt, so zum Beispiel beim Taxidienst (79%), in der Handelsbranche (71,4%) oder in der Lebensmittelindustrie 33 Dabei lag ihr Bevölkerungsanteil in der Stadt selbst bei nur ungefähr 41%. Die (74,7%).
Kirgisen stellten mit fast 30% die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe, sie waren aber in den einträglichen Branchen nur verhältnismäßig gering vertreten. Ihnen blieb nur die Möglichkeit, sich auf dem Schwarzmarkt zu verdingen oder aber ins kriminelle Milieu 34 Es waren diese wirtschaftlichen und abzurutschen, das in jenen Jahren beträchtlich wuchs.
sozialen Verhältnisse, die die Anführer von Oš- ajmagi mit Parolen wie „Alle Usbeken nach Usbekistan“ Anhängerschaft unter den arbeitslosen Kirgisen finden ließen. Dabei stellte sich für die usbekische Seite ein ähnliches Problem. Denn trotz ihrer starken Präsenz in der Stadt und in anderen Teilen der Ošskaja Oblast' - in der Oblast' stellten sie mit 26% die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe, und mit über 520 000 Angehörigen konzentrierten sich weit über 90% der usbekischen Minderheit der Kirgisischen SSR in der 35 - waren sie in den Strukturen der Macht nur marginal vertreten: unter den Ošskaja Oblast'
Führern des Exekutivkomitees der Ošskaja Oblast' waren die Usbeken mit nur 4,7% präsent, Russen stellten 9,5% und die überwältigende Mehrheit waren Kirgisen mit 85,7%. Ähnlich
33 Zahlen bei Ėlebajeva (2001), S. 86. 34 Bozdağ (1991), S. 380. 35 Brusina (1999), S. 21.
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Arbeit zitieren:
Diplom Kulturwissenschaftler Alexander Wolters, 2004, Macht und Ethnizität in der Postsowjetischen Peripherie, München, GRIN Verlag GmbH
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