In den Werken „Schrumpfende Gesellschaft“ von Franz-Xaver Kaufmann und „Weniger sind mehr“ von Karl-Otto Hondrich beschäftigen sich die beiden Soziologen gleichermaßen mit dem Phänomen des demografischen Wandels, jedoch in gänzlich unterschiedlicher Art und Weise und mit ungleichen Synthesen.
Während Hondrich eine optimistische Sichtweise an den Tag legt und unbeirrt die Chancen und positiven Folgen des Wandels betont, zeigt Kaufmann die negativen Auswirkungen und deren Bedeutung für die Zukunft der Gesellschaft auf.
Das zentrale Problem des Wandels, so die immer wiederkehrende Kernthese des Werkes von Kaufmann, liegt nicht in der Überalterung, sondern im Geburtenrückgang und dem damit verbundenen Verlust an Humankapital. Hondrich hingegen stellt gleichartige Entwicklungen fest, sieht darin im Gegensatz zu Kaufmann jedoch kein Problem, sondern verweist auf die Selbstregulierungsmechanismen einer Gesellschaft, einer Familie oder anderen Systemen wie der Wirtschaft oder Politik. Demzufolge wandelt sich die Gesellschaft zwar, aber ohne die katastrophalen oder gravierenden Folgen wie sie bei Kaufmann oder in anderen Szenarien die den demografischen Wandel betreffen, beschrieben werden. Das heißt, die Gesellschaft löst ihre Probleme selbst. Die Systeme erkennen mögliche Fehlentwicklungen und regulieren sie selbstständig, die Sicherung einer Gesellschaft werde nicht durch Quantität, sondern durch Qualität erreicht.
Kaufmann beginnt sein Werk mit einer detaillierten Begriffklärung eines seiner zentralen Argumentationspunkte, dem Humanvermögens, welches „Die Gesamtheit der Kompetenzen aller Mitglieder einer Gesellschaft“ (Kaufmann, 2005, S. 26.) ausmacht. Dieses trägt maßgeblich zur Bewahrung der Kultur und einer Gesellschaft im Allgemeinen bei. Verringert sich dies durch den Geburtenrückgang und wird nicht durch andere Maßnamen kompensiert, so habe dies verheerende Folgen für eine Gesellschaft, welche er im Weiteren näher ausführt. Bereits im ersten Kapitel formuliert er Lösungsansätze bzw. Reformvorschläge um die zunehmende Kinderlosigkeit aufzuhalten. Aus Sicht des Autors muss zum einen das Vereinbarkeitsproblem von Beruf und Familie aufgegriffen werden, darüber hinaus sollten Maßnahmen gegen die bestehende Kinderarmut und die Bildungsungleichheit ergriffen werden. Zudem sind die Leistungen von Familien für deren Alterssicherung anzuerkennen. (Vgl. Ebd. S. 18.) Damit legt Kaufmann die Verantwortlichkeit der Problemlösung nahezu gänzlich in die Hände der Politik, anders als Hondrich, der der Politik kaum Problembewältigungspotential zugesteht. Im Folgenden beschäftigt sich Kaufmanns Werk und auch diese Arbeit mit dem Schrumpfen und dessen Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung. Das Hauptargument wird hier wieder aufgegriffen. Durch die zu geringe
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Reproduktion wird es zu einem Schwinden des Humankapitals kommen und dies führt wiederum zu einem immer geringerem Wirtschaftswachstum. Durch dieses Schwinden kommt es zu Wohlstandseinbußen und einem noch geringerem Wachstum und zu einer höheren Belastung der Arbeitnehmer durch Sozialbeiträge und Steuerlasten bis hin zum Zusammenbruch des Rentensystems. (Ebd. S. 91ff.) Nach Kaufmann existieren drei Hauptimpulse für das Wirtschaftswachstum, zum einen die „Entdeckung neuer Territorien und Ressourcen, [das] Bevölkerungswachstum und innovative Erfindungen“. (Ebd. S. 65.) Ein kontinuierlicher Anstieg der Bevölkerungsahlen kurbelt die Nachfrage an und verhilft somit zu neuen Investitionen und schafft damit Arbeitsplätze, einen höheren Lebensstandart und damit auch die Möglichkeit eine Familie zu gründen. Fehlt diese Nachfrage so mündet dies in einem Teufelskreis der sich potenziert. Jedoch hängt das Ausmaß der Nachfrage tatsächlich von der Anzahl der Menschen ab? Die Wenigeren fragen dann vielleicht Güter mit höherer Qualität nach oder schlicht mehr, als sie grundsätzlich benötigen, da sie die Kosten und Lasten, welche durch Nachwuchs verursacht werden, nicht tragen und somit über mehr Kaufkraft verfügen. Dies lässt sich anhand der Tatsache verdeutlichen, dass Haushalte mit Kindern unter 16 Jahren in Deutschland einem Armutsrisiko von über 10% ausgesetzt sind und damit neben den Migranten an vorderster Stelle liegen. (Vgl. Rostocker Zentrum S. 84.) In der ökonomischen Theorie von Gary S. Becker wird argumentiert, dass reichere Gesellschaften immer weniger Kinder zeugen, von diesen jedoch eine höhere Qualität erwarten und damit die Kosten für Kinder steigen. (Vgl. Becker, 1960, S. 211.) Eine geringere Anzahl von Familien mit Kindern fragen also vermehrt Güter und Dienstleistungen nach und diejenigen ohne Kinder tun dies ohnehin, allein auch durch den Wandel der Gesellschaft, die sich zunehmend konsumorientierter darstellt.
