Inhaltsverzeichnis
Hinweis zur Orthographie IV
Abk ürzungsverzeichnis V
Abbildungsverzeichnis VI
Tabellenverzeichnis VII
Abstract VIII
THEORETISCHER TEIL
1. Fragestellung und Vorgehensweise 1
1.1. Forschungsfragen 1
1.2. Relevanz der Untersuchung 3
1.3. Gliederung der Arbeit 6
2. Theoretische Grundlagen 8
2.1. Image eines Landes als mediales Konstrukt 8
2.2. Nachrichtenauswahlforschung: Begriffe, Problemfelder und
Entwicklungsperspektiven in Bezug auf die Auslandsberichterstattung 12
2.3. Faktoren der Auslandsberichterstattung in der deutschen Presse 18
3. Ukraine im Überblick 22
3.1. Aktueller Ausblick im historischen Kontext 22
3.2. Wirtschaftliche Rahmenbedingungen 27
3.3. Situation der Medienwirtschaft 28
3.4. Eckpfeiler der ukrainischen Außenpolitik 31
3.5. Deutsch-ukrainische Beziehungen 32
3.6. Aktuelle Probleme der Imagestrategien der Ukraine 36
4. Zusammenfassung des theoretischen Teils 41
5. Anlage und methodische Durchführung der Untersuchung 43
5.1. Forschungsleitende Hypothesen 43
5.2. Untersuchungsmethode 46
5.3. Untersuchungsmedien 49
5.4. Auswahlverfahren und die Stichprobe 52
5.5. Kategoriensystem 54
6. Auswertung 57
6.1. Formale Merkmale der untersuchten Artikel 57
6.1.1. Umfang und zeitlicher Verlauf der Berichterstattung 57
6.1.2. Darstellungsformen 60
6.1.3. Rubriken 62
6.1.4. Informationsquellen 63
6.2. Inhaltliche Merkmale der untersuchten Artikel 69
6.2.1. Anlass und Bezug 69
6.2.2. Aktualität 72
6.2.3. Themenspektrum und inhaltliche Ausrichtung 73
6.2.4. Bewertungen 80
6.2.5. Handlungsträger 84
6.3. Überprüfung der Hypothesen 87
6.4. Zusammenfassung 101
7. Schlussbetrachtung 102
8. Ausblick 105
9. Quellenverzeichnis 106
10. Anhang 114
A. Auswertungstabellen A-1
B. Codebuch B-1
1. ZIEL DER UNTERSUCHUNG B-4
2. ALLGEMEINE CODIERANWEISUNGEN B-4
2.1. Untersuchungseinheiten B-4
2.2. Untersuchungszeitraum B-5
2.3. Stichprobe B-5
2.4. Analyseeinheit B-7
2.5. Codiereinheit B-8
2.6. Zugriffskriterien B-8
3. KATEGORIENSYSTEM B-9
3.1. Formale Merkmale des Beitrags B-10
3.1.1. Medium B-10
3.1.2. Nummer des Beitrags B-10
3.1.3. Erscheinungsdatum des Beitrags B-10
3.1.4. Seite B-10
3.1.5. Stilform des Beitrags B-10
3.1.6. Rubrik B-12
3.1.7. Quelle/Urheber des Beitrags B-13
3.2. Inhaltliche Merkmale des Beitrags B-13
3.2.1. Anlass B-13
3.2.2. Bezug zu Deutschland B-15
3.2.3. Bezug zur Sowjetunion bzw. zur sowjetischen Vergangenheit B-15
3.2.4. Aktualität B-15
3.2.5. Themen B-15
3.2.6. Ausrichtung B-25
3.2.7. Bewertungen B-25
3.2.8. Handlungsträger B-28
Hinweis zur Orthographie
Die Übertragung von geographischen Begriffen sowie Städte- und Personennamen aus dem Ukrainischen ins Deutsche erfolgt in der Literatur nach unterschiedlichen Methoden. In der vorliegenden Arbeit wird die kyrillische Schrift nach den Regeln der wissenschaftlichen Transliteration ins Deutsche übertragen. Nach dieser Methode werden beispielweise die Sonderzeichen wie š für „sch“ oder č für „tsch“ angewen- det.
Orts- und Personennamen werden in der ukrainischen und nicht in der bislang etablierten russischen Form gebraucht. Anstatt z.B. Kiew, Dnepr und Tschernovzi wird Kyjiv, Dnipro und Černivci geschrieben.
Abkürzungsverzeichnis
AFP Agence France-Presse, französische Nachrichtenagentur
AP Associated Press, US- Nachrichtenagentur
ddp Deutsche Depeschendienst, deutsche Nachrichtenagentur
dpa Deutsche Presse Agentur, deutsche Nachrichtenagentur
EU Europäische Union
FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung
FR Frankfurter Rundschau
KNA Die katholische Nachrichtenagentur, die größte katholische
Nachrichtenagentur Europas
NATO Nordatlantikvertrag-Organisation (North Atlanic Treaty Organisation)
SZ Süddeutsche Zeitung
Sid Sport-Informationsdienst
TAZ Tagesaktuelle Zeitung
OUN Organisation der ukrainischen Nationalisten
UdSSR Union der Sowjetischen Sozialistischen Republiken
USSR Ukrainische Sowjetische Sozialistische Republik
Ukrinform Ukrainische Nachrichtenagentur (Ukrains’ka Informazijna Sluzhba)
UAPR Ukrainische Public Relations Gesellschaft
(Ukrains’ka Assoziazija Public Relations)
UNIAN Ukrainische Nachrichtenagentur
UPA Ukrainische Aufstandsarmee (Ukrains̒ka Povstans̒ka Armija)
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Internationaler Bezug der Nachrichten in FAZ und SZ.
Abbildung 2: Nennungshäufigkeit der Länder bzw. Regionen in FAZ, SZ, FR, die
Welt und Bild.
Abbildung 3: Verteilung der Artikel über die Jahre
Abbildung 4: Kontinuität der Berichterstattung nach Medium
Abbildung 5: Darstellungsformen der untersuchten Artikel
Abbildung 6: Verteilung der Darstellungsformen nach Medium
Abbildung 7: Rubriken in der Ukraineberichterstattung
Abbildung 8: Anzahl der Artikel mit bzw. ohne Quellenangabe
Abbildung 9: Informationsquellen der Berichterstattung
Abbildung 10: Verhältnis der Informationsquelle zur Rubrik
Abbildung 11: Verhältnis der Informationsquelle zum Stil der Berichterstattung
Abbildung 12: Informationsquellen nach Untersuchungsmedium
Abbildung 13: Einzelne Nachrichtenagenturen in der Gesamtberichterstattung
Abbildung 14: Nachrichtenagenturen je Medium
Abbildung 15: Informationsquellen im Zeitverlauf
Abbildung 16: Anlass der Publikation
Abbildung 17: Verhältnis zw. der Kontinuität der Berichterstattung und dem event-
orientierten Anlass
Abbildung 18: Thematischer Bezug des Hauptthemas zur UdSSR bzw. zur sowje-
tischen Vergangenheit
Abbildung 19: Thematischer Bezug des Hauptthemas zu Deutschland
Abbildung 20: Aktualität der Berichterstattung
Abbildung 21: Aktualität der Berichterstattung nach Medium
Abbildung 22: Themenbereiche beider Zeitungen zusammen
Abbildung 23: Themenbereich nach Medium
Abbildung 24: Themenbereiche über die Jahre
Abbildung 25: Themenspektrum des Hauptthemas
Abbildung 26: Gesamtbewertung
Abbildung 27: Gesamtbewertung aller Themen im Zeitverlauf
Abbildung 28: Bewertungen der Themenbereiche
Abbildung 29: Handlungsträger nach Bereich
Abbildung 30: Zentrale Handlungsträger nach Bereich
Abbildung 31: Einzelausprägung des Handlungsträgerbereichs „Politik“
Abbildung 32: Bewertung der Orangenen Revolution über die Jahre
Abbildung 33: Gesamteindruck der Ukraineberichterstattung
Abbildung 34: Die Top-10 Themen, die am häufigsten negativ bewertet sind.
