Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung 3
2. Die Burgen Heinrichs IV. und die Sachsenkriege von 1073-1075 5
2.1 Kurze Kritik der schriftlichen Quellen 5
2.2 Der Burgenprogramm Heinrichs IV. in den schriftlichen Quellen 8
2.3 Die Burgen als Quellen 16
3. Zusammenfassung 20
4. Quellen- und Literaturverzeichnis 24
4.1 Quellenangaben 24
4.2 Literaturangaben 24
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1. Einleitung
Für den als Kind zum König des heiligen römischen Reiches gekrönten Heinrich IV. (* 1050, seit 1056 König, 1084-1105 Kaiser, † 1106), Sohn von Kaiser Heinrich III. (* 1026, † 1056) geriet der als „Sachsenkriege“ (1073-1075) berühmt gewordene Konflikt mit den sächsischen und thüringischen Großen zur ersten großen Bewährungsprobe, aber bei weitem nicht zur letzten schwierigen Prüfung seines Lebens. Zu Beginn seiner eigenständigen Regierungszeit um 1070 erlebte er, wie stark die Königsmacht durch die Fürsten eingeschränkt wurde, nachdem „das Reich […] wegen des Fehlens einer starken Hand durch anderthalb Jahrzehnte sich selbst überlassen“ worden war. 1 Im Zuge seiner Politik der Rückgewinnung verlorenen Reichsgutes 2 , sowie dem Versuch der allgemeinen Verstärkung der Königsmacht 3 - und dem damit zusammenhängenden Burgenbau - in Sachsen und Thüringen geriet er in einen machtpolitischen Konflikt um territorialen Einfluss und Herrschaft mit dem dortigen machtbewussten Adel. 4 Die Fürsten um Wortführer Otto von Northeim (* ca. 1020, † 1083), zeitweise Herzog von Bayern (1061-1070), schienen sich durch schlagende Argumente gegen die Person des Königs nicht nur ein moralisches Übergewicht erarbeitet zu haben, das sich im Frieden von Gerstungen niederschlug. Dem König fehlte auch die Unterstützung durch eine starke, durchsetzungsfähige Koalition im Reich, um den Aufständischen Herr zu werden. Allerdings wendete sich das Blatt zugunsten Heinrichs nach der Schändung königlicher Gräber auf der Harzburg durch sächsische Bauern im Jahr 1074. 5 Er konnte danach einen Stimmungsumschwung in den bisher neutralen oder zögernden Kräften des Reiches erreichen und sich zu Nutze machen. Mit einer nun überlegenen Streitmacht gelang Heinrich IV. ein militärischer Sieg über seine Gegner in der Schlacht bei Homburg an der Unstrut. 6 Trotzdem musste er
1 BAAKEN, Gerhard: Königtum, Burgen und Königsfreie, in: Vorträge und Forschungen, Hg. vom Konstanzer Arbeitskreis für mittelalterlicher Geschichte, Bd. 6, Konstanz, Stuttgart 1961, S. 80. 2 BAAKEN, S. 82.
3 WEINFURTER, Stefan: Herrschaft und Reich der Salier, Grundlinien einer Umbruchzeit, Sigmaringen 1991, S. 118. BAAKEN, S. 80 f.
4 FENSKE, Lutz: Adelsopposition und kirchliche Reformbewegung im östlichen Sachsen, Entstehung und Wirkung des sächsischen Widerstandes gegen das salische Königtum während des Investiturstreits. Göttingen 1977, S. 24-34. Zum Rechtsverständnis der Sachsenstämme in Bezug auf Erbe und Besitz, welches als einer der tieferen Gründe zum Konflikt beitrug, siehe WEINFURTER, S. 119-121. 5 LAMPERT von HERSFELD: Annales, ed. von Oswald Holder-Egger, in: MGH SS rer. germ. 38, Hannover 1894, S. 184
6 Einen Überblick über die Sachsenkriege bietet unter anderem ALTHOFF, Gerd: Heinrich IV., Darmstadt 2006, S. 86-114.
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Zugeständnisse machen, und die Feindschaft der Sachsen sollte ihn in der Folge noch öfter beschäftigen.
