Midlife -Krise im Sportverein? - Diplomarbeit von Martina Vögele 1
INHALTSVERZEICHNIS
1 EINLEITUNG 5
1.1 ZIELSETZUNG DIESER ARBEIT. 7
1.2 VORGEHENSWEISE UND AUFBAU 7
2 BEVÖLKERUNGSENTWICKLUNG IN DEUTSCHLAND 9
2.1 VON DER PYRAMIDE ZUM PILZ - DIE VERALTERUNG UND SCHRUMPFUNG
UNSERER GESELLSCHAFT. 9
2.2 NIEDRIGE GEBURTENRATE. 11
2.3 STEIGENDE LEBENSERWARTUNG. 13
2.4 RELEVANZ DER DEMOGRAPHISCHEN ENTWICKLUNG FÜR MEINE
UNTERSUCHUNG DES SPORTANGEBOTES DER 41- BIS 60-JÄHRIGEN. 14
3 SPORT DER ÄLTEREN IN DEUTSCHLAND 16
3.1 BEGRIFFSKLÄRUNGEN: ALTERSSPORT, SPORT DER ÄLTEREN UND
SENIORENSPORT 16
3.2 THEORIEN ZUM THEMA SPORTLICHE AKTIVITÄT UND ALTERN. 18
3.2.1 Das Defizitmodell 19
3.2.2 Theorien erfolgreicher Anpassung an das Alter und Altern. 20
3.2.3 Neuere Forschungsansätze zum Alter und Altern. 22
3.2.4 Relevanz dieser Theorien für die Altersgruppe 41 bis 60 Jahre und
deren sportliche Betätigung 24
3.3 STRUKTURWANDEL DES ALTERNS. 25
3.3.1 Veränderte Lebensbedingungen 25
3.3.2 Die Sandwich-Generation 27
3.3.3 Freizeit in Deutschland. 28
3.3.4 Schlussfolgerungen für den Sport 30
3.4 ZIELE UND MOTIVE IM SPORT DER ÄLTEREN 32
3.4.1 Ziele und Motive im Seniorensport. 32
3.4.2 Ziele und Motive der Altersgruppe 41 bis 60 Jahre 35
3.5 DAS GESUNDHEITSMOTIV IM SPORT DER ÄLTEREN 38
3.5.1 Altern, Alter und Gesundheit 38
3.5.2 Auswirkungen von Sport auf Veränderungsprozesse des Körpers 40
Midlife -Krise im Sportverein? - Diplomarbeit von Martina Vögele 2
4 SPORTSTADT PADERBORN 47
4.1 EINE DEMOGRAPHISCHE EINORDNUNG. 49
4.2 SPORTTREIBEN IN PADERBORN 52
5 DIE BEFRAGUNG DER SPORTVEREINE IN PADERBORN. 56
5.1 BEGRÜNDUNG DER METHODENWAHL 56
5.2 DIE FRAGEBOGENERHEBUNG 57
5.2.1 Der Fragebogen 57
5.2.2 Rücklauf und Qualität der Beantwortung. 58
5.2.3 Zur Repräsentativität der Untersuchung 59
6 STRUKTUREN DER SPORTVEREINE IN PADERBORN UND IHRE
BEDEUTUNG FÜR DIE ALTERSGRUPPE 41 BIS 60 JAHRE 62
6.1 VEREINSSTRUKTUREN 62
6.1.1 Vereinsgröße 62
6.1.2 Abteilungsgliederung. 66
6.1.3 Der Organisationsgrad der Paderborner Bevölkerung 69
6.1.4 Die Altersstruktur in den Paderborner Sportvereinen. 70
6.1.5 Potentiale für neue Mitglieder 72
6.2 ANGEBOTSSTRUKTUREN IM SPORTLICHEN SEKTOR 76
6.2.1 Spektrum der Sportarten. 76
6.2.2 Sportarten-Ranking nach Mitgliederzahlen 79
6.2.3 Spezielle Angebote für die 41- bis 60-Jährigen. 82
6.2.4 Sportorganisation der Angebote für die Älteren 84
6.2.5 Zielgruppenbezogene Sportangebote und Zusammenarbeit mit
Organisationen. 86
6.2.6 Sportliche Zusatzangebote 89
6.3 VEREINSGESELLIGKEITEN 91
7 ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK 95
LITERATURVERZEICHNIS. 98
ANHANG 102
Midlife-Krise im Sportverein? - Diplomarbeit von Martina Vögele 3
Tabellenverzeichnis
Tabelle 2:
Tabelle 3:
Tabelle 4:
Tabelle 5:
Tabelle 6:
Tabelle 7:
Tabelle 8:
Tabelle 9
Tabelle 10: Gegenüberstellung von Bevölkerungszahlen,
Tabelle 11: Abbildung der Altersstruktur der Paderborner Bevölkerung
Tabelle 12: Potentiale für die Mitgliedergewinnung........................................75
Tabelle 13: Die 10 mitgliedstärksten Sportarten in den Paderborner
Tabelle 14: Sportangebote für bestimmte Zielgruppen (n = 38) .....................87
Tabelle 15: Zusatzangebote im nichtsportlichen Sektor (n = 59) ...................92
Midlife -Krise im Sportverein? - Diplomarbeit von Martina Vögele
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Altersaufbau der Bevölkerung in Deutschland 1910
Abbildung 2: Altersaufbau der Bevölkerung in Deutschland 2001
Abbildung 3: Altersaufbau der Bevölkerung in Deutschland 2050
Abbildung 4: Anzahl der Frauen im Alter von 15 bis 49 Jahren
Abbildung 5: Durchschnittliches Alter der Bevölkerung in Jahren.
Abbildung 6: Ausgewählte Freizeitaktivitäten von Frauen und Männern
1991/1992 und 2001/2002
Abbildung 7: Zielstruktur der Bewegungs- und Sportaktivität bei Älteren
Abbildung 8: Subjektives physisches Wohlbefinden bei sportlich aktiven
und inaktiven Frauen und Männern über 40 Jahre
Abbildung 9: Aktuelle Stimmungslagen bei sportlich aktiven und inaktiven
Frauen und Männern über 40 Jahre
Abbildung 10: Bevölkerungsentwicklung und Vorausberechnung für die
Stadt Paderborn 1990 bis 2020
Abbildung 11: Vergleich der Altersstrukturen von NRW und Paderborn.
Abbildung 12: Organisationsformen des Sporttreibens in Paderborn
Abbildung 13: Sportaktivenquote nach Altersgruppen in Paderborn
und 2003.
