Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Anmerkungen 4
2.1. Das Problem der Abgrenzung 4
2.2. Das Problem des Zugangs 6
3. Jupiter und seine Vision 8
3.1. Der Kontext der Jupiter-Episode im Simplicissimus Teutsch’ 8
3.2. Die Jupiter-Episode 9
3.2.1. Der „Teutsche Held“ und sein Reich 10
3.2.2. Die Errichtung des Reiches 11
3.2.3. Die Organisation des Reiches 12
3.2.4. Das olympische Gottesreich auf Erden 12
3.2.5. Das Schicksal der alten Mächtigen 12
3.2.6. Das Weltreich 13
3.2.7. Religionsfrieden 14
3.3. Der Gott der Flöhe 15
3.4. Zwischenfazit 15
4. Jupiter im weiteren Romangeschehen 17
5. Jupiter und Simplicissimus: Spiegelungen 18
6. Formale und thematische Ähnlichkeiten: Verbindungen zur Hölle? 19
7. Exkurs: Quellen und Hintergründe 20
7.1. methodische Probleme 20
7.2. mutmaßliche Quellen: ein Forschungsüberblick 21
7.3. einige Anmerkungen zum Autor und seiner Zeit 24
8. Schluss 25
Literaturverzeichnis 27
Primärliteratur 27
Sekundärliteratur 27
2
1. Einleitung
Wohl kein anderes Werk der deutschen Barockliteratur erfreut sich bis heute einer größeren Berühmt- und Beliebtheit als der ‚Simplicissimus Teutsch’ von Grimmelshausen. Die vielen Fassetten und Episoden dieses umfangreichen und komplexen Werkes haben seit Jahrhunderten eine dauerhafte Wirkung in der deutschen Literatur bis in die Gegenwart gezeigt. 1 „Die nun fast 200jährige Interpretationsgeschichte“ des Grimmelshausenschen Werkes, so schrieb Breuer, ist „nur vergleichbar mit der Goethe-Philologie“. 2 Er zählte „über tausend Forschungsarbeiten“ 3 , wobei sich besonders die so genannte ‚Jupiter-Episode’ immer wieder aufs Neue als interpretierbar und der Erforschung wert erwiesen hat. 4 Außerdem wurde mit der Zeit ein geradezu unglaublich umfangreicher Quellenbestand der einzelnen Teile der Episode nachgewiesen oder vermutet.
Es soll in dieser Arbeit nicht versucht werden, gewaltsam die verschiedenen Meinungen in eine Form zu pressen. Es soll vielmehr das Ziel sein, die Jupiter-Episode als Teil des Romans ‚Simplicissimus Teutsch’ zu betrachten und die Episode unter diesem Aspekt einer Untersuchung zu unterziehen. Dazu soll eine detaillierte Besprechung der Episode in ihrem Kontext vorgenommen werden, um eine Basis für die so oft gesuchte Antwort zu schaffen, welchen Sinn die Episode in der Gesamtkonstruktion des Romans erfüllt. Am Ende soll ein Exkurs über die hochinteressante Quellengeschichte der Episode stehen, die in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben kann. Zuvor verlangt die etwas verwickelte Forschungsgeschichte zur Jupiter-Episode allerdings eine Reihe klärender Anmerkungen
1 Grimmelshausen erfreute sich bereits in der Romantik einiger Beliebtheit (vgl. Jakob Koeman: Die Grimmelshausen-Rezeption in der fiktionalen Literatur der deutschen Romantik. Amsterdam/Atlanta: Rodopi 1993 (= Amsterdamer Publikationen zur Sprache und Literatur Band 108). passim), in der jüngeren Vergangenheit wäre etwa an ‚Das Treffen in Telgte’ von Grass zu denken. Vgl. auch Dieter Breuer: Grimmelshausen-Handbuch. München: Fink 1999 (= UTB 8182). S. 245-268.
2 Ebd. S. 9.
3 Ebd.
4 Daneben hat die Jupiter-Episode auch selbst literarische Neubearbeitungen erfahren, vgl. beispielhaft Jakob Koeman: Grimmelshausen-Rezeption. S. 85-218.
