Evolutionäre Psychologie
als einziger rezenter Vertreter der Familie Hominidae angeführt wird. Dagegen stellt die moderne Phylogenetische Systematik (vorwiegend aufgrund molekularer Merkmale) den Menschen gemeinsam mit dem Schimpansen und dem Gorilla in die Unterfamilie der Homininae, sodass als einziger Vertreter der Unterfamilie der Ponginae der Orang-Utan verbleibt; Homininae und Ponginae werden schließlich zur Familie der Hominidae zusammengefasst.
So bestehen also zwei Auffassungen darüber, was eigentlich „Hominiden“ seien: In der traditionellen Klassifikation handelt es sich dabei um eine Familie, in welcher lediglich der Mensch und seine Vorfahren seit der Trennung von der Schimpansenlinie zusammengefasst werden. Dagegen enthält diese Familie nach der modernen Klassifikation auch die großen Menschenaffen.
Wenn im Folgenden dieser modernen Klassifikation der Vorzug gegeben wird, geschieht dies aus zwei Gründen: Einerseits zeigt sich in den biologischen Wissenschaften ein starker Trend zur Bevorzugung molekularer Verwandtschaftsbeziehungen gegenüber morphologischen Strukturähnlichkeiten 1 . Andererseits konnte gezeigt werden, dass zwischen dem Menschen und dem Schimpansen eine engere genetische Verwandtschaft besteht als zwischen dem Schimpansen und dem Gorilla - wodurch das Herausnehmen des Menschen aus der Familie, in welche Schimpanse und Gorilla eingeordnet werden, unplausibel wurde.
1.2) Evolutionstheoretische Grundlagen der Hominidenforschung:
Carl von Linné (1707-1778):
Es lässt sich aus heutiger Sicht wohl nicht mehr entscheiden, inwieweit sich Linné über die enormen Konsequenzen im klaren war, als er in der dritten Auflage seines Buches Systema naturae den Menschen gemeinsam mit dem Schimpansen und dem Orang-Utan in der Ordnung der Primaten zusammenfasste (Abb. 1). Denn er hatte ja mit diesem Schritt den Menschen von seinem besonders privilegierten Platz im christlichen Schöpfungsmythos heruntergestoßen und ihm einen weit weniger spektakulären inmitten des Tierreichs zugeteilt. Die von Linné entwickelte - und bis heute gebräuchliche - binäre Nomenklatur beruhte auf der Entdeckung morphologischer und struktureller Verwandtschaftsbeziehungen im Tier- und Pflanzenreich. Da Linné von der unveränderlichen Konstanz der Arten ausging, findet sich in seinen Büchern noch keine evolutionistische Erklärung der Ähnlichkeiten von Lebewesen 2 .
1 Dies ist nicht nur als Mode zu verstehen, sondern beruht auch auf der besseren Erklärungs- und Quantifizierungsfähigkeit molekulargenetischer Modelle gegenüber anatomisch-morphologischen.
2 Sein berühmtes Postulat “Nullae species novae” relativierte Linné allerdings in seinen späteren Lebensjahrenvielleicht war ihm klar geworden, dass sein nomenklatorisches System einer sich verändernden Tier- und Pflanzenwelt besser entsprach als einer statischen.
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Jean-Baptiste de Monet de Lamarck (1744-1829):
Im Gegensatz zu Linné wandte sich Lamarck (Abb. 2) explizit von der statischen Konstanz der Arten ab: Er entwarf stattdessen eine die Evolution der Lebewesen propagierende Theorie, wobei er von der Entwicklung der Arten durch Vererbung funktioneller Anpassungen ausging.
Wenn auch Lamarcks Gedanke einer evolutionären Veränderung der Tier- und Pflanzenwelt unbestreitbar richtig war, so ließ sich allerdings seine Begründung des Wandels der Arten durch einen den Organismen innewohnenden Vervollkommnungstrieb und die in der Folge auftretende Vererbung der so erworbenen Eigenschaften nicht verifizieren. Dass sich Lamarcks Gedanken zu seinen Lebzeiten nicht durchsetzen konnten, lag am heftigen Widerspruch des einflussreichen Zoologen Georges Cuvier (1769-1832), der an der unveränderlichen Konstanz der Arten festhielt.