Die Nachfrage verändert sich also, auch durch das Ansteigen der Zahl älterer Menschen, sie muss jedoch nicht zwangsläufig sinken. Außerdem kommt es in einer globalisierten Welt nicht nur ausschließlich auf die Binnennachfrage an, auch der weltweite Markt besitzt ein enormes Nachfragepotential und die Tatsache, dass Deutschland immer noch „Exportweltmeister“ ist, unterstützt diese Kraft.
Die innovativen Erfindungen können ebenfalls nicht mehr in ausreichendem Maß erfolgen, wenn das Schrumpfen der Gesellschaft weiter anhält, da dann das Humankapital für derartige Leistungen fehlt, so Kaufmann. Die Lösung dieses Dilemmas sieht der Autor entweder im Anwachsen der Bevölkerung, jedoch erkennt er hier auch das Problem der Opportunitätskosten an, oder in der Kompensation durch Zuwanderer, welche allerdings auch keine optimale Lösung darstellt. Da die Zuwanderung nicht mehr in so großem Umfang
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erfolgt und die Migration von gut qualifizierten Einwanderern noch geringer ist, müssten bessere Anreize geschaffen werden, um qualifizierte Ausländer zu gewinnen. Des Weiteren schlägt er eine längere Erwerbstätigkeit von älteren Arbeitnehmern sowie eine Steigerung der Qualität und Quantität des Nachwuchses zur Produktivitätssteigerung vor. Das längere Verbleiben von älteren Arbeitnehmern in ihrem Beruf bedeutet, dass diese auf lebenslanges Lernen und Weiterbildung eingestellt sein müssen. Jedoch ist es sinnvoll länger an älteren Arbeitnehmern festzuhalten? In der Regel scheiden die Älteren nicht ohne Grund aus dem Berufsleben aus, entweder sind sie gesundheitlich nicht mehr in der Lage die Erwartungen zu erfüllen oder sie werden durch Jüngere ersetzt, welche mit besseren Qualifikationen und Kompetenzen aufwarten können. In einer Studie des Rostocker Zentrums wurde herausgefunden, dass die Vertrautheit mit neuen Technologien im Alter sinkt und auch die Internetnutzung mit dem Alter abnimmt. (Vgl. Rostocker Zentrum S. 74.) Gut qualifizierte, ältere Fachkräfte, die zusätzlich noch Berufserfahrung vorweisen können, bilden wertvolle Mitarbeiter und sind daher seltener von einer Kündigung betroffen. In Deutschland wurde jedoch in der Vergangenheit versäumt, in die Ausbildung von Fachkräften zu investieren.
Die Steigerung der Qualität des Nachwuchses durch vermehrte Bildung bedeutet eine Steigerung des Humankapitals und ist ein zentraler Punkt bei der Erhöhung der Produktivität. Diese Ansicht teilt Kaufmann, der dies bereits im ersten Kapitel, mit der Auflösung von Bildungsungleichheiten anspricht. Ein Wachstum des Humankapitals bedeutet technischen Fortschritt und Innovationen und trägt somit maßgeblich zu einer Wohlstandssteigerung bei. Durch diese Steigerung wird der zu „verteilende“ Wohlstand größer, mittels Schrumpfen wird jedoch die Menge derer, die daran partizipieren kleiner, somit können weniger Erwerbstätige trotzdem eine größerer Anzahl von Rentenempfängern finanziell tragen. Durch steigenden Wohlstand sehen sich dann wiederum auch mehr Individuen in der Lage, eine Familie zu gründen, da neben dem Vereinbarkeitsproblem die wirtschaftliche Unsicherheit einen der Hauptgründe für die Entscheidung gegen Kinder darstellt. Demnach ist der Schlüssel zur Lösung des Problems in der Stärkung des Humankapitals zu sehen, dafür müsste nicht unbedingt die Anzahl steigen, sondern lediglich die Investitionen in diese. Ein Schrumpfen wäre vielleicht sogar von Vorteil, da dann weniger Menschen betreut und ausgebildet werden müssen. Deutschland gab 2001 jedoch lediglich 4,57 % des Bruttoinlandsproduktes für Bildung aus und rangiert damit im unteren Drittel in Europa. (Vgl. Europäische Kommission S. 28) Wohingegen Länder wie Dänemark oder Schweden, welche mehr als 8% ihres BIP in die Bildung investieren und damit an erster Stelle in Europa stehen, gleichzeitig ein
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Arbeit zitieren:
M.A. Stefanie Hoppe, 2008, Die wirtschaftlichen Aspekte des Schrumpfens , München, GRIN Verlag GmbH
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