3
2. Anmerkungen
2.1. Das Problem der Abgrenzung
Jede Auseinandersetzung mit einem Auszug aus einem größeren Text muss zwingend von
vornherein die Grundsatzfrage beantworten, ob der Auszug als isolierte Episode 5 behandelt
werden soll (was in der Praxis kaum möglich ist) oder ob eine Betrachtung in einem
bestimmten Kontext versucht wird. Das gilt natürlich auch für die ‚Jupiter-Episode’, woraus
sich allerdings gewisse Schwierigkeiten ergeben. Bekanntlich umfasste der ‚Simplicissimus
Teutsch’ in seiner ursprünglichen Form fünf Bücher, bevor die ‚Continuatio’ als sechstes
Buch angefügt wurde. 6 Bereits Petersen vermutete im ursprünglichen Aufbau eine
„Symmetrie“, die „durch die nachträgliche Anfügung des sechsten Buches verschoben
worden ist“. 7 In dieser Logik ist die Jupiter-Episode an ihrem exponierten Platz im zentralen
dritten Buch nichts weniger als „der Höhepunkt im Aufbau der ganzen Erzählung“ 8 .
Grimmelshausen selbst schrieb aber nicht nur die ‚Continuatio’ als direkte Fortsetzung, er
zählte auch vier weitere Bücher zu seinem „simplicianischen Zyklus“ 9 . Außerdem verwendete
er, wohl aus Gründen der Werbung, den Namen ‚Simplicissimus’ für weitere Schriften 10 und
ließ zwei seiner früheren Werke als Teile der erzählten Welt im ‚Simplicissimus Teutsch’
5 Vgl. Müller-Seidel: „Man spricht gewöhnlich von einer Episode und will damit zum Ausdruck bringen,
daß sein [Jupiters] Auftreten für den Fortgang der Handlung belanglos sei“ (Walter Müller-Seidel: Die Allegorie des Paradieses in Grimmelshausens „Simplicissimus“. In: Medium Aevum Vivum. Festschrift für Walther Bulst. Hrsg. von Hans Robert Jauss und Dieter Schaller. Heidelberg: Carl Winter 1960. S.
253-278, hier S. 264). Petersen meinte, die Jupiter-Episode habe „mit der äußeren Handlung und dem Schicksal des Helden wenig zu tun“, sei aber „an einen […] bedeutungsvollen Platz gestellt und durch realistische Motivierung anders als die übrigen Exkurse […] fest in das Gefüge eingebaut“ (Julius Petersen: Grimmelshausens „Teutscher Held“. In: Euphorion, Ergänzungsheft 17 / Grimmelshausen-Heft (1924). S. 1). Zur Frage nach Grimmelshausens ‚Realismus’ vgl. Walter Müller-Seidel: Die Allegorie des Paradieses. S. 275-278. und Clemens Heselhaus: Grimmelshausen. Der abenteuerliche Simplicissimus. In: Der deutsche Roman. Vom Barock bis zur Gegenwart. Struktur und Geschichte. Band I. Hrsg. von Benno von Wiese.18.-20. Tausend. Düsseldorf: Bagel 1979. S. 15-63, hier S. 55-60.
6 Vgl. Dieter Breuer: Grimmelshausen-Handbuch. S. 65-78.
7 Julius Petersen: Grimmelshausens „Teutscher Held“. S. 1. Die „fünfteilige Struktur des klassischen
Dramas“ vermeinte Scholte auszumachen (Jan Hendrik Scholte: Grimmelshausens Simplicissimus als verhüllte Religionssatire. In: Ders: Der Simplicissimus und sein Dichter. Gesammelte Aufsätze von J. H. Scholte. Tübingen: Niemeyer 1950. S. 35); vgl. auch ebd. S. 37f.
Kritisch dazu Streller, vgl. Siegfried Streller: Grimmelshausens Simplicianische Schriften. Allegorie, Zahl und Wirklichkeitsdarstellung. Berlin: Rütten & Loening 1957 (= Neue Beiträge zur Literaturwissenschaft Band 7). S. 15.