Abbildung 35: Gesamtbewertung über die Jahre
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Reliabilitätskoeffizienten im Überblick 48
Tabelle 2: Verteilung der Artikel je Tageszeitung 58
Tabelle 3: Anzahl der Themen in den Artikeln 74
Tabelle 4: Einzelausprägung des Themenbereichs Politik 78
Tabelle 5: Einzelausprägung des Themenbereichs Wirtschaft 79
Tabelle 6: Inhaltliche Ausrichtung aller Themen 80
Tabelle 7: Inhaltliche Ausrichtung des Hauptthemas 80
Tabelle 8: Bewertungen aller Themen zusammen 82
Tabelle 9: Bewertungen des Hauptthemas 82
Tabelle 10: Anzahl der Handlungsträger in den untersuchten Artikeln 84
Tabelle 11: Einzelausprägung des Handlungsträgerbereichs Öffentlichkeit 86
Tabelle 12: Bewertungen der Artikel mit oder ohne Bezug zur UdSSR 90
Tabelle 13: Ausprägung der negativ geladenen Themen innerhalb des Themen-
bereichs Politik 92
Tabelle 14: Negative Einzelausprägungen des Themenbereichs Politik 97
Tabelle 15: Verteilung der Artikel über die Jahre A-1
Tabelle 16: Kontinuität der Berichterstattung nach Medium A-1
Tabelle 17: Codierte Ausgaben A-5
Tabelle 18: Verteilung der Darstellungsformen nach Medium A-5
Tabelle 19: Rubriken in der Ukraineberichterstattung A-5
Tabelle 20: Anzahl der Artikel mit bzw. ohne Quellenangabe A-6
Tabelle 21: Informationsquellen der Berichterstattung A-6
Tabelle 22: Verhältnis der Informationsquelle zur Rubrik A-6
Tabelle 23: Verhältnis der Informationsquelle zum Stil der Berichterstattung A-7
Tabelle 24: Verteilung einzelner Nachrichtenagenturen nach Medium A-7
Tabelle 25: Verteilung der Nachrichtenquelle über die Jahre A-8
Tabelle 26: Anlass der Berichterstattung A-8
Tabelle 27: Ausprägung der Kategorie „Event“ als Anlass der Berichterstattung A-9
Tabelle 28: Verteilung der anlassbezogenen Berichterstattung über die Jahre A-9
Tabelle 29: Thematischer Bezug zur Sowjetunion A-10
Tabelle 30: Thematischer Bezug zu Deutschland A-10
Tabelle 31: Aktualität der Berichterstattung A-10
Tabelle 32: Themenbereiche beider Zeitungen zusammen A-10
Tabelle 33: Themenbereiche des Hauptthemas A-10
Tabelle 34: Themenbereich nach Medium A-11
Tabelle 35: Themenrangliste A-12
Tabelle 36: Themenrangliste auf der Titelseite A-13
Tabelle 37: Die negativ geladenen Themen Gesamt A-14
Tabelle 38: Gesamtbewertung aller Themen zusammen A-14
Tabelle 39: Gesamtbewertung über die Jahre A-15
Tabelle 40: Handlungsträger nach Themenbereich A-15
Tabelle 41: Zentraler Handlungsträger nach Bereich A-15
Tabelle 42: Rangliste aller Handlungsträger zusammen A-16
Tabelle 43: Einzelausprägung des Handlungsträgerbereichs „Politik“ A-17
Tabelle 44: Einzelausprägung des Handlungsträgerbereichs Öffentlichkeit A-17
Tabelle 45: Einzelausprägung des Handlungsträgerbereichs „Wirtschaft“ A-17
Tabelle 46: Bewertung der Artikel in Bezug zur UdSSR A-17
Tabelle 47: Stichprobenplan B-7
Tabelle 48: Anlage und Kategoriensystem im Überblick B-9
einen Augenblick im Nachdenken verharren, schwer seufzen und antworten: "Die Ukraine ist ein weites Feld.“ 1
Abstract
Außer Frage steht, dass die Sowjetunion ein bestimmtes Assoziationsbild in der Öffentlichkeit hat. Russland als größter Staat der ehemaligen Sowjetunion befindet sich im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses an diesem Gebiet. Dagegen bleiben die anderen ehemaligen sowjetischen Republiken, zu denen auch die Ukraine zählt, immer noch im Schatten. Die Ukraine ist zwar das flächenmäßig größte Land Europas, jedoch verfügt Europa über nur einen sehr geringen, stereotypenreichen Kenntnis-stand über dieses Land. Liegt die Ursache der geringen Relevanz der Ukraine für die deutschen Medien an einer schlecht entwickelten Touristik- sowie Wirtschaftsbranche, mangelhaften Imageprojekten der ukrainischen Regierung oder vielleicht an der Neigung der Medien zur Berichterstattung ausschließlich über die für das eigene Land relevanten Ereignissen?
Diese Arbeit hat zum Ziel, das Ukrainebild in den Meinungsführern der deutschen überregionalen Presse anhand einer Inhaltsanalyse der Auslandsberichterstattung in der Frankfurter Allgemeine Zeitung und der Süddeutschen Zeitung zu untersuchen und herauszufinden, welche Themen die Berichterstattung über die Ukraine in Deutschland prägen.
Die Ergebnisse der Datenauswertung zeigen, dass die Imagebildung der Ukraine noch nicht abgeschlossen ist. Immer noch sind polarisierende Einstellungen gegenüber der Ukraine zu beobachten, die von Verbesserungstendenzen aus der Orangenen Revolution und Verschlechterungen auf Grund der anhaltenden Staatskrise geprägt sind. Die instabile politische Situation im Lande hat direkte negative Auswirkungen auf die Wirtschaftsbranche und somit auf das Investitionsklima der Ukraine. Abge-
1 Gawrisch,Dmitrij. Rezension von 03.02.2007 auf das Buch Rjybchuks: Die reale und imaginierte
Ukraine. Frankfurt/Main, 2005. http://www.amazon.de/review/product/3518124188 (24.11.2008)
sehen davon, dass die Ukraine als souveräner Staat mit festen Grenzen in den Medien mittlerweile schon anerkannt ist und das Feindbild gegenüber der Sowjetunion nicht mehr zum Ausdruck kommt, hat die Darstellung der Ukraine noch keinen festen Platz in der Auslandsberichterstattung der deutschen Presse gefunden. Es wird nur dann über die Ukraine berichtet, wenn die Ereignisse eine starke Betroffenheit beim deutschen Publikum auslösen. Da die mediale Aufmerksamkeit sich auf die außenpolitischen Ereignisse richtet, bleibt somit das Image der Ukraine an die positi- ven bzw. negativen Auswirkungen dieser Ereignisse für Westeuropa gekoppelt.
1. Fragestellung und Vorgehensweise
1.1. Forschungsfragen
Das Verhältnis zwischen Deutschland und der Ukraine war im 20. Jahrhundert in erster Linie von kriegerischen und ideologischen Auseinandersetzungen während der beiden Weltkriege, dem kalten Krieg und vor allem von den feindlichen Einstellungen gegenüber der Sowjetunion geprägt. Nach dem Zerfall der Sowjetunion und dem Umbruch des Ostblocks sind die deutsch-ukrainischen Beziehungen in eine neue Phase getreten. Die alten ideologisch geprägten Deutungsmuster sind obsolet geworden und das Verhältnis zwischen den beiden Ländern muss angesichts der EU Grenzerweiterung neu definiert werden. Seit der Unabhängigkeitserklärung im August 1991 ist die Ukraine als selbständiger Staat auf der politischen Karte Europas präsent und strebt die Aufnahme in die NATO und die EU an. Jedoch wagte die europäische Gemeinschaft lange Zeit nicht die wirtschaftliche Kooperation mit dem jungen Staat. Auch die NATO-Mitgliedschaft wurde bis jetzt besonders seitens Deutschlands und Frankreichs verweigert, da man an die kühlen Beziehungen zwi-
schen Russland und der NATO denken musste 2 . Wie spiegeln sich diese Tendenzen in der Darstellung der Ukraine in der deutschen Presse wieder? Wird die Ukraine als unabhängiger demokratischer Staat anerkannt oder steht das Land immer noch im Schatten Russlands, wobei immer die Meinung des großen Bruders mit einbezogen wird auch wenn es „nur“ um die Ukraine selbst geht?
Diese Fragestellungen stehen im Mittelpunkt der vorliegenden Untersuchung. Dabei geht es schwerpunktmäßig darum, herauszufinden und aufzuzeigen, welches Bild die deutschen Printmedien von der Ukraine vermitteln und wie sich die mediale Wahrnehmung der Ukraine im Laufe der Zeit verändert hat. Vor allem die Orangene Revolution im Jahr 2004 brachte einen Umbruch des politischen und gesellschaftlichen Systems mit sich und fand dadurch großes öffentliches Interesse. Gewann die Ukraine seitdem an positiver Berichterstattung oder blieben die deutschen Medien eher skeptisch gegenüber den sogenannten demokratischen Errungenschaften der Revolu-
2 Vgl.O.V.: NATO-Beitritt der Ukraine. Bush dafür, Frankreich dagegen. In: Stern. 01.04.2008.
http://www.stern.de/politik/ausland/:Nato-Beitritt-Ukraine-Bush-Frankreich/615808.html
(24.11.2008)
1
tion? Welche Akteure treten auf die öffentlich-mediale Bühne? Wie entwickelte sich die Bewertung der Ereignisse in der Ukraine während des untersuchten Zeitraums zwischen 1991 und 2007?
Als methodisches Instrument zur Überprüfung der aufgestellten Fragen wird die Inhaltsanalyse herangezogen, die in Hinsicht auf Zugänglichkeit des Untersuchungs-materials und Zuverlässigkeit der Ergebnisse bestens geeignet ist. 3 Dazu wird ein Zeitraum von rund 17 Jahre herausgegriffen - vom August 1991 bis Dezember 2007. Dies war die Zeit der Ereignisse, welche die Entwicklung der Ukraine als unabhängigen Staat maßgeblich beeinflusst haben - von der Unabhängigkeitserklärung im Jahr 1991 bis hin zum politischen Umbruch (Orangene Revolution) 2004 sowie die darauffolgenden demokratischen Reformversuche. Der Schwerpunkt der Analyse wird auf die Berichterstattung der zwei führenden deutschen Tageszeitungen gelegt. Printmedien zählen zu den zuverlässigsten Informationsquellen, dabei nehmen die FAZ und die SZ eine zentrale Stellung innerhalb des deutschen Mediensystems ein. Im Gegensatz zu populären Medien wie z.B. Boulevardzeitungen, Hörfunk und Fernsehen, bietet die Zeitung als Informationsmedium im Allgemeinen mehr Platz für Auslandsnachrichten. 4 Außerdem gehören insbesondere die politische und wirtschaftliche Elite sowie Journalisten anderer Medien zu den Lesern der FAZ und SZ. Der Einfluss dieser Prestigemedien weitet sich somit über den Kreis ihrer eigenen Rezipienten aus: zum einen, weil die Themen und Tendenzen ihrer Berichterstattung von anderen Medienorganisationen aufgegriffen werden, und zum anderen weil sie Einfluss auf weitreichende Entscheidungen innerhalb der Politik und Wirtschaft haben können.
