Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 2
Ausgangssituation und Durchführung: 4
Theoretischer Teil 7
Was war der Markt im Mittelalter 7
Ein historischer Rückblick allgemein 7
Markthistorie rund um Satzvey 9
Die Vogtei zu Satzvey 13
Das Burggebäude 16
Wie fügt sich der Weihnachtsmarkt in diese Historie ein 16
Weihnachtsmärkte in Deutschland ein erster Survey 16
Emailsurvey 17
Weihnachtsmarkt Christkindlmarkt Burgweihnacht 17
Anfänge und Entwicklung der Weihnachtsmärkte in Deutschland 19
Weihnachtsmarkt Adventmarkt Namensgebungen der Märkte 21
Der Weihnachtsmarkt doch eher ein Adventsmarkt Oder: Warum der
Weihnachtsmarkt ein Weihnachtsmarkt ist 21
Heutige mittelalterliche Weihnachtsmärkte 23
Historische Wurzeln des Advent und Weihnachtsfestes 26
Mittelaltermarkt und mittelalterlicher Markt wo ist der Unterschied 28
Was macht den Unterschied zwischen Historischen Märkten und Mittelalterlichen
Märkten aus 30
Praktische Untersuchung und historischer Rückbezug 30
Setting: Burg Marktgelände und Weihnachtsspiel 31
Festspielburg Historisches Gemäuer für Mittelalterevents 31
Krippenspielbühnen und Marktflächen auf dem Burggelände 32
Weihnachtsspiel 32
Historische Weihnachtsspiele 33
Das Weihnachts oder Krippenspiel auf Burg Satzvey 35
Die Befragung 36
Der Markt 37
Dauer der Anwesenheit der Händler 38
Lokalisation der Stände 40
Beleuchtung 41
Zeitphasen 42
Bekleidung 43
Marktsprache 45
Warenangebot (Kräuter Lederwaren Stoffe Gewandung Weihnachtsartikel etc )
47
Unzeitgemäßes 56
Zusammenfassung 58
Literaturliste 60
Anlagen 68
Fragebogen 68
Fragebogen für Marktbeschicker des Weihnachtsmarktes auf Burg Satzvey 2008 68
2
Fragen an die Städte und Gemeinden 73
Bild und Tabellennachweise 74
Abbildungen Fotographien Graphiken 74
Tabellen 74
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Ausgangssituation und Durchführung:
In den vergangenen gut über zwanzig Jahren, konnte eine Zunahme von Veranstaltungen mit Bezügen zum Mittelalter beobachtet werden. Neben den Ritterfestspielen und Mittelaltermärkten der Sommermonate verzeichnete sich in den letzten Jahren ein Zuwachs an Mittelalterlichen Weihnachtsmärkten 1 .
Dabei fällt auf, dass eine Vielzahl von Begriffen und Vorstellungen zirkuliert, die mit den Bezeichnungen 'Historischer (Weihnachts-)Markt' oder 'Mittelalterlicher (Weihnachts-)Markt' verknüpft sind. Diese werden nicht unwesentlich von den Veranstaltern und Händlern der Märkte generiert. Daher geht es also zunächst im theoretischen Teil darum, einige wichtige Begriffe und deren reale historischen Grundlagen zu klären.
So: Was ist überhaupt ein Weihnachtsmarkt? Hierfür ist die Betrachtung notwendig, was unter diesem Begriff/diesem Phänomen überhaupt zu verstehen ist, in welchen Ausprägungsformen und mit welchen Bezeichnungen er versehen wird. Als Übersichtsarbeit hierzu wurde eine Umfrage bei 2078 deutschen Städten 2 durchgeführt, um eine erste Einschätzung zu erhalten und von hier aus zu der oft so bezeichneten Form des mittelalterlichen oder auch historischen Weihnachtsmarktes überzuleiten.
