Inhaltsangabe:
0) Darstellung von Altmayers kulturwissenschaftlicher Textanalyse anhand einer
Kampagne der Michael Stich Stiftung 3
1) Theoretische Vorüberlegungen 4
1.1) Altmayers Textbegriff. 4
1.2) Altmayers Textverstehen 4
1.3) Altmayers Kulturverständis 5
1.4) Präsupponiertes Wissen und Textverstehen. 5
1.5) Kulturelle Deutungsmuster 6
2) Altmayers Textanalyse anhand einer Kampagne der Michael Stich Stiftung. 7
2.1) Präsupponiertes Wissen in den drei Texten 9
2.1.1) Allgemeine Kommunikationsebene. 9
2.1.2) Handlungsebene. 10
2.1.2.1) Situatives Kontextwissen 10
2.1.2.1.1) Autoreninstanz 10
2.1.2.1.2) Räumlich- zeitlicher Kontext. 10
2.1.2.1.3) Situativer Kontext 11
2.1.2.1.4) Thematischer Kontext. 11
2.1.2.2) Textmusterwissen 13
2.1.3) Inhaltsebene 14
2.1.3.1) Intertextualität 14
2.1.3.2) Schlüsselmotive 15
2.2) Deutungsmuster 20
3) Fazit. 25
4) Literaturnachweis 26
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0) Darstellung von Altmayers kulturwissenschaftlicher Textanalyse anhand einer
Kampagne der Michael Stich Stiftung
Die Arbeit hat sich zum Ziel gesetzt, eine kulturwissenschaftliche Textanalyse nach dem Vorbild von Claus Altmayer vorzunehmen. Als geeigneter aktueller Referenztext gilt eine Plakat-Aktion der Michael-Stich-Stiftung. Zunächst wird jedoch geklärt werden, worum es sich bei Altmayers Konzept handelt. Deren wichtigsten Aspekte werden kurz theoretisch vorgestellt um dann in einem zweiten Schritt anhand des gewählten Beispiels angewandt zu werden.
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1) Theoretische Vorüberlegungen
Ziel der Textanalyse von Claus Altmayer ist es sich bewusst zu machen, wie Text und Kultur zusammenhängen insbesondere in Bezug auf deren landeskundlichen Lehr- und Lernprozesse. 1 Dabei sind folgende Vorüberlegungen von Bedeutung:
1.1) Altmayers Textbegriff
Altmayers Textbegriff ist ähnlich umfassend wie der des Philologen Roland Barthes, der überspitzt dargestellt hat, dass alles um uns herum Text ist. 2 Auch für Altmayer ist ein Text nicht nur die Verengung auf ein sprachliches Symbolsystem, sondern auch explizit die Miteinbeziehung von nichtsprachlichen Symbolsystemen, wie sie in Bildern oder der Musik zu finden sind. 3 Claus Altmayer schränkt jedoch ein, dass für die kulturwissenschaftliche Textanalyse nur jene Texte von Bedeutung sind, die Teil einer öffentlichen Kommunikation sind. „Unter ‚Texten’ sollen hier also alle Formen der Kommunikation angesehen werden, die entweder mit Hilfe der herkömmlichen Drucktechnik oder auf elektronischem Weg (analog oder digital) gespeichert sind und die in herkömmlichen Printmedien (Zeitungen, Zeitschriften, Bücher usw.) oder in neuen elektronischen Medien (Rundfunk, Fernsehen, Video, CD, Internet usw.) öffentlich zirkulieren. “ 4
1.2) Altmayers Textverstehen
Altmayer schließt sich den Kognitionswissenschaftlern an und bezeichnet das Textverstehen als aktiven Prozess. Das Verständnis des Textes erreicht der Rezipient über die Herannahme von bestehenden Wissensstrukturen mit deren Hilfe er dem Text einen Sinn zuspricht. Altmayer betont die Wechselseitigkeit dieser Wissensstrukturen. Um einen Text zu verstehen, muss der Rezipient auch die in dem Text enthaltenen Wissensstrukturen aufnehmen. Texte können nur verstanden werden, weil sie und ihre Rezipienten sich auf ein gemeinsames
1
Vgl.:
Altmayer, Claus:
Kulturelle Deutungsmuster in Texten. Prinzipien und Verfahren einer kulturwissenschaftlichen Textanalyse im Fach Deutsch als Fremdsprache.
Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht [Online], 6(3), 25 pp. 2002. (20.02.2005):
3/beitrag/deutungsmuster.htm>, S.3.