Die zeitgenössischen Quellen berichteten im Kontext der Sachsenkriege immer wieder von Vorwürfen ähnlichen Inhalts von Seiten der sächsischen Fürsten gegen König Heinrich IV. So formulierte der Chronist Lampert von Hersfeld (* ca. 1028; † vor 1085) in seinen Annalen eine der Forderungen der sächsischen Adeligen schon zu Beginn des Konflikts im Jahr 1073: „Preterea postulant, ut castella, quae ad eversionem Saxoniae per singulos montes colliculosque extruxerat, dirui iuberet“. 7 Hier legte Lampert den Fürsten die Worte in den Mund. An anderen Stellen wiederum formulierte er aus der scheinbar objektiven Position des Historiographen heraus verschiedene Vorwürfe gegen den König. Der unrechtmäßig Burgenbau wurde immer wieder zu Lasten des Herrschers ausgelegt, wobei auch viele andere Aspekte im Werk Lamperts aufgezählt werden, um die Verdorbenheit des Charakters und die Boshaftigkeit Heinrichs zu unterstreichen, die ihm die Feindschaft vieler Mächtiger sicherte. Als These ergibt sich daraus, dass die Burgen Heinrichs IV. für die Sachsenkriege eine zentrale Rolle gespielt haben und zu den tieferen Gründen für den Konflikt, nämlich im Ergebnis als Provokation, Belastung und strategisches Problem für die sächsischen und thüringischen Fürsten zählten. Um die Bedeutung des Burgenbaus für den Konflikt und die Konfliktparteien einschätzen zu können, sollen im Folgenden sowohl zeitgenössische verschriftlichte Quellen zu Wort kommen und mit Blick auf die Fragestellung kritisch untersucht werden. Aber auch die Burgen selber dienen als „Beweisstücke“ und damit als Quellen: ihre strategische Bedeutung innerhalb des Territoriums, ihre Bauweise, ihre Besatzung und ihre Wirkung auf die Gegner Heinrichs IV. spielen ebenfalls eine Rolle für das Verständnis des Konflikts. Es geht nicht darum, die Sachsenkriege als Ganzes zu analysieren. Der Fokus liegt ganz klar auf den Burgen als Teil der Ursachen für die Auseinandersetzungen und als Gegenstand von Kämpfen selber.
Zu den Sachsenkriegen, deren Verlauf, über die Hauptakteure und die Hintergründe besitzen wir vor allem von zwei zeitgenössischen Quellen eine Fülle von Informationen, namentlich durch Lampert von Hersfelds Annalen und Brunos Buch über die Sachsenkriege. 8 Anhand dieser Überlieferungen hat die Forschung die Rekonstruktion der Ereignisse und Bewertungen versucht, wobei die beiden Chronisten und ihre Schriften im Hinblick auf deren
7 LAMPERT, S. 151.
8 BRUNOS Buch vom Sachsenkrieg, ed. von Hans-Eberhard Lohmann, in: Deutsches Mittelalter, Kritische Studientexte des Reichsinstitut für ältere deutsche Geschichtskunde 2, MGH, Leipzig 1937.
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Glaubwürdigkeit selbst Diskussionsgegenstand wurden. 9 Mit der quellenkritische Einordnung wird sich Kapitel 2.1 beschäftigen.
Auch einige Erkenntnisse der Burgenforschung sind für die Fragestellung verwertbar, auch wenn es auf diesem Feld durchaus noch eine Vielzahl an Wissenslücken zu beheben gibt. Es konnten zum Beispiel bei einigen Burgen die Standorte bisher nicht festgestellt werden (siehe Kapitel 2.2). Aber allgemein sei „Die Salierzeit […] für die Burgenforschung bis heute das dunkle Jahrhundert geblieben“, konstatierte Hansjürgen BRACHMANN zu Anfang der 1990er Jahre. 10 Reinhard SCHMITT stimmte dieser These vor allem für den Ostharz zu, sieht den Grund dafür in einem „allzu langen Verharren auf den […] Grundlagen“, die Herrmann WÄSCHER 11 um die Mitte des letzten Jahrhunderts geschaffen hatte. Für den Westharz sei die Forschungslage seit Mitte der 1990er Jahre verbessert worden. 12 Trotzdem sind die Burgen als archäologische Quelle von Interesse für einen Blick auf die Sachsenkriege.