Im wissenschaftlichen Begriff umfasst das Mittelalter (im deutschsprachigen Raum) eine Zeitspanne von 500 bis 1500 n. Chr 3 . Ein historischer oder mittelalterlicher
1 Vgl. hierzu bspw. HOFFMANN – Mittelalterfeste in der Gegenwart – Die Vermarktung des Mittelalters im Spannungsfeld zwischen Authentizität und Inszenierung, 2005, S. 95 (als Ausweitung der "'Saison' für Mittelalterfeste" über die Schaffung einer weiteren "Kurzsaison im Dezember") und Anhang V, S. 1, zur Anzahl der jährlich stattfindenden Mittelalterfeste ab dem Jahr 1993. Weiterhin in dieser Arbeit Tabelle 3) 2 Grundlage hierfür war die 2078 Städte und verwaltungsrechtlich selbständige Gemeinden umfassende alphabetische Liste der Städte in Deutschland des Internetportals WIKIPEDIA (Link s. Literaturangabe).
3 Der Begriff des Mittelalters, mit der Eingrenzung auf den tausendjährigen Zeitraum zwischen dem 6. und 16. Jahrhundert, hielt in den wissenschaftlichen Sprachgebrauch ab dem 17. Jahrhundert verstärkten Einzug. Auch wenn die Bezeichnung des "medium aevum" bereits davor eingesetzt wurde, so erfolgte die wissenschaftlich-kritische Auseinandersetzung mit diesem Terminus in der Hauptsache zum Ende des 20. Jhs. Als wesentliche deutschsprachige Publikationen der neueren Zeit sind hier zu nennen: REINISCH – Vom Sinn der Geschichte, 1974; WAPNEWSKI – Mittelalter-Rezeption, 1986; BOOCKMANN – Die Gegenwart des Mittelalters, 1988; KÜHNEL/MÜCK/MÜLLER ET AL. – Mittelalter-Rezeption, 1988;
KAHL – Was bedeutet: "Mittelalter"?, 1989; ALTHOFF – Die Deutschen und ihr Mittelalter, 1993, HEINZLE – Modernes Mittelalter, 1994; FUHRMANN – Überall ist Mittelalter – von der Gegenwart einer vergangenen Zeit, 1996; FRIED – Die Aktualität des Mittelalters – Gegen die Überheblichkeit unserer Wissensgesellschaft, 2002; FRYDE/MONNET/OEXLE – Die Deutung der mittelalterlichen Gesellschaft in
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Weihnachtsmarkt greift damit auf mehrere Jahrhunderte der Zeitgeschichte zurück. Aus diesem Grund wird erwartet, dass sich auf derartigen Märkten zahlreiche Darstellungsformen finden lassen, die dieser Epoche entsprechen.
Deutlich sein muss dabei, dass ein solcher Markt in unserer Zeit auch immer ein Kompromiss ist, der nämlich von den Vorstellungen und Erwartungen an das Mittelalter, der Verfügbarkeit von Waren, und den Möglichkeiten der Warendarbietung abhängt. Viele Faktoren, wie u. a. ein anderes Marktverhalten der Besucher (exempl.: Wer kauft heute noch die Weihnachtsgans 4 lebend auf dem Markt?) haben im Laufe der Jahrhunderte das Marktgeschehen verändert. Auch gibt es moderne Erfordernisse der Warendarbietung (Pfand-/Einweggeschirr/-besteck), die aus wirtschaftlichen und/oder lebensmittelhygienischen Gründen erforderlich sind. Die juristischen Aspekte (Marktrecht, Brandschutzordnungen, etc.) werden dabei hier jedoch nicht beleuchtet, sondern allein auf die 'Erscheinungsform' geachtet – die damit von außen vorgegebene Brüche in der Darstellung des Mittelalterbildes aufweisen kann.
Der historische oder mittelalterliche Weihnachtsmarkt ist also das Produkt der Vorstellung eines Marktes zu Zeiten des Mittelalters, wie er zu den heutigen Bedingungen durchgeführt werden kann. BOOCKMANN spricht in solchen Fällen von einem "rekonstruierten Mittelalter". So heißt es:
"Wo wir überlebendem Mittelalter gegenüberzustehen meinen, haben wir es fast stets mit einer komplexen Wirklichkeit zu tun: mit Überresten aus dem Mittelalter gewiß, aber auch mit den Spuren späterer Zeiten, die aus mittelalterlichen Kirchen etwas fast Neues gemacht haben, obwohl der Raum doch der alte geblieben zu sein scheint. Oft genug ist aber auch das nicht der Fall, ist vielmehr, was wir für verbliebenes Mittelalter zu halten geneigt sind, in Wahrheit ein zurückgewonnenes, unter späteren Überformungen freigelegtes oder gar anstelle von späteren Zuständen rekonstruiertes Mittelalter, ein Mittelalter des 19. Jh. nicht selten, das nur
der Moderne, 2006 und HARTMANN/MEYER/MOHRMANN – Historizität – Vom Umgang mit Geschichte, 2007.
