Inhaltsverzeichnis
Einleitung 2
1. Die Beurs in Frankreich: Begriffklärung, Entwicklung und Identität. 2
1.1 Beur Kultur : Entstehung einer Littérature Beur. 5
2. Begags Le Gone du Chaâba 6
2.1. Identitätsproblematik in Le Gone du Chaâba 7
3. Zusammenfassung 11
4. Bibliographie 13
1
Einleitung
Azouz Begag, Autor zahlreicher Romane und Erzählungen, sowohl für Erwachsene als auch für Kinder, ist zweifelsohne einer der bekanntesten Vertreter der Littérature Beur. In vielen seiner Romanen scheint er seine eigenen Erfahrungen als Kind algerischer Eltern, aufgewachsen in einem Bidonville Lyons, verarbeiten zu wollen. So wird sein Werk Le gone du Chaâba auch häufig als autobiographischer Roman klassifiziert. 1 In seinen Werken thematisiert er die verschiedensten Probleme der Einwanderungskinder, wie beispielsweise das Leben im Ghetto, Rassismus, Arbeitslosigkeit, aber ebenso das Thema der Identitätsproblematik, der Transkulturalität und der Selbstfindung. Dies wird auch in seinem Roman Le Gone du Chaâba deutlich, in welchem der kleine Azouz seine Identität je nach Situation immer neu definieren muss, um zu beiden Kulturen, der französischen, sowie auch der Algerischen dazuzugehören, und so seinen eigenen Platz in der Gesellschaft zu finden. Aber wie genau spiegelt sich diese Identitätsproblematik in Le Gone du Chaâba wieder? Und inwieweit stellt das Werk eine realistische Wiederspiegelung der Identitätsfindung und -bildung eines bi-kulturellen Jugendlichen dar.
1. Die Beurs in Frankreich: Begriffklärung, Entwicklung und Identität
Um ein Verständnis für diese Zerrissenheit Azouz’ zwischen den beiden Kulturen zu entwickeln, ist es wichtig zuallererst einen Blick auf die Entwicklung der Génération Beur 2 in Frankreich zu werfen.
Die Anfänge der dieser Sub-Kultur liegen in den 1970ern. Dabei handelt es sich um eine neue Generation von, in Frankreich geborener Jugendlicher nordafrikanischer Eltern, die sich sowohl mit der französischen als auch mit der maghrebinischen Kultur zu gleichen Teilen identifizierten, also als zweiheimisch oder bi-kulturell bezeichnet werden könnten. Jedoch könnte auch das genaue Gegenteil behauptet werden, das heißt dass diese Jugendlichen der neuen Generation weder zu der einen, noch zu der anderen Kultur gehören.
1 Vgl. Heiler, Susanne S.225
2 Der Begriff Beur, wie er in dieser Ausarbeitung benutzt wird, soll keine negativen Konnotationen mit sich
tragen, sondern beschreibt lediglich die maghrebinischen Jugendlichen der 2. oder 3. Generation, so wie es auch
von ihnen intendiert war und hier der Einfachheit halber verwendet wird.
2
Dies wird auch in Mehdi Charefs Roman Le thé au harem d’Archi Ahmed deutlich, wenn die Identität des Protagonist, Madjid, Sohn algerischer Immigranten, erläutert wird:
Da die Jugendlichen mit beiden Kulturen konfrontiert werden, können sie dieser Zerrissenheit nicht entkommen. So kommen sie in der Schule mit der französischen Kultur in Kontakt und zuhause mit der Maghrebinischen.
Diese Abgrenzung von beiden Kulturen wird auch durch die Erfindung des Wortes Beur verdeutlicht, welches von den Jugendlichen benutzt wurde um ihre eigene Identität darzustellen; eine andere Identität als die ihrer Eltern oder jene ihrer französischen Mitschüler. Das Wort Beur ist ein Verlan-Ausdruck des Wortes Arabe („rabeu“ - „beur“). Verlan bezeichnet eine Art Slang, bei welchem die erste und die letzte Silbe vertauscht werden. Die Anfänge des Verlan sind in der französischen Unterwelt zu finden, hier wurde es benutzt um kriminelle Aktivitäten verschleiern zu können. 4 In den 70er Jahren gewann dieser Slang allerdings bei den Jugendlichen nordafrikanischer Eltern in den Pariser Banlieues immer mehr an Beliebtheit. So vereint dieser Begriff wiederum beide Kulturen, einerseits wird ein französischstämmiger Slang zur Bildung des Wortes benutzt, andererseits beschreibt das Wort den ethnischen Hintergrund der Jugendlichen. Allerdings wurde das Wort nicht lediglich zur Abgrenzung und Erfindung einer neuen Identität verwendet, sondern ebenso um dem Begriff Arabe, der unter Francofranzosen eine eher negative Konnotation mit sich trug, zu entkommen.