Der schon genannte Historiograph Lampert von Hersfeld berichtete in seinen Annalen als Zeitzeuge unter anderem ausführlich über Verlauf und Hintergründe der Sachsenkriege. Hansjürgen BRACHMANN hielt dessen Werk sowie die Schilderungen Brunos (* ca. 1040, † nach 1082) „trotz ihres Charakters als Tendenzschriften […] von nicht geringer Bedeutung“ für die Erforschung des Burgenbaus unter Heinrich IV. 13 Bei dem Kleriker Lampert muss man zwar seine unbestrittenen schriftstellerischen Fähigkeiten anerkennen, trotzdem schien stets seine unzweifelhafte Parteilichkeit 14 durch seine Darstellungen, vor allem seine Feindschaft
10 BRACHMANN, Hansjürgen: Zum Burgenbau salischer Zeit zwischen Harz und Elbe (= Burgen der Salierzeit, Hg. von Horst Wolfgang Böhme, Teil 1), Sigmaringen 1991, S. 98 11 WÄSCHER, Hermann: Feudalburgen in den Bezirken Halle und Magdeburg, Textband, Berlin 1962. 12 SCHMITT, Reinhard: Die Lauenburg im Harz und der frühe Burgenbau im ostfälischem Raum, in: Forschungen zu Burgen und Schlössern, Hrsg. von der Wartburg-Gesellschaft zur Erforschung von Burgen und Schlössern, Bd. 9, Hannover 2006, S. 168. 13 BRACHMANN, S. 97.
14 Siehe Vorwort von: BUCHNER, Rudolf (Hg.): Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters, Lampert von Hersfeld: Annalen, Übers. von Adolf Schmidt (= Freiherr-vom-Stein-Gedächtnisausgabe, Bd. 13), Darmstadt 1973, S. XII - XIV.
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gegenüber Heinrich IV. Er versuchte beim Leser über König Heinrich den Eindruck zu erwecken, dieser sei tugendlos, seines Amtes unwürdig und handele oft feige und ungerecht. So habe er zum Beispiel geplant „ut omnes Saxones et Turingos in servitutem redigeret et predia eorum fisco publico adiceret“. Heimlich habe er zu diesem Zweck noch versucht, sich für diesen Plan Unterstützung vom dänischen König zu holen. 15 Die Beherrschung der Sachsen und Thüringer sollte laut den angeblichen Plänen Heinrichs zur Versklavung dieser Völker führen. Die Heimlichkeit der Suche nach Verbündeten gegen die Fürsten wurde fast nebenbei bemerkt, um den gewissenlosen Utilitarismus Heinrichs bei der Verfolgung seiner ruchlosen Ziele zu unterstreichen. Nicht nur an diesem einzelnen Beispiel wird „die scheinbar tendenzlose“ Art und Weise der „Berichterstattung“ 16 des Autors deutlich, die er benutzte, um seine eigene Meinung in die Formulierung der Ereignisse einfließen zu lassen. Er besaß schließlich die Entscheidungshoheit über das, was er berichten wollte, er konnte durch Auslassungen Sachverhalte verkürzt darstellen und durch eine solche Verklärung der Fakten oder des Kontextes - oder auch durch Lügen - den König und dessen Handlungen in negatives Licht rücken. 17 Diese Tendenz zieht sich durch alle Schilderungen aus der Regierungszeit Heinrichs IV. hindurch. Hanna VOLLRATH bringt das Problem, das sich für den Historiker ergibt, auf den Punkt: „Es ist evident, daß die Reihenfolge Konfliktwahrnehmung-Konfliktdarstellung die Perspektive der Quellenproduzenten enthält: […] Für denjenigen aber, der sich im Nachhinein mit dem Phänomen befaßt, ist die Reihenfolge umgekehrt: wir haben die Darstellungen, können sie analysieren und versuchen, aus der Darstellung Aufschlüsse über die Wahrnehmung, die Apperzeption dessen zu gewinnen, der die Darstellung verfaßt hat. Darin aber steckt ein methodisches Problem, denn es ist fraglos nicht zulässig, Darstellung und Wahrnehmung einfach gleichzusetzen, also anzunehmen, daß die Darstellung schriftgewordene Wahrnehmung sei.“ 18 Daher ist diese Quelle mit Vorsicht auszuwerten und die Verlässlichkeit der Darstellung unter Beachtung der Parteilichkeit und der möglichen Verzerrung durch den Autor zu überprüfen und immer im Auge zu behalten, dass Lampert nie objektiv und neutral berichtete.