4 Die Weihnachtsgans ist hier mehr ein symbolträchtiges Medium bzw. ein Substitut für den Weihnachtsschmaus, der regional verschieden gartet sein konnte, aber u.a. mit Schlachtereien vor den Festtagen einherging. Das Vieh für den Festtagsbraten konnte bis zu einem gewissen Zeitraum vor den Feiertagen noch auf dem Markt erworben werden. Derartige Viehmärkte sind in der aktuellen Zeit nicht mehr sehr weit verbreitet, entsprechen jedenfalls kaum noch den heutigen Vorstellungen und Gepflogenheiten. Darin allein liegt schon ein Wandel des Marktgeschehens.
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Vorstellungen vom Mittelalter entspricht und tatsächlich bloß altertümlich, pittoresk oder anheimelnd ist." 5
Dieses Bild vom Mittelaltermarkt – ein rekonstruiertes Mittelalter in der Neuzeit - gilt es anhand der Analyse eines Einzelfalls zu betrachten.
Hierzu wurde der 'Mittelalterliche Weihnachtsmarkt auf Burg Satzvey' ausgewählt. Dieser Markt wird seit 1996 jährlich unter der Bezeichnung "Burgweihnacht", auf dem Gelände der Burg durchgeführt.
Die Idee zur Studie war, die jeweiligen markanten Merkmale der Mittelalterdarstellung herauszuarbeiten. Dazu erschien es zielführend, sich das Waren- und Unterhaltungsangebot der einzelnen Anbieter/Darsteller des Weihnachtsmarktes anzusehen, wie auch die Art und Weise der Auslage und Darbietung.
Dies geschah zum einen durch Beobachtung und Analyse der situativen und szenischen Gegebenheiten. Zum anderen war beabsichtigt, mittels eines Fragebogens die Anbieter von Waren und die Darsteller von Musik- und Schauspielertrupp zu verschiedenen Merkmalen und Ausprägungen ihres Angebots und Tuns zu befragen. Bei Letzteren musste darauf weitgehend verzichtet werden, da der organisatorische Ablauf eine Befragung nur schlecht bzw. in sehr geringem Umfang ermöglichte. Aus diesem Grunde wurde hierzu fast ausschließlich auf das Instrument der Beobachtung zurückgegriffen.
Bei der Untersuchung war also vordergründig interessant, mit welchen Mitteln die Anbieter und Darsteller ihr Mittelalterbild generieren 6 .
In dieser Arbeit wird jedoch kontrastierend ein historischer Rückbezug erfolgen, um einen Vergleich zwischen der heutigen Darbietung und der bekannten geschichtlichen Realität herzustellen. Dies geschieht mittels Literaturanalyse zu
5 BOOCKMANN, S. 27
6 Eine Befragung der Besucher des Marktes, wie auch eine aus ökonomischen Aspekten durchaus interessante Marktanalyse in Bezug auf Warenangebot und Kaufinteressen konnte aus zeitlichen und personellen Gründen nicht erfolgen. Hierzu sei auf entsprechende Impulsstudien verwiesen, wie: IMOHA – Weihnachtsmärkte als Wirtschaftsfaktor, 2001; STADT LEIPZIG, AMT FÜR STATISTIK UND WAHLEN – Besucherbefragung Weihnachtsmarkt 2008 – Ergebnisbericht, 2008 oder auch WIELAND – Göttinger Weihnachtsmarkt 2008, 2009. Für den Tipp zur IMOHA-Studie bedanke ich mich an dieser Stelle bei Herrn Thomas WIELAND.
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vorausgegangenen empirischen Studien und theoretischen Untersuchungen. An dieser Stelle kann dann gleichfalls gezeigt werden, wo Brüche in der Darstellung des Mittelalterbildes erscheinen.
Theoretischer Teil
Will man sich Marktgeschehen und Marktentwicklung der Zeit des Mittelalters ansehen, so ist zu bemerken, dass der derzeitige Forschungsstand recht spezifiziert ist, sowohl in zeitlicher, als auch in räumlicher Hinsicht.
