Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis II
Abbildungsverzeichnis IV
Abk ürzungsverzeichnis VI
1. Einführung 1
2. Finanzkrisen - Grundlagen und Wirkungsweisen
2.1 Asymmetrische Informationen und makroökonomische Zusammenhänge 3
2.2 Funktionssystematiken von Kreditmärkten 6
2.3 Finanzkrisen: Ein theoretisches Fundament 9
2.4 Ursachen von Finanzkrisen 12
3. Größen als Indikatoren für Finanzkrisen und deren Evidenzen
3.1 Frühwarnsysteme - Methodologie und Signifikanz
3.1.1 Bruttoinlandsprodukt 16
3.1.2 Immobilienpreise
3.1.2.1 Gleichgewichtspreis und spekulative Tendenzen 23
3.1.2.2 Der Case-Shiller-Index 28
3.1.3 Leading Indicator 30
II
3.1.4 Zinsen und Spreads
3.1.4.1 Financial Accelerator 33
3.1.4.2 Das SPREAD-Modell 34
3.1.4.3 Der Junk-Bonds-Ansatz 41
3.2 Kritische Würdigung der Frühwarnindikatoren 45
3.3 Der geldpolitische Einfluss auf die relevanten Größen 47
4. Die Entwicklung der Indikatoren im Vorfeld der aktuellen Finanzkrise
4.1 Die US-amerikanische Geldpolitik der letzten Dekaden 48
4.2 Die Bildung der Spekulationsblase auf dem US-Immobilienmarkt 50
4.3 War dieses Mal wirklich alles anders? 54
5. Schlussfolgerung 56
III
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1:
Abbildung 2:
Abbildung 3:
Abbildung 4:
Abbildung 5:
Abbildung 6:
Abbildung 7:
Abbildung 8:
Abbildung 9:
IV
Abkürzungsverzeichnis
BIP: Bruttoinlandsprodukt CSI: Case-Shiller-Index DFM: Dynamisches Faktormodell DOC: Commercial Department of America Fed: Federal Reserve Bank of America HVZ: Hochverzinsliche Anleihen HQL: Hochqualitative Anleihen IFRS: International Financial Reporting Standards IWF: Internationaler Währungsfond OFHEO: Office of Federal Housing Enterprise Oversight p.a.: per annum USA: Vereinigte Staaten von Amerika VAR: Vektorautoregressives Modell WRS: Weighted Repeat Sales-Method
VI
1. Einführung
Finanzkrisen sind in der heutigen globalisierten Welt, mit ihren untrennbar vernetzten Finanzmärkten, eine Herausforderung und eine Bedrohung mit immensem Potential für die Störung der Weltwirtschaft. Deren Vorhersage ist eine der großen Fragestellungen der makroökonomischen Disziplinen. Schon immer waren die Finanzmärkte wesentlich vernetzter und abhängiger voneinander als die der Güter. Die Globalisierung und Innovationskraft des Finanzsektors innerhalb der letzten zwei Dekaden haben ihren Teil dazu beigetragen, dass diese Verbindungen noch enger und dichter geknüpft wurden. Angesichts dieser Vernetzungen nehmen die potentiellen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wohlfahrts- und Vermögensverluste im Zuge einer globalen Finanzkrise erheblich zu. Umso dringender erwächst die Aufgabe für die Wissenschaft, effiziente und zugleich sichere Indikatorensysteme zu entwickeln, welche wirtschaftsgefährdende Trends in der mikro- und makroökonomischen Umwelt aufzeigen, um entsprechende Gegenmaßnahmen seitens der geldpolitischen Autoritäten möglich zu machen.
Seit der verheerenden Weltwirtschaftskrise zu Beginn des letzten Jahrhunderts wurden vielfältige Ansätze und Systeme entwickelt, um ähnliche Entwicklungen in Zukunft vorhersagen und damit verhindern zu können. Gemein ist diesen Systemen jedoch, dass sie nur anhand der ex-post-Daten vorangegangener Krisen geprüft und justiert werden können. Letztendlich erschwert in diesem Zusammenhang die Einschätzung „Diesmal ist alles anders“ die konstruktive Aufarbeitung und Verarbeitung von vorliegenden Fakten und Daten. Dabei könnte am Ende einer kontinuierlichen Beobachtung und Analyse der bisher identifizierten, möglichen Indikatoren der Beleg für eine hohe Genauigkeit bei der Vorhersage einer Finanzkrise innerhalb eines bestimmen Zeithorizontes stehen. Und letztendlich auch der Beweis für die generelle Funktionsfähigkeit eines solchen Systems. Oder aber zumindest doch die gesicherte Erkenntnis, dass es im Vorfeld einer Finanzkrise stets zu atypischen Abweichungen bei vergangenheitsbasierten Indikatorensystemen kommt und eine zuverlässige Vorhersage nicht möglich ist. Die aktuellen Ereignisse seit dem Spätsommer 2007 bestätigen, dass es entweder das eine Frühwarnsystem nun so noch nicht gibt, dass sie den entsprechenden Entscheidungsträgern in Geldpolitik und Wirtschaft möglicherweise noch nicht effizient und sicher genug sind oder womöglich kritische Stimmen aus verschiedenen Gründen nicht gehört wurden.