Die vorliegende Untersuchung steht in der Tradition der vom „Foreign-Images“- Projektzum ersten Mal Ende der 70er Jahre durchgeführten und in den 90er Jahre wiederholten Arbeiten, die das mediale Nationenimage in den Vordergrund stellen. Dabei geht es um die Images in Inhalten der Massenmedien, nicht um Wirkungs-oder Rezipientenforschung. Christof Peters spricht dabei vom Teil der veröffentlich-
3 Bonfadelli,Heinz (2002): Medieninhaltsforschung. Grundlagen, Methoden, Anwendung. Konstanz,
S. 53 ff.
4 Wilke, Jürgen (2008): Nachrichtenberichterstattung im internationalen Vergleich. In: Melischek,
Gabriele / Seethaler, Josef / Wilke, Jürgen: Medien und Kommunikationsforschung im Vergleich.
Grundlagen, Gegenstandsbereich, Verfahrensweisen. Wiesbaden, S. 239.
2
ten Meinung 5 : eine Meinung, die die Medien eines bestimmten Landes an das Publikum vermitteln. Den Medien wird in diesem Zusammenhang die äußerst prägnante Rolle für die Imagebildung zugeschrieben. Sie ersetzen die Primärerfahrungen und sind die wichtigsten Informationsquellen.
1.2. Relevanz der Untersuchung
Die Relevanz der Untersuchung wird maßgeblich durch die Tatsache begründet, dass die Ukraine als zweitgrößter europäischer Staat auf der medialen Landkarte nur in Umrissen vorhanden ist.
„…Die Ukraine möchte endlich ernst genommen werden. Stattdessen muss sie erfah- ren,dass sich der Westen einseitig auf die Festigung seiner Beziehungen zu Russland konzentriert und dem nationalen Selbstbehauptungswillen der zweitgrößten ostslawischen Nachfolgerepublik des Sowjetimperiums entweder gar keine oder nur oberflächliche Beachtung schenkt." 6
Die Analyse der Presseberichterstattungen und der Forschungsarbeiten belegen, dass die meisten Westeuropäer bis vor Kurzem praktisch Nichts oder nur sehr wenig über die Ukraine gewusst haben. Einer im Jahr 2002 angelegten Befragung zufolge war selbst das Ukrainebild von mit diesem Land beruflich beschäftigten Vertretern westeuropäischer und nordamerikanischer Eliten - Journalisten, Politiker, Unternehmer sowie Manager und Experten aus dem Bereich der Wissenschaft - im Durchschnitt von einem auffällig geringen Kenntnisstand und einer vorurteilsbehafteten Wahrnehmung geprägt. 7 Das Image des Landes ist dadurch gekennzeichnet, dass der In-formationsstand allgemein sehr diffus ist. Christian Semler vertritt in seinem Artikel die Auffassung, dass aufgrund fehlender Informationen, nationale Stereotypen über Russland (die Seele, der Suff, die Grausamkeit) auch auf die Ukraine übertragen
werden. 8
5 Vgl. Peters, Christoph (1999): Deutschland und die Deutschen im Spiegel britischer Tageszeitungen:
die Berichterstattung der überregionalen Presse Großbritanniens 1989 - 1994. Münster, S. 13.
6 Werner, Adam (1993): Ukraine verdient mehr Augenmerk. In: FAZ 18.05.93, S. 1.
7 Vgl. Kovtun, Elena (2003): Imageprogramm für die Ukraine? Wettbewerb „Marketing live“ (über-
setzaus dem Russischen). Имиджевая программа для Украины? Конкурс живой маркетинг. In:
http://prinfo.webzone.ru/stmmiximageukrain21012003.htm (20.08.2008)
8 Semler, Christian (2005): Typisch Ukraine? In: TAZ 10.03.2005, S. 14.
3
„Die Ukraine liegt irgendwo im Osten, sie ist ein großes Land, sie war einmal die Kornkammer der früheren Sowjetunion, sie ist eng mit Russland verbunden, es gibt jede Menge Probleme dort, Missstände und Korruption, und ja, gute Sportler, die gibt es dort auch - das war es im Wesentlichen schon, was man zu hören bekam, wenn man fragte, was man im Westen bislang so grosso modo mit der Ukraine ver-bunden hat“. 9
Das eklatante Unwissen über diesen zweitgrößten Staat des europäischen Kontinents hängt vor allem damit zusammen, dass die Ukraine im Bewusstsein der Mehrheit der gebildeten Westeuropäer lange Zeit als UdSSR-Nachfolgestaat im Schatten Russ-lands stand. 10
In den Publikationen über die Ukraine ging es bis zum politischen Umbruch im Jahr 2004 vor allem um den westlichen Landesteil - das alte östliche Galizien - als multikulturelle Heimatstadt von Polen, Juden und Ukrainern, ein Raum zwischen Lemberg (Lviv) und Černivci. Der östliche Teil blieb dagegen vernachlässigt. Lange Zeit galten die Ukrainer wegen der blutigen nationalen Auseinandersetzungen um Galizien als gewalttätige ungebildete Bauern, zudem als Hitler-Schergen. Mittlerweile
hat sich hier ein Umdenken vollzogen. 11
In den deutschen Medien wird sehr wenig und meist einseitig über die Ukraine berichtet. Das Ukrainebild wird vor allem von Berichten über die Korruption hoher ukrainischer Politiker, die Auswirkungen der Čornobyl-Katastrophe und die schwie-
rige ökonomische Lage geprägt. 12
Seit der Unabhängigkeit der Ukraine ist eine größere Zahl von Gesamtdarstellungen und Publikationen zu einzelnen Problemen der ukrainischen Gesellschaft erschienen. Dennoch fehlt es an Materialien für Generalisierungen. Viele Berichterstattungen sind tendenziös: die Tatsachen werden von verschiedenen, oft polaren Standpunkten aus diskutiert. Dies ist einerseits durch die kulturelle und politische Teilung des Landes, andererseits durch die 70 (in dem westlichen Region etwa 50) Jahre Sowjetherr-
9 Vgl.o.V.: Wer die Ukrainer verstehen will, muss ihre Geschichte verstehen. Ein historischer Exkurs.
In: http://www.sos-kindervontschernobyl.de/ukraine (10.07.2008)
10 Vgl. Cybenko, Larissa(1998): Die Ukraine im Spannungsfeld der Kulturen. Trans 5/1998. In:
http://www.inst.at/trans/ (10.07.2008)
11 Vgl. Semler (2005), S. 14.
12 Vgl. Jilge, Winfried (2001): Dialog mit Defiziten. Die deutsch-ukrainische Kulturbeziehungen.
Bestandaufnahme und Empfehlungen. IfA-Dokumente, 2/2001, S. 53 ff.
4
schaft, über welche die Geschichtsschreibung zahlreiche Lücken und ideologische Fälschungen aufweist, zu erklären. Die meisten in englischer, deutscher oder französischer Sprache geschriebenen Forschungsarbeiten über die nationale Geschichte der Ukraine sind in den Universitäten und Forschungszentren der ukrainischen Diaspora in Kanada (vor allem Toronto, Winnipeg) und den USA, aber auch in Geschichtsinstituten deutscher, österreichischer und französischer Universitäten entstanden. Im kulturwissenschaftlichen und politischen Diskurs wird die Ukraine immer häufiger erwähnt, insbesondere dann, wenn es um die östlichen Grenzen der EU und die Nachbarschaftspolitik geht.
Aus wissenschaftlicher Sicht stellt die Erforschung des medialen Images der Ukraine in Deutschland ein relativ neues Feld dar. Bisher waren in erster Linie die wirtschaftspolitischen Probleme des Transformationsprozesses oder innenpolitische Aus-einandersetzungen sowie die PR politischer Parteien Gegenstand von Untersuchun-
gen. 13 In der Ukraine selbst sind die Image-Studien bisher kaum durchgeführt. Bis dato sind nur einzelne Beiträge in Sammelbänden und Konferenzaufsätzen zu finden, welche die mangelnden staatlichen PR-Maßnahmen kritisieren und Richtlinien zur Imageverbesserung anbieten. 14 Die Grundfragen der deutsch-ukrainischen Beziehun- genim historischen Kontext untersucht Claus Remer in seinem Beitrag „Zum Ukrainebild in Deutschland vom 19. zum 20. Jahrhundert.“ Diese Analyse von Printmedien beschränkt sich auf das Bild der ukrainischen Territorien innerhalb des russischen Imperiums Anfang des 20. Jahrhunderts und kann somit keine ausreichenden Informationen bezüglich des aktuellen medialen Images liefern. Sie stellt aber span-
nende Begegnungen zwischen den Deutschen und den „Kleinrussen“ dar. 15 Die letzte umfassende Untersuchung der deutsch-ukrainischen Beziehungen liegt mehr als 50 Jahre zurück. Dmytro Dorošenko, ein Historiker und Publizist, fasste das Ukrainebild in Deutschland während seines Exils im zweiten Weltkrieg anhand struktureller An-
satzpunkte in der Geschichte der deutsch-ukrainischen Beziehungen zusammen. 16
13 Siehe dazu die Ukraine-Analysen der Forschungsstelle Osteuropa, Universität Bremen.
14 Vgl. Počepcov, Georgiy (2003): Ukraine: Branding und Rebranding. In: Krylov, Aleksandr (Hrsg.):
Public Relations im osteuropäischen Raum. Frankfurt/Main, S. 189-206.