15 LAMPERT, S. 147.
16 Siehe Vorwort von: BUCHNER, Rudolf (Hg.): Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters, Lampert von Hersfeld: Annalen, Übers. von Adolf Schmidt (= Freiherr-vom-Stein-Gedächtnisausgabe, Bd. 13), Darmstadt 1973, S. XII. 17 BUCHNER, S. XIII f. Ebenso ALTHOFF, S. 86-89.
18 VOLLRATH, Hanna: Konfliktwahrnehmung und Konfliktdarstellung in erzählenden Quellen des 11. Jahrhunderts, in: Die Salier und das Reich, Bd. 3, Hg. von Stefan Weinfurter, Sigmaringen 1991, S. 280.
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Ähnliches in Bezug auf Parteilichkeit gilt für das historiographische Werk des Klerikers Bruno, dessen Identität bisher nicht genauestens geklärt werden konnte. Zumindest sicher ist, dass Bruno selber ein Sachse und Zeitgenosse der Sachsenkriege war. Aus seiner Perspektive heraus beurteilte er das Geschehen immer zum Vorteil der Sachsen, ob es von Nutzen sei oder ob ihnen etwas schade. Heinrich IV. wurde daher ebenfalls „ins nur Böse verzerrt“. 19 Auch bei der Auswertung des „Brunonis Saxonicum Bellum“ ist man gezwungen dessen Perspektivität bei der Rekonstruktion der Ereignisse und der Darstellung von Personen und deren Handlungen stets in Betracht zu ziehen. Bruno selbst wird wohl durch Berichte des Erzbischofs Werner von Magdeburg, und als dessen Briefdirektor noch zu darüber hinausgehenden Informationen Zugang gehabt haben, auch durch Kontakte in Merseburg und Magdeburg. Möglicherweise kannte er auch Lamperts Annalen, letztlich ist diese These aber nicht eindeutig belegbar. 20
Das „Carmen de bello saxonico“ 21 ist ein Panegyrikus zu Ehren Heinrichs IV., bestehend aus drei Büchern. In seiner Funktion als Loblied teilte es die Position des Königs und bezog Stellung gegen die Sachsen, in dem Aspekt spiegelverkehrt vergleichbar mit der Parteilichkeit Lamperts und Brunos für die Seite der Sachsen. Aus den Versen lässt sich - sofern man ihnen ungeteilt Glauben schenkt - herauslesen, dass Heinrich die Sachsen an Schandtaten hinderte, und so seiner königlichen Aufgabe als Beschützer von Kirche und den Schwachen gerecht wurde. Natürlich ist es ebenso parteiisch und einseitig wie die zuvor kritisierten Quellen. 22 Alle jene bieten eine „moralisch-psychologische Erklärung“ für die Bosheit der Gegenseite. 23
Als Bericht über die Ereignisse des Konflikts ist das Gedicht nach einer Meinung im Vorwort der „Quellen zur Geschichte Kaiser Heinrichs IV.“ - die unter anderem das Carmen und Brunos Buch über die Sachsenkriege in einer kritischen Edition und einer deutschen Übersetzung enthalten - zu lückenhaft und zu einseitig, um als zuverlässige Geschichtsquelle zu
19 Siehe Vorwort von: BUCHNER, Rudolf (Hg.): Quellen zur Geschichte Kaiser Heinrichs IV., Die Briefe Heinrichs IV., Das Lied vom Sachsenkrieg, Brunos Sachsenkrieg, Übers. von Franz-Josef Schmale, Das Leben Kaiser Heinrichs IV., Übers. von Irene Schmale-Ott (= Freiherr-vom-Stein-Gedächtnisausgabe, Bd. 12), Darmstadt 1968, S. 29 f.; ebenso ALTHOFF, S. 86-89. 20 Siehe Vorwort von: BUCHNER: Quellen zur Geschichte Kaiser Heinrichs IV., S. 30 f. 21 CARMEN de bello saxonico, ed von. Oswald Holder-Egger, MGH SS rer. Germ. XVII, Hannover 1889. 22 VOLLRATH, S. 284. 23 VOLLRATH, S. 283.
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Tobias Heyer, 2009, Die Burgen Heinrichs IV. und die Sachsenkriege von 1073-1075, München, GRIN Verlag GmbH
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