Anna Milena Jurca Novalis: Die Christenheit oder Europa 2
noch in den Kinderschuhen steckenden Romans geschenkt - der sicherlich im 18. Jahrhundert als klare Gattung noch nicht erkennbar war, aber doch als bestimmte Form einer Erzählung thematisiert und theoretisiert wurde. Der Roman, durchaus als solcher bezeichnet und mit bestimmten literarischen Vorstellungen versehen, wurde damit Teil einer größeren theoretisch-philosophischen Diskussion, die sich auf Bereiche der Religion, Geschichte, Literatur, Ästhetik und Philosophie erstreckte - kurz, das Unternehmen „Kultur“, an deren konzeptueller Ausformulierung im Europa des 18. Jahrhunderts eifrig gearbeitet wurde. Herder, Kant und Schlegel, um nur die drei Flagschiffe deutscher Geistesgeschichte in dem Epochenhybrid von Romantik und Aufklärung zu nennen, verwendeten einen großen Teil ihrer philosophischen Mühen darauf, herauszufinden bzw. den gängigen Paradigmen gemäß zu konstruieren, was Kultur sei, wie sie sich von der Natur unterscheide und was das Ganze mit dem Menschen und seiner Geschichte zu tun habe. Während sich die Breite der Konzepte zur Geschichte von der Vorstellung einer Kette der Wesen über die Idee von Einheit und Differenz von Geist und Materie bis hin zu Hypostasen- und Emanationstheorien des andauernden Gebären und Wiedergebärens des ursprünglichen Einen zu weiteren Stadien der Existenz erstreckte, fand zumindest die Frage der angemessenen Darstellung der wie auch immer beschaffenen Menschheitsgeschichte zu einer schnelleren Antwort: Es ist zwar ein befremdlicher und, dem Anscheine nach, ungereimter Anschlag, nach einer Idee, wie der Weltlauf gehen müßte, wenn er gewissen vernünftigen Zwecken angemessen sein sollte, eine G e s c h i c h t e abfassen zu wollen; es scheint, in einer solchen Absicht könne nur ein R o m a n zu Stande kommen. (Kant, S. s48)
Da finden sich zumindest die wesentlichsten Dinge versammelt, die sich noch mit Sicherheit feststellen lassen: Es gibt einen Weltlauf (history). Der folgt einer Idee
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(zumindest, wenn er vernünftig gestaltet ist). Man kann eine Geschichte (story) dazu abfassen, die die Form eines Romans annehmen muss, wobei sich hier die ersten Probleme ergeben, will man noch sichere Aussagen treffen. Der Roman (das klingt rein grammatikalisch leider nach einer festen Vorstellung über ein abgeschlossenes Ganzes) ist mannigfache und vielgestaltige Debatten über sein Aufkommen, seine Struktur und Form, seine Geschichte, seine Theorie und seine schlichte Existenz als „Genre“ bereits seit Längerem gewohnt. Was ihn zumindest gegenüber seinen althergebrachten Gattungs-Brüdern (Drama, Epos, Lyrik) auszeichnet, ist, dass er nicht in den Kanon klassischer, damit vor allem römisch-griechischer Vorbilder, Literatur geboren wurde, sondern eher ein Chimära aus verschiednen Textsorten, Genre und Gattungsfragmenten ist (vgl. Schlegels Lucinde). Genauer gesagt fällt das Auftauchen des Romans als Konzept im 18. Jahrhundert zusammen mit der Abwendung der von der Literaturwissenschaft später als „Romantiker“ bezeichneten Autoren zusammen, die sich gegen die klassischen Stilformen und Vorbilder der Literatur aussprachen und im teilweise im wahrsten Sinne des Wortes Volkssprache und Volksdichtung (vgl. Tiecks, Brentanos und Novalis’ Kunstmärchen) ins Pantheon anerkannter Literatur erhoben. Die Ablehnung von lateinischer Sprache und die Zurückweisung der lange Zeit Alleinanspruch auf Geltung erhebenden Stil- und Genreformen und die Hinwendung zu Volksmärchen, Volkssprache (Deutsch) und Mittelalter war jedoch kein linearer und einseitiger Prozess. Vielmehr zeichnet sich die Romantik gerade dadurch aus, dass Wunderbares und Alltägliches miteinander vermischt und ineinander verwoben auftreten, ein Umfeld, in dem eine Hybridform wie der Roman hervorragend gedeihen und zu Ansehen gelangen konnte.