15 Remer, Claus (1995): Zum Ukrainebild in Deutschland vom 19. zum 20. Jahrhundert. In: Wegner,
Michael: Russland und Europa. Historische und kulturelle Aspekte eines Jahrhundertproblems. Leip-
zig, S. 225-245.
16 Vgl. Dorošenko, Dmytro (1941): Die Ukraine und Deutschland. Neun Jahrhunderte deutsch-
ukrainische Beziehungen. Leipzig.
5
Im Gegensatz zur Ukraine hat Russland einen festen Platz auf der Forschungsagenda. Laut Astrid Blome gibt es heutzutage eine Vielzahl von Studien, die sich mit dem deutschen Russlandbild verschiedenster Zeitabschnitte oder einzelner Ereignisse
bzw. in Bezug auf bestimmte Personen beschäftigt. 17 Den Wandel des Russlandbildes in der Wahrnehmung Deutschlands von 1985 bis 1995 untersucht die Arbeit von
Katrin Seifert. 18 Unter den demoskopischen Studien über das Image Russlands ist die Allensbacher Studie „Kein Kommunismus, keine Demokratie, keine Marktwirtschaft. Zum Russlandbild der Deutschen“ aus dem Jahre 1996 zu nennen. 2007 kam auch eine aktuelle qualitative Inhaltsanalyse der deutschen überregionalen Presse heraus, welche die Übereinstimmung des von den Medien vermittelten Bildes mit der
Wahrnehmung in der Bevölkerung untersucht. 19 Dagegen konnten nach intensiven Recherchen keine empirischen Studien über das Image der Ukraine in den deutschen Medien gefunden werden.
Als Bezugspunkt wurde eine Doktorarbeit gewählt, die das Bild der Ukraine in der Presse der USA und Großbritanniens im Jahr 2001 untersucht. Diese inhaltsanalytische Studie bietet nur einen kurzfristigen und eingeschränkten Einblick in die englischsprachige Berichterstattung über die Ukraine indem sie sich überwiegend auf das Aufzeigen der Problemfelder der aktuellen Außenpolitik konzentriert. Ein langfristiges Ukrainebild sowie der Imagewandel wurden in dieser Studie nicht untersucht.
1.3. Gliederung der Arbeit
Die vorliegende Arbeit ist in zwei Teile gegliedert. Der erste Teil ist den theoretischen Begriffsbestimmungen gewidmet. Es soll hier der Frage nachgegangen werden, wie Nationenbilder entstehen und welche Rolle die Medien dabei spielen.
Daran schließt sich eine kurze Vorstellung der bisherigen Ergebnisse der Nachrich-tenauswahlforschung in Bezug auf die Auslandsberichterstattung an. Ein besonderes
17 Vgl. Blome, Astrid (2000): Das deutsche Rußlandbild im frühen 18. Jahrhundert. Untersuchungen
zur zeitgenössischen Presseberichterstattung über Russland unter Peter I. Wiesbaden, S. 14.
18 Vgl. Seifert, Katrin (2003): Die Konstruktion Russlands in der deutschen Auslandsberichterstattung
1985- 1995. Studien zum Wandel der deutschen Wahrnehmung Russlands. Berlin.
19 Vgl. Esau, Eugen (2007): Das postsowjetische Russlandbild in deutschen Printmedien. Eine qualita-
tive Zeitungsanalyse. Saarbrücken.
6
Augenmerk wird dabei den Faktoren der Auslandsberichterstattung in der deutschen Presse gewidmet.
Im darauffolgenden Kapitel wird die Ukraine vorgestellt. Die historische Entwicklung von slawischen Kleinprovinzen zu einem unabhängigen Staat, die aktuelle wirtschaftspolitische Situation, die Innen- und Außenpolitik sowie die deutschukrainischen Beziehungen werden hier im Überblick beschrieben. Am Beispiel des gescheiterten Programms zur Imageverbesserung der Ukraine werden die aktuellen Probleme der Imagestrategien der Regierung skizziert.
Der theoretische Teil schließt sich mit einer Zusammenfassung der dieser Arbeit zu-grunde liegenden Begriffsbestimmungen und allgemeinen Informationen zum untersuchten Land.
Der zweite Abschnitt der Arbeit widmet sich der empirischen Untersuchung mittels einer Inhaltsanalyse der zwei überregionalen Zeitungen - der FAZ und der SZ. Zunächst wird die Anlage und methodische Durchführung der Arbeit vorgestellt. Nach der Darstellung der Forschungshypothesen wird die Inhaltsanalyse als Untersuchungsmethode beschrieben. Des Weiteren folgt eine systematische Schilderung der Datenerhebung und -aufbereitung. Die Forschungshypothesen werden durch Kategorien operationalisiert und im Kategoriensystem ausführlich beschrieben.
Die Analyse der ausgewerteten Daten erfolgt im darauffolgenden Kapitel. Dabei werden die Daten nach den wichtigsten Kategorien zusammengefasst präsentiert, indem zunächst auf die formalen Aspekte der Inhaltsanalyse eingegangen wird - die Platzierung der Artikel, ihre Darstellungsformen und die Informationsquellen. Im Anschluss werden die inhaltlichen Aspekte dargestellt. Da ein Schwerpunkt der Arbeit die Themenanalyse ist, werden die thematischen Aspekte und deren Bewertungen eingehender untersucht. Analysiert werden hier die fünf nach ihrem Gewicht eingeordneten Themen, wobei zwischen dem Hauptthema und vier Nebenthemen unterschieden wird. Der nächste Anschnitt der Arbeit konzentriert sich auf die in den Artikeln dargestellten Handlungsträgern, wobei hier die fünf wichtigsten genauer untersucht werden.
7
Schließlich werden die im Kapitel 5.1. dargestellten Forschungshypothesen auf ihre Wahrhaftigkeit hin überprüft. Das Kapitel schließt, wie im theoretischen Teil, mit der Darstellung der Ergebnisse der Datenauswertung.
Im Kapitel 7. werden die erarbeiteten Ergebnisse abschließend zusammengefasst. Zudem werden Aussagen über zukünftige Entwicklungen gemacht, um Anstoß für weitere Untersuchungen zu geben.
2. Theoretische Grundlagen
In diesem Kapitel steht die These von der Bedeutung der Massenmedien bei der Bildung von Nationenbildern im Mittelpunkt des Interesses. Als erstes werden hier Überlegungen zu den Begriffsbestimmungen der Nationenbilder dargestellt. Neben definitorischen Fragestellungen des Image-Begriffs sollen auch die Aspekte der Konstruktion derartiger Bilder thematisiert werden. Weiterhin wird auf die Rolle der Massenmedien bei der Entstehung und Verfestigung des Images eingegangen. Anschließend werden die Faktoren der Auslandsberichterstattung in Deutschland untersucht, wobei der Schwerpunkt auf die Kriterien der Nachrichtenselektion gelegt wird.