2 Vgl.: Barthes, Roland: Die Lust am Text. Übersetzt von Traugott König. Suhrkamp. Frankfurt am Main: 1974.
3 Altmayer, Claus (2002), S. 3. 4 Altmayer, Claus (2002), S. 3.
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Wissen und Weltverständnis beziehen. Diese Gemeinsamkeit verdeutlicht laut Altmayer erst die Relevanz von Texten für das kulturwissenschaftliche Lernen. 5
1.3) Altmayers Kulturverständis
Ziel von Altmayers Textanalyse ist es also, kulturspezifische Verstehensprozesse zu verdeutlichen. In seinem Kulturbegriff schließt er sich vor allem Geertz an. Für Altmayer ist ‚Kultur’ ein ‚öffentliches’ Phänomen, genauso, wie es auch öffentlichen Symbole sind. ‚Kultur’ zeigt sich vor allem im kommunikativem Handeln aus dem lebensweltliches Hintergrundwissen ersichtlich wird. ‚Kultur’ ist daher ein theoretisches Konstrukt. „Die Lebenswelt bildet das intuitiv gegenwärtige, insofern vertraute und transparente, zugleich unübersehbare Netz der Präsuppositionen, die erfüllt sein müssen, damit eine aktuelle Äußerung überhaupt sinnvoll ist [...] ‚Kultur’ [bildet] die Gesamtheit des als selbstverständlich gültig und allgemein bekannt angenommenen und vorausgesetzten Wissens, dass von Texten präsupponiert wird und das die in der Regel implizit bleibenden Sinnbedingungen von Texten ausmacht. Kultur in diesem Verständnis ist demnach nicht auf einem direkten oder empirischen Weg, sondern allein über die Analyse von Texten bzw. kommunikativen Handlungen, d.h. genauer über die Rekonstruktion der von Texten präsupponierten Sinnbedingungen wissenschaftlicher Erforschung zugänglich.“ 6
1.4) Präsupponiertes Wissen und Textverstehen
Laut Altmayer können Texte nur funktionieren, in dem sie von einem kulturellen Hintergrundwissen ausgehen und dieses als ein gemeingültiges Muster voraussetzen. Dieses Hintergrundwissen muss wie bereits erwähnt vom Rezipienten beim Verstehensprozess aktiviert werden. Die Aufgabe der kulturwissenschaftlichen Textanalyse sieht Altmayer nun darin, das Hintergrundwissen, das in einem Text präsupponiert (d.h. vorausgesetzt) wird, explizit (d.h. unmissverständlich deutlich) zu machen, sodass jene Rezipienten, die diese Wissensbestände nicht teilen (d.h. unsere Lerner, die aus einem anderen Kulturkontext stammen), den Text verstehen. 7
5 Vgl. Altmayer, Claus (2002), S. 4ff.
6 Vgl. Altmayer, Claus (2002), S. 9 ff.
7 Vgl. Altmayer, Claus (2002), S. 11.
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Es wäre jedoch nicht sinnvoll noch möglich oder zweckmäßig, so Altmayer, zu versuchen, einen Text vollkommen auf das vorausgesetzte Wissen hin zu entschlüsseln. Vielmehr habe die Textanalyse die Aufgabe, „allgemeineres und grundlegenderes ‚kulturelles’ Wissen bereit[zu]stellen“. Der Lerner soll dazu befähigt werden, Wissensstrukturen aufzubauen, die ihnen das Verständnis von verschiedenen deutschen Texten ermöglichen. Er soll also eine „Verstehenskompetenz“ erlangen. Hierfür verwendet er den Begriff des ‚kulturellen Deutungsmusters’. 8
1.5) Kulturelle Deutungsmuster
Kulturelle Deutungsmuster sind für Altmayer die relevanten Teile des präsupponierten Hintergrundwissens. 9 Ein kulturelles Deutungsmuster ist „eine Wissensstruktur, die abstraktes und typisiertes Wissen über einen bestimmten Erfahrungsbereich enthält. [Sie dient dazu,] neue Erfahrungen und neue Informationen zu den bestehenden Wissensstrukturen in Beziehung zu setzten und dem Neuen damit Sinn zuzusprechen [Sie ist] nicht im kognitiven Apparat eines Individuums verankert, sondern einer sozialen Gruppe gemeinsam.“ Zudem wiederspiegeln sich in ihr kollektive Erfahrungen. 10 Als Bestandteil des kulturellen Gedächtnis’ dienen kulturelle Deutungsmuster zudem einer kollektiven Identitätskonstruktion und als Handlungsorientierung und Handlungskoordination. 11
Die kurze Zusammenfassung von Altmayers theoretischen Überlegungen hat die Relevanz der kulturwissenschaftlichen Textanalyse gezeigt. Als nächstes soll nun eine solche Textanalyse vorgenommen werden. Dabei wird versucht werden, die einzelnen Schritte einer kulturwissenschaftlichen Textanalyse so zu gehen, wie sie Altmayer in „Kultur als Hypertext“ gefordert hat. 12
8 Vgl. Altmayer, Claus (2002), S. 14.
9 Vgl. Altmayer, Claus (2002), S. 14.
10 Vgl. Altmayer, Claus (2002), S. 16.
11 Vgl. Altmayer, Claus (2002), S. 18.
12 Altmayer, Claus: Kultur als Hypertext. Zur Theorie und Praxis der Kulturwissenschaft im Fach Deutsch als Fremdsprache. Iudicium Verlag. München: 2004.
