1. Einleitung
Kein Krieg im 20. Jahrhundert dauerte so lange an wie derjenige in Vietnam, der zunächst als ein Befreiungskampf der Vietnamesen von der französischen Kolonialherrschaft begann, das Land teilte und schließlich als Auseinandersetzung zwischen dem kommunistischen Norden und dem kapitalistischen Süden bis zum militärischen Engagement der USA gipfelte. Der Glaube an die Notwendigkeit eines Eingreifens der USA gegen eine befürchtete fortschreitende Ausdehnung des Kommunismus - und damit auch die unterstellte Expansion des Einflussbereichs der Sowjetunion - generierte sich in den Reihen der verantwortlichen Strategen schon in den frühen Phasen des kalten Krieges. Eine Argumentationsbasis der Befürworter war die sogenannte „Domino-Theorie“. 1 Sobald in einem Land der Kommunismus zur Staats-form werde, wären auch dessen umliegende Länder durch die populistische Strahlkraft dieser Ideologie gefährdet, ihre auf eine kapitalistische Wirtschaftsform basierende freiheitlichdemokratische Grundordnung zu verlieren. Sie drohten zu Gunsten des Kommunismus umzufallen, sich somit des geostrategischen Einflusses der USA zu entziehen und innerhalb des Ostblockes in Gegnerschaft zur westlichen Welt zu geraten. Dieses Szenario gelte es auch im Falle Indochinas aktiv abzuwenden.
Dabei zeigen aber die tatsächlichen Gegebenheiten in Vietnam und die desaströsen Erfahrungen der USA in diesem Konflikt nicht nur in der Rückschau sehr deutlich, wie eindimensional die Domino-Theorie gedacht wurde. Die vermessene Vereinfachung der wahren Komplexität des Indochina-Konfliktes war nicht nur ein entscheidender Grund für die Niederlage der USA, sondern entzog auch der Legitimation eines gewaltsamen Eingreifens jede Grundlage. Dies anhand der Darstellung der Verhältnisse in Vietnam und des internationalen Kontextes dieses Krieges, sowie einer darin einfließenden Kritik an der Dominotheorie zu zeigen, ist Gegenstand dieser Arbeit. Des Weiteren wird auf die sogenannte Phase der Vietnamisierung dieses Konfliktes eingegangen, in der die USA in den 1970ern lange vergeblich versuchten, aus diesem das ganze Land traumatisierenden Krieg ohne Gesichtsverlust wieder herauszukommen.
1 Kohl, Dominotheorie und amerikanische Vietnampolitik 1954 - 1961. Eine Fallstudie zur Rolle von Leitbildern
in der internationalen Politik. S. 36, zitiert nach: The President's News Conference of April 7, 1954, No. 73,
Public Papers Eisenhower 1954, S. 382f.
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2. Die Argumentationsgrundlagen für die Domino-Theorie
Direkt nach dem Ende des 2. Weltkrieges zerbrach die Anti-Hitler-Koalition zwischen den Westalliierten und der Sowjetunion. In den USA herrschte schnell die Überzeugung eines offensiven Expansionscharakters des sich bildenden Ostblocks vor, welcher sich aufgrund der von Lenin formulierten Zielsetzung der Weltrevolution „prinzipiell auf einen aggressiven Kurs gegenüber dem Westen festgelegt“ 2 habe. Diese Wahrnehmung war die theoretische Grundlage für die Perspektive auf eine „globale Interdependenz der Ereignisse, […] die alle […] im Zusammenhang mit dem amerikanisch-sowjetischen Antagonismus stehend gesehen wurden.“ 3 Die Befürchtung des Verlustes eines weiteren freien Landes an den Kommunismus implizierte also rechtzeitiges und beherztes Eingreifen der westlichen Welt. Für dieses Eingreifen wurde eine selbstverständliche Zustimmung der bedrohten Länder postuliert. 4 Im Verlauf des sich aufbauenden Kalten Krieges sorgte die Erfahrung des Verlustes Chinas 1949 an den Kommunismus zur Bestätigung dieser Auffassung und zum Vorwurf an die Regierung Truman, den dortigen antikommunistischen Kräften nicht im ausreichenden Maße Hilfe geleistet zu haben. 5 Sie führte sogar zur Teilnahme der USA am Krieg in Korea und zur Konsequenz, Frankreich in seinem Kampf gegen die vietnamesische Freiheitsbewegung unterstützen zu müssen. 6 Schon in seiner frühen Phase waren die USA also in den Indochinakrieg involviert. Dies stellte sich zunächst in Form von Finanzhilfen für Frankreichs Indochinapolitik dar. Ein Schlüsselmoment jedoch war 1950 der Schlagabtausch diplomatischer Anerkennungen. Auf der einen Seite diejenige der kommunistischen Regierung Nordvietnams in Hanoi durch die Sowjetunion und China und auf der anderen Seite die Antwort der USA, nämlich die Anerkennung des Regimes Bao Dais als unter französischer Kolonialverwaltung stehender Regierung Südvietnams in Saigon. Die USA sahen sich nach dieser diplomatischen Initiative der Kommunisten widerwillig dazu gezwungen. Sie interpretierten diese Situation als Bestätigung ihrer Annahme, mit der Sowjetunion, China und Nordvietnam als gemeinsam agierenden Block konfrontiert zu sein. 7 Dies wurde von den Anhängern im Sinne des amerikanischsowjetischen Antagonismus verstanden. Sie galt als Bestätigung der Domino-Theorie.