2.1. Image eines Landes als mediales Konstrukt
Der ursprünglich aus dem Lateinischen abgeleitete Image-Begriff (Bild, Aufzeichnung) weist heute viele Facetten auf. Wirtschaft-, Sozial-, Politik- und Kommunikationswissenschaften sowie die PR bzw. Öffentlichkeitsarbeit sind Gebiete, in denen er sich eingebürgert hat. Im aktuellen Sprachgebrauch lässt sich der Ausdruck durch Begriffe wie Bild, Einstellung, Feindbild, Vorurteil oder Stereotyp umschreiben, welche bestimmte Merkmale bzw. Ausprägungen des Oberbegriffs „Image“ darstel- len,zusammen aber ein komplexes Konstrukt bilden. Dem negativ gefärbten „Vorurteil“ stellen die Sozialwissenschaftler den wertneutralen Charakter des „Images“ ge-
8
genüber. 20 Eine lang anhaltende, unveränderbare Eigenschaft wird dem „Stereotyp“ zugeschrieben. Wilke bezeichnet den Begriff „Stereotyp“ als „stark verfestigte Ein- stellungen,die durch die Verwendung in der Vorurteils- und Minoritätenforschung
einen negativen Beiklang hat.“ 21 Feindbilder entstehen als Folge gestörter Beziehungen bzw. aufgrund eines Konfliktes zwischen den Staaten oder durch die ideologi-
sierte Kommunikation (z.B. der kalte Krieg, Ost-West Block). 22 Im Bereich der Massenkommunikation wird die Imageforschung durch umfangreiche Studien von Kenneth Boulding geprägt, dessen Leitideen auf die Studie von W. Lippmann zurück gehen. Er stellt die „Bilder in unseren Köpfen“ der objektiven Realität gegenüber und deckt damit die Diskrepanz zwischen objektiver Wirklichkeit und dem subjekti-
ven Wissen auf. 23 Mit „Images“ - so Wilke - sind demnach die Formen der subjektiven Abbildung der Realität im menschlichen Bewusstsein gemeint. 24 Darauf aufbauend argumentiert Boulding:
„The image must be thought of as the total cognitive, affective and evaluative structure of the behavior unit or its internal view of itself and its universe” 25
Weiterhin kategorisiert Boulding die verschiedenen Arten von Images und prägt die Merkmale des Nationenimages als Bild, das “a nation has of itself and of those other bodies in the system which constitute its international environment.“ 26 Die deutsche Interpretation dieser Definition findet man bei Wolf Michael Iwand, wonach die Gesamtheit der Eigenschaften und Attribute gemeint ist, die eine Person oder eine Ge-
sellschaft einer anderen Nation oder Gesellschaft zuschreibt. 27
Im Rahmen der aktuellen Imageforschung wird dem Image eine verallgemeinernde Funktion zugeschrieben. In unserer immer komplexer werdenden Welt verhelfen Images durch Reduktion von Komplexität zu einer schnellen Orientierung. Im Hinblick auf die Touristikbranche beispielsweise beeinflusst das Image des Urlaubsortes
20 Vgl. Wilke, Jürgen (1989): Imagebildung durch Massenmedien. In: Völker und Nationen im Spiegel
der Medien. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung. 1989, S. 12-13; Hub, Astrid (1998): Das
Image Israels in deutschen Medien: zwischen 1956 und 1982. Frankfurt/Main, S. 2 ff.
21 Vgl. Wilke (1989), S. 12-13.
22 Vgl. Peters (1999), S. 51.
23 Vgl. Lippmann, Walter (1965): Public Opinion. New York.
24 Vgl. Wilke (1989), S. 13.
25 Boulding, Kennenth E. (1969): National Images and International Systems. In: James N. Rosenau
(Hrsg.): International Politics and Foreign Policy. New York-London, S. 423.
26 Ebd.
27 Vgl. Iwand, Wolf Michael (1976): Nationenbilder als Gegenstand der Kommunikationsforschung.
Imageanalytische Ergebnisse am Beispiel USA. In: Communication. 2/1976, S. 167-185.
9
die Wahl des Reiseziels. 28 In diesem Zusammenhang stellt das Nationenbild ein „ge- neralisiertesProfil eines Landes bzw. dessen Bewohnern dar und fügt verschiedene Eindrücke von einem Volk zu einem homogenen Bild zusammen.“ 29
Die Entstehung des Nationenimages erfolgt laut Boulding nach den Faktoren der geographischen Distanz, Feindschaft bzw. Freundschaft zwischen den Staaten und
deren politischen, wirtschaftlichen und militärischen Stärken oder Schwächen. 30
Ausgehend von diesen Faktoren entwickelt Süßmuth 15 Kategorien, die zur Herausbildung von Länderimages führen. Zu diesen zählen unter anderen die Beziehungsgeschichte und die aktuellen Beziehungen der Staaten, das militärische Potenzial und das Konfliktlösungsverhalten, das politisch-soziale System, der wirtschaftliche Ent-wicklungsstand, sowie die außen- und innenpolitische Reputation. Von Bedeutung sind des Weiteren die Ideologien, die zu oben erwähnten Feindbildern leiten können, das Verhalten der Bevölkerung im Allgemeinen und im Besonderen: von einzelnen Persönlichkeiten (Politikern, Wissenschaftlern, Prominenten, Sportlern) und gesellschaftlichen Gruppen (Eliten). Ein Faktor außerhalb der Ebene der Außenpolitik ist das Volk, welches ein Länderimage durch Sympathie- bzw. Abneigungsbekundungen ausdrücken kann, da die Attribute, die dem Volk zugeschrieben werden, häufig vom Landesimage abweichen können. Der Kultur wird dabei aber eine nur unter-geordnete Rolle zugestanden, während die Größe eines Landes sowie die Einwohnerzahl wichtig sind. Schließlich verweist Süßmuth auf den Einfluss des Selbstbildes
auf die Entstehung von Länderimages. 31
Welche Kriterien in welchem Ausmaß zur Imagebildung herangezogen werden ist in jedem Fall unterschiedlich. Für die Prägung der Nationenbilder sind vor allem die Massenmedien verantwortlich. Kommunikations- bzw. Sozialwissenschaftler sind sich einig, dass die Medien eine zentrale Stellung bei der Etablierung und Verbreitung von Landesimages einnehmen, da sie eine der wichtigsten Informationsquellen darstellen. Trotz der erweiterten Möglichkeiten des direkten Kontakts zum jeweiligen Land (Reise, Multi-Media Kommunikation) ersetzen bzw. vervollständigen die
28 Vgl. Schweiger, Günter (1992): Österreichs Image in der Welt. Ein weltweiter Vergleich mit
Deutschland und der Schweiz. Wien.
29 Pütz, Wolfgang (1993):Das Italienbild in der deutschen Presse. Eine Untersuchung ausgewählter
Tageszeitungen. München, S. 36.
30 Vgl. Boulding (1969), S. 423 ff.
31 Vgl. Süsmuth, Hans (1993): Deutschlandbilder im Ausland. In: Deutschlandbilder in Polen und
Russland, in der Tschechoslowakei und in Ungarn. Baden-Baden, 1993, S. 81.
10
Medienberichterstattungen die primären Erfahrungen da, wo sie fehlen oder nicht ausreichend sind. In ihrem Streben nach Aktualität sind die Medien außerdem die Ersten, die mit Informationen für neue, für die Imagebildung relevante Sachverhalte
sorgen. 32 Da sie als freie Beobachter und Informationsvermittler fungieren, wird gerade den Printmedien eine hohe Glaubwürdigkeit und Kompetenz zugebilligt. 33 Wilke betont in seiner Forschungsarbeit die Aussage von Galtung und Ruge, dass das Bild der internationalen Realität zwar nicht durch die Nachrichtenmedien allein ge- formtwerden, „but the regularity, ubiquity and perseverence of news media will in any case make them first-rate competitors for the number one position as internatio-
nal image-former“. 34 Auch in Bezug auf die politischen Entscheidungsträger wird den Massenmedien Einfluss zugestanden, da Politiker diese häufig als Informations-
quelle nützen müssen. 35
Da die Medien die Realität nicht abbilden, sondern eine gewisse subjektive Realität darstellen, wird ihnen auch ein gewisses Manipulationsgefahr zugeschrieben. Sie sind in der Lage, bestimmte Eigenschaften einer Nation zu verfestigen oder abzubauen, denn Images sind beeinflussbar. Somit verfügen die Massenmedien über eine gewisse Macht bei der Vermittlung von Nationenbildern: insbesondere dann, wenn die Länder außerhalb des eigenen Erfahrungsbereiches liegen, da in diesen Fällen keine oder nur geringe Möglichkeiten bestehen, das medial vermittelte Bild durch
das selbst Erlebte, also Primärerfahrungen, ggf. zu korrigieren. 36 Zu diesen Ländern zählt auch die Ukraine, da sie weder geographisch in direkter Nachbarschaft Deutschlands liegt, noch bisher in nennenswertem Ausmaß als touristisches Ziel Anklang gefunden hat.
32 Vgl. Bentele, Günter (1995): Der Entscheidungsprozess der Nationenimages. Informationsquellen
und Verzerrungen. Überlegungen zu Grundlagen der staatlichen Auslands-Öffentlichkeitsarbeit. In:
Mahle,Walter (1995) (Hrsg.): Deutschland in der internationalen Kommunikation. AKM Studien. Bd.
40. Konstanz, S. 59-72; Vgl. Süßmuth, Hans (1995): Deutschlandbilder in Europa. Internationale
Kommunikation und Nationenimage. (Düsseldorfer Medienwissenschaftliche Vorträge). Bonn.
33 Vgl. Hoge, James F. (1995): Der Einfluss der Massenmedien auf die Weltpolitik. In: Kaiser, Karl /
Schwarz, Hans Peter (Hrsg.): Die neue Weltpolitik. Bd. 334. Bonn, S. 268.
34 Galtung, Johann / Mari Humboe Ruge (1970): The structure of foreign news. In: Tunstall, Jeremy
(Hrsg.): Media Sociology. London, S. 260.
35 Vgl. Wilke, Jürgen (1993): Internationale Beziehungen und Massenmedien. In: Bonfadelli, Heinz /
Meier, Werner A. (Hrsg.): Krieg, Aids, Katastrophen… Gegenwartsprobleme als Herausforderung der
Publizistikwissenschaft. Konstanz, S. 181.
36 Vgl. Schenk, Michael (1987): Medienwirkungen: kommentierte Auswahlbibliographie der anglo-
amerikanischer Forschung. Tübingen, S. 12; Vgl. Scherer, Helmut / Tiele, Annekaryn / Haase, Ansgar
(2006): So nah und doch so fern? Zur Rolle des Nachrichtenfaktors „Nähe“ in der internationalen
Tagespresse. In: Publizistik, Heft 2, 6/2006, 51 Jahrgang, S. 201.