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2) Altmayers Textanalyse anhand einer Kampagne der Michael Stich Stiftung
Bei der Textanalyse werden drei Texte einer Kampagne herangezogen. Diese sind zwar nicht unbedingt zeitgleich entstanden, stehen aber, wie sich später noch zeigen wird, in einem thematischen Kontext und unterstehen einem kulturellen Deutungsmuster. Hier sind nun die Texte:
Text 1:
13
Lassen, Oliver:
Sarg.
2007. (06.01.2009):
stiftung.org/index.php?id=anzeigenkampagne-galerie>.
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2.1) Präsupponiertes Wissen in den drei Texten
Wie bereits im theoretischen Teil dieser Arbeit erläutert, ist es für die kulturwissenschaftliche Textanalyse besonders bedeutend herauszufinden, welches Wissen die Ausgangstexte voraussetzen. Dies erfolgt auf mehreren Ebenen: auf der allgemeinen Kommunikationsebene, auf der Handlungsebene und auf der Inhaltsebene
2.1.1) Allgemeine Kommunikationsebene
Ziel der allgemeinen Kommunikationsebene ist es, Äußerungen als kommunikative Handlungen zu identifizieren. Ferner wird vorausgesetzt, dass wenn es sich tatsächlich um kommunikative Handlungen handelt, der Kommunikationspartner Gründe für sein Handeln hat. In den drei Texten kann man eindeutig Kommunikationsgegenstände identifizieren: Im Text 1 wird bildlich ein dunkler Park dargestellt. In ihr sitzt eine lesende Frau auf einer Bank und hält in ihrer Hand den Lenker eines Kinderwagens, der sich als Sarg rausstellt. Im rechten Teil des Bildes befindet sich Text im klassischem Sinne. Folgendes ist abgedruckt: Diagnose: GANZ DIE MAMA HIV-POSITIV. Notizen: In Deutschland sind über 600 Kinder HIV-positiv. Sie infizieren sich bei der Geburt oder beim Stillen.
Behandlung: Informieren Sie sich. Machen Sie während der Schwangerschaft einen HIV-Test. Denn Aufklärung schützt vor Ansteckung. www.michael-stich-stiftung.de Michael Stich Stiftung
Text 2 ist ähnlich aufgebaut. Es ist eine Nahaufnahme eines Babygesichtes zu sehen. Daneben wird eine Karteikarte dargestellt mit dem Text: Diagnose: DAS KINN VON OPA. DIE AUGEN VON PAPA. HIV VON MAMA. Notizen: Jede Minute stirbt ein Kind an den Folgen on AIDS.
Behandlung: Informieren Sie sich. Machen Sie während Ihrer Schwangerschaft einen HIV-Test. Denn Aufklärung schützt vor Ansteckung. www.michael-stich-stiftung.de Michael Stich Stiftung
Text 3 hat farblich und bezüglich der dargestellten Atmosphäre vor allem Ähnlichkeit mit Text 1. Gezeigt wird ein Geier, der vor einem düsteren Mond fliegt. Im Schnabel trägt er ein Tuch mit einem eingewickelten Säugling Rechts davon steht folgender Text:
15
Lippoth, Achim:
Geier.
2008. (06.01.2009):
stiftung.org/index.php?id=anzeigenkampagne-galerie>.
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Diagnose: HIV IST KEIN GUTER START INS LEBEN
Notizen: Jeden Tag identifizieren sich weltweit 1.700 Babys bei der Geburt mit HIV. Behandlung: Machen Sie bei der Familienplanung einen HIV-Test und schützen Sie Ihr ungeborenes Kind vor einer Ansteckung. www.michael-stich.de Michael Stich Stiftung
Die allgemeine Kommunikationsebene zu verstehen, erscheint nicht als problematisch. Wenden wir uns daher der Handlungsebene des Textes zu.
2.1.2) Handlungsebene
Auf der Handlungsebene spielt das situative Kontextwissen neben dem Textmusterwissen eine wichtige Rolle.