2 Stöver, Der kalte Krieg. München 2003. S. 10.
3 Kohl, S. 41.
4 Ebd., S 41.
5 Frey, Geschichte des Vietnamkriegs. Die Tragödie in Asien und das Ende des amerikanischen Traums. Mün-
chen 2006. S. 25.
6 Kahin, Intervention. How America became involved in Vietnam. New York 1986. S. 35-38.
7 Frey, S. 25.
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3. Die Intervention in Vietnam
Die lange Vorlaufzeit bis zu einer endgültigen Entscheidung, oder beispielsweise Eisenhowers Interventionsverzicht trotz der verheerenden Niederlage der Franzosen in Dien Bien Phu, 8 waren sicherlich Anzeiger für einen Widerwillen gegen einen gewaltsamen Eingriff. Außerdem hoffte man mit der Initiierung der SEATO - neben der Verfolgung weiterer geostrategischer Interessen in Südostasien 9 - einer politischen Stabilisierung im amerikanischen Sinne auf friedlichem Wege Vorschub zu leisten. 10 Aber angesichts der negativen Entwicklung in Südvietnam in den weiteren Jahren, zusammen mit der Wahrnehmung des Bedrohungsszenarios der Domino-Theorie, sah sich die USA schließlich gezwungen einzugreifen. Die Versuche der Einflussnahme in den 1950er und 1960er Jahren entwickelten sich schließlich bis hin zum massiven militärischen Eingreifen ab 1965. Entscheidende Erfolge blieben jedoch aus und seit dem großen Erfolg der Nordvietnamesen und Vietcong, der Tet-Offensive 1968, galt der Krieg als kaum noch gewinnbar. 11
Die Ursachen dieses Scheiterns sind nicht allein in den militärtaktischen Schwächen und Fehlern der US-Armee und der überraschend hohen Motivation von Vietcong 12 und nordvietnamesischer Armee zu suchen. Bereits der Irrtum der Sinnhaftigkeit dieses Krieges war in mehrfacher Hinsicht ein Produkt von Fehleinschätzungen im Bezug auf die politische und soziale Wirklichkeit in Vietnam sowie der Bedrohungs-Perzeption im internationalen Kontext.
4. Die Fehleinschätzungen der USA
4.1 Vietnam
Wie bereits angesprochen, ging man im Rahmen der Domino-Theorie wie selbstverständlich vom allgemeinen Wunsch der südvietnamesischen Bevölkerung aus, in einem ‚freien‘ Land westlichen Vorbilds mit kapitalistischem Wirtschaftssystem leben zu wollen, oder zumindest die kommunistische Option grundsätzlich abzulehnen. Was die USA als einen ideologischen sowie geostrategischen Kampf gegen die weltweite Expansion des Kommunismus postulierten - eben in der Annahme, dass Südvietnam diese Sichtweise mitragen würde - wurde aber von der übergroßen Mehrheit in der südvietnamesischen Bevölkerung völlig anders aufge-
8 Frey,S. 36.
9 Ebd., S. 45.
10 Kahin, S. 50.
11 Frey, S. 166.
12 Westlicher Terminus für die aus den Vietminh hervorgegangene pro-nordvietnamesische Guerilla (National
Front of Liberation). Kahin, S. 140.
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Arbeit zitieren:
Stefan Reiß, 2009, Die Domino-Theorie und der Vietnamkrieg, München, GRIN Verlag GmbH
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