11
2.2. Nachrichtenauswahlforschung: Begriffe, Problemfelder und
Entwicklungsperspektiven in Bezug auf die Auslandsbericht-
erstattung
Die Feststellung der medialen Prägung des Landesimages führt zu der grundlegenden Frage, auf welche Weise die Medien die Wirklichkeit darstellen. Wie die Medien das Image einer Nation aufbauen, hängt nicht zuletzt davon ab, an welchen Informationsquellen sie sich orientieren und welche Kriterien sie bei der Nachrichtenauswahl heranziehen. Die zahlreichen in den letzten Jahrzehnten durchgeführten empirischen Studien zu diesem Thema haben wertvolle Erkenntnisse gebracht, die die Bedeutung
der Nachrichtenauswahl der Medien im Hinblick auf die Imagebildung aufzeigen. 37 In der vorliegenden Untersuchung wird deshalb an die Tradition der Nachrichtenforschung angeknüpft. Von den drei Forschungsrichtungen zur Analyse der Nachrichtenauswahl (Gate-Keeper Forschung, News Bias Forschung und die Nachrichten-werttheorie) sind die Ergebnisse der Nachrichtenwerttheorie in Bezug auf die Aus-landsberichterstattung der deutschen Printmedien von besonderem Interesse für die vorliegende Arbeit, da sie Erkenntnisse über die Ausprägung der Nachrichtenfaktoren in der deutschen Presse liefern.
Die europäische Nachrichtenforschungstradition begann in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts als Galtung und Ruge, aufbauend auf Östgaards Hypothesen, 12 Fakto-
ren der Nachrichtenselektion erarbeiteten. 38 Weiterentwickelt wurde die Nachrich-tenwerttheorie unter Anderen von Winfried Schulz, Karl Rosengren, Jürgen Wilke, Joachim Staab und Hanns Matthias Kepplinger. Im Gegensatz zu Galtung und Ruge stellte Schulz neben wahrnehmungspsychologischen Faktoren auch politische, ökonomische, soziale und technische Einflüsse auf die Nachrichtenselektion vor. Er entwickelte 18 Nachrichtenfaktoren, die sich in 6 Dimensionen zusammenfassen
lassen 39 :
37 Vgl. Pütz (1993), S. 45.
38 Vgl. Schulz, Winfried (1990): die Konstruktion von Realität in den Nachrichtenmedien. Freiburg, S.
13 ff; Galtung Johann / Ruge Mari Humboe (1970), S. 261 ff.
39 Vgl. Pütz (1993), S. 44f.; Schulz, Winfried (1990), S. 31 ff.; Kunczik, Michael / Zipfel, Astrid
(2001): Publizistik. Köln, S. 250.
12
x Zeit - Dauer und Thematisierung eines Ereignisses:
Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Ereignis zur Nachricht wird, erhöht sich, je mehr die Zeitspanne, die ein Ereignis benötigt um sich zu entfalten, mit den Erscheinungsintervallen eines Mediums übereinstimmt. Kurzfristige Ereignisse besitzen daher eine größere Chance, zur Nachricht zu werden. Dieser Faktor wird in den Studien breit diskutiert und zum Teil widerlegt. Es bleibt jedoch unumstritten, dass einmalige Ereignisse, die innerhalb eines vorher thematisierten Geschehen stattfinden, von den
Medien bevorzugt berichtet werden. 40
x Nähe - diese Dimension setzt sich aus der räumlichen (geographische Entfernung), politischen (wirtschaftspolitische Beziehungen), kulturellen (sprachliche, religiöse, literarische, wissenschaftliche Beziehungen) und psychologischen Nähe (Grad der Betroffenheit und existenzielle Bedeutung eines Ereignisses) zusammen. Dabei wird unterstellt, dass die rein geographische Nähe nur wenig Einfluss auf die Nachrichtenselektion ausübt. Geopolitische Faktoren dagegen sowie soziale Eigenschaften, die den Ländern gemeinsam sind (Religion, Sprache) haben mehr Gewichtigkeit
im Auswahlprozess. 41
x Status - Bedeutung einer Region bzw. eines Landes (politisch, ökonomisch, militärisch), persönlicher Einfluss (politische Macht) und Prominenz von Personen: Meldungen über Weltmächte sowie über einflussreiche Personen besitzen einen hohen Nachrichtenwert. Diese Dimension findet ihre Ausprägung in der These zur Eli-tenorientierung im internationalen Nachrichtenfluss.
x Dynamik - Intensität, Überraschung, Grad der Komplexität bzw. Eindeutigkeit von Ereignissen:
Es wird angenommen, dass sich unerwartete, dabei aber klar und einfach dargestellte Nachrichten ebenfalls eines hohen Nachrichtenwertes erfreuen dürfen. Allerdings unterstellt die Analyse von Hirsch einen Mangel an Beweisen für die Rolle der ge-nannten Faktoren in Bezug auf den internationalen Nachrichtenfluss. 42
x Valenz - Negativismus (Konflikt, Kriminalität, Schaden):
40 Vgl. Hirsch, Birgit (1984): Auslandsberichterstattung und internationaler Nachrichtenfluss. Be-
standsaufnahme und Analyse der empirischen Studien. Mainz, S. 58.
41 Vgl. Schulz (1990), S. 32; Hirsch (1984), S. 59.
42 Vgl. Hirsch (1984), S. 61 f.
13
Diese Dimension besagt, dass negative Nachrichten den positiven gegenüber bevorzugt werden. Es wird in diesem Zusammenhang argumentiert, dass die negativen Nachrichten keineswegs den internationalen Nachrichtenfluss beherrschen; eher ist
es so, dass die positiven unterrepräsentiert sind. 43 Die Auswahl der negativ geladenen Informationen wird durch andere strukturelle Merkmale der Berichterstattung (Politikzentrierung oder mangelnde staatliche Öffentlichkeitsarbeit) begünstigt.
x Identifikation - Personalisierung (Darstellung des Ereignisses als Ergebnis individuellen Handelns und nicht als Folge sozialer Strukturen) 44 und Ethnozentrismus (Bezug auf das eigene Land) 45 :
Die Personalisierung findet ihren Nachrichtenwert im Zusammenhang mit dem Fak-tor „Elitenzentrierung“. Beim Faktor Ethnozentrierung ist ein Wandel sichtbar. Während Ende der 70er - bis Mitte der 80er Jahre dem Ethnozentrismus nur eine geringe
Einflusskraft zugeschrieben wurde 46 , stellte die Foreign-Image Studie der 90er Jahren den Ethnozentrismus als ein der langfristig stabilen Merkmalen der Auslandsbe-
richterstattung in Deutschland dar. 47
Die Neuorientierung der Studie von Schulz, die mit dem Realismus als Forschungsparadigma gebrochen und stattdessen die bis heute in der deutschen Medieninhalts-forschung einflussreiche Position eines radikalen Konstruktivismus formuliert hat, bestand darin, dass Schulz die Ursache der Nachrichtenauswahl nicht allein in den Eigenschaften eines Ereignisses - erfasst mit den Nachrichtenfaktoren - sah, sondern auch Vorstellungen der Journalisten von der Berichtswürdigkeit des Ereignisses mi-
teinbezogen hat. 48 Folglich beschreibt dieser Ansatz - befürwortet und weiter entwickelt in den Arbeiten von Staab und Kepplinger -, dass nicht die Merkmale eines Ereignisses darüber entscheiden, was die Medien publizieren (passiver Redakteur), sondern dass der Journalist bzw. Redakteur einem Ereignis gewisse publikationswürdige Eigenschaften zuschreibt und ihm durch seine Auswahl einen Nachrichtenwert gibt:
43 Vgl. Hafez (2005), S. 49.
44 Vgl. Ebd. S. 64.
45 Vgl. Pütz (1993), S. 44 f.; Schulz, Winfried (1990), S. 32 f.
46 Vgl. Hirsch (1984), S. 64 f.
47 Vgl. Wilke, Jürgen (1998): Konstanten und Veränderungen der Auslandsberichterstattung. In:
Holtz-Bacha, Christine: Wie die Medien die Welt erschaffen und wie die Menschen darin leben.
Wiesbaden, S. 53.
48 Hafez, Kai (2001): Das Nahost- und Islambild der deutschen überregionalen Presse. Bd. 1. Theore-
tische Grundlagen. Die politische Dimension der Auslandsberichterstattung. Baden-Baden, S. 15.
