I. Einleitung. 3
II. Theoretische Grundlagen 4
a) Psychoanalyse: Erinnern als Prozess, Wiederholung und Übertragung 4
b) Kritische Geschichtstheorie: Geschichte als Rhetorik, Dialog und Kontext. 6
III. Erinnern und Schuld in Kindheitsmuster 7
a) Erinnerungsarchäologie 7
b) Die dialogische Struktur des Erinnerns 9
c) Die Dynamik von Erinnerung und Bewertung 12
d) Erinnerung vor der Folie des kollektiven sozialen Gewissens 15
e) Erinnerungsarbeit als Auseinandersetzung mit Schuld 16
f) Die Dialektik von Bewusstlosigkeit und Schuld. 20
IV. Schluss 21
V. Literaturangaben 23
2
I. Einleitung
„Wie sind wir so geworden, wie wir heute sind?“ (307) ist die zentrale Frage in Kindheitsmuster 1 . Sie ist der Überschneidungspunkt der beiden Kerndiskurse Erinnerung und Vergangenheit - verbunden mit dem Versuch, sie in der Dialektik von Subjektivität und Objektivität beider Sphären zu verstehen: Was ist die eigene Vergangenheit und wie wird sie erinnert? Was ist allgemeine Geschichte und wie funktioniert die nachträgliche Auseinandersetzung mit ihr?
Die These der Arbeit ist, dass sich an dem Überschneidungspunkt des Erinnerungs- und Geschichtsdiskurses im Zusammenhang mit der „problematischen“ Vergangenheit der NS-Zeit die Frage der Schuld stellt - Schuld nicht im Sinne der Verantwortung an konkreten Verbrechen, sondern im Sinne einer Untersuchung des eigenen Gewissens auf Handeln, Unterlassen, Überzeugungen und Gefühle sowie des Stellens der Frage nach einem Schuldgefühl in der Vermittlung zwischen subjektiver Vergangenheitserfahrung und einem kollektiven moralischen Gewissen, dass die Geschichte bewertet. Die Arbeit untersucht die Erinnerung unter besonderer Berücksichtigung der Frage, inwieweit die Durcharbeitung und Rekonstruktion der eigenen Erinnerung auch Auseinandersetzung mit Schuld ist.
Es ist nicht Ziel der Arbeit, die Frage der Schuld abschließen darzustellen. Die Forschung setzt sich mit dem Thema Schuld v.a. aus psychoanalytischer Sicht hinsichtlich der Schreibmotivation und -barrieren (Adler, Zahlmann, Pickerodt) sowie unter dem Aspekt des „Musters“ vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Rollen (Rietsch, Adler, Hartmann, Levine) und der besonderen Situation des Nationalsozialismus (Jansen, Gät-
3
tens, Assmann) auseinander. Weitere Kommentare zum Thema finden sich bei der Autorin selbst (Kindheitsmuster, Subjektive Authentizität, Erfahrungsmuster, Eine Diskussion über Kindheitsmuster). Während die Forschung jeweils Einzelaspekte untersucht, legen sowohl die untersuchten Textstellen des Romans als auch die Selbstkommentare Wolfs eine größere Perspektive nahe, deren wesentliche Kernelemente und strukturelle Dynamik diese Arbeit untersucht: Wie und unter welchen Umständen lässt sich überhaupt nach Schuld fragen und wie werden mögliche Antworten diskutiert?
II. Theoretische Grundlagen
a) Psychoanalyse: Erinnern als Prozess, Wiederholung und Übertragung
Das Gedächtnis und der Prozess des Erinnerns hat die Psychoanalyse seit ihrer Entstehung als Disziplin besonders hinsichtlich des Zusammenspiels und der Funktionen von Vergessen, Verdrängen und Erinnern für den Menschen beschäftigt. Erkenntnisse der Psychoanalyse werden daher den ersten Teil der methodischen Herangehensweise an Kindheitsmuster liefern.
Vor einer näheren Betrachtung des Erinnerungsprozesses ist eine grundlegende die Erinnerung betreffende Unterscheidung sinnvoll. Diese betrifft die Annahme, dass bloßes „Speichern“ von Informationen wie Namen und Daten nach grundsätzlich anderen Mustern verläuft als das Erinnern von Beziehungen, Zusammenhängen und Gefühlen. 2
1 Wolf, Christa: Kindheitsmuster. München 1999. (Die Angaben in Klammern im Text beziehen sich auf
diese Ausgabe.)
2 vgl. Freud: Erinnern, S. 128.
4
Eine sinnvolle Trennung ist die zwischen ars und vis 3 . Ars entspricht der mechanischen Speicherfunktion des Gedächtnisses, das Informationen konserviert und zum Abrufen bereithält, wohingegen vis den komplexen Prozess der „identitätsstiftenden Erinnerung“ 4 beschreibt. Vis beinhaltet keine Unabhängigkeit der Erinnerung vom Erinnerungszeitpunkt, vielmehr greifen „Verschiebung, Verformung, Entstellung, Umwertung [und] Erneuerung“ 5 in die rekonstruktiven Vorgänge ein, die sich in einem Wechselspiel von Gegenwart und Vergangenheit sowie von Erinnern und Vergessen konstituieren. Eine begriffliche Trennung von Gedächtnis, Erinnerung und Erinnern berücksichtigt dies. Eine ähnliche Unterscheidung nimmt Freud vor, indem er das Vergessen im Sinne eines „Absperrens“ von Eindrücken und Erlebnissen dem Verdrängen von „rein interne[n] Akte[n]“ 6 wie „Phantasien, Beziehungsvorgänge[n], Gefühlsregungen, Zusammenhänge[n]“ 7 gegenüberstellt. Das Erinnern an letztere sei mit Verdrängungswiderständen verbunden, die beispielsweise durch die Erfahrung einer Schuld oder Verletzung auftreten können. 8 Der Möglichkeit der Versöhnung mit dem Verdrängten durch intensive Bewusstmachung der verborgenen Widerstände liegt die Vorstellung eines die Umsetzung des zu Erinnernden in aktive Handlungen durch Widerholung betonenden Übertragungs-vorgangs zu Grunde. Wiederholung ist Übertragung des Erinnerten nicht nur auf die Metainstanz Arzt, sondern auch auf den gesamten gegenwärtigen Kontext. Der Übertra-gungsvorgang setzt unbewusste Vorgänge unter Überwindung oder zumindest Bearbeitung der Widerstände in bewusste und deren Mitteilung um. Erinnern ist ein Vermitt-
3 vgl.Assmann: Erinnerungsräume, S. 27-32.