Abbildung 14: Freizeitbeschäftigungen der Paderborner nach
Abbildung 15: Verhältnis der Gesamtmitglieder zum prozentualen Anteil
der 41- bis 60-Jährigen in den Paderborner Sportvereinen
(N 127)
Abbildung 16: Verhältnis der Abteilungszahl zum Anteil der 41- bis 60-
J ährigen in den Paderborner Sportvereinen in Prozent
(N 127)
Abbildung 17: Einschätzungen der Vereine zur Sportaktivität ihrer
Mitglieder (n 63)
Abbildung 18: Einschätzung der Vereine zur Sportaktivität ihrer
Mitglieder zwischen 41 und 60 Jahren (n 60)
Abbildung 19: Die am häufigsten angebotenen Sportarten in Paderborn
und im DSB.
Abbildung 20: Betreuung der Trainingsgruppen für die Älteren (n 45)
Abbildung 21: Zusammenarbeit mit Organisationen (n 104)
Abbildung 22: Sportliche Zusatzangebote (n 63)
Abbildung 23: Prozentuale Anteile der nichtsportlichen Zusatzangebote
der Paderborner Vereine und in Deutschland
Midlife-Krise im Sportverein? - Diplomarbeit von Martina Vögele 5
1 Einleitung
Guido Westerwelle sagte am 4. September 2004 im ZDF Sportstudio: „Bis 40 kann man Sport machen, ab 40 muss man Sport machen.“ Die Aussage trifft den Nerv der Zeit, denn sie zielt auf die rasant anwachsenden Kosten im Ge-sundheitswesen. Diese resultieren unter anderem aus Bewegungsmangel und falscher Ernährung und könnten durch eine angepasste, dem Körper entsprechende Lebensweise vermieden werden. Gleichzeitig zeigt der Ausspruch, dass dem Thema Sport im mittleren Lebensabschnitt in der öffentlichen Diskussion zunehmend mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird.
Eine der größten gesellschaftspolitischen Herausforderungen geht vom demographischen Wandel aus. In den nächsten 45 Jahren wird die Zahl älterer Menschen in Deutschland deutlich steigen, wobei im Jahr 2050 auf 100 Personen im erwerbsfähigen Alter 78 alte Menschen kommen werden (vgl. Statistisches Bundesamt, 2003, S. 31). Diese Entwicklung, die charakteristisch für alle hoch entwickelten Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften ist, wird nicht ohne Auswirkungen auf die sozialen Sicherungssysteme bleiben. Zum Beispiel wird der Gesundheitszustand einer immer älter werdenden Bevölkerung das Gesundheitswesen und die sozialen Dienste nachhaltig bestimmen. Chronische Rückenschmerzen verursachen beispielsweise in Deutschland jährlich Kosten in Höhe von 26 Milliarden €. Allerdings sind nur 15% der Rückenschmerzen auf einen organischen Befund zurückzuführen (vgl. Stephan, 2005, S. 10). Daher werden bereits heute Stimmen laut, die den Einzelnen zu mehr Verantwortung für seine Gesundheit und für seinen Körper aufrufen, um langfristig teure Alterslasten zu verringern.
Aber auch die Vereine werden stärker in die Pflicht genommen. So wird beispielsweise gefordert, die Leistungen der „Turn- und Sportvereine mit ihrem speziellen Angebot im Gesundheitssektor als Träger von Vorsorgeleistungen anzuerkennen“ (Deutscher Sportbund, 2004 a, S. 13). Dies soll im Rahmen eines Präventionsgesetzes geschehen.
Es stellt sich die Frage, welche Grundlagen zur Erhaltung der Gesundheit und für eine selbständige und zufriedene Lebensführung bereitgestellt werden kön- nen und müssen. Zur Gesunderhaltung seines Organismus und zur Aufrechter-
Midlife-Krise im Sportverein? - Diplomarbeit von Martina Vögele 6
haltung seines Wohlbefindens braucht der Mensch ein ausreichendes Maß an regelmäßiger körperlicher Aktivität: Der Mensch ist nach seinem genetischen Grundprogramm auf Bewegung ausgerichtet. Bewegungsmangel hingegen verringert die Leistungsfähigkeit des gesamten Körpers, schmälert das Wohlbefinden und beschleunigt den Alternsprozess (vgl. Hollmann & Liesen, 1986, S. 343; Altern, 1996, S. 443).
Um diesen Entwicklungen entgegenzuwirken werden Präventions- und Rehabilitationsprogramme initiiert, in denen der Sport eine wichtige Rolle spielt. Denn Sport bietet einen Ausgleich in einem stark durch technische Hilfen geprägten täglichen Leben (vgl. Kaiser, 1998, S.155).
Zwar gilt dies auch schon für junge Menschen, aber es wird umso wichtiger, je älter die Menschen werden. Für den Sport bedeutet dies, dass Aktivitäten für ältere Menschen entsprechend auf die Bedürfnisse dieser Menschen im körperlichen, geistig-seelischen und sozialen Bereich ausgerichtet sein müssen. Es drängt sich in diesem Zusammenhang die Frage auf, inwieweit sich die Sportvereine bestimmten Zielgruppen, wie zum Beispiel der älteren Generation, zuwenden und spezielle Angebote konzipieren. Dabei bedeutet ältere Generation nicht nur die Menschen nach der Erwerbstätigkeit, sondern es müssen bei der älteren Generation bereits die über 40-Jährigen mit in den Focus der Betrachtung einbezogen werden.
Auch für die Stadt Paderborn ist dies von besonderer Relevanz. Die Stadt Pa-derborn hat 1993 vom Deutschen Sportbund den Titel Sportstadt verliehen bekommen. Der Stadtentwicklungsbericht 2010 der Stadt Paderborn hält fest, dass Paderborn ein attraktiver Lebensstandort mit attraktiver Freizeitgestaltung ist und auch in Zukunft bleiben soll (vgl. Stadt Paderborn, 2002, S. 25). Unter diesem erklärten Ziel kann auch die Stadt Paderborn die besondere Bedeutung des Sports für die über 40-Jährigen nicht ignorieren. Logische Schlussfolgerung müsste es demnach sein, dass im Bereich des Sports für die über 40-Jährigen ein attraktives Angebot zur Verfügung gestellt wird. Allerdings gibt es bisher in Paderborn keine gesicherten Erkenntnisse über das Sport(vereins)angebot für die ältere Generation.