Eine Analyse des Marktgeschehens im Mittelalter ist eine potentiell revisionsbedürftige Angelegenheit, die nur durch weitere, zukünftige Arbeiten ausgefüllt werden kann. Historische Daten bieten quasi nur Kristallisationspunkte, an denen Geschichte zu Tage tritt. Dazwischen können Lücken von Jahren, Jahrzehnten, aber auch Jahrhunderten sein, bis erneut durch Quellen Situationen belegt werden, die entweder das bereits bekannte nochmals bekräftigen bzw. wiederholen oder vielleicht sogar gänzlich veränderte Zustände schildern.
Ziel dieses Abschnittes ist es daher, die ersten geschichtlichen Hintergründe des Marktgeschehens im Mittelalter im regionalen Umfeld des Ortes Satzvey herauszustellen. Ein Teil dieser historischen Geschehnisse liegt zeitlich rund drei- bis vierhundert Jahre vor der Errichtung der Burg Satzvey, andere hängen wiederum zeitlich und inhaltlich konkret damit zusammen. Dadurch werden mögliche Produktions- und Handelskontinuitäten beleuchtet, welche die Bedeutung der Burg im Hoch- und Spätmittelalter, für das regionale und auch überregionale Marktgeschehen, verdeutlichen. Die Arbeit orientiert sich dabei an Quellen, soweit diese in Editionen vorliegen, und in der Hauptsache an der Sekundärliteratur. Was war der 'Markt' im Mittelalter?
Ein historischer Rückblick – allgemein
Für den Markt des Mittelalters waren vier wesentliche Faktoren konstituierend, die auch für heutige Märkte noch so gelten:
1. Es musste sich um eine Ansammlung oder einen bekannten Ort handeln, an dem Händler und Käufer zum Austausch von Waren und entsprechenden Gegenwerten zusammenkommen konnten. Die Marktdauer konnte dabei auf Tagesmärkte bis hin zu Wochenmärkten aber auch mehrwöchigen Märkten
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angelegt sein. (Mitunter wurde auch die Anzahl der Markttage pro Jahr bzw. die Art des Marktes konkret geregelt 7 ).
2. Der Marktort musste, wegen des Transports der Waren, über Wasser-/Wege (regelmäßig) erreichbar sein – idealerweise über solche Straßen, die auch eine Fernverbindung zwischen größeren und/oder bekannteren Orten ermöglichten 8 .
3. Die Befugnis zur Ausübung des Marktes wurde von einem Grundherrn oder der Kirche wahrgenommen bzw. vom König/Kaiser an Gemeinschaften verliehen 9 . Mit letzterem gingen meist weiterführende Rechte und Pflichten (Zoll, Münze, Marktfrieden, u. a.) einher.
4. Der Markt konnte für Waren des täglichen Bedarfs im allgemeinen (Lebensmittel, Leder-, Töpferwaren, etc.) eingerichtet werden oder ein Spezialmarkt (Butter, Milch, Getreide, Vieh, Holz, Brot, Fleisch, Striezel, etc.) sein 10 .
Wie die Generierung und Gestaltung des Marktes zu bestimmten Phasen des Mittelalters vornehmlich war, wird unterschiedlich bewertet. MITTERAUER sieht, verweisend auch auf Christaller, Märkte als "zentrale Orte", die "nicht unbedingt mit zentralen Siedlungen gleichzusetzen [sind], wenn auch in der Regel eine derartige Übereinstimmung gegeben ist." 11 So wird in den Märkten des Mittelalters eine Tradition antiker Handelsplätze und -verfahren vermutet, die teils aus der Zeit der römischen Besetzung und Koloniegründungen bis über die Zeit der Völkerwanderung hinaus Bestand hatten und auch die Normanneneinfälle des 9. Jh. (im Rheinland)
7 IRSIGLER – Jahrmärkte und Messesysteme im westlichen Reichsgebiet bis ca. 1250; in: JOHANEK/STOOB - Europäische Messen und Märktesysteme in Mittelalter und Neuzeit, 1996, S. 11. IRSIGLER – Messen, Jahrmärkte und Stadtentwicklung in Europa - Mittelalter und frühe Neuzeit, in: IRSIGLER/PAULY – Messen, Jahrmärkte und Stadtentwicklung in Europa [...], 2007, S. 2-4, 6. Dort auch Anregung einer Unterscheidung zwischen "Messen, größeren Jahrmärkten und kleinen Jahrmärkten", wie auch der Kategorie "permanenter Markt", worunter ein Wochenmarkt bzw. täglicher Markt, in der Abgrenzung zu den periodischen Märkten, zu verstehen sei.
