Kind lernen, dass seine Handlungen überhaupt Auswirkungen haben können, um danach zu entscheiden, ob diese gut oder schlecht für sich oder andere Personen sind. Aber dass Handlungen aus einem Interesse für ein Objekt resultieren, bedeutet laut Dewey nicht, dass diese Handlungen automatisch egoistisch sind. In Kants Ethik haben z.B. nur Handlungen ohne jegliches Interesse einen moralischen Wert (selbst eine gute Tat ist nicht moralisch, sofern man diese aus einem bestimmten Interesse, z.B. Liebe, getan hat). Aber ohne Interesse sind laut Dewey genau genommen keine Handlungen oder ein Selbst möglich. Der Grund dafür ist, dass ein Selbst die Voraussetzung für Handlungen ist, d.h. dass nur ein bewusstes Selbst handeln kann, sodass die Aktivität eines Menschen ein Ziel hat, das angestrebt wird. Aber jede Handlung hat auch eine Wirkung auf das Selbst, sodass die Handlung und das Selbst Einfluss aufeinander haben. Dies bedeutet, dass ein Interesse die Voraussetzung für Handlungen ist und dies hat nichts damit zu tun, ob eine Handlung egoistisch ist oder nicht. Außerdem sind Handlungen genauso wenig nur deshalb egoistisch, weil diese mit Rücksicht auf das eigene zukünftige Wohlbefinden ausgeführt werden. „No one would say that deliberate care for one`s own healthy, efficienty, progress in learning is bad just because it is one’s own” (ebd., 294).
Es ist sogar eine moralische Pflicht, sich um sich selbst zu sorgen, aufgrund der Folgen, die entstehen könnten, wenn man nicht mit Rücksicht auf seine eigenen Bedürfnisse handelt. Zunächst würde dies dazu führen, dass man nicht länger in der Lage ist, anderen Menschen zu helfen oder sich um diese zu sorgen.
“To fail to care for one’s health or even one’s material well-being may result in incapacitating one for doing anything for others.” (Dewey, 1985, 294-295) Aber darüber hinaus würde dies bedeuten, wenn ein oder alle Menschen vergessen würden, sich selbst zu bewahren oder eigene Bedürfnisse zu haben, dass es keine Wünsche oder Bedürfnisse anderer Menschen mehr gäbe, auf die man Rücksicht nehmen sollte, wenn man handelt. Es gäbe also gar keine Möglichkeit altruistisch zu handeln und würde im Prinzip darin resultieren, dass man gar nicht mehr handeln würde.
Dies zeigt, dass das Urteil darüber, ob eine Handlung moralisch gut ist oder nicht, nicht davon abhängig ist, ob diese nur Rücksicht auf meine eigenen Bedürfnisse oder nur auf die Bedürfnisse meiner Mitmenschen nimmt.
“An act is not wrong because it advances the well-being of the self, but because it is unfair, in considerate, in respect to the rights, just claims, of others” (ebd., 294). Dieses Zitat zeigt, dass es laut Dewey nicht so wichtig ist, dass eine moralische Handlung ohne ein Interesse ausgeführt wurde und nicht egoistisch ist, sondern dass diese nicht zum Schaden für andere Menschen geschieht. Das heißt, dass eine Handlung moralisch gut sein kann, selbst wenn diese sozusagen egoistisch ist oder ihren Ursprung in einem privaten
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Interesse hat (z.B. wenn man Freude daran hat, anderen Menschen zu helfen oder wenn jemand wünscht viel Geld zu verdienen und deshalb eine eigene Firma gründet, die Arbeitsplätze schafft), sofern diese das Wohl der Mitmenschen respektiert oder befördert. Darüber hinaus kann auch eine altruistische Handlung moralisch inakzeptabel sein, wenn die Folgen der Handlung zu einem Schaden für den Menschen führen, dem man eigentlich helfen wollte. Dies wird besonders in solchen Fällen deutlich, wenn ein Mensch oder eine Gruppe von dieser Hilfe abhängig wird und die Fähigkeit verliert sich selbst zu helfen. In diesem Sinne ist es so, dass “Charity may render its recipients parasites upon society [...]” (ebd., 295). Die Trennung und das Verhältnis zwischen egoistischen und altruistischen Handlungen (d.h. zwischen Handlungen, mit denen man für sich selbst sorgt oder für andere) ist also etwas, was keinen Einfluss auf die moralischen Urteile oder Werte hat. Weder egoistische noch altruistische Handlungen sind moralisch gut oder schlecht an sich, sondern das Resultat der Handlung kann einen moralischen Wert haben. Das Ergebnis meiner Handlungen ist moralisch akzeptabel, wenn dieses mich selbst (zum Schaden anderer) oder andere Menschen (zu meinem Schaden) nicht übervorteilt. Das heißt, dass das Resultat oder die Handlung, die zu einem Resultat führt, objektiv und unparteiisch sein muss.
„The dividing line between [moralsk gode og dårlige handlinger] is fixed by the equality or inequaltity of weight attached to the thought of one’s own self in comparison with other selves. It is a matter of the intellectual attitude of objectivity and impartiality. The trouble with conceit, vanity, etc., is their warping influence on judgment. But humility, modesty, may be just bad, since they too may destroy balance and equity of judgmen” (Dewey 1985, 297). In diesem Sinne ist nur ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Egoismus und Altruismus wünschenswert und ideal; beide schließen sich also nicht gegenseitig aus. 1 Der Grund dafür, dass die traditionellen ethischen Philosophien (nach Kant) annehmen, dass der moralische Wert von der Frage abhängig ist, ob Handlungen ein egoistisches oder altruistisches Motiv als Ursache haben, ist, dass die Philosophen von der Annahme ausgehen, dass der Mensch ein isoliertes Wesen ist, d.h. dass das Selbst sich selbst als im Gegensatz zu seinen Mitmenschen versteht. Das ist in diesem Sinne der Grund dafür, dass ein Mensch zuerst nur an sich denkt, aber da man darüber hinaus in sozialen Strukturen lebt, ist man gezwungen, auch an Andere zu denken und mit Rücksicht auf diese zu handeln. „Theory was formed in terms of individuals supposed to be naturally isolated; social arrangements were considered to be secondary and artificial“ (ebd., 299). Aber Dewey ist gegen diese Theorie und geht davon aus, dass die Menschen soziale Wesen sind. Dies hat auch eine Auswirkung darauf, wie er menschliche Handlungen in Verhältnis
1 Es steht sicher nicht ohne Grund auch in der Bibel, dass man nicht nur seine Mitmenschen, sondern auch sich selbst lieben soll: (3. Mose 19,18): „[...] du skal elske din neste som deg selv.“ (< http://www.bibelen.no> 19.11.2007). Deutsch: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
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Arbeit zitieren:
Christine Porath, 2007, Das Verhältnis zwischen Egoismus und Altruismus in John Deweys Verständnis, München, GRIN Verlag GmbH
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