2.1.2.1) Situatives Kontextwissen
2.1.2.1.1) Autoreninstanz
Initiator der Kampagne ist die Michael-Stich- Stiftung. Diese wurde 1994 gegründet und setzt sich seitdem für Kinder in Deutschland ein, die mit HIV infiziert worden sind. Schwerpunkte bilden dabei unter anderen Aufklärungsprojekte und Aidsprävention. Mehr Informationen über den Initiator findet man in dessen Internetauftritt. 16 Umgesetzt wurde die Kampagne durch die Werbeagentur Jung von Matt. Verantwortlich waren folgende Autoren: Text 1: Oliver Lassen Text 2: Oliver Lassen Text 3: Achim Lippoth 17
2.1.2.1.2) Räumlich- zeitlicher Kontext
Die Texte entstanden teilweise unabhängig voneinander. Text 1 und Text 2 sind im Jahr 2007 entstanden. Text 3 hingegen stammt aus dem Jahr 2008. Sie wurden als City-Light-Poster der
16
Michael-Stich-Stiftung:
Die Michael Stich Stiftung. Beispielhaftes Engagement für Kinder mit HIV und AIDS.
(06.01.2009):
17
Michael-Stich-Stiftung:
Anzeigenkampagne.
(06.01. 2009):
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Öffentlichkeit präsentiert. Teilnehmende Städte waren Aachen, Dresden, Hamburg, Köln, Leipzig, Ludwigshafen, München, Rostock und Saarbrücken. Dabei spielten Orte des öffentlichen Lebens eine besonders wichtige Rolle. So wurden die Plakate vor allem an Bushaltestellen gezeigt, die hoch frequentiert waren. 18
Als Partner handelte dafür unter anderem die Firma JC Decaux, die ihre Flächen der Stiftung kostenlos zur Verfügung stellten. 19
So konnte man auch an der Haltestelle Hauptbahnhof in Dresden Plakate der Aktion antreffen, wie folgende Bilder zeigen:
2.1.2.1.3) Situativer Kontext
Bei den Plakaten handelt es sich um eine Aufklärungskampagne gegen AIDS und HIV beziehungsweise für die Toleranz im Umgang mit infizierten Menschen. „Die Michael Stich-Stiftung hat es sich zur Aufgabe gemacht[…]mit einer Kampagne, deren Bilder schockieren. Ziel der Plakate ist es, das Thema Aids verstärkt in das öffentliche Interesse zu rücken“ 21 Die Intention, zu schocken, wird später noch einmal zum Gegenstand der Analyse gemacht.
18
Michael-Stich-Stiftung:
Anzeigenkampagne.
(06.01. 2009):
19
Na presseportal
(Hg.):
.JCDecaux plakatiert für Michael Stich Stiftung. Kampagne sensibilisiert für HIV-Infektionen bei Neugeborenen.
2007. (03.06.2008):
21
Spiegel- Online:
Michael Stich Stiftung. Kampagne gegen Aids.
29.03.2007. (06.01.2009):
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zerstört sie dadurch. Die T-Helferzellen haben die Funktion, andere Zellen des Immunsystems bei der Abwehr von Krankheitserregern zu steuern. Je weniger Helferzellen also vorhanden sind, desto weniger ist das Immunsystem in der Lage, den Körper vor Krankheiten zu schützen. Dies führt dann eben zu den Infektionskrankheiten oder Tumoren. 24 Im folgendem wird der Verlauf der Krankheit so dargestellt, wie er ohne die Einnahme von Medikamenten stattfindet.
Während der ersten Wochen vermehren sich die Viren schnell im Körper. Die Symptome sind aber sehr unspezifisch und grenzen sich kaum von einem herkömmlichen unkomplizierten Infekt ab. Die Infizierten klagen über Fieber und Lymphknotenschwellung, doch klingen die Symptome schnell wieder ab. 25
Es folgt eine symptomfreie Phase. Das Immunsystem wird jedoch weiter geschädigt. Diese Phase kann Jahre bis hin zu Jahrzehnten dauern. Die Krankheit bleibt daher meist unerkannt. Es folgt eine erneute Phase mit allgemeinen Symptomen. Die Symptome können sein: Lymphknotenschwellung, Fieber und Durchfall. Doch auch diese sind meist noch zu unspezifisch um entdeckt zu werden. Das Virus selbst kann nur im Labor nachgewiesen werden. 26
22 Deutsche AIDS- Hilfe e.v.: HIV Heutiger Wissenstand AIDS. Berlin: 2008. (07.01. 2009): < http://www.aidshilfe.de/media/de/Heutiger%20Wissensstand%202008%2031.%20Auflage.pdf>.
