1. VORÜBERLEGUNGEN 1
1.1. UNSERE AUFGABE DELEUZE UND FOUCAULT 1
1.2. WE WILL USE EDGES MEIXNER UND PEARL 3
2. ÄSTHETIK UND SEXUELLES BILD 4
2.1. SO-ETWAS-WIE-KUNST BENJAMIN 4
2.2. DIE NATUR DES MENSCHEN AUF DEM BILD BAUDRILLARD 6
3. HISTORIE UND WIEDERHOLUNG 8
4. SUBJEKT UND OBJEKT 9
4.1. GESCHICHTE UND KUNST VERFEHLEN SICH TETENS 9
4.2. TIEF EINGETAUCHT IN ILLUSIONEN UND TRAUMBILDER 10
DAS ERST ZU BESTIMMENDE CASSIRER UND HABERMAS 11
4.3.
4.4. INS OBJEKTIVE EXPORTIERTE BILDKUNST JAMES 12
4.4.1. CREATOR OF REFRAIN OF TERRITORY 13
iii
4.4.2. CREATOR OF MEDIA OF REFRAIN 14
4.5. SO ERZEUGT DER MENSCH DEN MENSCHEN NIETZSCHE 14
ERSTE UNTERSUCHUNG 14
4.5.1.
4.5.2. ZWEITE UNTERSUCHUNG 15
5. CODE UND LEGITIMATION 17
5.1. DIE ZEICHENORDNUNG IST IHR MEDIUM 17
5.2. EINE BOTSCHAFT EBEN MIT CODE BARTHES 17
5.3. DER LEGITIMIERTE ERZEUGER DELEUZE UND GUATTARI 18
5.4. AN EBEN DESSEN GRENZEN HABERMAS 19
5.5. GEFÄLLT ES DIR KAUFST DU MICH 20
5.6. VON DEN BELANGEN DER KUNST 20
5.7. EXKURS: IM WAHREN HILTON UND MENDEL 21
6. PRIVAT UND PUBLIK 22
6.1. UND WER AUS KÖRNERN PIZZA BÄCKT FLUSSER 22
6.2. PUBLICATIO SUI 23
6.3. DIE GESTALTENDE KRAFT BEI MEDIEN MCLUHAN 24
7. NEUROPHYSIOLOGIE UND ÄSTHETIK 27
7.1. DIE GANZHEIT DER OPTISCHEN WAHRNEHMUNG 27
7.2. DAS BILD DES SEXES REIZT NICHT MEHR ARNHEIM 29
7.2.1. REIZBILDER 29
7.3. DESHALB NICHT DIE ANTWORT DELEUZE 30
8. NACHGEDANKEN 31
1. VORÜBERLEGUNGEN
1.1. „UNSERE AUFGABE“ / DELEUZE UND FOUCAULT
Gilles Deleuze fragt: „Warum evoziert eine Perzeption in einem einzelnen Bewusstsein diese, aber nicht jene Vorstellung?“ 1 Er fragt danach in einer Zeit, deren Angebot an potentiell zu perzeptierenden Inhalten die Aufnahmefähigkeit menschlicher Wahrnehmung auf üblichste Weise übersteigt, die Substanzen der Inhalte aber aggressiver um Perzeptionsanteile ringen denn je. So ist nicht nur von Belang, dass er sie stellt, sondern wann er sie stellt, nämlich zur Zeit von technischen Medien. Was als beständiger Kampf umgebender (Massen-)Medien auftritt, hätte David Hume früher zwar nur die Bezeichnung „Umstand“ 2 abgerungen, enthält heute aber „genau die Variablen, die unsere Affekte, unsere Interessen definieren:“ 3 Ein Anteil am freien Massenmarkt ist ein Anteil an verfügbarer Einzelperzeption, an Vorstellung, an Bewusstsein. Medien, als Synonym für die Allgegenwärtigkeit (eigen-)standpunktferner Inhalte, vermitteln das Bild in den Kopf und errichten in massenhafter Vermittlung gar einen beliebigen Status-Quo, bestimmt und angepasst aber dem Perzeptionsapparat
Gegenstand sind in dieser Arbeit westlich/neue, weitgehend unabhängige, dezentralisierte Medien, die ihrem jeweiligen Zweck – bzw. Foucaults dritter Zwecktechnik 4 - nachkommen und zwischen täglichem Leben und diesem enthobener Lebensvorstellung wirken. Ein nicht streng-heidersches 5 Medium muss als das Produkt von Institutionen, welche „aus dem Subjekt Objekte der Erkenntnis“ 6 machen – Foucault nennt prototypisch Anstalten und Gefängnisse, vorurteilsfrei seien eben auch Medienanstalten zu ergänzen – und der Quelle, z. B. dem Bild selbst, verstanden werden. Das exakt deklarierte, technische Medium Bild sei weiter ein eigenes Kommunikationssystem, angelehnt an Claude Shannons Theorie der Kommunikation 7 : Ist die Nachrichtenquelle der Fotograf, der Künstler, der Bildautor, so ist der Sender Verwerter sowie Bewerter des in Zeit und Raum kontextualisierten Bildes; der Kontext wird selbst zum Sender, wenn er innerhalb