8 Julius Petersen: Grimmelshausens „Teutscher Held“. S. 1. Vgl. auch ebd. S. 1-5.
9 Darauf wies Streller hin, vgl. Siegfried Streller: Simplicianische Schriften. S. 14f. Für die insgesamt
zehn Bücher des Zyklus vgl. Dieter Breuer: Grimmelshausen-Handbuch. S. 27-114.
10 Vgl. ebd. S. 115-169.
4
auftauchen. 11 In der Forschung ist - je nach Fragestellung - die Jupiter-Episode auch mit
anderen Werken Grimmelshausens in Verbindung gebracht worden. 12
Selbst eine reine Beschränkung auf die ursprünglichen fünf Bücher als Kontext, vielleicht
noch zuzüglich der ‚Continuatio’ als direkter Fortsetzung, wirft die Frage auf, ob die Episode
als Glied in einer Episoden-Kette zu sehen ist und welches die anderen Kettenglieder sind.
Die Antwort kann je nach unterstelltem Hauptsinn des Jupiter-Auftritts variieren. 13 Einen
systematischen Ansatz zur Einordnung der Jupiter-Episode in den größeren Romankontext
lieferte Streller, der von „allegorischen Einschüben“ 14 im Roman sprach, sich aber der
Probleme der Definition und genauen Abgrenzung bewusst war. 15 Wichtig ist zweifellos seine
Beobachtung, dass die Jupiter-Episode „die Mitte des Romans bei durchlaufender
Kapitelzählung“ 16 bildet, allerdings nicht die Mitte des III. Buches selbst. Bedauerlicherweise
wirkt Strellers Annahme, die Episode solle - zusammen mit dem Religionsgespräch mit dem
Pfarrer von Lippstadt - nur Simplicius’ „Uninteressiertheit allem gegenüber, was über den
Augenblick und die nächste Zukunft hinausreicht“ 17 dokumentieren, etwas dünn. Für diese
Arbeit jedenfalls sei gesetzt, dass Jupiter und seine Vision (wie auch sein weiteres Auftreten
im Roman) vor dem Hintergrund der sechs Bücher des ‚simplicianischen Lebenslaufes’
betrachtet werden sollen.
11 „Schwarz und Weiß“ bzw. „Satyrischer Pilgram“ (Vgl. Hans Jacob Christoph von Grimmelshausen:
Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch. Nachwort von Volker Meid. Durchgesehene Ausgabe
1996. Stuttgart: Reclam 2005 (= Reclams Universal-Bibliothek Nr. 761).S. 123 u. 303) und „Der Keusche Joseph (vgl. ebd. S. 329). Vermutlich wollte Grimmelshausen hier hauptsächlich den Werbeeffekt nutzen und keine tiefere Botschaft vermitteln.
12 Breuer z. B. suchte Grimmelshausens Staatsauffassung im „Keuschen Joseph“, im „Simplicissimus
Teutsch“ und in „Proximus und Lympida“, vgl. Dieter Breuer: Grimmelshausens politische Argumentation. Sein Verhältnis zur absolutistischen Staatsauffassung. In: Daphnis 5 (1976). S. 303-
332. Breuer beschrieb in seiner sehr eigenwilligen Auslegung den von „Grimmelshausen diskursiv [entworfenen]“ Staat als „absolutistisch-zentralistisch regierten Machtstaat[...]“ und wertet das Parlament nur als „Verwaltung“, statt des Weltreiches soll „ein umfassendes Bündnissystem den Frieden in Europa“ sichern (ebd. S. 326). Völlig berechtigt wurde Breuer dafür von Röper heftig kritisiert (vgl. Anne-Kathrin Röper: Jupiterepisode und Absolutismus. Eine Auseinandersetzung mir Thesen Dieter Breuers. In: Daphnis 23 (1994). S. 685-706).