23 Vgl. Deutsche AIDS- Hilfe (2008).
24 Vgl. Deutsche AIDS- Hilfe (2008).
25 Vgl. Deutsche AIDS- Hilfe (2008).
26 Vgl. Deutsche AIDS- Hilfe (2008).
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In der letzten Phase liegt ein schwerer Immundefekt vor. Ab dieser Phase spricht man auch von Aids. Dabei brechen schwere Krankheiten aus von Lungenentzündungen und Herpes bis zu Krebs. 27
HIV kann nur übertragen werden, wenn es in ausreichender Menge in den Körper oder auf die Schleimhaut gelangt. Eine Ansteckung ist nur möglich über Blut, Sperma, Scheidenflüssigkeit, Muttermilch sowie Genital- und Rektalsekrete, da diese das Virus in hoher Konzentration enthalten können. Besonders häufig kommt es bei kleinen Verletzungen zur Übertragung. Am häufigsten wird HIV nach wie vor beim Sex ohne Kondom übertragen. Eine Übertragung beim Drogengebrauch über geteilte Spritzen ist auch möglich. Für unsere Beispieltexte ist es auch notwendig zu wissen, dass das Virus auch von der Mutter auf ihr Kind bei der Geburt oder beim Stillen übertragen werden kann. 28 Die Aidshilfe weist jedoch darauf hin, dass eine Ansteckung nicht über folgende Wege erfolgen kann: Küssen, Händedruck, Umarmen, Streicheln, Spielen und Sport, Anhusten oder Anniesen, Benutzen derselben Teller, Gläser und Bestecke, gemeinsame Benutzung von Toiletten, Handtüchern oder Bettwäsche, Besuch von Schwimmbädern oder Saunen. Dieser auf der Internetseite besonders mit Nachdruck überbrachter Hinweis wird ebenfalls später noch einmal eine Rolle spielen. 29
2.1.2.2) Textmusterwissen
Es handelt sich, wie bereits thematisiert, bei den Texten um Kampagnenplakate, die als City-Light-Poster an besonders öffentlichen Orten, wie Bushaltestellen, gezeigt werden. Diese Texte sind laut Altmayer, wie bereits im ersten Teil gezeigt, eindeutig Texte, die für die kulturwissenschaftliche Textanalyse interessant sind. So sagt Altmayer: „Zu ‚Texten’ in diesem Sinn gehören demnach traditionelle und rein sprachlich verfasste Zeitungstexte oder literarische Texte ebenso wie etwa Werbeanzeigen, Plakate, Karikaturen oder Lieder, die neben der Sprache auch andere Symbolsysteme wie Musik und/oder Bilder verwenden.“ 30 Die Plakate setzten sich aus Fotomontagen mit Zusatztexten zusammen. Die Gliederung und Aufmachung des Zusatztextes könnte dem einer Arztdiagnose oder einer Patientenkarteikarte entsprechen, die manchmal in Krankenhäusern an den Betten stecken. Das legt die Gliederung in Diagnose, Notizen und Behandlung nahe, wie hier im Text 1 deutlich zu sehen ist:
27 Vgl. Deutsche AIDS- Hilfe (2008).
28 Vgl. Deutsche AIDS- Hilfe (2008).
29 Vgl. Deutsche AIDS- Hilfe (2008).
30 Altmayer, Claus (2002), S. 3.
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Das Textmusterwissen ist hier von besonderer Wichtigkeit, da sie das Vorgehen und Provokation, die hinter dieser Plakatkampagne steht, verdeutlicht und erklärt. Es ist notwendig, dass Texte dieser Textsorte besonders provokativ und manchmal auch anstoßend in Erscheinung treten, da sie nur so in der heutzutage medial überfluteten Wirklichkeit Aufmerksamkeit auf sich ziehen können.
2.1.3) Inhaltsebene
Laut Altmayer werden die in den Texten einfließenden kulturellen Deutungsmuster, die auf der Inhaltsebene implizit zu finden sind, auf der Textoberfläche durch intertextuelle Mittel und kulturelle Schlüsselwörter dargestellt.
2.1.3.1) Intertextualität
Alle drei Texte bedienen sich stilistischer Mittel der Alltagssprache. Sie greifen Aussprüche auf, die in der alltäglichen Verwendung eher positiv konnotiert sind. Text 1: GANZ DIE MAMA. HIV-POSITIV. Text 2: DAS KINN VON OPA. DIE AUGEN VON PAPA. HIV VON MAMA. Text 3: HIV IST KEIN GUTER START INS LEBEN.
Text 1 greift also den gängigen Ausdruck „Ganz die Mama“ auf. Im herkömmlichen Kontext wird dieser Ausdruck verwendet, wenn das Kind positive Eigenschaften der Mutter hat oder sich ähnliche Verhaltensweisen manifestieren. Selten wird dieser Ausdruck jedoch in einem negativen Kontext gebraucht. Negative Assoziationen erhält der Text jedoch durch den Zusatz „HIV- positiv“. Es wird also eindeutig gesagt, dass die Mutter ihr Kind mit dem HI-Virus infiziert hat.