des Rauschens der Umwelt den Empfänger für dieses Bild sensibilisiert, für jenes aber nicht. Anstatt durch Zerlegung wird das Bild durch Kombination zur empfangbaren Nachricht, Elemente sind Zeit, Raum und ein „Vorrat an Stereotypen“ 8 , oder verquickt: Code. Kanal sei Oberfläche und Luft, noise-source besagte Umwelt, Empfänger entfällt zugunsten des Ziels, denn: Das Bild ist eine empfängerlose Botschaft. Sein Ziel perzeptiert, verarbeitet und konstruiert die Botschaft des Bildes, ohne dabei den Code zu decodieren, zu neutralisieren; dessen
1 DELEUZE (1997, S. 127).
2 DELEUZE (1997, S. 128).
3 DELEUZE (1997, S. 128).
4 Vgl. FOUCAULT (2005, S. 210). Foucaults Techniken zur Untersuchung des Subjekts. Die Dritte: „Technik, die die Beeinflussung des Verhaltens der Individuen gestattet, um bestimmte Zwecke oder Ziele durchzusetzen.“ 5 Vgl. HEIDER (2005, S. 33) 6 FOUCAULT (2005, S. 210) 7 SHANNON (2001, S. 11) 8 BARTHES (1990, S. 13)
Verbindlichkeit wiederholt sich vielmehr, indem er innerhalb gleichgebliebener Zeit- und Raumverhältnisse auf das stereotyp-vertraute Ziel trifft. Dieser Prozess gilt übergreifend für alle visuellen Medien:
„Das fotografische Bild ist das reinste überhaupt, da es weder Zeit noch Bewegung simuliert […]. Alle anderen Formen (Kino, Video, computergenerierte Bilder) sind lediglich abgeschwächte Formen des reinen Bildes und seines Bruchs mit dem Realen.“ 9 Diese Arbeit beschränkt sich in ihrem Gegenstand also auf das reine, zu sehende, Bild. Zum Verständnis seiner Profession als Massenmedium müssen die Kriege verstanden werden, die es hinausgehend über die vorherrschende „Ent- scheidungsschlacht zwischen Sehen und Hören“ 10 führt, innerhalb der Kämpfe der Massenmedien aber austrägt. Nach McLuhan sind es Kriege „in uns und um uns“ 11 – also historisch, kulturell sowie neurophysiologisch. Zu den Kriegen in uns eine Erkenntnis der Psalmisten: „Wir werden zu dem, was wir sehen.“ 12 Baudrillard stimmt zu, wenn er sagt: „Die Menschen sind keine Opfer der Bilder mehr, sie wandeln sich selbst zu Bildern um.“ 13 Hier also Individuum versus Bild; dort, in den Kriegen um
uns, Bild versus Gesellschaft: Politische, wirtschaftliche, kulturelle und moralisch- gemeinschaftliche bauen als institutionell stabilisierte Teilsysteme eine Gesellschaft als Ganzes auf und besitzen als maßgeblichen Teil von Legitimation deren Signifikation:
14
Objektivierung durch Bezeichnung. Dabei übersteigt die
handlungspraktische
Wirkung des Bildes die Übermittlung schriftlicher, verstandesnaher Substanz – Sehen weg von Schrift, hin zu Bild –, Nietzsche sagt dazu: „Verstehen unterbindet das Handeln“
15
und Wittgenstein fordert entsprechend: „Denk nicht, sondern schau!“
16
Giddens führt weiter aus: In einer strukturdualistischen Gesellschaft ist
handlungspraktisches
Wissen einer Gemeinschaft auch „Medium der kontinuierlichen Existenz sozialer Strukturen und Institutionen in Raum und Zeit“
17
– ihr Tun zeigt ihr Sein. Frei formulierte Thesen dazu könnten lauten: Visuelle Medien haben signifikanten Einfluss auf von einem Subjekt objektivierte Sinne und Werte innerhalb einer Gesellschaft und der Umwelt, die sie formt. Die Umwelt, in der der Mensch lebt, denkt und handelt ist Ergebnis einer illegitimen Wandlung subjektiver Beweggründe hin zu objektiven Handlungsursachen. Und vor allem: Bilder sind Medium gesellschaftlicher Zustände in ihrer Art und Weise, gesellschaftliche Inhalte zu vermitteln.