1
Ungeachtet der bestehenden Problematiken wurden in regelmäßigen Abständen von den renommiertesten Wissenschaftlern makroökonomische und finanzwirtschaftliche Größen und Variablen auf Muster bei deren Entwicklung im Vorfeld von Krisen untersucht - immer vor dem Hintergrund, Zusammenhänge und Beweise zwischen den Trends der Messgrößen und für Finanzkrisen innerhalb eines Kausalitäten zulassenden Zeitraumes zu identifizieren.
Diese Arbeit befasst sich mit den Zusammenhängen zwischen Finanzkrisen und makroökonomischen Größen und stellt bislang untersuchte Indikatoren und Frühwarnsysteme auf makroökonomischer Basis vor. Einen Schwerpunkt bildet dabei die von vielen Stellen immer wieder vertretene These, dass die jeweilige Krise nicht vorherzusehen war: So seien bezüglich der in Frage kommenden Faktoren derartige Abweichungen festzustellen gewesen, so dass keinerlei Anzeichen für eine Krise abzulesen waren. Schwerpunkt sind weiterhin die jüngsten Entwicklungen in den Vereinigten Staaten von Amerika (USA), als die Leitnation in weltwirtschaftlicher und weltfinanzieller Bedeutung, da zum einen der überwiegende Teil der verfügbaren Literatur sich auf amerikanische Daten beruft, zum anderen sich hier das Zentrum der aktuellen Finanzkrise befindet.
In der ersten Sektion werden die theoretischen Grundlagen für Finanzsysteme und Finanzmärkte aufgearbeitet. Besondere Aufmerksamkeit kommt dabei dem Teilbereich der Kreditmärkte zu, da hier oftmals die Wurzeln vergangener Kontraktionen und Krisen lagen. Die volkswirtschaftlichen Konsequenzen einer Finanzkrise werden ebenfalls in das Blickfeld des Lesers gerückt. Im zweiten Abschnitt werden ausgewählte, in der Literatur besonders untersuchte, makroökonomische und finanzwirtschaftliche Kennzahlen vorgestellt. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf prinzipiellen Entwicklungen und gegebenenfalls daraus ablesbaren Trends. Etwaige Einflussbereiche der Geldpolitik sollen dabei nicht unbeachtet bleiben. Außerdem werden die empirischen Evidenzen der einzelnen Systeme abgebildet sowie deren Aussagekraft und informeller Gehalt hinsichtlich der Finanzkrisen in vergangenen Perioden analysiert. Im letzten Abschnitt wird die aktuelle Finanzkrise vorgestellt. Dabei rückt die Frage in den Mittelpunkt, ob dieses Mal wirklich alles anders ist und ob die Krise nicht doch abzusehen war. Wegen des beträchtlichen Umfanges des den einzelnen Modellen zugrunde liegenden Datenmaterials, der Vielzahl von Rechnungen, Tabellen und Grafiken, wird auf einen vollständigen Appendix verzichtet. Es sei an dieser Stelle auf die jeweils angegebenen Quellen zur Vertiefung der Thematik verwiesen.
2
2. Finanzkrisen - Grundlagen und Wirkungsweisen
2.1 Asymmetrische Informationen und makroökonomische Zusammenhänge
Die Auswirkungen einer Finanzkrise haben in der Regel weit reichende Folgen auf die Wirtschaft eines Landes und können über Grenzen hinweg andere Finanz- und Geldsysteme anstecken. In der modernen Wirtschaft ist Geld das zentrale Tausch- und Wertaufbewahrungsmittel. Alle wirtschaftlichen Transaktionen werden monetär erfasst, seien es Käufe, Verkäufe, Zahlungsweisen, Kredite, sämtliche Vermögenswerte oder dynamische Veränderungen derselben. Ein Ereignis mit direkten Auswirkungen auf das Geld, dessen Wert und das Vertrauen in diesen, wirkt zwangsläufig auf die gesamte monetäre Seite einer Wirtschaft.