Charles Darwin (1809-1882):
Somit ist der endgültige Durchbruch eines evolutionistischen Weltbildes - und damit die theoretische Grundlage der Hominidenforschung - erst in das Jahr 1859 zu datieren, jenes Jahr also, in welchem Darwin (Abb. 3) On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life veröffentlichte. Die darin vorgestellte Evolutionstheorie postulierte eine auf natürlicher Selektion und Mutation des Erbmaterials basierende Entwicklung aller Lebewesen: Zufällig stattfindende Mutationen würden eine Veränderung des Erbmaterials bewirken, welche es einer Spezies erschweren oder erleichtern würden, die Anforderungen ihres Lebensraumes zu bewältigen. Somit würden „ungünstige“ Mutationen über die natürliche Selektion zu einem Aussterben
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der betroffenen Spezies führen, während „günstige“ Mutationen das „Survival of the fittest“ zur Folge hätten 1 .
Obwohl in diesem Buch mit der Ausnahme des dieser Arbeit vorangestellten Mottos kaum ein Wort über die Entwicklung des Menschen zu finden ist, war dem Autor - ebenso wie seinen Zeitgenossen - v ollkommen klar, welche weitreichenden Schlüsse auf die Entstehung des Menschen aus seiner Theorie gezogen werden müssten. Nachdem sich Darwin nach dem Erscheinen seines Hauptwerks massiven
Anfeindungen insbesondere von klerikaler Seite ausgesetzt sah, wartete er zwölf Jahre, ehe er schließlich The Descent of Man veröffentlichte, in welchem er nun nicht nur die Ergebnisse seiner früheren Arbeit explizit auf die Entwicklung des Menschen bezog, sondern auch die Beobachtungen weiterer in der neu entstandenen Evolutionsforschung tätiger Wissenschaftler, wie beispielsweise E. Haeckel (1834-1919) oder T. H. Huxley (1825-1895), einflocht: In diesem Buch proklamierte er nicht nur die Menschenaffen als die nächsten rezenten Verwandten des Menschen 2 , sondern vermutete bereits den Ursprung der Menschheit in Afrika 3 .
Darwins Vermutung, dass der Mensch von einem frühen Menschenaffen abstammte, ist eine Konsequenz seiner Evolutionstheorie, beruht aber keineswegs auf Fossilienfunden. Im Gegenteil, erst Darwins Theorie führte dazu, dass sich Wissenschaftler angesichts von Knochenfunden die Frage stellten, ob es sich dabei um die Überreste eines Vorläufers des heutigen Menschen handeln könnte.
1 Darwin konnte dabei nicht wissen, welche molekularbiologischen Mechanismen dem Entstehen von Mutationen zu Grunde liegen. Erst ein Jahrhundert nach dem Erscheinen seines Hauptwerkes war es gelungen, das Erbmaterial als eine lange doppelhelikal gewundene, im Zellkern zu Chromosomen kondensierte Abfolge von Nukleinsäurepaaren und Mutationen als durch „falsch“ eingebaute Nukleinsäuren verursachte Proteinveränderungen zu identifizieren.
2 C. Darwin: The Descent of Man. Kap. 6 - On the Affinities and Genealogy of Man: “The anthropomorphous apes, namely the gorilla, chimpanzee, orang, and Hylobates, are by most naturalists separated from the other Old World monkeys, as a distinct sub-group. […] If the anthropomorphous apes be admitted to form a natural sub-group, then as man agrees with them, not only in all those characters which he possesses in common with the whole catarhine group, but in other peculiar characters, such as the absence of a tail and of callosities, and in general appearance, we may infer that some ancient member of the anthropomorphous sub-group gave birth to man.”
3 C. Darwin: The Descent of Man. Kap. 6 - On the Affinities and Genealogy of Man: “It is therefore probable that Africa was formerly inhabited by extinct apes closely allied to the gorilla and chimpanzee; and as these two species are now man's nearest allies, it is somewhat more probable that our early progenitors lived on the African continent than elsewhere.”