In Text 2 findet man eine ähnliche Herangehensweise. Normalerweise versucht man beim Baby Verbindungen zu Verwandten herzustellen. Dies dient wahrscheinlich der Festigung der sozialen Bindungen zwischen dem Nachwuchs und der Verwandtschaft. Typisch sind die ~ Seite 14 von 28 ~
Ausdrücke „Das Kinn von Opa. Die Augen von Papa.“ Doch anstelle nun zu sagen „Die Nase von Mama“ scheint nur Unheil - nämlich HIV - von der Mutter zu kommen. Auch hier ist also ein sonst in einem positiven Kontext zu findender Ausdruck durch den Bezug zu HIV in einen negativen Kontext gebracht worden.
Auch Text 3 funktioniert in ähnlicher Art und Weise. Zur Geburt eines Säuglings werden oft Glückwunschkarten mit der Hoffnung verschickt, dass das Baby einen guten Start ins Leben hat. Hier wird der Ausspruch negiert. Mit HIV auf die Welt zu kommen heißt unweigerlich, keinen guten Start ins Leben zu haben.
2.1.3.2) Schlüsselmotive
In einem nächsten Schritt verlangt Almayer, kulturelle Schlüsselwörter des Textes zu identifizieren. Auf die Bildebene übertragen, erachte ich es für sinnvoller von kulturellen Schlüsselmotiven zu sprechen. Deren Funktionalität ist aber die gleiche wie die der kulturellen Schlüsselwörter. Auch sie steuern den Prozess des Bildverstehens und verweisen implizit auf die hinter dem Text liegende kulturellen Deutungsmuster. Wichtig hierbei sind ebenfalls die Assoziationen, die die Bilder im Rezipienten auslösen. Denn auch sie sind kulturell bedingt und können sich in unterschiedlichen Kulturen anders formieren: „Mit diesen beiden Begriffen werden zwei Arten der REFERENZ unterschieden: Die Grundbedeutung des Wortes 'militärisch', wie sie in Wörterbüchern angegeben wird, ist 'das Heerwesen oder Soldaten betreffend' (Denotation), zugleich beinhaltet das Wort aber für die Angehörigen einer gemeinsamen Kultur eine ganze Reihe von Assoziationen“ 31 Assoziationen, die das Bild auslösen, sind eine Art Konnotat und können somit als kulturelle Schlüsselmotive gelten.
In diesen drei Texten sind jedoch wahrscheinlich viele Assoziationen, die geweckt werden, die vermutlich in unterschiedlichen Kulturen ähnlich zu finden. So hat zum Beispiel die in allen drei Texten zu findende Aids-Schleife eine internationale Bedeutung.
31 Hawthorn, Jeremy: Grundbegriffe moderner Literaturtheorie. Tübingen und Basel: 1994. (06.01.2009) < http://culturitalia.uibk.ac.at/hispanoteca/Lexikon%20der%20Linguistik/ko/KONNOTATION%20%20%20Conn otaci%C3%B3n.htm>.
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Sie steht für die Bekämpfung von Aids und für die Solidarität mir Erkrankten. Rot hat eine Signalwirkung. Sie steht als Warnung vor den Gefahren von Aids. Die Aids-Schleife kommt ursprünglich aus dem amerikanischen Raum. Früher banden die Angehörigen, deren Söhne, Ehemänner oder Väter im Krieg kämpften, eine gelbe Schleife an einen Baum, um ihre Solidarität mit den Soldaten auszudrücken. Die Schleife, die heute noch für die Unterstützung der US-Truppen steht, ist weiterhin gelb. Die Aids-Schleife hat jedoch die Farbe rot erhalten. 32
Weiterhin ist der Einsatz Farben in den Plakaten auffällig und von Bedeutung. Im Text 1 und 3 werden besonders dunkle Farben eingesetzt. Der Widerspruch von hell und dunkel ist nicht eindeutig mit Assoziationen zu belegen. So ist bereits eine Antithetik in der Metaphorik in der gesamten deutschen Literaturgeschichte vorhanden. So wird Licht zum Beispiel oft positiv konnotiert. Licht entspricht unter anderem in der Bibel, in der unsere abendländische Kultur fundiert ist, bereits Wärme, dem Tag und der Erlösung. Licht ist lebensspendend und bringt die Wahrheit zum Vorschein. Auf der anderen Seite assoziiert man mit dem Licht ebenfalls die Tagesmühsal. Besonders deutlich wird dies in der mittelalterlichen Tageliedschreibung, wo das heimliche Liebespaar den Tagesanbruch und damit die Entdeckung scheut. Licht wird auch innerhalb der Literaturschreibung mit Extremen versehen. So steht Licht auch für ein unangenehmes grelles Leuchten oder sogar für das Verbrennen.