In einer Umwelt mit ausgeprägten asymmetrischen Informationen ist ein genereller Vertrauensverlust sehr wahrscheinlich, gerade in Finanzmärkten, welche trotz aller Absicherungsbemühungen auf Vertrauen basieren wie kein anderes Marktsegment. Wie bereits zuvor beschrieben führt dieses Phänomen, im Wesentlichen charakterisiert durch Moral Hazard 1 und Adverse Selection 2 , hochgradig zu Unsicherheiten an den Finanzmärkten. Das Phänomen des Moral Hazard stellt sich nach erfolgter Vergabe ein und bedeutet ein wachsendes Risiko für den Gläubiger. Im Gegenzug bezeichnet die Adverse Selection die Auswahlverfahren zwischen den Finanzmarktakteuren angesichts gestiegener Risiken. Adverse Selection tritt auf, wenn vermehrt Kredite an Schuldner vergeben werden, welche mit hoher Wahrscheinlichkeit Kreditausfälle verursachen und somit für schlechte Risiken stehen. 3 Durch die erhöhte Anzahl von potentiell betrügerischen Geschäftspartnern am Markt selektieren die Marktteilnehmer umso strenger, um die Verlustrisiken möglichst gering zu halten. Dadurch kommen naturgemäß auch immer weniger vertrauenswürdige Vertragspartner zum Zuge. Wiederum sinkt die Kreditvergabe, und damit die Investitionstätigkeit, mit Auswirkungen auf die gesamte Volkswirtschaft. Naturgemäß setzt Moral Hazard die Existenz ungleicher Informationen zwischen den beteiligten Parteien voraus. Die Symptome können aber auch ohne diese Bedingung auftreten. Beispielsweise können die Durchsetzungskosten bei notleidenenden Krediten auch bei vollständigen Informationen zu hoch sein, als dass sich
1 vgl. Corsetti, Guimares, Roubini (2003), S. 6
2 vgl. Arnott, Stiglitz (1990), S. 47 ff.
3 vgl. Mishkin (1995), S. 6
3
Durchsetzungsmaßnahmen lohnen, und somit wiederum schädigendes Verhalten begünstigen. 4 Unter Moral Hazard wird ferner die Motivation verstanden, bestehende Regeln oder Verträge zu brechen oder nicht einzuhalten, wodurch Unsicherheit an den Märkten entsteht oder erhöht wird. 5 In der Folge nehmen die Risiken für Investoren zu, da nicht mehr gewiss ist, dass sie ihre Investitionen und eingesetzten Mittel marktgerecht verzinst und vollständig zurückerstattet bekommen. Es wird also aus der Unsicherheit heraus weniger investiert, das Wachstum verlangsamt sich und existierende, verfügbare Finanzmittel werden zurückgehalten oder eben nicht effizient investiert.
Die Information an sich verliert in einer solchen Konstellation an Wert, die Produktion ist nun nicht mehr gewinnbringend und lohnend. Um solche Entwicklungen abzuwenden, ist es für die Gläubiger an den Kreditmärkten notwendig, bereits im Vorfeld potentielle Risiken zu identifizieren. Ein Mittel gegen die Gefahren des Moral Hazard und der Adverse Selection ist dabei das Monitoring. Monitoring bedeutet in diesem Zusammenhang die stringente Überwachung des Geschäftsgebarens, der Mittelverwendung und der Wertentwicklung der hinterlegten Sicherheiten. Bei Abweichungen von vereinbarten Statuten entwickelt sich aus dem Monitoring heraus die Möglichkeit, rechtzeitig Klauseln des Kreditvertrages zur Ahndung von Verstößen anzuwenden.
