1 Einleitung 7
2 Theorieteil 10
2.1 Klassische Theorien der Wirtschaftsgeografie
2.2 Ansatz einer Relationalen Wirtschaftsgeografie 14
2.2.1 Gegenüberstellung der Raumwirtschaftslehre und der Relationalen
Wirtschaftsgeografie
2.2.2 Vier „Ionen“ der Relationalen Wirtschaftsgeografie 16
3 Empirieteil 20
3.1 „Evolution“ der Maquiladora-Industrie in Ciudad Juárez 21
3.1.1 Lokalisationsphase 23
3.1.2 Clusterungsphase 27
3.1.3 Dispersionsphase 33
3.1.4 Fazit 35
3.2 “Organisation der Maquiladora-Industrie in Ciudad Juárez 37
3.2.1 Fallbeispiele 38
3.2.2 Veränderungen der Beschäftigungsstrukturen in der Maquiladora-Industrie
44
3.2.3 Fazit 49
3.3 „Interaktion“ der Maquiladora-Industrie in Ciudad Juárez 51
3.3.1 Netzwerkstrukturen der Maquiladora-Industrie 52
3.3.2 Zulieferunternehmen der Maquiladora-Industrie in Chihuahua 56
3.3.3 Fazit 59
3.4 „Innovation“ der Maquiladora-Industrie in Ciudad Juárez 60
3.4.1 Theorieansätze zum Entwicklungsprozess der Maquiladora-Industrie in
Mexiko 61
3.4.2 Innovative Veränderungen der Maquiladoras in Ciudad Juárez 64
3.4.3 Fazit 67
4 Schlussbemerkungen 69
Literaturverzeichnis 72
2
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1 Vernetzte Problemforschung in der Raumwirtschaft
Abb. 2 Ionen-Modell einer Relationalen Wirtschaftsgeografie
Abb. 3 Raumwirksame Effekte industrieller Entwicklungspfade
Abb. 4 Anzahl der Maquiladora-Beschäftigten auf nationalem Niveau, in
Ciudad Juárez und Tijuana im Vergleich
Abb. 5 Anteile der wichtigsten Importgüter der USA aus Mexiko und China im
Jahr 2002
Abb. 6 Anzahl der Beschäftigten in der Maquiladora-Industrie in Mexiko nach
T ätigkeitsbereich
Abb. 7 Duales Modell der Segmentierung von Unternehmenstypen
3
Tabellenverzeichnis
Forschungsdesign von Raumwirtschaftslehre und Relationaler Tab. 1
Wirtschaftsgeografie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14
Bevölkerungswachstum der größten Städte in der nördlichen Grenzregion Tab. 2
Mexikos . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24
Prozentsatz der Beschäftigten in der Maquiladora-Industrie in Ciudad Tab. 3
Juárez, Tijuana und Mexicali nach Tätigkeitsbereich . . . . . . . . . . . . . . . . . 47
Prozentsatz der Maquiladoras in Juárez, Mexicali und Tijuana nach Tab. 4
Herkunft ihrer Zulieferer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58
Entwicklung der Maquiladora-Industrie in Ciudad Juárez . . . . . . . . . . . . . 68 Tab. 5
4
Abkürzungsverzeichnis
AMEAC Asociación de la Industria Maquiladora de Exportadora de Chihuahua
Bzw. Beziehungsweise
Ca. Circa
CCEA Centro de Capacitación en Electrónica Aplicada
Cimav Centro de Investigación en Materiales Avanzados
Ciyda Coordinación de Investigación y Desarrollo Académico
Colef Colegio de la Frontera Norte
CNIME Consejo Nacional de la Industria Maquiladora de Exportación
Desec Asociación Civil de Desarrollo Económico del Estado de Chihuahua
FAT Frente Auténtico del Trabajo
F&E Forschung und Entwicklung
I.d.R. In der Regel
Jh. Jahrhundert
MI Maquiladora-Industrie
O.g. Oben genannt
PIF Programa de Industrialización Fronteriza
RCA Radio Corporation of America
SWZ Sonderwirtschaftszone
UTA United Technologies Automotive
Z.T. Zum Teil
5
Abstract
Este trabajo trata del desarrollo económico de “Ciudad Juárez”, una región del norte de México que limita con los Estados Unidos. Esta tesis de grado analysa el efecto de la industria maquiladora sobre el desarrollo regional. Las maquiladoras en Ciudad Juárez ya tienen una larga historia: Fueron establecidas durante la década de las sesentas, cuando el gobierno mexicano aprobó el “Programa de Industrialización Fronteriza” para combatir el desempleo. La función principal de las maquiladoras es ensamblar, manufacturar o reparar materiales temporalmente importados por el país receptor (en este caso México) para su reexportación a su país de origen.