8 IRSIGLER, 2007, S. 10. SCHWINGES – Straßen- und Verkehrswesen im hohen und späten Mittelalter – eine Einführung; in: DERS. – Straßen- und Verkehrswesen im hohen und späten Mittelalter, 2007, S. 11.
9 Sofern der Markt nicht an einem "freien Ort" stattfand. EHMANN – Markt und Sondermarkt – Zum räumlichen Geltungsbereich des Marktrechts im Mittelalter, 1987, S. 13; auch verweisend auf weitere Literatur. IRSIGLER, 2007, S. 4-6.
10 Zum Begriff des "Sondermarktes" und der Durchführung bei EHMANN insbesondere S. 247 u. 284. IRSIGLER, 2007. S. 23 - er regt hier an, "eine eigene Typologie der Jahrmärkte und Messen von den jeweils wichtigsten Waren oder Warengruppen her zu entwickeln." Dies ist reizvoll, kann jedoch an dieser Stelle leider nicht erfolgen – die Arbeit wird sich auf die reine Feststellung des thematischen Warenschwerpunktes "Weihnachten" beschränken müssen.
11 MITTERAUER – Markt und Stadt im Mittelalter – Beiträge zur historischen Zentralitätsforschung, 1980, S. 22, 27, Zitat S. 31.
8
überstanden. Neben der Entstehung und Durchführung von Märkten an Kultplätzen wird eine Kontinuität des Marktgeschehens über die keltischen Oppida, römischen Castrae und Civitates, dann über die karolingische bzw. fränkische Zeit (mit den frühen Burgmarktgründungen und Marktrechtsverleihungen an geistliche Herrscher) hinweg, bis hin zu den ersten ottonischen Burg-Stadt-Märkten angenommen 12 . Andererseits wird der Markt als spezielles Phänomen des Spätmittelalters gesehen, eng mit der Gründung von Dörfern und Städten verbunden 13 .
Bereits im 12. Jahrhundert verfügte Deutschland dann über ein gut ausgebautes System an privilegierten Märkten und Jahrmärkten bzw. Messen 14 .
Markthistorie rund um Satzvey
Am Ende des 9. Jh. findet man, in weniger als fünfzehn Kilometern Fußstrecke von Burg Satzvey entfernt, die "villa regia Flameresheim" 15 erwähnt. Ludwig der Deutsche (~806 – 876) nutzte diese auf seinen Visitationen im Land als Königshof, als Residenz für die Dauer seines Aufenthaltes. Heute gehört dieser Ort zur Kreisstadt Euskirchen. Euskirchen selbst, und auch die zugehörenden Ortschaften Euenheim und Billig sollen nach entsprechenden Interpretationen zu jener Zeit ein Zentrum der Tierzucht, insbesondere der Schafzucht, zur Versorgung der königlichen Hofhaltung gewesen sein 16 . Mit diesen Vorstellungen, bspw. des "königlichen Schafstalls", geht auch die Annahme einher, dass die Höfe und Residenzen während des Wanderkönigtums über eine autarke Lebensmittelversorgung verfügten, wie auch alles Lebensnotwendige verfügbar war. So regelte bspw. bereits das Capitulare de villis vel curtis imperii Karls des Großen (~747– 814) in einigen Kapiteln – was für den Fall der königlichen Hofhaltung an Lebensmitteln und Haushaltsgegenständen
12 Ausführlicher bei MITTERAUER, S.50-68. Bei IRSIGLER heißt es jedoch: "Mit einer gewissen Kontinuität der Einrichtung des periodischen Marktes von der Spätantike zum frühen Mittelalter muß gerechnet werden, vor allem in Räumen mit ungebrochener oder kaum beeinträchtigter Tradition urbaner Lebens- und Wirtschaftsweise, [...]. In peripheren Regionen des Römischen Reiches, an Rhein und Donau, kann eine solche Kontinuität nicht ausgeschlossen werden [...], aber zweifelsfrei nachweisbar ist sie nicht", 2007, S. 3. Es bleibt also damit lediglich bei der Vermutung, die durch Quellen nicht eindeutig belegt werden kann.