13 Könnecke etwa nahm so weitgreifend wie neutral an, Jupiters gehöre in die Reihe der Figuren, die „geschichtliche, kirchliche, politische Zustände“ erörtern oder „Moral“ predigen (Gustav Könnecke: Quellen und Forschungen zur Lebensgeschichte Grimmelshausens. Erster Band: Grimmelshausens Leben bis zum Schauenburgischen Schaffnerdienst. Leipzig: Insel-Verlag 1926. S. 245).
14 Siegfried Streller: Simplicianische Schriften. S. 15. 15 Vgl. ebd. S. 15-22.
16 Ebd. S. 17. Bezogen auf die ursprünglichen fünf Bücher.
17 Ebd. S. 34. Ansonsten folgt auch Streller dem Muster der biografischen Interpretation (s. u.), eine (skeptische und daher satirische) Sympathiebekundung Grimmelshausens für fortschrittliche Ideen zu vermuten (vgl. ebd. S. 32-34) oder auch eine „bittere Satire auf die Stellung des Gelehrten in der Welt“ (ebd. S. 185).
5
2.2. Das Problem des Zugangs
Wenig Konkretes ist über Grimmelshausen, seinen Glauben und seine politischen
Überzeugungen bekannt. 18 Nicht nur deshalb erscheint es wenig sinnvoll, bei der
Betrachtung der Jupiterepisode darüber nachzusinnen, was der Autor gemeint haben könnte
und für wie realistisch er die präsentierten Ideen und ihre Verwirklichungschancen hielt, auch
wenn unbestritten ist, dass er an den wichtigen Themen seiner Zeit in seinem Werk Anteil
nahm. 19 Trotzdem gibt es eine lange Tradition der Auslegung der politischen, religiösen und
sozialen Inhalte der umfassenden Vision des scheinbaren oder tatsächlichen Narren Jupiter.
Allzu oft jedoch verfolgten die Forscher mehr die Frage, welcher Autorwille hinter den
Ausführungen zu vermuten ist und ließen dabei rasch den Boden des Romans selbst hinter
sich. 20 Die Jupiter-Episode erscheint dabei als ein abgesonderter Teil, mit dem der Autor
eine bestimmte Botschaft vermitteln wollte, was zu einer Trennung von Form und Botschaft
führt.
Julius Petersen etwa, der allerdings durch seine spätere Parteinahme für das Dritte Reich
diskreditiert ist, 21 vermutete u. a. eine Antwort des national gesinnten „Volksdichters“ 22 auf
französische Anmaßungen 23 und unterstellte, Grimmelshausen habe fortschrittliche Ideen
vertreten aber „aus Scheu sich zu ihr zu bekennen, die Idee im Narrengewand verhüllt[…]“ 24 .
Der langjährige bedeutende Grimmelshausenforscher Scholte wertete die Jupiter-Episode
praktisch nur als eine Abrechnung Grimmelshausens mit dem Kopf einer der
Sprachgesellschaften seiner Zeit, Jesaias Rompler von Löwenhalt, bei einem gleichzeitigen
satirischen Hinweis der Leser auf religiöse Reformideen. 25
18 Zur Biografie vgl. Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen. Werke I/1. Hrsg. von Dieter Breuer.
Frankfurt: Deutscher Klassiker Verlag 1989 (= Bibliothek der Frühen Neuzeit Band 4/1). S. 703-720; Dieter Breuer: Grimmelshausen-Handbuch. S. 7-26.
19 Zu denken wäre an die Traktate, die Grimmelshausen selbst verfasste oder an denen er mitwirkte
(vgl. ebd. S. 219-243). Vgl. auch Stefan Trappen: Konfessionalität, Erbauung und konfessionell gebundene Traditionen bei Grimmelshausen. In: Simpliciana XVIII (1996). S. 53-73 und Dieter Martin: Grimmelshausen und die gelehrten Diskurse seiner Zeit. In: Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen. Hrsg. von Heinz-Ludwig Arnold. München: Edition Text+Kritik 2008. S.32-50. ‚Jupiter’ zählt Martin zu den „episodisch auftretende[n] Figuren“, die zur „Vermittlung gelehrter Diskurse“ eingeführt werden (ebd. S. 39).