Foucault glaubte, dass unsere Gesellschaft eine Krise durchlebt, in deren Verlauf das Subjekt, die individuelle Person in ihrem traditionellen Sinn, infrage gestellt wird, gestellt werden muss – deswegen sei „die herrschende Rationalität zu destabilisieren
9 BAUDRILLARD (2006, S. 84)
10 MCLUHAN (1992, S. 22) 11 MCLUHAN (1992, S. 26) 12 MCLUHAN (1992, S. 26) 13 BAUDRILLARD (2006, S. 82) 14 Vgl. SCHÖNBAUR (1994, S. 14) 15 Vgl. MCLUHAN (1992, S. 22) 16 WITTGENSTEIN (2008, §66) 17 SCHÖNBAUER (1994, S. 22)
und als ein herrschendes kulturelles Modell zu verdächtigen.“ 18 Da nun der Umfang den Inhalt vorgibt, erlaubt sich diese Arbeit, eben genannte Thesen zu konzentrieren und sich auf die Destabilisierung eines gesellschaftsprototypischen Inhalts zu beschränken. Eben Foucault fasste diesen ins Auge und schrieb: „Unsere Aufgabe bestünde darin, zu verstehen, wie es kommt, dass Sexualität in unseren christlichen Kulturen der Seismograph unserer Subjektivität geworden ist.“ 19 So begreift diese Arbeit den Sex auf dem Bild als Erkenntnisgegenstand und wird versuchen, die „gesamten Bezüge“ 20 zwischen Bild, Subjekt und Gesellschaft „sichtbar“ 21 zu machen und so unter anderem die von Foucault formulierte Aufgabe zu erfüllen.
1.2. „WE WILL USE EDGES“ / MEIXNER UND PEARL
Gesellschaftliche Objektivierung – oder de-abstrahiert: etwas für richtig halten – versteht Deleuze als normatives Urteilen, beruhend auf den Prinzipien der „Kontiguität, der Ähnlichkeit und der Kausalität“ 22 , hierbei exakter: „Agenskausalität.“ 23 Ihr erstes Relatum ist stets ein Handelnder (Subjekt), die weiteren verhalten sich gemäß der sog. „Sachverhaltskausalität.“ 24 Der Spross normativen
Urteilens (eines dieser Relata) wird von Meixner als subjektbezogener Begriff entlarvt, welcher verlangt, den Normalbegriff von vornherein auf das Subjekt zu transportieren, sowie im umgekehrten Sinne, auch von diesem weg, hin zu einer Vielzahl von Subjekten:
„I desire what I perceive others as having. In this sense even my very desires are
produced by, and pass through, others. […] it is the structural other, or the perceptual
field organised by the other, that operates to produce a certain subjectivity.“ 25 In diesem Produktionsprozess existiert eine „feed-back“-Schleife 26 zwischen den Handlungsbedingungen und den Handlungskonsequenzen. Das Augenmerk Giddens‘ liegt dabei auf den unbeabsichtigten Konsequenzen und d en unbekannten Bedingungen, so z.B. soziale Faktoren, die entweder ein bestimmtes Ziel haben, oder unbestimmt innerhalb eines sozialen Umfelds agieren und deren Konsequenzen zwar schwer beobachtbar, aber aufzudecken sind: „To denote the existence of unobserved common causes we will use ‚bidirected‘ (dotted) edges“ 27 . Um also „die persönlichen und sozialen Auswirkungen jedes Mediums – das heißt, jeder Ausweitung unserer eigenen Person“ 28 – sichtbar zu machen, stützt sich diese Arbeit zur Veranschaulichung auf die Bezüge zwischen Konsequenz und Bedingung, Kausalität. Was dabei für den Verstand Schrift, Text und Kapitel sind, ist für das Auge dieser begleitende Graph. Auch er wird sichtbar machen.