4 Assmann: Erinnerungsräume, S. 29.
5 Ebenda, S. 29.
6 Freud: Erinnern, S. 128.
7 Ebenda, S. 128.
8 Vgl. Freud: Erinnern, S. 129-130. Vgl. Adler: Scham und Schuld, S. 9-10, 13, 17.
5
lungsprozess zwischen Erinnerungsgegenwart und erinnerter Vergangenheit, der nachträglich Deutung, Verständnis und Wertung konstruiert. Der dynamische Vorgang der Erinnerungsrekonstruktion ist zu einem gewissen Ausmaß stets Konstruktion der eigenen Geschichte und Selbstkonstitution. 9
b) Kritische Geschichtstheorie: Geschichte als Rhetorik, Dialog und Kontext
Die (Re)Konstruiertheit der eigenen Geschichte findet auch ihre Berücksichtigung durch die Geschichtstheorie in die dialektische Vermittlung zwischen Gegenwart und Vergangenheit betonender Ansätzen (LaCapra). Eine Analogie zur Differenzierung des Gedächtnisses in ars und vis bzw. der Erinnerung in Speicher und Prozess findet sich in der Dichotomie von dokumentarischem Wissen und rhetorischem Austausch. 10 Während ersteres die Vorstellung der positivistischen Geschichtswissenschaft darstellt, findet sich in der kritischen Theorie der Geschichtswissenschaft eine Betonung des „dialogical un-terstanding if discourse and of ‚truth’ itself“ 11 .
Um ein Verständnis der Vergangenheit zu erhalten, sei ein dialogorientierter Austausch zwischen Gegenwart und Vergangenheit notwendig, der die politischen und wirtschaftlichen Umstände, den kulturellen und sozialen Kontext, die Ideologie und die Rolle des Historikers als Grenzen und Bedingungen des Verstehens der Vergangenheit mitberücksichtigt. 12 Der Dialog mit der Vergangenheit schließt ein Bewusstsein über die falsche Dichotomie zwischen nur dokumentarischer Objektivität einerseits oder nur relati-
9 Vgl.Finck: Subjektivität und Geschichte, S. 313-314. Vgl. Gutjahr: Erinnerte Zukunft, S. 55.
10 Vgl. LaCapra: History and Criticism, S. 36f.
11 Vgl. ebenda, S. 36.
12 Hier stößt die Arbeit an eine ihrer Grenzen, da der Erinnerungskontext der DDR, d.h. der Schreibzeit von
Kindheitsmuster, nicht berücksichtigt werden kann. Die zu Grunde gelegte Methode geht an dieser Stelle
6
vistischer Subjektivität andererseits mit ein. Beide unterstützen sich gegenseitig in einem dialogischen Vermittlungsprozess, der den einzigen Weg zu einem kritischen Verständnis der Vergangenheit um ihrer selbst willen und nicht für einen gegenwärtigen Zweck eröffnet. 13
Mit Berücksichtigung dieses postmodernen Ansatzes ist nicht nur das Auffinden neuen Materials ein Weg der Erkenntnis, sondern auch eine neue Lesung von bereits vor-handenem Material, 14 oder, in anderen Worten, eine Wiederholung im psychoanalytischen Sinne, d.h. eine Übertragung auf die Umstände. Die eigene Geschichte wird also sowohl im Kontext der Vergangenheit als auch im Kontext der Gegenwart erinnert - damit sind neue Lesungen der gleichen Erinnerung zu verschiedenen Zeitpunkten sondern Akte der Übertragung. Wolfs Erinnerungsarchäologie verbindet die beiden angesprochenen theoretischen Diskurse und macht eine Interpretation plausibel, die eben jene Vergangenheitsbeziehungen und das „Netzwerk[] von dialektischen Abbildungsbeziehungen“ 15 bewusst macht, problematisiert und die Struktur ihres bedeutungsmanifestierenden Zusammenspiels darstellt.
III. Erinnern und Schuld in Kindheitsmuster
a) Erinnerungsarchäologie
Sowohl die Reflexionen über Geschichte als auch über Erinnerung dienen Wolf als Metaebene zum eigenen Schreiben und Erinnerungs- bzw. Vergangenheitsbearbei-
überdie tatsächliche Anwendung auf das Untersuchungsobjekt hinaus. Es geht daher primär darum, ein
Bewusstsein dafür zu schaffen, dass die Perspektive des Themas weiterreicht als dargestellt wird.
13 LaCapra: History and Criticism, S. 137. Vgl. auch Pickerodt: Christa Wolfs Roman, S. 297.
14 LaCapra: History and Criticism, S. 20. Zur Postmoderne in Kindheitsmuster vgl. Finck: Subjektivität und
Geschichte.
15 Wilke: Hang der Geschichte, S. 500.
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Arbeit zitieren:
Anna Milena Jurca, 2006, Wenn Erinnern Schuld ist, München, GRIN Verlag GmbH
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