Ähnlich funktionieren Assoziationen mit der Dunkelheit. Die Abwesenheit von Licht wird gleichgesetzt mit Entgültigkeit, Tod, Schatten und der Abwesenheit Gottes. Dem gegenüber stehen aber die Zeit für die Liebe und das Rasten und Ausruhen für den nächsten Tag. Dessen ungeachtet ist es meistens der Fall, dass trotz der vorhandenen Antithetik positive Konnotationen für das Licht und negative Konnotationen für die Dunkelheit überwiegen. Auch in den gewählten Beispielen scheint eher ein negativer Tenor zu herrschen. Dies wird auch durch weitere Elemente, wie zum Beispiel dem Sarg in Text 1 oder den Geier in Text 3 verdeutlicht.
Es stellt sich also als für die Interpretation bedeutend dar, noch einmal einen genaueren Blick auf die Plakate zu verwerfen. Text 1 könnte eine typisch deutsche Mutter zeigen. Man sieht eine Frau mit Buch einer Tüte und einem Kinderwagen in einem Park. In Deutschland ist es üblich, sein Kind in einem Kinderwagen umherzuschieben, während in anderen Ländern zum
32
Emery, David:
Yellow Ribbon 'Tradition' Is of Recent Origin. Folklorists Say Symbol's history stretches back little more than 20 years.
About.com.urban legends.
(20.01.2009)
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Beispiel ein Babytuch die entsprechende Methode ist. Erst auf dem zweiten Blick entpuppt sich der Sarg als Kinderwagen. Vermutlich soll damit eine Art Schockzustand beim Betrachter hervorgerufen werden. Um dieses Schlüsselmotiv zu verstehen, muss man ein wenig Bescheid über Bestattungsrituale in Europa wissen. In Deutschland wird die Erdbestattungen noch zu 58 Prozent auf einem traditionellen Friedhofsplatz vorgenommen. 42 Prozent der Verstorbenen in Deutschland werden kremiert. In anderen Kulturen werden Verstorbene anders bestattet. So bestatten Muslime zum Beispiel ihre Leichen ohne Sarg in einem Leichentuch. 33 Jedenfalls kann man mit diesem Plakat demnach nur negative Assoziationen verbinden.
Text 3 wirkt ähnlich schockierend. Zuerst assoziiert man mit diesem Plakat, dass ein Baby von einem Storch gebracht wird. Der Storch ist in Mitteleuropa ein Zeichen für Fruchtbarkeit und Reinheit. Er ist ein Frühlingsverkünder. Er verkündet länger und heller werdende Tage. Demnach ist er verbunden mit dem „neuen Leben“ des Jahres. Der Storch als Kinderbringer wiederspiegelt den Rhythmus der Natur. Er war früher ein beliebtes Mittel, um das Thema Sexualität auszublenden. So war auf einem Aufklärungsbuch von 1954 ein Storch zu sehen. "Ein Sexualwissen der Jugend ist grundsätzlich unerwünscht, ja unnötig und nicht ungefährlich. Je weniger die Jugend vom Sexuellen im eigentlichen Sinne weiß, davon bewegt und umgetrieben wird, desto besser für sie und uns als Erzieher.“ Der Storch hat demnach auch etwas reines. 34
Doch das Bild des friedfertigen und reinen Storches wird hier gebrochen indem stattdessen ein Geier den Storch substituiert.
Mit dem Geier verbindet man die folgenden Konnotationen: Er ist ein Aasfresser. Er lebt von allen Totem. Er ist ein Begleiter oder sogar die Personifizierung des Todes. Der Geier zeichnet sich durch einen ständigen Hunger nach dem Tod aus. Die Assoziationen sind folglich rein negativ.
In Text 2 hingegen wurde ein sehr helles Bild eines Kindes verwendet. Doch dies muss noch lange nicht heißen, dass es ein positiv konnotiertes Plakat sei. Sieht man sich den Säugling genauer an, dann könnte man meinen, dass er traurig aussieht. Jedenfalls ist der Säugling nicht lachend abgebildet, wie es sonst in Werbebildern der Fall ist. Ohnehin ist es möglich,
33 Vgl. Willmann, Urs: Leben in Deutschland. Wie man in Deutschland begraben wird. In: Die Zeit Online. 15.04.2004. (06.01.2009): < http://www.zeit.de/2004/17/Serie-Begraben_werden?page=1>.
34 Vgl. Bense, Alfons: Frühjahrsbote und Kinderbringer. Storch und Mensch, eine Verbindung der besonderen Art. In: Naturschutz heute. (27.04.2001): < http://www.nabu.de/nh/201/storch201.htm>.