El punto esencial de esta investigación es la evaluación de los efectos permanentes de la industria maquiladora en Ciudad Juárez. La cuestión es si las fábricas tienen un efecto positivo sobre el desarrollo económico de la región a largo plazo. Los resultados de este trabajo muestran que no es así. Las maquiladoras en Ciudad Juárez no se han modernizado de una manera significante durante las décadas pasadas y su función principal es todavía la explotación de la mano de obra barata mexicana. La amenaza que tienen las maquiladoras de un país en vías de desarrollo como México al competir contra los bajos costos de la mano de obra de países como China va a generar un traslado de las empresas estadounidenses en regiones mexicanas de orientación exportadora como la Ciudad Juárez a países con costos de producción más bajos.
El problema grave es que una dispersión de la industria maquiladora significaría la decadencia de Ciudad Juárez porque no se han establecidos estructuras innovativas en la región desde que existen las maquiladoras. Aplicando el modelo de “geografía relacional” se demuestra en este trabajo que la interrelación de las maquiladoras con la región es muy baja y que no hay una transferencia de tecnología u otros mecanismos que podrían fortalecer las estructuras económicas regionales y ofrecer un modelo de desarrollo regional a largo plazo.
6
1 Einleitung
„Outsourcing“ ist das Schlagwort, das zur Grundvokabel jedes besorgten Politikers und Arbeitgebers geworden ist, der um die Arbeitsplätze im eigenen Land fürchtet und nicht müde wird, die viel zu hohen Arbeitskosten im selbigen immer wieder aufs Neue anzuprangern. Das Schreckgespenst der Globalisierung, das Großunternehmen dazu zwingt, Teile ihrer Produktion in „Niedriglohnländer“ auszulagern, um auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig zu bleiben.
Ob die zugespitzte Debatte nun gerechtfertigt ist oder nicht, von Interesse sollte auch sein, inwiefern die sogenannten „Billiglohnstandorte“ von solchen Entwicklungen eigentlich wirklich profitieren. Dass sich ein 14-jähriger chinesischer Industriearbeiter, der für drei Dollar am Tag ohne jegliche Gesundheits- und Sicherheitsvorkehrungen in einem „Sweat Shop“ eines multinationalen Unternehmens schuftet, nicht wirklich glücklich schätzen kann, steht wohl außer Frage. Aber es könnte ja sein, dass die Unternehmen nicht nur Landenteignungen, Umweltverschmutzung und Hungerlöhne mit sich bringen, sondern in gewisser Weise auch „Entwicklungsarbeit“ leisten. „Technologietransfer“, „Wissensspillover“ und „nachhaltige Entwicklung“ sind Stichworte, die in diese Richtung weisen könnten. Inwiefern diese Entwicklungen wirklich nachhaltig für die jeweiligen Regionen sind und zu einem Wohlstandswachstum führen, von dem unter Umständen alle Bevölkerungsschichten profitieren, lässt sich wohl nur im Einzelfall feststellen. Solch ein Einzelfall soll an dieser Stelle erörtert werden.