Damit steht Paderborn allerdings nicht alleine da. Auch in der wissenschaftlichen Diskussion scheint das Thema Sport der Älteren ein Stiefkind zu sein. Es gibt zwar zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen und Veröffentlichungen
Midlife-Krise im Sportverein? - Diplomarbeit von Martina Vögele 7
zum Sport der Senioren, also der ganz Alten, die Theorielegung für die mittlere Altersgruppe aber, nämlich die 41- bis 60-Jährigen, fällt sehr dürftig aus.
1.1 Zielsetzung dieser Arbeit
Ziel dieser Arbeit ist daher die Untersuchung des Angebots der Paderborner Sportvereine für die Altersgruppe 41 bis 60 Jahre. Es soll dabei soweit wie möglich herausgefunden werden, ob die Angebotsstruktur auf die Bedürfnisse dieser Altersgruppe ausgerichtet ist. Untersucht werden soll auch, inwieweit die Paderborner Vereine auf die veränderten Rahmenbedingungen und die öffentliche Diskussion reagiert haben und für die 41- bis 60-Jährigen ein angepasstes Sportangebot zur Verfügung stellen. Damit wird indirekt die Sensibilität der Sportvereine für diese Zielgruppe erfasst.
Als praktischer Nebeneffekt dieser empirischen Untersuchung soll das Thema Sport für die ältere Generation in besonderer Weise in das Bewusstsein der Geschäftsführer und Vereinsvorstände gerückt werden. Zwar wird inzwischen erkannt, dass für die mittlere Generation eigene Angebote gemacht werden müssten, allerdings stelle ich die konkrete Umsetzung in Frage.
1.2 Vorgehensweise und Aufbau
Das Erkenntnisinteresse dieser Arbeit sind, wie in der Zielsetzung erläutert, die Sportangebote in den Paderborner Sportvereinen für die Altersgruppe 41 bis 60 Jahre. Aufgrund mangelnder vorliegender Daten wurde diese Diplomarbeit als empirische Untersuchung konzipiert.
Ausgehend von der demographischen Entwicklung in Deutschland und der damit einhergehenden anwachsenden Zahl älterer Menschen in der Bundesrepublik, wird der Zusammenhang zwischen dem Sport und älteren Menschen eingehender betrachtet.
Dabei ist zunächst von Bedeutung den Begriff Sport der Älteren genau zu klären. In der wissenschaftlichen Diskussion wird der Sport der Älteren häufig nicht klar vom Seniorensport abgegrenzt, was zu Missverständnissen führen kann.
Midlife-Krise im Sportverein? - Diplomarbeit von Martina Vögele 8
Im weiteren Verlauf dieser Arbeit wird die konkrete Bedeutung von Bewegung und sportlicher Aktivität für den älteren Menschen näher beleuchtet. Es wird sowohl die besondere Lebenssituation dieser Menschen betrachtet als auch Motive und Ziele von sportlicher Aktivität besprochen. Vor dem Hintergrund der öffentlichen Debatte über die Auswirkungen des Sports der Älteren auf die Ge-sundheit und damit indirekt auch auf die Kosten im Gesundheitswesen, wird dem Gesundheitsmotiv in Kapitel 3.5 ein eigener Abschnitt gewidmet. Wie bereits angedeutet muss auch Paderborn als Sportstadt ein Interesse daran haben, die Älteren mit einem entsprechenden Angebot zu versorgen, denn auch an Paderborn geht die demographische Entwicklung nicht vorbei. Die Sportstadt Paderborn bietet eine hervorragende Infrastruktur für Aktivität und Sport. Auf Basis von bereits zwei durchgeführten Sportverhaltensstudien lässt sich darüber hinaus relativ genau ermitteln, was für einen Sport die Paderbornerinnen und Paderborner 1 gern ausüben. Damit bietet sich ein Vergleichsinstrument zu den realen Angeboten der Sportvereine. Es kann bereits vorweggenommen werden, dass in den Paderborner Sportvereinen im Vergleich zu allen Vereinen Nordrhein Westfalens keine herausragenden Unterschiede im Hinblick auf den prozentualen Anteil der Älteren erkannt werden konnte. Etwa jedes vierte Mitglied in einem Sportverein ist zwischen 41 und 60 Jahren alt.
Des Weiteren kann eine verstärkt präventive Ausrichtung der speziellen Angebote für die über 40-Jährigen, wie sie sich aus der Gesundheitsdebatte ergeben müsste, nicht bestätigt werden.
Eine detaillierte Darstellung der Ergebnisse der Befragung und der Analyse der Vereins- und Angebotsstrukturen der Paderborner Sportvereine gibt Kapitel 6 wieder.
1 Auf die Unterscheidung von Begriffen in eine männliche und eine weibliche Form wird aus
Gründen der Lesbarkeit im weiteren Verlauf meiner Arbeit verzichtet.
Midlife-Krise im Sportverein? - Diplomarbeit von Martina Vögele 9
2 Bevölkerungsentwicklung in Deutschland
2.1 Von der Pyramide zum Pilz - die Veralterung und Schrumpfung unserer Gesellschaft
Der Altersaufbau in Deutschland hat sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts entscheidend verändert. Um 1900 entsprach die Bevölkerungsstruktur dem Ideal einer Pyramide. Danach stellen die Kinder als geburtenstarke Jahrgänge die breite Basis. Aufgrund der natürlichen Sterblichkeit verringern sich alle späteren Jahrgänge allmählich, und damit läuft die Pyramide spitz zu. Wie in Abbildung 1 erkennbar, ist dieser Pyramidenaufbau 1910 noch Realität gewesen.
Durch die beiden Weltkriege wurden die zu der Zeit wehrpflichtigen Jahrgänge deutlich dezimiert, und die Pyramide erhielt dadurch tiefe Einkerbungen. In der weiteren Entwicklung folgten Babyboom, Pillenknick und eine insgesamt niedrigere Geburtenhäufigkeit. Daher gleicht heute der Bevölkerungsaufbau in Deutschland optisch eher einer ausgefranzten Wettertanne denn einer Pyrami- de wie Abbildung 2 verdeutlicht.
Der Blick in die Zukunft zeigt die Weiterentwicklung zum Pilz, dargestellt in Abbildung 3.