20 Vgl. die kritischen Anmerkungen von Mannack (Eberhard Mannack: Politische und verfassungsgeschichtliche Aspekte im Werk von Grimmelshausen. In: Daphnis 5 (1976). S. 333-341). Ganseuer trieb dieses Spielchen recht weit, wenn er z. B. über den Helden feststellt, er sei im Idealstaat „als Verfassungsorgan [!] gar nicht vorgesehen“ (Frank Ganseuer: „Teutscher Held“ und „Teutsche Nation“. Die Ironisierung der Kaiserprophetie in der Jupiter-Episode von Grimmelshausens Abenteurlichem Simplicissimus Teutsch. In: Simpliciana X (1988). S. 149-177, hier S. 154) oder darüber nachdenkt, wie das große Parlament Jupiters in die neue Hauptstadt passen soll (ebd. S.
155f). Grimmelshausen mag einige der Ideen durchaus befürwortet haben, ihn völlig beim Wort zu nehmen führt aber zu eher absurden Ergebnissen!
21 Dieter Breuer: Grimmelshausen-Handbuch. S. 265.
22 Julius Petersen: Grimmelshausens „Teutscher Held“. S. 25.
23 Vgl. ebd. S. 15-17.
24 Vgl. ebd. S. 27f.
25 Vgl. Jan Hendrik Scholte: Der religiöse Hintergrund des „Simplicissimus Teutsch“. In: ZfDA 82
(1948). S. 267-290, besonders S. 278-284. und Jan Hendrik Scholte: Religionssatire. S. 15-47,
6
Es scheint nahe liegend, Jupiters Ausführungen mit den humanistischen Utopien der Zeit in
Verbindung zu bringen, deren berühmteste - ‚Utopia’ von Morus - der Gattung den Namen
gab. Sicher gibt es Gründe, die Jupiter-Episode als Utopie zu betrachten oder auch als
Satire auf eine solche. Allerdings läuft auch dieser Ansatz auf eine Herauslösung der
Episode aus dem Roman hinaus. 26
Dass dieses Vermeiden der werkimmanenten Betrachtung eine Tendenz zur unhistorischen
Aktualisierung hat, ist nicht überraschend. 27 Die in der Forschung so beliebten
Spekulationen, ob Grimmelshausen in seiner Jupiter-Episode eigene Ansichten verstecken
wollte, ob er im Gegenteil gerade diese Ideen lächerlich machen wollte oder ob die Wahrheit
dazwischen liegt, mögen im geringen Wissen über den Autor begründet liegen, das in der
Vergangenheit gern mit den Angaben aus seinen Werken aufgefüllt wurde. Diese eher
biografisch motivierten Überlegungen haben aber zu einer letztlich grundlagenlosen Reihe
von Vermutungen geführt, ohne dass für das Verständnis des Werkes allzu viel gewonnen
wäre. Grundsätzlich ist dieser Ansatz daher sehr skeptisch zu betrachten, er kann ebenso
spekulativ wie selektiv sein. Je nach Ausrichtung des Forschers wird die komplexe Vision
Jupiters ebenso zum Plädoyer für demokratischen Parlamentarismus wie für den
Führerstaat! 28 Wo Bezüge hergestellt werden überzeugen diese zudem nicht immer. 29 Daher
besonders 24-47. Insoweit kann auch die Verwendung einer bestimmten Quelle oder die Imitation einer realen Person als Ausgangspunkt einer Aussageabsicht aufgefasst werden.