Da sie als ein klassischer Niedriglohnstandort gilt, wurde in dieser Diplomarbeit die mexikanische Stadtregion „Ciudad Juárez“ an der Grenze zu den USA als Untersuchungsfeld gewählt. Seit Mitte der 1960-er Jahre investieren vor allem USamerikanische Unternehmen in diese Region, indem sie überwiegend einfache, standardisierte Produktionsabläufe in die sogenannten „Maquiladora-Fabriken“ auslagern. Grund dafür ist neben Steuervorteilen, niedrigen Umwelt- und Sicherheitsauflagen sowie einer Zollbefreiung innerhalb der mexikanischen Sonderwirtschaftszone (SWZ) für Exportgüter 1 in erster Linie der „Lohnveredelungsaspekt“ 2 , also das Ausnutzen billiger Arbeitskraft.
1 Die Sonderwirtschaftszone wurde von der mexikanischen Regierung 1965 im Rahmen des Programms für die wirtschaftliche Entwicklung der nördlichen Grenzregion eingerichtet („Programa de Industrialización Fronteriza“ oder auch „Border Industrialization Program“) (vgl. Krätke/Borst 2004: 22).
7
Die SWZ in Nordmexiko gehört zu einer der Ersten ihrer Art und ist somit gerade deshalb interessant für die Betrachtung einer langfristigen Entwicklung eines Clusters der Lohnveredelungsindustrie und dessen Auswirkungen auf die regionale Ökonomie. Zwar umfasst die SWZ in Mexiko die gesamte nördliche Grenzregion, im begrenzten Rahmen dieser Diplomarbeit wird aber nur ein „Maquiladora-Standort“ eingehend analysiert, nämlich die Stadtregion Ciudad Juárez, und gegebenenfalls mit den anderen in Vergleich gesetzt.
Die Fragestellung dieser Arbeit lautet, ob sich in der Evolution der Lohnveredelungs-/ Maquiladora-Industrie in Ciudad Juárez Modernisierungstendenzen herausgebildet haben, die zu einer nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung 3 der Region beitragen könnten. Meine These verneint diese Annahme und besagt, dass der Großteil der Lohnveredelungsfabriken in Ciudad Juárez der regionalen Ökonomie keine nachhaltigen Wachstumsimpulse geben kann und die geringe Anzahl an fortschrittlichen Maquiladoras keine wachsende Tendenz aufweist. Konkret lautet sie: In der Evolution der Maquiladora-Industrie in Ciudad Juárez haben keine weitreichenden Modernisierungsprozesse stattgefunden, die zu einer nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung der Region führen könnten.
Obwohl die mexikanische Stadtregion nicht als repräsentativ für osteuropäische oder asiatische Sonderwirtschaftszonen gelten kann, so soll sie doch einen kleinen Beitrag zur Debatte um die Folgen einer globalisierten Wirtschaft leisten. Als theoretischer Rahmen dieser Arbeit wurde das Modell der „Relationalen Wirschaftgeografie“ von Bathelt und Glückler gewählt, da dieses im Gegensatz zu klassischen Ansätzen der Wirtschaftsgeografie die Unternehmen als Akteure in den Mittelpunkt der Untersuchungen rückt und nicht den Raum an sich als Forschungsgegenstand behandelt. Die relationale Herangehensweise ist gerade im Zusammenhang mit einem Standort der Lohnveredelungsindustrie sinnvoll, da Regionen
2 „Die Lohnveredelung ist eine spezielle Form des Dienstleistungsverkehrs. Unter passiver Lohnveredelung versteht man die Bearbeitung, Verarbeitung oder Ausbesserung von Waren, die aus dem freien Verkehr des Wirtschaftsgebiets in fremde Wirtschaftsgebiete gebracht werden und veredelt wieder eingeführt werden.“ (Definition der Industrie und Handelskammer)
Aktive Lohnveredelung ist „spiegelbildlich“ aus der Sicht des weiterverarbeitenden Wirtschaftsgebiets zu verstehen.
3 „Sustainable development meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs.“ / „Dauerhafte (nachhaltige) Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.”
(Definition der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung, 1987)
8
wie Ciudad Juárez ihre Bedeutung i.d.R. ausschließlich den investierenden Unternehmen „zu verdanken“ haben.