Abbildung 3:
Die Veralterung der Gesellschaft in Deutschland wird auch durch einen Blick auf aktuelle und geschätzte zukünftige Zahlen deutlich, die in Tabelle 1 gezeigt werden:
Tabelle 1: Vorausberechnung der Bevölkerungsentwicklung nach ausgewählten
Midlife-Krise im Sportverein? - Diplomarbeit von Martina Vögele 11
1998 waren über 20% der Gesamtbevölkerung 20 Jahre und jünger. Bis 2050 wird sich dieser Prozentsatz deutlich auf etwas mehr als 14% reduzieren. Im Gegenzug wird die Anzahl der über 60-Jährigen von 22% in 1998 auf über 40% in 2050 ansteigen. In der mittleren Altersklasse (41 bis unter 60 Jahre) ist bis 2010 ein kurzfristiger Anstieg auf etwa 32% erkennbar. Ursache sind die geburtenstarken Jahrgänge der 1960er Jahre, die bis 2030 in die Gruppe der über 60-Jährigen wechseln. Ab dieser Zeit sind die 40- bis 60-Jährigen nur noch mit circa 25% am Bevölkerungsaufbau beteiligt. Dieser Wert bleibt bis zum Jahr 2080 in etwa konstant.
Betrachtet man die Entwicklung der Bevölkerungsstruktur, dargestellt in Abbildungen 1 bis 3 und Tabelle 1, so ist klar zu erkennen, dass sich die Veralterung der Bevölkerung auch in Zukunft weiter fortsetzen wird. War vor 50 Jahren jeder Dritte ein junger Mensch unter 20 Jahren und
lediglich jeder Siebte älter als 59, so ist heute lediglich jeder Fünfte un-
ter 20, dagegen erreicht schon fast jeder Vierte das Seniorenalter. In
Zukunft wird sich diese Entwicklung noch stärker auswirken: Nach der
mittleren Variante 2 wird im Jahr 2050 nur noch jeder Sechste unter 20,
aber jeder Dritte bereits 60 Jahre oder älter sein. (Statistisches Bun-
desamt, 2003, S. 29)
Danach wird spätestens in 2050 mehr als die Hälfte der Bevölkerung älter als 48 Jahre sein.
Da die Menschen immer älter werden wäre anzunehmen, dass die Bevölkerung Deutschlands langfristig zahlenmäßig steigt. Wie aus Tabelle 1 erkennbar ist, wird die Bevölkerungsentwicklung aber rückläufig verlaufen. Dies hat verschiedene Ursachen, die im Folgenden dargelegt werden.
2.2 Niedrige Geburtenrate
Deutschland war weltweit das erste Land mit einer natürlichen Bevölkerungsschrumpfung durch sinkende Geburtenzahlen (in der BRD seit 1969, in der ehemaligen DDR seit 1972). Ein-Kind- und Zwei-Kind-Familien haben stark zu-
2 Insgesamtwerden neun Varianten der Bevölkerungsentwicklung vom Statistischen Bundes-
amt berechnet. Sie setzen sich zusammen aus der Kombination von drei Annahmen über die
Zunahme der Lebenserwartung und drei Annahmen über den Wanderungssaldo. Die Gebur-
tenstärke wird mit 1,4 Kindern pro Frau als konstant vorausgesetzt (vgl. Statistisches Bundes-
amt, 2003, S. 25). In dieser Arbeit wird immer der mittlere Wert (Variante 5) der Vorausberech-
nung zugrunde gelegt. Eine detaillierte Aufschlüsselung der neun Varianten befindet sich in
Anhang I.
Midlife-Krise im Sportverein? - Diplomarbeit von Martina Vögele 12
genommen, die „Großfamilie“ mit drei oder mehr Kindern wird dagegen immer seltener.
Die Geburtenzahlen könnten nur dann auf dem gleichen Niveau bleiben, wenn jede folgende Müttergeneration genau so groß wäre wie die vorherige. Dies wäre dann gegeben, wenn das Bestandserhaltungsniveau von 2,1 Kindern pro Frau erreicht wird. Tatsache ist jedoch, dass die Geburtenhäufigkeit derzeitig bei 1,4 Kindern pro Frau liegt. Dies bedeutet, dass die jetzt geborenen Mädchenjahrgänge zahlenmäßig schwächer sind als die Jahrgänge ihrer Mütter. Wie Abbildung 4 zeigt, sinkt bei gleich bleibender Geburtenhäufigkeit dadurch die absolute Geburtenzahl und damit verbunden auch langfristig die Gesamtbevölkerung Deutschlands.
Unter der Annahme einer Stagnation der Nettoreproduktionsrate auf dem Niveau von 1,4 Kindern pro Frau in Deutschland „steigt das Geburtendefizit vom Zeitraum 2000-2005 bis zum Zeitraum 2045-2050 von rund 215.000 auf 720.000 Personen pro Jahr“ (Birg, 2004 b, S. 19).
Midlife-Krise im Sportverein? - Diplomarbeit von Martina Vögele 13
2.3 Steigende Lebenserwartung
Demographische Alterung 3 ist ein weltweites Phänomen. In den Industrieländern wie in den Entwicklungsländern hebt sich das Durchschnittsalter der Bevölkerung, wie nachfolgende Abbildung 5 veranschaulicht.
Europa weist dabei im Jahr 2000 bereits das höchste Durchschnittsalter mit 37,7 Jahren auf. Die Prognose für 2050 liegt sogar noch 10 Jahre höher. In Deutschland steigt das Medianalter in den Jahren 1998 bis 2050 von 39 auf 52 Jahre an (vgl. Birg, 2004 b, S. 21). Die Menschen in Deutschland werden also immer älter. Darüber hinaus verschiebt sich der Altenquotient in diesem Zeitraum von 44 auf über 78. Das bedeutet, dass es im Verhältnis zu den Älteren immer weniger junge Menschen geben wird (vgl. Statistisches Bundesamt, 2003, S. 31).
Die durchschnittliche 4 und die ferne 5 Lebenserwartung in Deutschland ist durch die Fortschritte in Gesundheitswesen, Hygiene, Ernährung, Wohnsituation und Arbeitsbedingungen stark gestiegen. Der höhere materielle Wohlstand und eine
3 „Demographische Alterung“ bezeichnet die Zunahme des Durchschnittsalters der Bevölke-
rung, gemessen durch das so genannte Medianalter (Alter, das die Hälfte der Bevölkerung
über- bzw. unterschreitet) oder durch den so genannten Altenquotienten (Zahl der über 60-
Jährigen in% der 15- bis 60-Jährigen)
4 Durchschnittliche Lebenserwartung = Lebensjahre, die ein neugeborenes Kind zu erwarten
hat
5 Ferne Lebenserwartung = Lebenserwartung für Personen, die ein bestimmtes Alter erreicht
haben
Midlife-Krise im Sportverein? - Diplomarbeit von Martina Vögele 14
verminderte Säuglings- und seit den 1970er Jahren auch eine geringere Alterssterblichkeit haben ebenfalls einen Beitrag zu einem durchschnittlich längeren Leben geleistet.