26 Schon Müller-Seidel machte in der Jupiter-Episode „eine[…] echte[…] Utopie“ aus, die aber durch
ihre „Satire“ gleichzeitig aufzeigt, dass sie in der unbeständigen Welt „nicht zu realisieren“ sei. (Walter Müller-Seidel: Die Allegorie des Paradieses. S. 266). Meid betrachtete die Jupiter-, Mummelsee- und Widertäufer-Episoden als utopisch; vgl. dazu: Volker Meid: Grimmelshausen. Epoche-Werk-Wirkung. München: Beck 1984. S. 110-120; Volker Meid: Utopie und Satire in Grimmelshausens Simplicissimus. In: Utopieforschung. Interdisziplinäre Studien zur neuzeitlichen Utopie. Zweiter Band. Hrsg. von Wilhelm Voßkamp. Stuttgart: Suhrkamp 1985 (= Suhrkamp Taschenbuch 1159). S.249-265; Stefan Trappen: Grimmelshausen und die menippeische Satire. Eine Studie zu den historischen Voraussetzungen der Prosasatire im Barock. Tübingen: Niemeyer 1994 (= Studien zur deutschen Literatur Band 132). S. 295-305.
Vgl. auch Ganseuers Vorschlag, die fünf Utopien des Romans als „Komponenten eines utopischen Gesamtentwurfes“ einzuordnen (Frank Ganseuer: „Teutscher Held“ und „Teutsche Nation“. S. 176, Anmerkung 206). und die kritischen Anmerkungen von Theodor Verweyen u. Gunther Wittig: Zum deskriptiven Gehalt des Utopiebegriffs. Dargelegt anhand von Grimmelshausens „Simplicissimus“ und Goethes „Meister“-Romanen. In: GRM 43 (1993). S. 399-416, besonders S. 405-408. Koeman bestreitet gar, dass die Jupiter-Episode überhaupt eine Satire, Utopie und/oder Prophetie sei (vgl. Jakob Koeman: Grimmelshausen-Rezeption. S. 85-87) und begründet dies mit Jupiters offensichtlicher Geisteskrankheit.
27 Vgl. etwa: „Diese Prophetie des närrischen Poeten […] erweist unseren Dichter als einen seiner Zeit
um 300 Jahre vorauseilenden Geist“ (Manfred Koschlig: Der ingeniöse Grimmelshausen. In: Ders.: Das Ingenium Grimmelshausens und das „Kollektiv“. Studien zur Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des Werks. München: Beck 1977. S. 217-237, hier S. 218; Vgl. auch Curt Hohoff: Johann Christoph von Grimmelshausen. In Selbstzeugnissen und Bilddokumenten dargestellt von Curt Hohoff. Hamburg: Rowohlt 1978. S. 67-74; Peter Triefenbach: Der Lebenslauf des Simplicius Simplicissimus. Figur-Initiation-Satire. Stuttgart: Klett-Cotta 1979. S. 252-254.
28 „Jede Interpretation steht vor der schwierigen Frage: Welche Elemente in Jupiters Reformplan sind
an sich logisch […]; welche Elemente sind teilweise oder ganz undenkbar, illusorisch oder verrückt?“, brachte es Koeman auf den Punkt (Jakob Koeman: Grimmelshausen-Rezeption. S. 87). Natürlich unter der Voraussetzung, dass es eine verborgene Wahrheit gibt! Vgl. auch Rainer Hillenbrand: Erzählperspektive und Autorintention in Grimmelshausens Simplicissimus. Ein poetologischer
7
soll hier von einer inhaltlichen Interpretation im Bezug auf die Handlungszeit des
Dreißigjährigen Krieges oder die Veröffentlichungszeit des Werkes abgesehen werden. 30
Allerdings wird im Quellenexkurs für einige diesbezügliche Anmerkungen Platz sein.