Nachfolgend wird in Punkt 2 das Ionen-Modell einer Relationalen Wirtschaftgeografie vorgestellt, erläutert und mit klassischen Ansätzen verglichen. Im darauffolgenden Teil 3 wird die Entwicklung der Maquiladora-Industrie in Ciudad Juárez mit Hilfe des Modells untersucht und schließlich in Punkt 4 ausgewertet.
9
2 Theorieteil
Die Entwicklung der mexikanischen Stadtregion „Ciudad Juárez“ zu einem relativ bedeutsamen Wirtschaftsstandort ist ausschließlich durch die Ansiedlung und Clusterung der Lohnveredelungsindustrie der „Maquiladoras“ zu erklären. Es sind die Unternehmen und die mit ihnen im Zusammenhang stehenden Akteure, die dem ehemals unbedeutenden Grenzstädtchen den Ruf als „Hauptstadt der Maquiladoras“ eingebracht haben - sei es im positiven oder negativen Sinne. Und es sind eben diese Unternehmen, von denen die Zukunft der Region abhängt.
Von daher ist es nicht sinnvoll, die Entwicklung der Region mit Hilfe klassischer Theorien der Wirtschaftsgeografie erklären zu wollen. In diesen wird der Raum als Objekt angesehen, der auf das Verhalten der Akteure wirkt und als Forschungsgegenstand im Mittelpunkt steht. Es ist deutlich angemessener, eine relationale Betrachtungsweise zu wählen, in der nicht die räumliche Wirtschaft, sondern die in räumlicher Perspektive beobachtbare Struktur und Dynamik ökonomischer Beziehungen analysiert wird (Bathelt/Glückler 2003: 33).
Um den Unterschied verständlich zu machen, wird im Folgenden zunächst ein kurzer Überblick über die klassischen Theorien der Wirtschaftsgeografie gegeben und dann im Vergleich das Konzept der „Relationalen Wirtschaftsgeografie“ erläutert. Anhand dieser Gegenüberstellung soll gezeigt werden, warum eine relationale Herangehensweise als konzeptioneller Rahmen dieser Arbeit gewählt wurde.
2.1 Klassische Theorien der Wirtschaftsgeografie
Die Wirtschaftsgeografie stellt einen Zweig der geografischen Forschung dar, der eng mit anderen Perspektiven der Geografie verbunden ist. Sie hat sich erst langsam in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einer eigenen modelltheoretischen Konzeption entwickelt. Bis dahin hatte sie in der Länder- und Landschaftskunde eine fast ausschließlich deskriptive Funktion, die in der Beschreibung von Wirtschaftsaktivitäten in „natürlichen Totalregionen“ lag (Ebenda 20).
10
Länder- und Landschaftskunde:
Als eigene Disziplin hielt die Geografie erst im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts und somit relativ spät Einzug in die Wissenschaft. Den Ursprung bildet dabei die Länder- und Landschaftskunde, in der die Geografen im wahrsten Sinne des Wortes als „Erdbeschreiber“ fungierten, die ein gesellschaftliches Bedürfnis nach Entdeckung und Kenntnis ferner Erdregionen und Kulturen zu decken hatten (Bathelt/Glückler 2003: 18). Im Zuge der Diskurse um den Nationalstaat im 19. Jh. wurde es Aufgabe der wissenschaftlichen Länderkunde, die Welt in „natürlich“ begrenzte Länder einzuteilen und diese detailliert zu beschreiben. Die Wirtschaft ist dabei nur eine von vielen Beschreibungskategorien, stellt also neben Klima, Vegetation, Kultur u.a. nur einen Geofaktor der allgemeinen Geografie dar. Das höchste Ziel der Länderkunde ist, durch Einbezug aller Geofaktoren ein möglichst ganzheitliches Verständnis eines Landes zu bekommen, das als ein weitgehend unabhängiges Raumindividuum mit einem einzigartigen Evolutionspfad gesehen wird (Ebenda 19).
Die Landschaftskunde verfolgt demgegenüber eine vergleichende Perspektive mit dem Ziel, einander ähnliche Landschaften in Gattungen einzuteilen. Aber auch ihr liegt eine überwiegend deskriptive Betrachtungsweise zu Grunde.