14
„Zu den Nachrichtenfaktoren gehören notwendigerweise die journalistischen Selek-
tionskriterien.Sie erst verleihen den Nachrichtenfaktoren ihren Nachrichtenwert.“ 49
Damit wurde das Zwei-Komponenten-Modell der Nachrichtenauswahltheorie begründet, das sich in die Selektionskriterien der Journalisten und die Nachrichtenkriterien eines Ereignisses untergliedert. In der klassischen Nachrichtenwerttheorie werden diese zwei Komponenten der Nachrichtenauswahl gleichgesetzt und als Nach-
richtenfaktoren bezeichnet. 50
Kepplinger plädiert in seiner Forschungsarbeit dafür, dass die Nachrichtenwerttheorie nicht universell ist, sondern in jedem einzelnen Land bestimmten Gültigkeitsbedingungen unterliegt, die unter Anderem „einem historischen bzw. zeitgeschichtli-
chen Wandel unterworfen [sind]“. 51
Eine theoretische Verallgemeinerung von Nachrichtenforschungsergebnissen in Bezug auf die Auslandsberichterstattung stellt Kai Hafez vor. Er präsentiert sechs Strukturmerkmale der Auslandsberichterstattung:
x Regionalismus 52 (und Metropolenorientierung):
Neben der Berichterstattung aus der oder über die eigene Region ist eine Akzentverschiebung des medialen Interesses seitens der Industriestaaten Westeuropas und der USA bemerkbar. Als Ursache hierfür werden die „politische und wirtschaftliche
Ausstrahlungskraft“ 53 Westeuropas und der USA und ihre nachwirkenden historischen Faktoren genannt (Einflussterritorien). Dagegen finden die Länder aus Lateinamerika, Afrika, Asien und Osteuropa unabhängig von ihrer geographischen und demographischen Größe nur wenig Beachtung.
x Konfliktperspektive:
Es wird nachhaltig über politische und soziale Krisen, Konflikte sowie durch die Natur oder die Menschen verursachte Katastrophen berichtet. Dabei wird darauf hingewiesen, dass „weniger die absolute Häufigkeit negativer Berichte, sondern die
49 Kepplinger, Hans Mathias (1998): Der Nachrichtenwert der Nachrichtenfaktoren. In: Holtz-Bacha,
Christina (Hrsg.): Wie die Medien die Welt erschaffen und wie wir darin leben. Wiesbaden, S. 20.
50 Vgl. Kunczik (2001), S. 260.
51 Kepplinger (1998), S. 21.
52 Zur Ausprägung des Faktors Regionalismus im zeitlichen Bezug vgl. Hirsch (1984), S. 51 ff.
53 Hafez, Kai (2005): Mythos Globalisierung: warum die Medien nicht grenzenlos sind. Wiesbaden, S.
48.
15
relative Unterrepräsentiertheit positiver Berichte in der Auslandsberichterstat-
tung“ 54 fürdie Konflikt- bzw. Krisen- oder Negativberichterstattung charakteristisch ist. Laut den Image-Studien finden die negativgeladenen Themen über das Ausland, wie beispielsweise politische Instabilität, fehlende demokratische Reformen und Kriminalität, schnell und häufig Zugang zur Öffentlichkeit, während andere gesellschaftliche Themen vernachlässigt werden.
x Politikzentrierung:
Die Orientierung auf die Darstellung der politischen Akteure und Systeme wird von den Medien als primäre Triebkraft betrachtet. Dies wird durch eine Reihe von Faktoren begünstigt. Das Thema Politik besitzt ein allgemeines Interesse. Dazu benötigen politische Nachrichten aus dem Ausland nur relativ eingeschränkte redaktionelle Arbeit, da sie meistens entweder von Nachrichtenagenturen oder von den Abteilungen strategischer Öffentlichkeitsarbeit politischer Institutionen fertig an die Medien geliefert werden. Außerdem erweist sich die Politikzentrierung als Ursache für die Konfliktperspektive bzw. Negativberichterstattung in Ländern, in denen politische Probleme herrschen:
„Die Konzentration auf die autoritäre Politikgestaltung eines Landes wird nahezu zwangsläufig ein negativeres Medienbild nach sich ziehen als eine stärker kulturell
oder sozial akzentuierte Berichterstattung.“ 55
x Elitenzentrierung:
Ereignisse, die offizielle Eliten oder Gegeneliten (Rebellen/Putschisten) betreffen, werden besonders stark beachtet, während andere soziale Gruppen und gesellschaftliche Bewegungen marginalisiert werden. Aus Politik- und Elitenzentrierung ergibt sich - so Hafez - eine nachhaltige Konzentration der Berichterstattung auf politische Eliten, was teilweise die Unterhaltungselemente in politischen Themen begünstigt (soft news). Darüber hinaus argumentiert Hafez, dass die politische Marginalisierung von Bevölkerungsmehrheiten die Bildung der Zivilgesellschaft in den Entwicklungsländern stark beeinflusst, da die vermittelten Bilder auf das Ausland zurück wirken können.
54 Hafez, Kai (2005), S. 49.
55 Ebd. S. 52 f.
16
x Dekontextualisierung:
Die Elitenzentrierung und Personalisierung des Auslandsbildes ist eng mit den Kontextdefiziten, d.h. mangelnder Betrachtung von politischen, ökonomischen und kulturellen Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen im medialen Auslandsbild, verbunden. Dekontextualisierung kommt im öffentlichen Diskurs als einer der grundsätzlichen Anklagepunkte gegenüber den strukturellen und ökonomischen Hindernissen der Massenmedien und den Arbeitsgrundsätzen der journalistischen Praxis vor:
„Sie ist das Resultat von Raum-, Zeit-, und Relevanzvorgaben der Medienorganisationen sowie dem Prozess der Informationsbeschaffung und der unterschiedlich aus- geprägtenKompetenz des Journalisten.“ 56
Da die Medien meistens keine oder nur spärliche Korrespondetennetzte im Ausland betreiben, sind sie größtenteils auf die Informationen von Nachrichtenagenturen angewiesen. Die Nachrichtenagenturen recherchieren ihre Informationen oft auch nicht selbst, sondern beziehen sie von Öffentlichkeitsdiensten. Damit ist die Gesamtlage der Weltnachrichten ein stark selektiertes und vereinfachtes Spektrum von Themen, welches durch die marktführenden Agenturen der großen westlichen Industriestaaten vorrangig deren Interessen repräsentiert.
x Nichtdarstellung von Strukturproblemen internationaler Beziehungen:
Dieses Merkmal kann als Unterkategorie der Dekontextualisierung angesehen werden. Sie impliziert die Vernachlässigung der Darstellung von Verhältnissen zwischen dem Fortschritt und der Unterentwicklung im Kontext der Industrie- und Entwick- lungsländer.Dabei wird stets kritisiert, dass „Medienberichterstattung häufig ereignis- und weniger prozessorientiert ausgerichtet ist“. 57
Zusammenfassend kann man feststellen, dass der Nachrichtenfaktorenansatz einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der Frage liefert, welchen Aspekten die mediale Konstruktion der fremdkulturellen Wirklichkeit unterliegt. Trotz ihrer langen Tradition scheint die Nachrichtenforschung jedoch noch nicht ausgeschöpft zu sein. In den zahlreichen empirischen Studien zu diesem Thema werden die Problemstellungen
56 Hafez (2005), S. 53.
57 Ebd. S. 55.
17
der vorhandenen Konzepte aufgedeckt und neue Forschungsansätze entwickelt. 58 Vor allem die Forderung nach einer ausgewogenen Nachrichtenlandschaft wird im öffentlichen Diskurs immer wieder gestellt. Die in den empirischen Studien aufgedeckten „weißen Flecken“ auf der Karte der Nachrichtengeographie weisen darauf hin, dass viele Länder bzw. Themen häufig vernachlässigt werden. So wurde 1995 in Deutsch-land die „Initiative Nachrichtenaufklärung“ (INA) gestartet, deren Ziel ist es „wichti- geNachrichten und Themen (hauptsächlich aus dem deutschsprachigen Raum), die in den Medien nicht genügend berücksichtigt wurden, stärker in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen“. 59 Das Projekt untersucht und veröffentlicht die zehn Top-Themen, die in den Redaktionen „unter dem Tisch“ gefallen sind.
Als Gegentendenz zeichnet sich in den letzten Jahren ein Trend zum bilateralen
Nachrichtenaustausch zwischen Referenzmedien verschiedener Regionen ab. 60 Hans Kleinsteuber und Kai Hafez fordern in diesem Zusammenhang das Loslösen von der veralteten monologischen Auslandsberichterstattung zugunsten der Stärkung dialogischer Elemente, wobei mehr Stimmen aus den Zivilgesellschaften der Länder einbe-zogen werden sollen. 61
2.3. Faktoren der Auslandsberichterstattung in der deutschen
Presse
Die vorliegende Arbeit konzentriert sich im Folgenden auf die Ausprägung der Nachrichtenfaktoren in Bezug auf die Auslandsberichterstattung in Deutschland. Die „Foreign-Images“ Studie aus dem Jahr 1995 zeigte, dass die Auslandsberichters-
tattungin Deutschland im Vergleich zu den USA traditionell 62 einen größeren Raum einnimmt, jedoch stark auf das eigene Land konzentriert ist. Die Aussage, dass „das Ausland dann von Interesse ist, wenn das Geschehen auch einen Bezug zu Deutsch-
58 Vgl.Seifert (2003), S. 66 ff.
59 http://www.nachrichtenaufklaerung.de (10.08.2008)
60 Hafez (2005), S. 57.
61 Ebd. S. 59.
62 Ursprünglich diente Auslandsberichterstattung in Deutschland schon im 17. Jh. als Ablenkung von
den Problemen im eigenen Lande. Vgl. Wilke, Jürgen (1986): Auslandsberichterstattung und interna-
tionaler Nachrichtenfluss im Wandel. In: Publizistik, 31, 1986, S. 67.
18
land hat“ 63 , weist auf die starke Ausprägung des Nachrichtenfaktors Ethnozentrismus hin.