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Nachdem Bergleute 1856 in der Kleinen Feldhofer Grotte im Neandertal Teile eines Skeletts gefunden hatten (Abb. 4), kam es erstmals zu einer mit großer Vehemenz geführten Diskussion über die paläoanthropologische Relevanz eines Fossilienfundes 1 .
Und obwohl diese Diskussion durchaus kontroversiell geführt wurde 2 , ist sie als ein Meilenstein der Paläoanthropologie anzusehen: Es war ab nun klar, dass die Frage nach der Existenz von ausgestorbenen Vorfahren des heutigen Menschen gestellte werden musste und dass die Antwort auf diese Frage Licht auf die Stellung des Menschen in der Natur werfen würde.
Bei allem Wert, den der Fund im Neandertal für die Entwicklung der Paläontologie zweifellos hatte, stand jedoch stets außer Diskussion, dass es sich dabei um Knochen eines Menschen handelte. Wenn aber Darwins Theorie zutraf und der heutige Mensch tatsächlich von einem frühen Menschenaffen abstammte, musste es Fossilien geben, die diese Entwicklung dokumentierten, die also Zwischenformen von Menschenaffen und modernen Menschen darstellten.
Der erste, dem ein derartiger Fund gelang, war Eugene Dubois (1858-1940). In der Absicht, Darwins Theorie durch Fossilienfunde zu beweisen, hatte sich der holländische Arzt zuerst in Sumatra und später in Java niedergelassen 3 . Zwischen 1890 und 1892 gelangen ihm
1 Der Fund in der Kleinen Feldhofer Grotte war dabei durchaus nicht der erste paläoanthropologische Fund: In Belgien waren bereits 1829, in Gibraltar 1848 Schädelreste ebenfalls von Homo neanderthalensis gefunden worden. Aber erst angesichts der Fossilien aus dem Neandertal entspann sich eine leidenschaftliche Diskussion, ob es sich bei den gefundenen Knochen um die Überreste eines ausgestorbenen menschenähnlichen Lebewesens handeln könnte.
2 Während William King (1809-1866) bereits 1863 den Begriff Homo neanderthalensis prägte, vertrat etwa Rudolf Virchow (1821-1902), die anerkannteste medizinische Autorität des 19. Jahrhunderts, die Ansicht, dass es sich bei dem Fund aus dem Neandertal um Knochen eines an Rachitis erkrankten zeitgenössischen Menschen handelte.
3 Ein Grund, warum Dubois gerade Südostasien als Expeditionsziel wählte, war die - falsche - Annahme E. Haeckels, die dort lebenden Gibbons wären die nächsten lebenden Verwandten des Menschen. Aber auch die Tatsache, dass er sich als Holländer im damaligen Niederländisch-Ostindien problemlos niederlassen konnte, wird bei der Ortswahl mitgespielt haben.
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mehrere Knochenfunde, die er als Überreste einer Zwischenform von Menschenaffen und Menschen einschätzte und die er folgerichtig als Anthropopithecus erectus („aufrecht gehender menschenartiger Affe“) klassifizierte (Abb. 5).
Als Dubois nach Europa zurückkehrte, um den Fund und seine Interpretation desselben bekannt zu machen, stieß er auf unterschiedliche Resonanz: Während einige Wissenschaftler die Ähnlichkeiten der Fossilien zu den Menschenaffen hervorhoben, betonten andere ihre Menschenähnlichkeit. Konsequenterweise fühlte sich Dubois durch diesen Dissens in seiner Ansicht, eine Zwischenform zwischen den Menschenaffen und dem Menschen gefunden zu haben, bestätigt.
Zwischen 1908 und 1913 wurden allerdings im englischen Piltdown Fossilien gefunden, die Dubois’ Funde weit in den Schatten zu stellen schienen (Abb. 6): Ein extrem menschenähnlicher Schädel und eine genau dazu passende extrem affenähnliche Mandibula mussten zu dem Schluss führen, dass eine enorme Gehirnvergrößerung der erste Schritt auf dem Weg der Menschwerdung des Affen war, während die Veränderungen beispielsweise des Gebisses offenbar erst viel später erfolgt sein konnten; und anscheinend war dieser erste Schritt, ganz im Gegensatz zu den Vorstellungen Darwins oder Haeckels, nicht in Afrika oder Asien, sondern in England erfolgt. Der Piltdown-Mensch, „Eoanthropus dawsoni“, wurde in den darauffolgenden Jahren begeistert diskutiert 1 .