Allerdings erhielt der Begriff Beur in den 80er Jahren schnell dieselben negativen Konnotationen, indem er immer häufiger in den Medien auftauchte und somit auch Einzug in die französische Gesellschaft erhielt. So ersetzte der Begriff schnell die Benutzung des Wortes Arabe, und wurde mit Worten, wie Armut oder Ghettoisierung gleichgesetzt. Diese negativen Konnotationen, welche die Francofranzosen den maghrebinischen Immigranten und ihren Kindern gegenüber entgegenbrachten, entstanden allerdings erst im Zuge der Massenarbeitslosigkeit der 70er Jahre, welche, die bis zu diesem Zeitpunkt erfolgende ökonomische und politische Integration der Migranten schlagartig beendete. 5 Die Migranten
3 Charef, Mehdi S.17
4 vgl. Hargreaves Alec G. S.29
5 vgl. Kimminich, Eva S. 506
3
und ihre Kinder waren durch die Arbeitslosigkeit, die offene Diskriminierung und den Rassismus, der ihnen durch diese Situation gegenüber gebracht wurde, gezwungen in immer ärmlicheren Verhältnissen zu leben, welche somit auch immer mehr zu sozialen Problemen führte. So hatten die Migranten, die zuallererst in den 60er Jahren ohne ihre Familien als Arbeiter nach Frankreich gekommen waren und bereits in ärmlichsten Verhältnissen in Vororten, den Banlieues oder Bidonvilles lebten, keine Chance in den 70er Jahren als ihre Familien nachkamen, aus diesem Milieu aufzusteigen. Im Gegenteil, sie wurden sogar, trotz der Wohnungspolitik, welche die Lebensqualität der Familien in den Banlieues und den neuerbauten HLMs verbessern sollte, noch weiter in die Armut gezwungen, da durch die Massenarbeitslosigkeit von den Francofranzosen ein Klassenkampf betrieben wurde und bei Wohnungsvergaben europäische Mieter bevorzugt und Migranten „herausgefiltert“ wurden. 6 So stieg durch diese Ablehnung und Zurückweisung der Jugendlichen maghrebinischer Herkunft auch die Jugendarbeitslosigkeit und der daraus resultierende Unmut, welcher sich in Gewalt und Kriminalität in den Banlieues und Bidonvilles, in denen die Migranten gezwungen waren zu leben, verwandelte. 7 Die Banlieues, am Stadtrand, außerhalb des Stadtinneren, symbolisieren deutlich diese Ablehnung oder Marginalisierung der Francofranzosen gegenüber der Migranten, die dort leben müssen und dies macht zweifelsohne die Identitätsbildung und Selbstwahrnehmung der Franco-maghrebinischen Jungendlichen nicht einfacher.
Durch diese schlechten Verhältnisse, den Klassenkampf und den immer stärker werdenden Rassismus der Francofranzosen gegen die Maghrebiner, entwickelte sich immer mehr Unmut unter den maghrebinischen Jugendlichen, so dass es bereits 1981 zu Krawallen in den Banlieues und Streiks der Immigranten kam. 1983 erreichte dieser Unmut den Höhepunkt mit dem „Marche pour l’égalité et contre le racisme“ 8 , bei welchem die Jugendlichen mit dem Slogan „Vivre ensemble avec nos différences“ die gleichen Rechte forderten, welche auch ihre Francofranzösischen Altergenossen hatten. 9 Dieser Marche pour l’égalité war für die Franco-maghrebinischen Jugendlichen daher wichtig, weil sie so öffentlich und sichtbar in Erscheinung traten und sich so auch politisch äußerten um ihre Identität zu formen.
6 vgl. ebd S.509
7 vgl. ebd S.508
8 Kretzschmar, Sonja S. 117
9 Lorcerie, Françoise S.35
4
Arbeit zitieren:
Anja Benthin, 2008, Die Identitätsproblematik in Azouz Begags „Le Gone du Chaâba“, München, GRIN Verlag GmbH
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