13 Dies ist zumindest die Position, die sich mittels existierender Marktgründungsurkunden oder gleichwertigen Quellen historisch genauer begründen und vor allem auch datieren lässt 14 Vgl. IRSIGLER, 1996, S. 8-12, Abbildung, S. 13, 14, 26 und 27.
15 Heute heißt der Ortsteil 'Flamersheim'. Historisch ist mit der 'regia villa nomine Flameresheim' aber ein Hofgut im Bereich des heutigen Ortsteils Kirchheim zu suchen. Siehe hierzu bei MÜRKENS – Die Ortsnamen des Kreises Euskirchen, 1958, S. 39. Dort auch verweisend auf die Annalen des Regino von Prüm. Hiernach ist die "villa regia" Königshof und Raststätte zur Zeit des Wanderkönigtums (dort explizit: Ludwig der Deutsche, 843-876 n. Chr.).' 16 Vgl. MÜRKENS, S. 66-68
9
vorrätig zu halten sei 17 . Es ist davon auszugehen, dass die Gegenstände, die nicht unmittelbar selbst erwirtschaftet oder erstellt wurden, im Tauschhandel anderweitig erworben werden mussten.
Für den 13. November des Jahres 898 findet sich, ausgefertigt von König Zwentibold 18 , für den ebenfalls unweit von Satzvey gelegenen Ort Münstereifel 19 eine Marktgründungsurkunde. In dieser Urkunde wird für das dortige Kloster, eine Tochtergründung der Abtei Prüm 20 , das Marktrecht begründet ("in eodem loco mercatum habeatur"), eine öffentliche Münze eingerichtet ("et publica fiat moneta") und dies kraft der Erlaubnis des Königs und dessen weiterer Nachfahren ("quatinus nostra nostrorumque successorum licentia"). Damit liegt eine bereits sehr frühe Privilegierung vor, welche die Nutznießrechte von Zweidritteln der Zolleinnahmen dem Kloster Münstereifel zuschreibt.
Inwieweit dieser Markt, insbesondere nach der Umwandlung des Klosters in ein Stift, für die Region auch in der Folgezeit des Hoch- und Spätmittelalters noch relevant war, ist derzeit nicht bekannt. Über Handelsbeziehungen zwischen Münstereifel und Satzvey liegen noch keine Ausarbeitungen vor, wenngleich die regionale Beschickung von Märkten im nahen Umkreis wahrscheinlich war und angenommen werden kann. Die landwirtschaftliche Nutzung des Umfeldes ist jedoch bereits früh verbürgt.
Ferner gab es historische Straßen und Wege, die in unmittelbarer Nähe an Satzvey bzw. Euskirchen vorbeiführten. Auch hier liegen keine vollständig umfassenden Belege für die konkreten Streckenführungen vor, jedoch ist die Wichtigkeit dieser Straßen ein möglicher Anhaltspunkt dafür, dass Händler, Pilger und andere Reisende im näheren Umfeld von Euskirchen – und damit vielleicht auch an Satzvey – vorbei kamen und sich ggfs. mit Waren versorgten.
- Zeitlich weit zurückverfolgen lässt sich die alte Römerstraße von Trier nach Köln, die auf den Zwischenstationen von Marmagen (hist. röm. Name:
17 Eine nützliche Übersicht und Ausführung hierzu bietet STRANK/SCHULTHEIß – Die Landgüterverordnung Karls des Großen: Das Capitulare de ville vel curtis imperii; in: STRANK/MEURERS-BALKE – ...dass man im Garten alle Kräuter habe... Obst, Gemüse und Kräuter Karls des Grossen, S. 10-37.
18 HERGEMÖLLER, mit weiteren Quellen- und Editionsangaben, S. 68-71.
19 Heute: Bad Münstereifel 20 Vgl. bei HERGEMÖLLER FN 2, S. 70/71
10
Marcomago vicus) nach Zülpich (hist.: Tolbiaco vicus) fast unmittelbar an den heutigen Ortschafen Satzvey und Euskirchen vorbeiführte. Die römische Besiedelung, des Rheinlandes und des nördlichen Eifelvorlandes, ist durch archäologische Befunde gut gesichert.