Da nun Märkte lediglich in der Theorie vollkommen, in der realen Praxis jedoch weit davon entfernt sind 6 , wird es immer ein gewisses Maß an ungleich verteilten Informationen an den Märkten geben, unabhängig von der Art des Marktes. Mit voranschreitender Zunahme der beiden Unsicherheitsfaktoren werden die Anforderungen für die Vergabe von Finanz- und Investitionsmitteln zunehmend strikter. In der Folge wird eine geringere Anzahl von Krediten vergeben, beziehungsweise werden die jeweiligen Kreditsummen verringert. 7 Nun sind Kredite und Finanzierungen an sich jedoch ein entscheidender und zugleich limitierender Faktor bei der Nutzung des Wachstumspotentials einer Wirtschaft. In den wenigsten Fällen werden große Investitionen von Unternehmen bar bezahlt, in aller Regel erfolgen diese mittels Finanzierung. Durch Vertrauensverluste nur eingeschränkt zur Verfügung stehende Finanzmittel bedeuten gleichzeitig eingeschränkte Investitionskraft. In der Folge einer Finanzkrise auf Basis wachsender Unsicherheit kann dieser Prozess soweit gehen, dass selbst die Mindestinvestitionen nicht mehr getätigt werden können, also beispielsweise
4 vgl. Mishkin (1994), S. 7
5 vgl. Arnott, Stiglitz (1990), S. 1
6 vgl. Rothschild, Stiglitz (1976), S. 634
7 vgl. Mishkin (1991), S. 15 f.
4
Abschreibungen nicht mehr kompensiert werden. Netto kommt es dabei zu einem sinkenden Kapitalstock. Bereits die einfachsten makroökonomischen Modelle zeigen die Wirkungsweise eines sinkenden Kapitalstocks mit ihren Auswirkungen auf Beschäftigung, Output und Einkommen auf. Umso wahrscheinlicher ist somit die prinzipielle Gefahr in einer Finanzkrise, durch die Verselbstständigung der Prozesse und damit einhergehend die Unfähigkeit zur effizienten Intervention der geldpolitischen Entscheidungsträger, in eine Spirale einzutreten. Deren Folgen können, wie die Erkenntnisse aus der damaligen Weltwirtschaftskrise zeigen, immensen wirtschaftlichen Schaden anrichten und sind nur schwerlich wieder aufzuarbeiten. Nichtsdestotrotz lassen Analysen 8 die Vermutung zu, dass in diesem Rahmen einer Zentralbank als so genannter Lender of last resort eine nicht unbedeutende Rolle zukommt. Hierunter versteht man die Intervention seitens einer Zentralbank durch die Übernahme diverser Kreditrisiken als letzte Instanz, beispielsweise aus einem Bankenportfolio heraus, zur Sicherung der wirtschaftlichen Aktivität. Über die Kausalkette von der Investitionskreditvergabe bis zur aggregierten Wirtschaftsleistung kann die Sicherung dieses Funktionsprozesses, und dem damit einhergehenden positiven Effekt auf die Sicherheiten an den Märkten, erheblichen Nutzen stiften. 9 Lediglich ist dieses Vorgehen mit erheblichen Kosten verbunden und kann mitunter zu falschen Signalen der Sicherheit an den Märkten führen, da die Marktmechanismen mit einem derartigen Eingreifen grundsätzlich außer Kraft gesetzt werden.
Eine entwickelte Wirtschaft, und besonders ihr stetiges und nachhaltiges Wachstum, basiert auf der fortwährenden Investition, zum einen in die bestehenden Produktionsfaktoren als Ausgleich für Abnutzung, darüber hinaus aber ganz wesentlich auf dem ständigen Ausbau dieser Faktoren. Eine der grundlegenden betriebswirtschaftlichen Aussagen belegt, dass Produktionsfaktoren stets in Höhe ihrer Abschreibungen ersetzt werden müssen, da sonst ein reales Schrumpfen des Wirtschaftspotentials, damit des Outputs und so des volkswirtschaftlichen Einkommens zu verzeichnen ist. Ein über zwei Quartale anhaltendes, reales Schrumpfen der Wirtschaftsleistung wird in der Volkswirtschaftslehre bereits als Rezession definiert. Negative Effekte auf das zentrale Gut Geld können hierbei signifikante Reaktionen auslösen, besonders abzulesen an den Folgen der Weltwirtschaftskrise ab 1929, wenngleich diese Krise eine Heftigkeit in sich trug, die ihresgleichen sucht. 10 Damit nun stetig in Produktionsanlagen und Wirtschaftsfaktoren investiert wird, bedarf es ganz
8 vgl. Corsetti, Guimares, Roubini (2003), S. 11
9 vgl. Mishkin (1990), S. 35
10 vgl. Richardson (2007), S. 28 f.
5
besonders des Vertrauens in das Finanzsystem und damit in die Stärke des Geldes, beziehungsweise der jeweiligen Währung. In diesem Kontext kommt es ganz besonders auf die Funktionsfähigkeit der Finanzmärkte und auf das Vertrauen in die Kreditmärkte an.