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Die Faszination für die inzwischen zur Gattung erklärten Struktur „Roman“ speist sich zum Gutteil aus genau dieser Fähigkeit, verschiedener Formen zu verinnerlichen oder gar zu verschlucken, ohne jedoch seine konzeptuellen Charakteristika als Roman zu verlieren: Der Roman „is thus best conceived either as a supergenre, whose power consists in its ability to engulf and ingest all other genres […]; or not a genre in any strict, traditional sense at all.” (Holquist, S. xxix) Bei allem später hinzugefügten Theoriewerk auf dem 19. und 20. Jahrhundert finden sich jedoch bereits in der Epoche der Romantik einige grundsätzliche Vorstellungen, die für die nächsten zwei Jahrhunderte der Idee „Roman“ einen Rahmen gaben. Dazu haben literarische Werke wie Die Leiden des jungen Werther, Wilhelm Meisters Lehrjahre, Hyperion und Lucinde Muster gegeben, das konzeptuelle Fundament findet sich jedoch auch in für die Romantik wichtigen theoretischen, philosophischen und literaturästhetischen Abhandlungen (vgl. Lessings Erziehung des Menschengeschlechts, Schlegels Über Wilhelm Meister), von denen eine unter den Gesichtspunkten der von ihr geforderten narrativen Struktur und der darin formulierten geschichtsphilosophischen Vorstellungen untersucht werden soll: Novalis’ Europa. Novalis’ 1826 posthum unter dem Titel Die Christenheit oder Europa veröffentlichte Rede stellt inhaltlich knapp zusammengefasst den Entwurf einer idealen Zeit dar, in der weltliche Kräfte in einer friedlichen Zeit unter einem Oberhaupt (Papst) sinnvoll geordnet sind. Nach einer Zeit des Niedergangs und Verfalls wird eine in der Zukunft angesiedelte Verjüngung der Geschichte und eine Wiedervereinigung Europas unter dem Schutz des Christentums verkündet. In Kongruenz zum Inhalt ist die Europa ihrer Struktur nach unterteilt in drei Triaden (vgl. Malsch, S. 37), deren erste die Einheit der Wesen und Dinge unter der Religion beschreibt. Die zweite widmet sich der durch
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die Reformation zerstörten Einheit der Religion in Wissen und Glauben, während die dritte Triade ein vereinigtes Europa unter kirchlicher Vorherrschaft als Erneuerung des Mittelalters prognostiziert.
Schon anhand dieser knappen Inhaltsdarstellung lassen sich einige der angesprochenen Elemente bezüglich narrativer Struktur und romantischen Ideenguts feststellen: Erstens findet sich eine Orientierung hin zum Mittelalter inklusive dem Entstehungs- und Verbreitungskontext des Christentums und der katholischen Kirche. Große Teile der idealen Epoche der Vereinigung unter dem Schutzbann des Christentum sind im Mittelalter angesiedelt und wohlgemerkt nicht in der Antike, die lange Zeit als ideal vorgestellte Epoche in politischer, philosophischer und literarischer Hinsicht die Rolle eines geistesgeschichtlichen Paradigmas übernommen hatte: Neuartig und für die Frühromantik entscheidend ist dabei allerdings die Rückwendung auf das Mittelalter, Seit der Renaissance hatte man die Antike an den Anfang der Bildungsgeschichte der Menschheit gestellt und jeden Abfall von ihr als Verdunklung des Geistes, als Niedergang der Kultur angesehen. (Mähl, S. 373)
Die Grundlagen der europäischen Geschichte werden im Mittelalter angesiedelt und dieser Epoche damit eine formgebende Bedeutung für die europäische Geistesgeschichte eingeräumt. Damit ist auch ein neues Konzept von Kultur geboren, das sich nicht mehr nur auf die klassische Antike beruft, sondern dem Mittelalter eine besondere Rolle einräumt, die auch Samuel festhält, wenn er die Mittelalterstudien von Novalis beschreibt:
Hardenberg beschäftigte sich [...] intensiv mit der Geschichte, ihrem sachlichen Studium sowohl als ihrer philosophischen Bedeutung. Sachlich vertieft er sich besonders in die Quellen mittelalterlicher Geschichte und gewinnt allmählich ein neues Bild von der Bedeutung des Mittelalters innerhalb der Weltgeschichte. (Samuel, S. 288-289)
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Mit der Inkorporierung des Christentums und der Ansiedlung der Ursprungsutopie im Mittelalter ist nicht nur ein Argument für eine Neubewertung der bisherigen Idealkonzeption gemacht, sondern auch eine Aussage über die Vorstellung einer geistesgeschichtlichen Zukunft unter veränderten Vorzeichen getroffen: Klare Logik und Rationalität, stilistische Reinheit und Vernunft werden von den Romantiker nicht mehr wahrgenommen als alleingültiges Paradigma, sondern es wird plädiert für eine Durchdringung von Wunderbarem und Alltäglichem sowie ein Miteinander von Rationalität und Gefühl, um der Fehlannahme zu entgehen, „alles Große und Wunderwürdige zu verachten, und als tote Gesetzeswirkung zu betrachten“ (Novalis, 501).
Zweitens zeigt sich Geschichte als Idee einer Kette von Ereignissen und Epochen, die ihrerseits die Eigenschaften von sowohl Degeneration als auch die inhärente „Fähigkeit zu humanistischer Regeneration in der Geschichte“ (Schulz, S. 129) aufweisen. Die Ereignisse, wie sie in der Europa dargestellt sind, verlaufen einer strikten Linearität folgend entlang der Prinzipien Niedergang und Erneuerung, durch die Werden und Vergehen in der Geschichte begründet und zu einem gewissen Punkt auch legitimiert werden. Es findet sich nicht die Vorstellung sich wechselseitig beeinflussender Fragmente von Chaos und Komplexität oder eine feststehende, einmal gesetzte und unabänderliche Ordnung der Welt - wie sie die katholische Kirche lange Zeit predigte. Diese geschichtsphilosophischen Konzepte stimmen nicht mit dem Ideengut der Romantiker überein - hier wird ersichtlich, dass das Christentum mehr als theoretisch-ideales Konzept fungiert als dass es inhaltlich als Maßstab zur Erschaffung eines „goldenen Zeitalters“ im Sinne katholischer Frömmigkeit dient. Die Vorstellung von Evolution, die immer höhere Stufen erreicht, formuliert Novalis in der Rede selbst:
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Anna Milena Jurca, 2007, Novalis: "Die Christenheit oder Europa" - Die Geburt der europäischen Geschichte aus dem Geiste der Erzählung, München, GRIN Verlag GmbH
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