Abbildung 1: Tabula Peutingeriana - Streckenführung Köln/Bonn-Trier, über: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Tabula_Peutingeriana_800x350.jpg&filet imestamp=20081015155829
- Ebenfalls über Euskirchen (Ortsteil Wichterich) führte die historische Krönungsstraße von Frankfurt am Main nach Aachen.
Abbildung 2: Aachen-Frankfurter Heerstraße zwischen Aachen und dem Rheintal, entnommen: W. Janssen, S. 179
- Jüngst führte der Jakobus-Pilgerweg von Köln nach Trier über Prüm, dessen Verlauf auch Station in Euskirchen und (Bad) Münstereifel nahm. Die Verehrung des Jakobus setzte im 9. Jahrhundert in der neu errichteten Grabeskapelle des Heiligen (Santiago di Compostela) in Spanien ein, die Hochphase der Pilgerreisen entwickelte sich im 10. Jahrhundert über
11
Frankreich und frühe Belege für einen Pilger aus dem Rheinland finden sich für das späte 11. Jahrhundert 21 .
Abbildung 3: Streckenführung des Jakobspilgerweges Köln/Bonn-Prüm, U. Röbkes
Auf diese Weise lassen sich Reise- und Handelsstraßen durch die Region bis in die Zeit römischer Besiedlung zurückverfolgen und die Weiternutzung bzw. Neuanlage von Strassen im Mittelalter zumindest vermuten.
Besonders hebt sich jedoch hervor, dass der Ort Satzvey spätestens ab dem 11. Jahrhundert Besitztum des Bonner Benediktinerinnenstifts Dietkirchen war, welches in rund 30 Kilometer Fußstrecke Entfernung lag (hierzu s. weiter unten).
Gab es also im Umfeld von Satzvey einen durch einen weltlichen Herrscher (König Zwentibold) und einen geistlichen Herrscher (Äbtissinnen und Stiftsdamen von Kloster Dietkirchen) privilegierten Markt, so führt IRSIGLER neben den
21 HEUSCH-ALTENSTEIN – Der Jakobsweg und die Wege der Jakobspilger im Rheinland; in: LANDSCHAFTSVERBAND RHEINLAND: Jakobswege – Wege der Jakobspilger im Rheinland, 2007, S. 8. Zu beachten ist, dass es zwar eine Anregung des Europarates gegeben hat, die historischen Jakobspilgerwege zu rekonstruieren, jedoch werden Lücken in archäologischen Befunden derzeit noch mit 'vermuteten Anschlussstrecken' geschlossen – oder die Anschlusswege durch ansprechende(re) Gelände geführt, auch da teils durch die moderne Straßenführung und Bebauung die historische Wegstrecke nicht mehr nutzbar ist.
12
"Herrschaftsträgern" und den "geistlichen und weltlichen Grundherren", die er als einen Typus betrachtet, noch zwei weitere potentielle "Initiatoren der Gründung oder Privilegierung" an, nämlich die "Fernkaufleute und städtische Kommunen" 22 . Die Stadtgründung Euskirchens zu Beginn des 14. Jh. wäre damit potentiell ein entsprechender städtischer Markt gewesen. Inwieweit Initiativen von Fernkaufleuten seinerzeit bestanden, ist derzeit nicht bekannt.
Die Vogtei zu Satzvey
Die Historie der Burg Satzvey ist eng mit den Geschicken des Klosters Dietkirchen 23 bei Bonn verbunden, welches für die Entstehung sogar konstitutiv ist. Daher soll dies hier einleitend geschildert werden.
Die Ursprünge des Klosters resp. der Pfarrkirche Dietkirchen gehen bereits in die frühe Zeit des Mittelalters zurück, eine erste urkundliche Erwähnung der Kirche lässt sich für das Ende des 8. Jahrhundert nachweisen. Die Ländereien in Satzvey lassen sich ab dem 11. Jahrhundert dem Klosterbesitz zuordnen, seit der zweiten Hälfte des 14. Jh. wurde zur Verwaltung von den jeweiligen Äbtissinnen ein Lehen als Vogtei vergeben, wie auch die Schultheißenposition besetzt. BROSCHE schreibt hierzu: "Die Äbtissin von Dietkirchen ist danach Inhaberin des hohen und niederen Gerichts, verfügt über den Weinzapf und ist die Lehnsherrin des Dorfes "binnen der veyr steynen", für alle, Ritter, Knechte oder Bauern." 24
22 IRSIGLER, 2007, S. 4
23 Die Dietkirche ist die älteste Bonner Kirche (Ende 8. Jh.) und befand sich ursprünglich außerhalb der 'Bonn-Burg', im heutigen Ortsteil Castell. BROSCHE – Zur Geschichte des Frauenklosters und späteren Kanonissenstiftes Dietkirchen bei Bonn von den Anfängen der Kirche bis zum Jahre 1550, 1951 24 Vgl. BROSCHE, S. 42 (teils mit weiteren Quellen- und Literaturangaben).