2.2 Funktionssystematiken von Kreditmärkten
Finanzmärkte, speziell die Kreditmärkte, sind generell durch asymmetrische Informationen geprägt. Mit steigender Erwartungshaltung der Banken, Kredite möglicherweise an einen Schuldner mit mangelnder Bonität zu vergeben, schränken die Institute ihre Vergaben gemäß der Theorie des Lemonmarkets 11 ein. In einem voll funktionsfähigen Finanzmarkt werden günstigere Kredite an „gute“ Schuldner aufgrund eines geringeren Risikoaufschlages vergeben. 12 Dies setzt natürlich voraus, dass die Unterscheidung zwischen risikolosen und -behafteten Schuldner gelingt. Der Begriff des Risikos bezieht sich hier nicht nur auf etwaige Ausfälle und Unterbrechungen bei den Ratenzahlungen, sondern auch auf die Werthaltigkeit und Verwertbarkeit hinterlegter Sicherheiten. Das Phänomen des Moral Hazard stellt sich erst nach erfolgter Vergabe ein und bedeutet ein wachsendes Risiko für den Gläubiger. Der täuschende Schuldner kann nunmehr die erhaltenen Mittel in die für ihn optimalen Bahnen bezüglich des Chance-Risiko-Verhältnisses lenken. Die gestiegene Wahrscheinlichkeit eines solchen Verhaltens führt im Endeffekt zu der Situation, dass Kredite nicht oder nur in eingeschränktem Maße ausgegeben werden. Die Folgen sind Investitionen auf einem suboptimalen Level, und damit einhergehend direkte negative Auswirkungen auf die Wirtschaftsleistung und das Wachstum einer Volkswirtschaft.
Nach Mishkin basiert ein Finanz- und Kreditsystem auf acht wesentlichen Fakten, welche die Grundelemente der Theorie der asymmetrischen Informationen berücksichtigen. Das erste Faktum ist die Tatsache, dass die Hinterlegung von verwertbaren Sicherheiten nicht den Hauptweg zur Unternehmensfinanzierung darstellt. 13 Die Erklärung hierzu resultiert aus der Existenz des Lemonmarkets. In einem solchen Marktumfeld sind besonders Firmen mit mangelnder Bonität mitunter sehr bereitwillig bei der Hinterlegung von Sicherheiten zur Finanzierung ihrer Geschäfte. Diese Sicherheiten sind in aller Regel jedoch nicht werthaltig genug, beziehungsweise genügen nicht den Anforderungen, die im Rahmen einer
11 vgl. Akerlof (1970), S. 488 f.
12 vgl. Shoven, Smart, Waldfoegel (1991), S. 14
13 vgl. Mishkin, (1994), S. 6
6
Finanzierung an Sicherheiten gestellt werden: Nämlich die Verwertbarkeit durch den Gläubiger und die ausreichende Deckung des Risikos, welche im direkten Zusammenhang mit der Kreditvergabe steht. Dieser Problematik lässt sich allein durch Generierung von Informationen über den Schuldner und dessen Sicherheiten begegnen. Die Produktion von relevanten und verlässlichen Informationen auf privater Basis ist jedoch immer mit Kosten verbunden und veranlasst Trittbrettfahrer, also Personen oder Institutionen, welche an Ergebnissen ohne Gegenleistung partizipieren möchten, diese unentgeltlich zu nutzen Der Wert einer Sicherheit wird wesentlich durch die Informationen über eben diese bestimmt. Bei einer Häufung von Trittbrettfahrern nimmt der Marktwert von eventuell unterbewerteten Sicherheiten zu, da die Nachfrage steigt, zumal nicht alle Nachfrager für die Information über die Unterbewertung den marktgerechten Preis bezahlt haben. Die Information an sich verliert in einer solchen Konstellation an Wert, die Informationsproduktion ist nunmehr nicht gewinnbringend und lohnend. Wie bereits im vorangegangenen Abschnitt erläutert, existieren für solche Marktsituationen geeignete Mittel, um negativen Effekten vorzubeugen, beispielsweise das Monitoring. Dieses und die Durchsetzung von Konsequenzen sind aber mit Kosten verbunden, auch droht hier erneut die Gefahr der Trittbrettfahrerei. Aufgrund dieser Systematiken sind Sicherheiten also nicht der erste Weg zu Finanzierung von Unternehmen.