Geografie als Raumwissenschaft:
Seit den 1940-er Jahren setzte eine zunehmende Kritik am länderkundlichen Denken an, das als „wissenschaftstheoretisch unfundiert, beschreibend statt erklärend und naturalisierend“ charakterisiert wurde (Ebenda 20). In den folgenden Jahrzehnten wurden Grundlagen zu einer neuen wissenschaftlichen Geografie formuliert, in der die analytische Erklärung von Zusammenhängen die unkritische, ganzheitliche Beschreibung von Ländern und Landschaften ersetzen sollte. An die Stelle des naturalisierenden Konzepts des Raums als Landschaft wurde das Konzept des Raums als geometrisches Gebilde gesetzt, das auf der Grundlage von Raumgesetzen zu erklären versucht wurde (Ebenda). Im raumwissenschaftlichen Paradigma bekommt geografisches Forschen eine sozialwissenschaftliche Perspektive, in der Forschungsfelder in einer relativen Weise in Beziehung zueinander stehen. Das hierarchische Gefüge geografischer Teildisziplinen wird also aufgegeben zu Gunsten eines Konzepts vernetzter Problembereiche, die methodisch und theoretisch miteinander verflochten und von naturwissenschaftlichen Aspekten getrennt sind (siehe Abb. 1). Ziel ist es, Raumgesetze für ökonomische Strukturen und
11
Prozesse aufzustellen, die z.B. Erklärungen für Standortstrukturen, Handelsbewegungen und räumliche Agglomerationen von Unternehmen leisten sollen. Wirtschaftsgeografische Fragestellungen werden in diesem Zusammenhang unter dem Begriff
„Raumwirtschaftslehre“ zusammengefasst (Bathelt/Glückler 2003: 21).
Abb. 1: Vernetzte Problemforschung in der Raumwissenschaft (Quelle: Bathelt/Glückler 2003: 21)
Geografie als Akteurswissenschaft:
Grundlegende Veränderungen der raumwissenschaftlichen Sichtweise fanden in den 1980er Jahren statt, als sich ein sozialtheoretisches Bewusstsein etablierte, das vorher nur in Ansätzen vorhanden war. Zwar war in der Raumwissenschaft die natürliche Landschaft nicht mehr Forschungsgegenstand, Raum diente jedoch als Erklärungsfaktor für soziale und wirtschaftliche Phänomene (Ebenda 21). Universelle Raumgesetze wurden also als Ursache für menschliches Handeln angesehen, die Distanz wurde beispielsweise als Erklärungsgröße für Verteilungen und Austauschbeziehungen herangezogen (Ebenda 22). Hier setzt die Kritik der Akteurswissenschaft an: Räumliche Strukturen, wie physischgeometrische Distanzen, können nicht als Ausgangspunkt für sozioökonomische Prozesse gelten, sondern sind Randbedingungen und Ergebnisse menschlichen Handelns. Akteure -Individuen und Organisationen - rückten also in den Mittelpunkt der Forschungen und wurden als Ursache für räumliche Strukturen und Veränderungen erkannt (Ebenda). In der Wirtschaftsgeografie bedeutete die neue Konzeption, dass der Fokus nicht mehr auf Regionen und Raumeinheiten, sondern auf Unternehmen und deren Entscheidungsträgern lag. Statt Regionen zu Akteuren hoch zu stilisieren, bekamen Unternehmensziele und
12
Beziehungen zwischen Unternehmen für die wirtschaftsgeografische Forschung Relevanz. Sozioökonomische Strukturen wurden nun aus räumlicher Perspektive untersucht, womit die ersten Schritte hin zu einer relationalen Sichtweise getan waren (Bathelt/Glückler 2003: 22).
Die kurze Übersicht des Evolutionspfads (wirtschafts-)geografischer Ansätze soll und kann nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erheben, sondern dient dem pointierten Vergleich zwischen der klassischen und der relationalen Wirtschaftsgeografie, die im nächsten Teil dieser Arbeit zusammengefasst wird. Dabei wird vor allem auf das „Ionen-Modell“ von Bathelt und Glückler eingegangen und der Raumwirtschaftslehre gegenübergestellt.