Der Studie zufolge hatten im Durchschnitt ca. 60% der ausgewerteten Auslandsberichte der FAZ und der SZ reines Auslandsgeschehen zum Thema. Mit nur jeweils 1% in beiden Medien hatten dabei die Inlandsberichte mit ausländischem Bezug ohne deutsche Beteiligung den geringsten Anteil an Berichterstattung.
Bei den Auslandsberichterstattungen der führenden Nachrichtenagenturen ist die gleiche, auf Deutschland ausgerichtete Tendenz zu beobachten. Dabei ist der Anteil der Meldungen mit deutschem Bezug bei der dpa doppelt so hoch wie bei AP, AFP und Reuters. Der Grund dafür liegt darin, dass die dpa eine reine deutsche Nachrichtenagentur ist, was wiederum als Bestätigung der Ausprägung des Faktors Ethnozentrismus angesehen werden.
Darüber hinaus werden die Geschehnisse im Ausland primär nach ihren wirtschaftlichen, politischen und kulturellen, nicht aber nach ihrer geographischen Nähe zu Deutschland wahrgenommen. Weltregionen, die außerhalb der politischen Macht-
63 Schmidt,Dagmar / Wilke, Jürgen (1998): Die Darstellung des Auslands in den deutschen Medien.
In: Deutschland im Dialog der Kulturen. Medien - Images - Verständigung. Konstanz, S. 176.
64 Eigene Aufarbeitung anhand der Datentabelle von Schmidt / Wilke, S. 174.
19
zentren liegen (USA, Europa, Russland) haben nur bei „Rapid-Oneset-Themen“ wie Naturkatastrophen, Unglücken oder Terroranschlägen die Möglichkeit, in den Fokus
des Weltinteresses zu geraten 65 und verbleiben ansonsten an der globalen Nachrichtenperipherie.
„Es gibt ein universelles „Pattern“, in dem nach den Nachrichten aus der eigenen Region und den benachbarten Ländern an zweiter - über die politischen und wirtschaftlichen Großmächte berichtet wird, an dritter - aus den Krisenregionen der
Welt und an vierter kommen die anderen Teile der Welt.“ 66
Die zweitbedeutendste Rolle in der internationalen Nachrichtenberichterstattung
Deutschlands wird somit dem Faktor Regionalismus zugemessen. 67 Wilke betonte in seinem Vergleich zweier „Foreign-Images“ Studien 1979 und 1995, dass Regiona- lismuseiner der Nachrichtenfaktoren ist, die universell und langfristig stabil blei-
ben. 68 Die Meldungen über die EU, Deutschland und andere europäische Staaten zusammengenommen machen rund die Hälfte der internationalen Berichterstattung aus.
Abbildung 2: Nennungshäufigkeit der Länder bzw. Regionen in FAZ, SZ, FR, die
65 Vgl. Kamps, Klaus (1998): Nachrichtengeographie. Themen, Strukturen, Darstellung. Ein Ver-
gleich. In: Kamps, Klaus / Meckel, Miriam (Hrsg.): Fernsehernachrichten. Prozesse, Strukturen,
Funktionen. Wiesbaden, S. 290 f.
66 Wilke (2008), S. 248.
67 Vgl. Ebd.
68 Vgl. Wilke, Jürgen (1998), S. 53; Kunczik (2001), S. 428.
69 Eigene Aufarbeitung anhand der Datentabelle von Schmidt/Wilke (1998), S. 179.
20
Die relativ aktuellen Studien von Hagen 70 und Scherer 71 belegen, dass eine Konzentration der deutschen Berichterstattung auf Länder der eigenen Region, vor allem auf die, zu denen enge wirtschaftspolitische Beziehungen bestehen, stattfindet. Insbesondere stellt die Import-Beziehung des Berichterstattungslandes zum Erscheinungsland einen wichtigen Einflussfaktor dar. „Nachrichten kommen also tatsächlich mit den
Waren ins Land“ stellt die Analyse von Scherer fest. 72
Wie Abbildung 2 zeigt, weist die Nachrichtenlandkarte in den 90er Jahren eine starke Unterrepräsentiertheit der GUS-Staaten auf. Das geringe Interesse an osteuropä-ischen Ländern lässt sich auch noch in der Untersuchung von 1979 erkennen. 73 Somit wird deutlich, dass die internationale Berichterstattung in Deutschland in erster Linie durch den Faktor Machtstatus beeinflusst wird, der sich vor allem in der Intensität der wirtschaftlichen und außenpolitischen Beziehungen zwischen dem Land-
Kommunikator und dem Land über das kommuniziert wird widerspiegelt. 74 Die reine geografische Entfernung sowie das „Erdbebensyndrom“ 75 , wonach überwiegend über Katastrophen berichtet wird, spielen bei der deutschen Auslandsberichterstattung nur eine geringe Rolle.
Anhand der aufgeführten Überlegungen kann man zusammenfassen, dass die Berichterstattung der deutschen Medien über die Ukraine von deren ökonomischen Beziehungen und ihrem Machtstatus, d.h. von ihrer Rolle im internationalen Verflechtungssystem, beeinflusst wird. Wie die wirtschaftspolitische Situation in der Ukraine aussieht, wird im nächsten Kapitel beleuchtet.
70 Vgl. Hagen, Lutz / Berens, Harald / Zeh, Reimar / Leidner, Daniela (1998): Ländermerkmale als
Nachrichtenfaktoren: Der Nachrichtenwert von Ländern und seine Determinanten in den Auslands-
nachrichten von Zeitungen und Fernsehen aus 28 Ländern. In: Holtz-Bacha, Christine: Wie die Me-
dien die Welt erschaffen und wie die Menschen darin leben. Wiesbaden, S. 59-83.
71 Vgl. Scherer, Helmut / Tiele, Annekaryn / Haase, Ansgar / Hergenröder, Sabine / Schmid, Hannah
(2006): So nah und doch so fern? Die Rolle des Nachrichtenfaktors „Nähe“ in der internationalen
Presse. In: Publizistik 51, 6/2006, S. 201-224.
72 Ebd. S. 201.
73 Vgl. Wilke (1998), S. 54.
74 Vgl. Wilke (2008), S.248.
75 Vgl. Ebd.
21
3. Ukraine im Überblick
Im folgenden Kapitel soll das Untersuchungsland Ukraine näher vorgestellt werden. Vor allem die Geschichte, die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sowie die gesellschaftlichen Problemstellungen stehen im Mittelpunkt dieser Ausführungen.
3.1. Aktueller Ausblick im historischen Kontext
Der gegenwärtige Standpunkt der Ukraine kann nicht verstanden werden, ohne die geographischen und historischen Voraussetzungen mit einzubeziehen. Daher ist es wichtig, einen Einblick in die historische Entwicklung des Staates zu schaffen. Die Ukraine ist 1991 aus der Ukrainischen Sowjetrepublik hervorgegangen und besteht heute in deren Grenzen. Nach Russland ist sie der größte Flächenstaat in Europa, etwa doppelt so groß wie Deutschland und 10% größer als Frankreich. Das Land liegt am Schnittpunkt vieler alter Handelswege und geistiger Strömungen der westlichen (katholisch-lateinischen) und östlichen (orthodox-slawischen) Kulturkreise. 76
Ukrainische Geschichte zu beschreiben ist problematisch. So stellte Mark von Hagen 1995 die Frage, ob die Ukraine überhaupt eine Geschichte habe. 77 Er ist der Auffassung, dass sich Geschichtsschreibung traditionell entweder auf Staaten (politischer Gemeinwesen) oder auf Dynastien (politische Familien) stützt. Die ukrainische Geschichte kann darauf jedoch nicht zurückgreifen, weil ein eigenständiger Staat und Dynastien fehlen. Mit ihrer heterogenen Bevölkerung blickt das Land über viele Jahrhunderte hinweg auf eine sehr komplexe Vergangenheit zurück, ohne aber zugleich auf ein geschlossenes Geschichtsbild im Sinne einer durchgängigen Einheit von Bevölkerung, Territorium, Staat und Kultur zurückgreifen zu können. Die Existenz sich überlagernder historiographischer Sichtweisen, geprägt durch Ideologien der zaristischen, sowjetischen und postsowjetischen Zeit, verkompliziert die ohnehin schwierige Identitätsfindung noch zusätzlich.
76 Vgl. Dsjuba, Ewgenija (1993): Die Ukraine und die Welt von heute. In: Hausmann, Guido / Kapel-
ler, Andreas (Hrsg.): Ukraine. Gegenwart und Geschichte eines neuen Staates. Baden-Baden, S. 25.
77 Vgl. Hagen, Mark von / Andreas, Kappeler (Hrsg.) (2003): Culture, Nation and Identity. The
Ukrainian-Russian Encounter, 1600-1945. Edmonton: Canadian Institute of Ukrainian Studies Press.
In: http://www.h-net.org/reviews/showpdf.cgi?path=181231078540161l (05.12.2007)
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Magistra Artium Natalia Brouwers, 2009, Der lange Weg zur Imagebildung - Die Darstellung der Ukraine in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und in der Süddeutschen Zeitung, München, GRIN Verlag GmbH
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Der lange Weg in die Bundesliga
Rot-Weiss Oberhausen. Chronik ...
Peter Seiwert, Manuela Rettweiler
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