3. Jupiter und seine Vision
3.1. Der Kontext der Jupiter-Episode im ‚Simplicissimus Teutsch’
Zu Beginn des III. Buches des „Simplicissimus Teutsch“ befindet sich der Titelheld auf einem
(wenn nicht dem) Höhepunkt seines weltlichen Erfolges. Vom Bauernjungen ist er zum
Einsiedel geworden, zum Hofnarren und Kriegsgefangenen. Nun hat ihn das wechselvolle
Rad der Fortuna in die Höhe einer militärischen Karriere gehoben, Simplicius Simplicissimus
agiert er als ‚Jäger von Soest’, kommandiert eigene Soldaten und schwimmt geradezu in
materiellem Reichtum aus Beutezügen. So weit hat er es gebracht, dass ein Nachahmer, der
‚Jäger von Werle’, von seinem Ruf zu profitieren sucht und dafür von Simplicissimus eine
Lektion erhält. Innerlich ist er völlig von der Welt und ihren Verlockungen vereinnahmt, strebt
nach „Ehr, Ruhm und Gunst“ 31 durch allerlei Erfindungen zum effektiveren Ausführen des
Kriegshandwerks und durch ein Buhlen um allgemeine Beliebtheit. 32 Doch dieser „weltliche
Höhepunkt“ ist „zu gleicher Zeit der Tiefststand auf dem Weg zu Gott“. 33 Seine Gottlosigkeit
ist so weit fortgeschritten, dass „Teufelslarven“ 34 als Verkleidung keinerlei Bedenken mehr
auslösen.
In diese Situation fällt das oft und mit großem Interesse diskutierte Treffen: Simplicius fängt
eine seltsame und schillernde Gestalt, einen offenbar Wahnsinniger, der sich für den großen
Gott Jupiter hält und den Soldaten in einer grotesk anmutenden Allmachts-phantasie seine
Kommentar. Frankfurt a. M.: Peter Lang 2008. S. 93f: „Der Auftritt des Verrückten […] ist ein kurioses Beispiel dafür, wie sehr eine ganz offensichtliche Satire mißverstanden werden kann, wenn die Leser selbst mit den verspotteten Meinungen sympathisieren.“
29 So sah etwa Petersen eine Verbindung zwischen dem ‚teutschen Helden’ Jupiters und der
Diskussion über sozialen Aufstieg, die im ‚Simplicissimus’ auftaucht, da „dem teutschen Helden kein ererbtes Recht und keine Zugehörigkeit zu einer Dynastie zugesprochen wird“ (Julius Petersen: Grimmelshausens „Teutscher Held“. S. 26). Ob der Gedanke des ständeübergreifenden Aufstiegs aber tatsächlich auf einen gottgesandten übermenschlichen Helden anwendbar ist, erscheint doch fraglich.
30 Das Buch erschien 1668, vordatiert auf 1669 (vgl. Hans Jacob Christoph von Grimmelshausen:
Simplicissimus Teutsch. S. 725).
31 Ebd. S. 250. „Darbei fieng ich an, […] ein epikurisch Leben zu führen, weil ich meines Einsiedlers
Lehr vergessen und niemand hatte, der meine Jugend regierte“ (ebd. S. 253).
32 Er erfindet Täuschungsstiefel, Fern- und Hörrohr und ersinnt Wege zur Täuschung des Feindes und
zum leichteren Ausplündern der Bauern (vgl. ebd. S. 250-254; zu Grimmelshausens ‚Technikinteresse’ vgl. Manfred Koschlig: Der ingeniöse Grimmelshausen. S. 217-237). Selbst dem ‚Jäger von Werle’ stellt er sich hauptsächlich, weil dessen Verbrechen seinen Ruf schädigen (vgl. Hans Jacob Christoph von Grimmelshausen: Simplicissimus Teutsch. S. 255). Streller sah die „Hoffart“ wirken: „Hoffnungen werden […] erweckt, zum Offizier aufzusteigen, und er überhebt sich über die Kameraden“ (Siegfried Streller: Simplicianische Schriften. S. 23).
33 Jan Hendrik Scholte: Religionssatire. S. 37f. Vgl. auch Rainer Hillenbrand: Erzählperspektive und
Autorintention. S. 91-93 und 98-101.
34 Hans Jacob Christoph von Grimmelshausen: Simplicissimus Teutsch. S. 254. Bald gilt er gar als
Teufelsbündler, was zu einer scheinbaren Läuterung um des guten Rufes willen führt (ebd. S. 259).
8
Arbeit zitieren:
Stefan Krause, 2009, Grimmelshausens "Jupiter", München, GRIN Verlag GmbH
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