Abb. 2: Ionen-Modell einer Relationalen Wirtschaftsgeografie (Quelle: Bathelt/Glückler 2003: 37)
2.2 Ansatz einer Relationalen Wirtschaftsgeografie
Wir begreifen Wirtschaftsgeografie als ein Forschungsfeld, das nicht durch den Forschungsgegenstand, sondern durch eine Forschungsperspektive spezifisch ist. Nicht die räumliche Wirtschaft (oder gar Raumwirtschaft), sondern die in räumlicher Perspektive beobachtbare Struktur und Dynamik ökonomischer Beziehungen bilden den Gegenstand dieser wirtschaftsgeografischen Konzeption (Bathelt/Glückler 2003: 33).
Dieses Zitat spiegelt den Grundsatz der Relationalen Wirtschaftsgeografie wider: der Fokus liegt auf ökonomischen Beziehungen, die ausschließlich in räumlicher Perspektive untersucht werden, ohne den Raum selbst zum Forschungsgegenstand zu machen.
2.2.1 Gegenüberstellung der Raumwirtschaftslehre und der
Relationalen Wirtschaftsgeografie
Nachfolgend werden die Diskontinuitäten zum (klassischen) raumwirtschaftlichen Ansatz auf fünf Ebenen aufgezeigt: (siehe Tabelle 1)
Tab. 1: Forschungsdesign von Raumwirtschaftslehre und Relationaler Wirtschaftsgeografie (Quelle:
Raumkonzept:
In der Wirtschaftslehre wird von einem gegenständlichen Raumkonzept ausgegangen, in dem der Raum das Handeln bedingt bzw. die Region die Entwicklung der Unternehmen. Dem entgegen steht in der relationalen Wirtschaftsgeografie der Raum als Perspektive, der Zugang zu empirischen Problemen geben soll, selbst aber nicht zum beobachteten Gegenstand wird (Bathelt/Glückler 2003: 34).
In Bezug zu dem Thema dieser Arbeit ist dies so gemeint, dass die mexikanische Stadtregion „Ciudad Juárez“ die räumliche Perspektive darstellt, aus der die ökonomischen Beziehungen der Maquiladora-Industrie analysiert werden. Nicht die Region an sich wird also zum Forschungsgegenstand, sondern die Unternehmen als Akteure, die auf die regionalen Strukturen wirken und sie verändern.
Forschungsgegenstand:
Während sowohl im länder- und landschaftskundlichen als auch im raumwirtschaftlichen Ansatz der Wirtschaftsgeografie räumliche Strukturen und Regionen im Mittelpunkt der Untersuchungen stehen, wird in der relationalen Wirtschaftsgeografie ökonomisches Handeln - in Form von institutionellem Lernen, ökonomischen Innovationen und organisatorischen Verflechtungen - zum Forschungsschwerpunkt (Ebenda).
Handlungskonzept:
Im Gegensatz zur Raumwirtschaftslehre entspricht das Konzept des ökonomischen Handelns im relationalen Konzept nicht mehr einem abstrakten methodologischen Individualismus im Sinne der neoklassischen Theorie, sondern vollzieht sich als soziales Handeln in konkreten Strukturen. Die Akteure werden also nicht als unbeeinflusst von ihrer Umwelt angesehen, sondern als eingebunden in spezifische sozio-institutionelle Kontexte. Die relationale Konzeption des Handelns sieht die Akteure somit nicht mehr isoliert voneinander (Ebenda 33f.).
Wissenschaftstheoretische Grundperspektive:
Während das raumwirtschaftliche Konzept davon ausgeht, dass Handeln als universell auf der Grundlage gesetzesartiger Erklärungen beschrieben werden kann, betont die Relationale Wirtschaftsgeografie den kontextspezifischen Charakter des Handelns. Im Bereich gesellschaftlicher Phänomene lassen sich nur wenig allgemeingültige Gesetze identifizieren. Stattdessen gilt das Prinzip der Kontingenz, nach dem ein Ereignis nicht
15
Arbeit zitieren:
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