19 FOUCAULT (2005, S. 212)
20 FOUCAULT (2002, S. 461) 21 DOTZLER, MARESCH (2005) 22 DELEUZE (1997, S. 124). Diese Prinzipien gelten auch als die „Normen der Subjektivität.“ 23 MEIXNER (2001, S. 53) 24 MEIXNER (2001, S. 54 und weiter S. 483ff. ) 25 O‘SULLIVAN (2006, S. 95) 26 SCHÖNBAUER (1994, S. 22) 27 PEARL (2008, S.12) 28 MCLUHAN (1992, S. 13)
2. ÄSTHETIK UND SEXUELLES BILD
„SO-ETWAS-WIE-KUNST“ / BENJAMIN
Um ästhetische Erfahrung zu verstehen, muss zuerst die „intuitive Form der Sinnlichkeit (der Sinnenästhetik) von der reflektierten Form der Einbildungskraft“ 29 unterschieden, und zweitens Einbildung nicht als reflektierende, sondern als mittels der Begriffe des Verstandes schematisierende Kraft erkannt werden. Es findet ein Abgleich innerer und äußerer Überzeugung statt, bis endlich mit Kunst (art) eine Relation (relationship) geformt wird, „that detaches itself from the object“ 30 – vom Ding gelöst ist. Kunst wird durch Sehen dematerialisiert, ihre Substrate werden „wellenvermittelt“ 31 , und in „Teile“ 32 zerlegt, vom Ganzen subtrahiert und als Reize von unserer Perzeption aufgefangen. Erst dann spiegelt sie, wie Oscar Wilde wusste, den Betrachter und nicht das Leben 33 , erst dann zeichnet sich für Foucault „in der Erfahrung der Kunst […] die Initiale des eigenen Denkens ab.“ 34 Nun „muss [man] sich darauf gefasst machen, dass so große Neuerungen die gesamte Technik der Künste verändern, dadurch die Invention selbst beeinflussen und
schließlich vielleicht dazu gelangen werden, den Begriff der Kunst selbst auf die zauberhafteste Art zu verändern.“
35
Casus malus: Zauberhafte Kunst, die überall ist, weil sie überall sein kann, die, anstatt sich vor dem Betrachter zu verbergen, ihm nachstellt, sich seinem Auge darbietet und seinen Verstand unterläuft. Kunst als ubiquitäre Oberfläche, genügend nur der schnellen Erfahrung, nicht der tiefen. Schließt der klassische Begriff von Kunst Schnelllebigkeit aus, schließt er Erfahrung trotzdem schon ein, ist doch „Kunst empirische Praxis.“
36
Ästhetik findet aber erst zur Kunst, platziert man Flusser auf Forel auf Kant: Das
Angenehme
Kants, wahrgenommen durch ein Zusammenspiel von Empirie und Verstand (dieser als Urheber von Eigenschaften a priori), gefällt, weil es den „Sinnen in der Empfindung gefällt.“
37
Gleichzeitig forcieren Empfindungen nahezu, denn „Gefühle leiten den Menschen […] viel stärker und gewaltiger als alle Vernunftsgründe.“
38
Gefühle sind es schließlich auch, welche nicht theoretisch erfassbar sind, da eben „Erlebnismodelle (ästhetische Modelle) nicht theoretisierbar sind.“
39
Die Rezeption ästhetischer Kunst ist also eine Leistung des vermögenden Menschen, Sinne (Wahrnehmung und/durch Gefühle) und Verstand (Erfahrung und Begriffe a priori) innerhalb eines umgebenden Kontext zusammenzuführen: Aus dem von William James skizzierten Strom des Bewusstseins heben wir durch selektive Aufmerksamkeit „einzelne Momente heraus, entsprechend
29 DELEUZE (2003, S. 86)
30 O’SULLIVAN (2006, S. 91) 31 HEIDER (2005, S. 33) 32 HEIDER (2006, S. 56) 33 Vgl. WILDE, OSCAR : Das Bildnis des Dorian Gray.
34 SCHMID (1991, S. 15) 35 BENJAMIN (1977, S. 136) 36 FLUSSER (1994, S. 20) 37 KANT, SCHMIDT (1964, S. 285) 38 FOREL (1923, S. 591) 39 FLUSSER (1994, S. 20)
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Axel Roitzsch, 2009, Das Bild des Sexes, München, GRIN Verlag GmbH
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