Auf demselben Weg können die Fakten Zwei, die Geltung von Eins für große und etablierte Unternehmen, und Drei, die Tatsache, dass Finanzsysteme die Reguliertesten überhaupt sind 14 , erklärt werden. Bezüglich Tatbestand Zwei ist festzuhalten, dass Informationen über große und am Markt etablierte Unternehmen seitens der Geldgeber um ein Vielfaches leichter zu generieren sind als solche über kleine Firmen. Fakt Drei basiert ebenfalls auf der Theorie der asymmetrischen Informationen und besagt, dass nur durch umfassende Auflagen und Regularien kapitalsuchende Unternehmen zu einer offenen Informationspolitik veranlasst werden können, um somit Moral Hazard und Adverse Selection begegnen zu können. 15
Die vierte Tatsache bezieht sich auf die Finanzvermittlung als Hauptweg zur Kanalisierung von Geldern hin zu Investitionen und Anlagen. Auch hier greift die Theorie von Moral Hazard und Adverse Selection. Die Spezialisierung der Intermediäre offenbart sich durch die hoch entwickelten Fähigkeiten, zwischen guten und schlechten Schuldnern zu differenzieren und effizient und zuverlässig relevante Informationen zu produzieren. Durch das
14 vgl. Kindleberger (1996), S. 143 ff.
15 vgl. Mishkin (1994), S. 7
7
Geschäftsprinzip der Vermittlung von Krediten und Finanzierungen auf privater Ebene wird das Freerider-Problem erfolgreich gelöst. 16
Fünftens, die hierbei fließenden Gelder finden ihre Quellen hauptsächlich bei Institutionen des Bankensektors. Hauptgründe hierfür sind deren Vorteile bei der Kreditgewährung und die damit verbundene Selektionsfähigkeit bei den Schuldnern. Diese Überlegenheit beruht einerseits auf zumeist langjährigen Kundenbeziehungen, welche insbesondere bei der Gewinnung von wertvollen, relevanten und authentischen Informationen Vorteile schaffen, andererseits auf der Möglichkeit zur Prüfung von Büchern und Unterlagen bei der Einräumung von Kreditlinien. 17
Das sechste Fakt bezüglich der Finanzmärkte basiert auf der Existenz der Prinzipal-Agenten-Problematik, einer speziellen Form des Moral Hazard. 18 Wenn die Manager eines Unternehmens, hier die Agenten, nur wenig eigenes Kapital investieren, erhöht dies prinzipiell den Anreiz, Handlungen eher an ihrem eigenen Wohlergehen denn am Profit der Eigentümer (Prinzipal) auszurichten. Zur Absicherung gegen ein solches Verhalten müssen effiziente Überwachungsstrukturen geschaffen werden, wodurch wiederum Kosten entstehen. Diese Absicherung innerhalb der Unternehmensstrukturen und zwischen Prinzipal und Agent ist bei der Nutzung von Krediten anstelle von Eigenkapitalfinanzierung in dieser Form nicht notwendig. Kredite werden daher öfter und stärker genutzt als Eigenkapital. 19
Bei Fakt Sieben, Sicherheiten als das hauptsächliche Merkmal von Kreditverträgen, ist die Adverse Selection die tragende Säule. Hohe und verwertbare Sicherheiten minimieren naturgemäß das Risiko für den Kreditgeber, da das Verlustrisiko des Schuldners wächst. Als achter und letzter Punkt gilt die Tatsache, dass Kreditverträge sehr komplexe Rechtsdokumente sind, welche weit reichende Bedingungen an den Schuldner stellen. Das wird durch den wirtschaftlichen Zwang, Moral Hazard zu minimieren, begründet. Nur durch eine detaillierte Formulierung von Rechten und Pflichten beider Vertragsparteien können Gläubiger ansatzweise vor betrügerischen Aktionen der Schuldner geschützt werden. 20
Insgesamt ist die Theorie der asymmetrischen Informationen sehr wertvoll bei der Erklärung der wesentlichen Fakten bezüglich der Kreditmärkte und der Finanzsystemstrukturen. Dieser Umstand lässt vermuten, dass diese Ansätze ebenso geeignet sind, die Ursachen und
16 vgl. Mishkin (1994), S. 7
17 ebenda
18 vgl. Corsetti, Guimares, Roubini (2003), S. 5
19 vgl. Mishkin (1995), S. 8
20 vgl. Mishkin (1995), S. 11
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Arbeit zitieren:
Jens Kennepohl, 2008, Finanzkrisen und makroökonomische Größen , München, GRIN Verlag GmbH
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