Vom Anfang bis zum Ende des 20. Jahrhunderts hat sich die Lebensdauer bei Frauen von etwa 51 auf 81 Jahre und bei Männern von 47 auf etwa 76 Jahre stark verschoben. In Deutschland haben Frauen und Männer bei der Geburt eine durchschnittliche Lebenserwartung von 78,3 Jahren. Bis 2050 lautet die Vorausberechnung auf 86,6 Jahre für Frauen und 81,1 Jahre für Männer. Statistisch gesehen haben 60-jährige Frauen noch 23 Jahre und Männer 19 Jahre zu leben. Auch dieser Wert wird sich bis 2050 erhöht haben, nämlich auf 28 Jahre (Frauen) bzw. 24 Jahre (Männer) (vgl. Birg, 2004 b, S. 20).
Neben der geringeren Geburtenrate ist also die immer höhere Lebenserwartung ein Grund für die Entwicklung des Altersaufbaus in Deutschland.
2.4 Relevanz der demographischen Entwicklung für meine Untersuchung des Sportangebotes der 41- bis 60-Jährigen
Nachfolgende Tabelle 2 stammt aus dem Jahr 2004 und enthält die neuesten mir zur Verfügung stehenden Zahlen. Leider ist nicht genau meine Zielgruppe der 41- bis 60-Jährigen abgebildet, dennoch können interessante Rückschlüsse gezogen werden.
Tabelle 2: Bevölkerung am 31.12.2002 nach ausgewählten Altersgruppen
Tabelle 2 zeigt, dass in Deutschland im Jahr 2002 über 14 Mio. Menschen über 65 Jahre lebten. Der Anteil der Älteren, also der über 40-Jährigen, lag bei 51,7%, also bei über 42,5 Mio. Menschen. Die Altersgruppe der 40- bis 65- Jährigen stellt mit 34,1% die stärkste Gruppe, gefolgt von den 15- bis 40-
Midlife-Krise im Sportverein? - Diplomarbeit von Martina Vögele 15
Jährigen. Es kann daher davon ausgegangen werden, dass die Dominanz der über 40-Jährigen innerhalb der nächsten Jahre erhalten bleiben wird. An anderer Stelle steht im Statistischen Jahrbuch 2004, dass in Deutschland ca. 22,5 Mio. Menschen zwischen 40 und 60 Jahren leben (Statistisches Bundesamt, 2004 b, S. 40).
Schon allein von der Größe der Gruppe resultiert daraus, dass die 40- bis 60-Jährigen eine wichtige Zielgruppe für den Sport darstellen.
Bisher wurde jedoch im Sinne eines Sport für alle des Deutschen Sportbundes diese Zielgruppe nur wenig spezifisch angesprochen.
Viele Vereine orientieren sich nach wie vor primär an dem traditionellen Vereinsklientel der Kinder und Jugendlichen (vgl. Bauer, Koch, Krüger, Quilitz, Ruge, & Telschow, 1996, S. 45).
Die Überlegungen für den Sport der Älteren des Landessportbundes Nordrhein Westfalen e. V. (= LSB NRW) orientieren sich an der Zielgruppe der „Älteren ab etwa 55 Jahre, die sich bisher nicht bzw. schon lange nicht mehr für eine aktive sportliche Betätigung interessiert haben“ (Fuß, Kusch, Probst, & Weingärtner, 2004, S. 41), also hauptsächlich an Personen im Ruhestand. Ob und wie Vereine die mittlere Altersgruppe mit Sportangeboten versorgen liegt bislang überwiegend in einer Grauzone.
Zwar wird auch die Gruppe der 41- bis 60-Jährigen so wie die Gesamtbevölkerung zahlenmäßig schrumpfen, allerdings wird ihr prozentualer Anteil an der Gesamtbevölkerung ab 2030 in etwa konstant bei 25% liegen (vgl. Tabelle 1). Die Relevanz dieser Altersschicht für den Sport kann jedoch nicht nur über Zahlen gemessen werden. Vielmehr gibt es neben der demographischen auch noch andere Betrachtungsweisen, die im Folgenden erläutert werden. Zuvor müssen jedoch noch einige Begrifflichkeiten genauer untersucht und geklärt werden.
Midlife-Krise im Sportverein? - Diplomarbeit von Martina Vögele 16
3 Sport der Älteren in Deutschland
3.1 Begriffsklärungen: Alterssport, Sport der Älteren und Seniorensport
Im Handlexikon Sportwissenschaft findet sich eine Begriffsklärung zum Thema Alterssport. Zunächst wird dort darauf hingewiesen, dass ein immer größerer Anteil älterer Menschen die Bevölkerung der Zukunft ausmachen wird. Dabei werden degenerative Prozesse entscheidenden Einfluss auf die Lebensqualität haben. Andererseits wird betont, dass eine ausgewogene Ernährung und eine gesunde Lebensführung „die Chancen auf ein relativ gesundes und zufriedenes Altern erheblich erhöhen kann. Dabei kommt der körperlichen Aktivität im Sinne von Alterssport eine ganz zentrale Bedeutung zu. Unter Alterssport oder Sport für Ältere versteht man die sportliche Betätigung etwa vom 40. Lebensjahr an“ (Meusel, 1987, S. 16).
Auch im Sportwissenschaftlichen Lexikon von Röthig u. a. wird der Begriff Al-terssport (sports for seniors) aufgegriffen:
Der Begriff A. [Alterssport] umfasst zum einen jenen Teil des Erwachse-
nensports, der sich an den älteren Menschen ab etwa 40 Jahren wendet
und meist „Sport für Ältere / für den älteren Menschen“ genannt wird,
zum anderen auch den Sport im Renten- / Pensionsalter, also ab etwa
60 / 65 Jahren, den man auch als „Seniorensport“, „Altensport“, „Sport
für Betagte“ und “Altersturnen“ (in der Schweiz) bezeichnet.
Die Abgrenzung des A. [Alterssports] nach unten bei etwa 40 Jahren
darf natürlich nur als allg. Richtwert betrachtet werden. Man kann aller-dings davon ausgehen, dass zu Beginn des 5. Lebensjahrzehnts die
Regressions- und Involutionserscheinungen versch. Art allmählich deut-
lich und klin. erfaßbar werden und bei der Gestaltung der sportl. Betäti-
gung - insbes. für bisherige Nichtsportler - berücksichtigt werden müs-
sen. (Singer & Ungerer-Röhrich, 1992, S. 28)
Beide Ansätze ordnen den Sport jenseits des 40. Lebensjahres bereits dem Alterssport zu.