13
Abbildung 4: älteste (erhaltene) Abbildung des Klosters Dietkirchen bei Bonn aus dem 17. Jh. (Quadrant links unten), M. Merian, über: http://www.digitalis.unikoeln.de/Merian/merian_index.html
Der Stift führte - nachgewiesen seit dem 12. Jh. - alljährlich in der Zeit vom 23. bis 29. Juli in Dietkirchen bei Bonn einen Jahrmarkt, den so genannten Johannesmarkt durch. 25 Weiterhin wurde von einer "jährlichen Zahlung von 3 Mark" berichtet, die der Vogt von Satzvey an das Stift zu leisten hatte – der Vogt selbst erhielt für seine vertretungsweise Ausübung der Gerichtsbarkeit in Satzvey folgendes an Gefällen: "3 M[alter] Weizen, 3 Malter Korn, 17 ½ Malter Hafer, 18 Viertel Wein und 3 Ferkel". Dies findet sich in einem Weistum – dem ältesten erhaltenen aus dem Jahre 1395 – schriftlich bestätigt. 26
25 BROSCHE, S. 37, mit weiterführenden Verweisen
26 BROSCHE, S. 42, mit weiteren Quellenangaben.
14
In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, also bereits im Spätmittelalter, erfolgte zunächst eine Trennung zwischen Hof und Vogtei in Satzvey. Den Hof übernahm die Witwe des bisherigen Vogtes Heinrich von Kruithusen, Gertrud van me Roede, zur Pacht. Die Vogtei selbst ging an den Nachfolger, Heinrich von Melre. Zwischen letzterem und der Äbtissin von Dietkirchen entspannen sich mehrjährige Streitigkeiten über die Einsetzung eines Schultheißen und wohl auch über das Zapfrecht.
Nicht ganz achtzig Jahre später war der Stift nach anhaltenden Anspruchs- und Zuständigkeitsstreitigkeiten gezwungen, die "Besitzungen in Satzvey den Vögten zu verkaufen". 27
Die Produktion von landwirtschaftlichen Handelsgütern in Satzvey, die teils zur Deckung des eigenen Bedarfs, teils zur Leistung von Abgaben u.a. an die Äbtissin des Klosters Dietkirchen, aber auch zur Beschickung des Marktes dienten, kann, zumindest für die Zeit des Hoch- und Spätmittelalters, als belegt gelten. Inwieweit auf der Burg selbst bzw. dem umliegenden Gelände oder im zugehörigen Dorf seinerzeit bereits Märkte durchgeführt wurden, ist nicht bekannt. Jedoch erscheint es aufgrund der Streitigkeiten zwischen den Vögten, auch bedingt durch die vertretungsweise ausgeübte Gerichtsbarkeit, nicht abwegig, dass im Rahmen der Muntat auch das (lokale) Marktrecht ausgeübt wurde. Da das Zapfrecht urkundlich scheinbar auch strittig war, erscheint dies sogar recht nahe liegend.
27 Hierzu bei BROSCHE - 1951, S. 42/43, mit Verweisen auf weitere Quellen. Die Burg und Vogtei blieb damit während des Mittelalters beständig Lehen des Stiftes Dietkirchen. Zur Allodialherrschaft und Usurpation der Burg durch die Nachfolger von Melres, ausführlicher bei SCHULZKE – 2000. Letzteres greift jedoch dann mit dem Ende des 16. Jh. zeitlich bereits über das Mittelalter hinaus und sei hier daher nur kurz erwähnt.
15
Quote paper:
Marion Röbkes, 2009, Mittelalterbild, Marktwesen und dessen Umsetzung in der Neuzeit, Munich, GRIN Publishing GmbH
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DOI
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