1 So wurden nicht weniger als 500 Doktorarbeiten über diesen Fund geschrieben.
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Es war wohl vorhersehbar, dass sich Raymond Dart unverhohlener Ablehnung gegenübersehen würde, als er 1925 den Fund publizierte, den er ein Jahr zuvor in der Nähe der südafrikanischen Kleinstadt Taung gemacht hatte: Er hatte den Schädel eines fünf- bis sechsjährigen Kindes gefunden, dessen Gehirnvolumen das eines Schimpansen (altersadjustiert) nur geringfügig übertraf, während das Gebiss eher dem eines modernen Menschen ähnelte (Abb. 7). Dart kam zu dem Schluss, dass es sich bei dem Fossil um die Überreste eines Vorfahren des modernen Menschen handelte, und klassifizierte den Fund als Australopithecus africanus („afrikanischer südlicher Affe“).
Der vehemente Widerstand der Paläontologie gegen Darts Publikation ist nachvollziehbar: Wenn der Piltdown-Mensch ein Vorläufer des heutigen Menschen war, so hatte sich die Gehirnentwicklung der Vormenschen lange vollzogen, ehe sich das Gebiss zu dem des modernen Menschen entwickelte. Australopithecus africanus konnte daher kein Vorfahr des Menschen sein, sondern war wohl eher in die Stammesgeschichte des Schimpansen einzuordnen.
Die in den folgenden Jahren gemachten Fossilienfunde wiesen aber seltsamerweise durchwegs viel mehr Ähnlichkeiten zum Kind von Taung auf als zum Piltdown-Menschen. Wenn aber die Veränderungen des Gebisses phylogenetisch älter waren als die Zunahme des Gehirnvolumens, so konnte etwas mit dem berühmten Fund von Piltdown nicht stimmen. Es wurden daher die Piltdown-Fossilien einer neuerlichen Untersuchung unterzogen, die 1953 zu Tage brachte, dass es sich dabei um nichts anderes als eine - nicht einmal besonders raffiniert gemachte - Fälschung handelte 1 .
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts konnten einige Steine im komplexen Puzzle der menschlichen Stammesgeschichte zusammengesetzt werden. So ließ sich ein einigermaßen übersichtliches, wenn auch keinesfalls unumstrittenes, Bild über die Menschheitsentwicklung der letzten 4 Millionen Jahre gewinnen. Die Zeit davor lag allerdings mangels gefundenen Fossilien weiterhin in völligem Dunkel. Erst in den letzten Jahren gelangen einige Funde, die zum Teil auf ein deutlich höheres Alter geschätzt werden. Insbesondere die Entdeckung von Ardipithecus ramidus und der als
1 Der Urheber dieser Fälschung konnte bis heute nicht ermittelt werden. Als Hauptverdächtiger gilt neben Charles Dawson, dem Entdecker des angeblichen Fossils, der Sherlock-Holmes-Erfinder Arthur Conan Doyle: Doyle hatte sowohl Zugang zur Ausgrabungsstätte in Piltdown als auch großes Interesse an der Paläoanthropologie (So behandelte er das Thema des ape-man in seinem Buch The Lost World); als Arzt hatte er leichten Zugriff zu menschlichen Schädeln, während er die Mandibula des Orang-Utans von einem Nachbarn, dessen Bruder Museumsleiter in Borneo (der mit Sumatra weltweit einzige natürliche Lebensraum von Orang-Utans) war, erhalten haben konnte; 1912 (!) schrieb Doyle den Satz: „If you are clever and you know your business you can fake a bone as easily as a photograph.“
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Arbeit zitieren:
Gisela Walter, 2002, Evolutionäre Psychologie, München, GRIN Verlag GmbH
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