Diese Sichtweise war nicht immer so. In älteren Definitionsansätzen ist keine oder eine deutlich höhere Altersangabe zu finden.
So formuliert die Brockhaus Enzyklopädie im Jahr 1966: „Alterssport dient der Erhaltung von Elastizität und Leistungsfähigkeit. Er nimmt Rücksicht auf den individuellen leib-seelischen Zustand, erstrebt keine Hochleistungen, kann mit Wanderübungen beginnen, auch Schwimmen und Radfahren hinzunehmen und
Midlife-Krise im Sportverein? - Diplomarbeit von Martina Vögele 17
langsam gesteigert werden. Waldlauf ist besonders zu empfehlen“ (Alterssport, 1966, S. 399-400).
Verwundert musste ich feststellen, dass der Begriff Alterssport in der Brockhaus Enzyklopädie aus dem Jahr 1996 nicht mehr enthalten ist. Eine Begründung dafür konnte ich nicht finden.
Meyers enzyklopädisches Lexikon definiert 1971 für den Alterssport: „Alters-sport, im fortgeschrittenen Alter betriebene sportl. Übungen, die keine Höchstleistungen zum Ziele haben, sondern durch eine positive phys. und psych. Auswirkung auf den gesamten Organismus ohne gesundheitsschädigende Belastung die allgemeine Leistungsfähigkeit des Körpers erhöhen“ (Alterssport, 1971, S. 839).
Die Definitionen von 1966 und 1971 legen sich auf keine Altersgrenze fest. Allerdings findet sich diese in der Beschreibung des Begriffs Alter: „Alter [ist] der letzte Lebensabschnitt, bes. beim Menschen; die Zeit jenseits des 6. Lebensjahrzehnts“ (Alter, 1966, S. 394). Demnach müsste sich der Alterssport mit der sportlichen Betätigung für Menschen über 60 Jahren beschäftigen. Dies deckt sich in etwa mit dem allgemeinen Sprachgebrauch der meisten Publikationen, die sich mit Seniorensport, Alterssport, Altensport oder Sport der Älteren beschäftigen. Dort ist der Alterssport der Sport nach der Erwerbstätigkeit. Als Beispiel sei an dieser Stelle der LSB NRW angeführt. Im LSB NRW wurde nämlich eine Übungsleiter-Sonderausbildung Sport der Älteren initiiert. Für diese Ausbildung definieren Fuß et al. die Zielgruppe für den Sport der Älteren „als die Älteren ab etwa 55 Jahre, die sich bisher nicht bzw. schon lange nicht mehr für eine aktive sportliche Betätigung interessiert haben“ (2004, S. 41).
Soziologische und pädagogische Ansätze betrachten bei einem Sport für Ältere in der Regel ebenfalls den Menschen nach der Erwerbstätigkeit. Auch hier wird bei einem Großteil der Veröffentlichungen von den Älteren im Sport, dem Sport der Älteren, von Alters- oder Seniorensport gesprochen, allerdings findet wieder keine klare definitorische Eingrenzung dieser Begriffe statt. Die meisten Autoren gehen von folgenden Lebensabschnitten aus: 1. Lebensabschnitt Kindheit und Jugend bis zur Erwerbstätigkeit (ca. 0-20 Jahre)
2. Lebensabschnitt Zeit der Erwerbstätigkeit (ca. 20-55 / 60 Jahre) 3. Lebensabschnitt Zeit nach der Erwerbstätigkeit (ca. + 55 / 60 Jahre)
Midlife-Krise im Sportverein? - Diplomarbeit von Martina Vögele 18
Inzwischen wird häufig der dritte Lebensabschnitt nochmals unterteilt in die jungen Alten (60 bis 79 Jahre), die alten Alten (80 bis 99 Jahre) und die Hochbetagten (über 100 Jahre).
Der überwiegende Teil der Veröffentlichungen zum Thema Sport der Älteren beschäftigt sich mit dem dritten Lebensabschnitt, da gerade dann im Hinblick auf die sozialen und personalen Ressourcen einige entscheidende Veränderungen auftreten.
Im amerikanischen Sprachraum wurde für diese Menschen der Begriff Selpis 6 geprägt, der inzwischen allgemein gebräuchlich ist. Damit werden die Menschen bezeichnet, die einem zweiten, von gesellschaftlichen Verpflichtungen überwiegend befreiten Lebensabschnitt entgegen sehen, welcher häufig auch als Golden Age bezeichnet wird (vgl. Kolb, 2001, S. 193).
Die Begrifflichkeiten Sport der Älteren, Sport mit Älteren, Sport für Ältere, Ältere im Sport, Alterssport und Seniorensport werden in den meisten Zusammenhängen weitgehend als Synonyme verwendet.
Ich folge in meiner vorliegenden Arbeit der Begriffsklärung von Singer & Ungerer-Röhrich sowie Meusel, welche zu Beginn dieses Kapitels zitiert wurden. Wenn im Folgenden von den Älteren gesprochen wird, so ist die Rede von den 41- bis 60-Jährigen. Der Begriff Senioren oder Alte wird für die über 60-Jährigen verwendet.
3.2 Theorien zum Thema sportliche Aktivität und Altern
In meinen weiteren Ausführungen werde ich folgende Aspekte darstellen: Zunächst geht es um die Frage eines erfolgreichen Alterns im Sinne von Gesundheit, Kompetenz und Aktivität. Darüber hinaus soll festgestellt werden, welche Rolle der Sport in dem Prozess des erfolgreichen Alterns spielen kann oder sollte.
Da ich für die mittlere Generation, die Älteren (41 bis 60 Jahre), keine Veröffentlichungen zu diesem Themenbereich gefunden habe, werde ich mich auf Beiträge aus dem Seniorensport, dem Sport für die Alten, beziehen. In einem wei-
6 Selpis = Second Life People
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teren Schritt werde ich aus diesen Ansätzen Rückschlüsse für die Altersgruppe 41 bis 60 Jahre ziehen.
Doch auch in der Diskussion zum Seniorensport gibt es kein allgemein anerkanntes theoretisches Gerüst, welches ein erfolgreiches Altern mit Aktivität und Sport erklärt. Bereits 1981 bemerkte Singer, dass in der wissenschaftlichen Diskussion um den Alterssport kaum ein Bezug zu einem allgemeinen theoretischen Rahmen erkennbar ist (vgl. S. 12). Auch Kolb stellte fest, dass es weder für den Sport der Älteren noch für den Alterssport eine allgemein gültige theoretische Einbettung gibt (vgl. 1999, S.5).
Aus diesem Grund wird seit längerem versucht, zusammen mit der Geragogik 7 und der Gerontologie 8 einen theoretischen Rahmen für das Thema Alter(n), Aktivität und Sport zu schaffen.
Zunächst werde ich in diesem Kapitel das Defizitmodell vorstellen, da es das erste Konstrukt in diesem Kontext war. Es folgen Theorien einer erfolgreichen Anpassung an Alter und Altern sowie eine Kompetenz betonende Betrachtungsweise.
Dieses Kapitel schließt mit möglichen Rückschlüssen dieser Theorien auf die Altersgruppe 41 bis 60 Jahre.
3.2.1 Das Defizitmodell
Das Defizitmodell bzw. die Defizittheorie basiert auf medizinischen und psychologischen Querschnittsuntersuchungen, bei denen in verschiedenen Bereichen deutliche Defizite bei älteren gegenüber jüngeren Altersgruppen gefunden werden konnten. Daraus resultiert die Annahme eines generellen, zwangsläufigen Altersabbaus und einer verminderten körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit im Alter insgesamt.
„Im Defizitmodell geht man letztlich davon aus, dass dem Alter ein unumgänglicher biologischer Prozess zugrunde liegt, in dessen Verlauf die Fähigkeiten in verschiedenen Dimensionen grundsätzlich nachlassen, die Funktionen gestört werden und zunehmend Defekte auftreten“ (Kolb, 1999, S. 84). Das Modell in-
7 Geragogik= Teilgebiet der Pädagogik, das sich mit Bildungsfragen und -hilfen für ältere Men-
schen befasst (Geragogik, 2001, S. 350)
8 Gerontologie = Fachgebiet, auf dem die Alterungsvorgänge beim Menschen unter biologi-
schen, medizinischen, psychologischen u. sozialen Aspekten erforscht werden (Gerontologie,
2001, S. 351)
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terpretiert das Altern als einen Prozess der körperlichen, psychischen und sozialen Rückbildung. Ursache ist die sinkende Anpassungsfähigkeit des Organismus, wodurch die Fähigkeit des Körpers, auf besondere Belastungen zu reagieren, herabgesetzt wird. Als Folge brechen Krankheiten aus, die bislang vom Körper kontrolliert und unterdrückt werden konnten. Der alte Mensch wird nach diesem Modell daher stets mit Krankheitsprozessen und verminderter Leistungsfähigkeit in Verbindung gebracht.
Die Defizittheorie gilt heute als überholt. In der Brockhaus Enzyklopädie von 1996 wird festgehalten, dass „das früher weit verbreitete Defizitmodell des A. [Alterns] durch neuere Ergebnisse von Längsschnittuntersuchungen nicht gestützt werden“ (Altern, 1996, S. 442) konnte. Zum einen wurden in den ersten Untersuchungen immer nur Teilaspekte untersucht. So wird davon gesprochen, dass in verschiedenen Bereichen Defizite gegenüber jüngeren Altersgruppen festgestellt werden konnten. Hinzu kommt, dass lediglich Querschnittsuntersuchungen durchgeführt worden waren, und die untersuchten Stichproben nicht die gleichen Voraussetzungen besaßen. Daher waren die Ergebnisse nur bedingt vergleichbar und aussagekräftig.
Dennoch ist das heutige Bild von den Älteren und Alten in den westlichen Gesellschaften immer noch stark vom Defizitmodell geprägt. Danach können Ältere mit der raschen technischen Entwicklung kaum mithalten. „In der leistungs-orientierten Gesellschaft, in der die benötigten Kenntnisse und Fertigkeiten mit dem technischen Fortschritt rasch wechseln, sind ältere Menschen weniger gefragt“ (Altern, 1996, S. 442). Dieses negative Bild hat einen entscheidenden Einfluss auf das Selbstbild der älteren Menschen. Allerdings stellen die jungen Alten, die in der Realität durch Agilität und eine aktive Lebensgestaltung gekennzeichnet sind, in gewisser Weise einen Gegenpol zu dieser negativen Grundhaltung der Gesellschaft dar.
3.2.2 Theorien erfolgreicher Anpassung an das Alter und Altern
Während das Defizitmodell lediglich negative Entwicklungen im Alter feststellt, befassen sich andere Theorien damit, wie die ältere Generation dem alt werden begegnen kann. Dabei wird zunächst ebenfalls lapidar festgehalten, dass sich mit dem Alter psychische, physische und soziale Veränderungen ergeben, die
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den individuellen Wünschen und Zielen des Einzelnen zuwiderlaufen können. Um ein zufriedenes Leben führen zu können, müssen persönliche Ziele und Wünsche einerseits und eigenes Vermögen andererseits „in einem persönlichen Anpassungsprozeß unter Beachtung der biographischen Situation und der gesellschaftlichen Erwartungen miteinander in Einklang“ (Kolb, 1999, S. 86) gebracht werden.
Ein Ansatz, die Disengagementtheorie, besagt, dass ein Rückzug aus sozialen Systemen für die Lebensphase des Alters kennzeichnend ist. Dieser findet häufig gleichzeitig mit dem Ausscheiden aus der Erwerbstätigkeit statt. Ältere Menschen geben bisherige Rollen auf und ziehen sich in ihre Privatsphäre zurück. Die Reduktion der sozialen Kontakte und der Rückzug aus dem öffentlichen Leben sind nach dieser Theorie wesentliche Bestandteile für die Zufriedenheit im Alter. Es wird davon ausgegangen, dass ältere Menschen diese Zurückgezogenheit suchen und sie auch wünschen.
Ganz anders ist der Zugang der Aktivitätstheorie. Sie beruht im Wesentlichen auf empirischen Befunden. Zwar ist mit dem Ausscheiden aus der Erwerbstätigkeit ein Umbruch zu beobachten, aber nach dieser Theorie suchen ältere Menschen neue Aufgaben und Ziele. „Die Aktivitätstheorie hält die Aufrechterhaltung der Sozialkontakte für unerlässlich für eine zufriedenstellende Lebensführung im Alter“ (Altern, 1996, S. 442). Nach der Aktivitätstheorie geben ältere Menschen ihre bisherigen Rollen auf, sie ersetzen diese jedoch durch Aktivitäten in anderen Bereichen. Dabei ist der Begriff Aktivität weit gefasst und reicht von einer rein physischen Beanspruchung bis zu geistig-seelischen Prozessen. Im Prozess des Alterns ist Aktivität ein Weg zu Energie und des sich selbst Spürens und Wahrnehmens.
Die Aktivitätstheorie ist immer wieder auf Kritik gestoßen. So formuliert beispielsweise Kolb, dass „erfolgreich zu altern … hier paradoxerweise [bedeutet], nicht zu altern, sondern die Lebensführung des mittleren Alters unverändert aufrecht zu erhalten“ (1999, S. 92).
Die kognitive Alternstheorie basiert primär auf subjektiver Wahrnehmung. Es wird festgestellt, dass Ältere durch soziale und biologische Gegebenheiten unter bestimmten Lebensvoraussetzungen leben. Jedoch hat jedes Individuum unterschiedliche persönliche Möglichkeiten mit dieser Grundsituation umzuge- hen. Erst die Art und Weise, wie die aktuelle Situation bewertet wird, entschei-
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det darüber, ob das Alter als zufriedenstellend erlebt wird oder nicht (vgl. Kolb, 1999, S. 95 f.).
Die Theorie der Optimierung durch Selektion und Kompensation versucht zu erklären, wie entstandene Defizite kompensierbar sind. Danach werden unterschiedliche Verhaltensweisen ausprobiert und - ähnlich wie bei einer Konditionierung - die erfolgreichen Verhaltensweisen beibehalten. Durch diese Selektion von möglichem Verhalten findet eine Optimierung der eigenen Ressourcen statt, und die eigenen Kompetenzen werden möglichst optimal kanalisiert. Problematisch bei dieser Theorie ist, dass sie eher ein allgemeines Verhaltensprinzip beschreibt und nicht als eigenständige Theorie fundiert ist. Sie leitet sich logisch aus einem lerntheoretischen Verständnis ab und negiert aktive Veränderungen und neue Herausforderungen im Alter.
Darüber hinaus müsste die Lebenswelt der älteren Menschen nach dieser The-orie immer eingeengter werden, da mit dem Verlust weiterer Funktionen auch bestimmte erfolgreiche Verhaltensweisen nicht mehr durchführbar sind.
Die bisher angesprochenen Theorien gehen im Wesentlichen doch von der Grundannahme des Defizitmodells aus. Es geht hauptsächlich darum, negative Begleiterscheinungen des Alterns aufzufangen und nicht darum das Altern aktiv zu gestalten und anzunehmen. Möglichkeiten und Chancen des Alterns im Sinne eines personalen Gewinns werden bei diesen Ansätzen nicht berücksichtigt. Mag es aus medizinisch-biologischer Sicht eine Herausforderung und ein Wunsch sein, „20 Jahre lang 40 Jahre alt zu bleiben“ (Hollmann & Liesen, 1986, S. 353), so ist dieses Ziel jedoch insgesamt kritisch zu bewerten. Die daraus entstehende Paradoxie ist, dass ein erfolgreiches Altern darin besteht nicht zu altern. Da Altern aber auch Chancen auf eine neue Lebensgestaltung (insbesondere in der Zeit nach der Erwerbstätigkeit) mit sich bringt, greift dieses Ziel nicht weit genug.
3.2.3 Neuere Forschungsansätze zum Alter und Altern
In den neueren Forschungsansätzen wird versucht die Chancen und Stärken älterer Menschen in den Vordergrund zu rücken. Die zentralen Fragestellungen lauten nicht mehr: Was können ältere Menschen nicht mehr oder nur schlech- ter? In welchen Situationen sind ältere Menschen benachteiligt? Sondern es
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wird überlegt, von welchen Ressourcen man schöpfen kann, um ein würdiges Leben im Alter und damit ein erfolgreiches Altern zu erreichen.
Die Environment-Docility-Hypothese 9 geht davon aus, dass der Einfluss der
Umwelt umso größer wird, je stärker die persönlichen Ressourcen einer Person nachlassen und je geringer ihre Kompetenzen werden. Besonders für die Senioren ist diese Hypothese von Bedeutung. Alte Menschen sind häufig räumlich eingeschränkt (= niedrige persönliche Ressourcen) und auf die Angebote ihrer unmittelbaren Umgebung angewiesen (= großer Einfluss der Umwelt auf das eigene Leben).
Andererseits impliziert dieser Ansatz jedoch auch, dass die Pflege der eigenen Ressourcen wichtig ist. Gelingt es, Kompetenzen beim Altern zu bewahren, so wird die Lebensqualität in einem späteren Lebensabschnitt höher und die Lebensführung unabhängiger und selbständiger sein.
In der kompetenzbezogenen Perspektive werden die Befunde aufgegriffen, die das Defizitmodell widerlegt haben. Gefragt wird nach den Kompetenzen zur Bewältigung des Alltags. Diese wachsen zum Teil mit dem Älterwerden. „Auch wenn wahrnehmungs- und geschwindigkeitsabhängige Leistungen des Gehirns im Alter abnehmen, bleiben andere Bereiche der geistigen Leistungsfähigkeit, insbesondere die Informationsverarbeitung, bei ausreichendem Training unverändert“ (Altern, 1996, S. 442).
Dabei sind Kompetenzen keine starren Konstrukte, sondern sie verändern sich im Laufe des Lebens entscheidend. „Die Routine eines langen Lebens gleicht den gebremsten Gedankenfluß aus. Das Nachlassen der Leistungsfähigkeit auf diesem oder jenem Gebiet wird oft durch das, was als ‚Weisheit des Alters’ bezeichnet wird, mehr als ausgeglichen“ (Alternsforschung, 1971, S. 831). Sportliche Aktivität und Bewegung bieten ein mögliches Feld, um Ressourcen auszubilden. Allerdings sind „die Chancen hierzu … ihrerseits in höchstem Maße ressourcenabhängig, wobei wohl noch stärker als materielle Ressourcen die Erfahrungsbestände der Biografie und die erworbenen Bewältigungsformen eine herausragende Rolle spielen“ (Klein, 2001, S. 286). Aus dieser Überlegung heraus wird deutlich, dass das Zusammenfallen bestimmter Faktoren (soziale Schicht, Geschlecht, Schulbildung, etc.) die aktive Gestaltung des Alterns und Alters entscheidend beeinträchtigen oder fördern kann.
9 Environment-Docility-Hypothese = Umwelt-Einfühlsamkeits-Hypothese
Arbeit zitieren:
Martina Vögele, 2005, Midlife-Krise im Verein?! - Eine Untersuchung des Angebots im Paderborner Vereinssport , München, GRIN Verlag GmbH
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