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dass das Baby nur als Blickfang verwendet worden ist. Immerhin ist in den letzten Jahren deutlich eine Zunahme von Kindern in der Werbung zu verspüren. Die Verwendung von Kindern scheint eine besondere Emotionalität auszulösen. Hinzu kommt, dass das Baby im alltäglichen Leben einen besonderen Bezug zur Mutter hat. In allen drei Plakaten wird die Mutter explizit sowie auch implizit dafür verantwortlich gemacht, wenn der Säugling infiziert wird. So wird im Text 3 zum Beispiel als Hintergrundmotiv ein düsterer Mond verwendet. Der Mond verbindet die Kühle und (Todes)stille der Nacht mit dem weiblichen Prinzip durch seine runde Form und seinem zyklenhaften Auftreten.
Explizit wird besonders im Text 1 und Text 3 behauptet, dass die Kinder sich bei der Geburt infizieren oder beim Stillen von ihren Müttern anstecken.
Text 1: In Deutschland sind über 600 Kinder HIV-positiv. Sie infizieren sich bei der Geburt oder beim Stillen
Text 3: Jeden Tag identifizieren sich weltweit 1.700 Babys bei der Geburt mit HIV. Daraus ergibt sich ein mögliches kulturelles Deutungsmuster. Die aus den Plakaten mögliche Schlussfolgerung wäre, dass schwangere Mütter in Deutschland von HIV besonders betroffen und es ein besonderes Problem in Deutschland im Umgang mit diesen ergäbe. Dieses Deutungsmuster erweist sich jedoch nicht als stichhaltig. Das Gegenteil scheint eher der Fall zu sein. So ergibt eine einfache Anfrage beim Robert-Koch-Institut folgende Meldung:
„Im Jahr 2007 wurden 25 HIV-Infektionen (1 %) bei Kindern und Neugeborenen diagnostiziert, die sich über ihre Mutter infiziert haben. Davon wurden 16 in Deutschland geboren, neun Kinder waren bereits infiziert nach Deutschland eingereist. Bei 13 der 16 in Deutschland geborenen Kinder war der Mutter kein HIV-Test in der Schwangerschaft angeboten worden, die Schwangerschaften lagen zwischen 1997 und 2007. 35 Andere Gruppen gehören daher eher den Risikogruppen an. In Deutschland sind etwa 59.000 Menschen mit HIV infiziert. Die höchste Risikogruppe bilden mit 65% der Erkrankten Männer mit homosexuellem Hintergrund. Ebenso erhöht risikogefährdet sind alle Menschen mit häufig wechselnden Sexualpartner. 36
Die Kampagne provozierte vielmehr den Protest von zahlreichen Frauenbeauftragten und von HIV- Stiftungen, wie folgende Texte belegen:
35 Robert Koch-Institut: HIV-Infektionen und AIDS-Erkrankungen in Deutschland - Aktuelle epidemiologische Daten Halbjahresbericht II/2007 des Robert Koch-Institut. Stand vom 01.03.2008.
36 Bekele, Geleta: HIV und AIDS. Aktuelle Zahlen. (06.01.2009): < http://www.michael-stich-stiftung.org/index.php?id=hiv-zahlen>.
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„Botschaften, die Angst und Schrecken, Diffamierung und Stigmatisierung einzelner Gruppen, Geschlechter und Betroffenen auslösen sowie Schuldzuweisungen darstellen sind keine Mittel einer erfolgreichen Prävention. Die Menschen werden suggestiv und emotional erreicht, allerdings fehlen entsprechende Anleitungen und Ermutigungen für ein verantwortungsvolles und sicheres Handeln.“ 37
„Die Kampagne der Stiftung stigmatisiert Mütter im allgemeinen und stillende Mütter im besonderen als Schuldige am möglichen Tod der HIV-infizierten Babys. Fakt ist jedoch, dass seit Dezember 2007 laut Mutterschaftsrichtlinie routinemäßig jeder Schwangeren ein HIV-Test angeboten wird“ 38
„Unter optimalen Bedingungen kann die Übertragungsrate von etwa 20% auf unter 2% gesenkt werden: durch die Einnahme von Medikamenten gegen HIV, um die Viruslast im Blut der Mutter unter die Nachweisgrenze zu senken, durch eine vorsorgliche vierwöchige Behandlung des Babys mit Medikamenten gegen HIV und durch den Verzicht aufs Stillen. Um das Risiko einer Übertragung unter der Geburt zu minimieren, werden Kinder HIV-infizierter Mütter in der Regel durch geplanten Kaiserschnitt auf die Welt geholt. Liegt die Viruslast (siehe S. 6) der Mutter stabil unter der Nachweisgrenze, ist bei medizinischer Betreuung durch HIV-Spezialist(inn)en auch eine natürliche Geburt möglich.“ 39
Die eigentliche Motivation der Kampagne und damit das den Texten hinterlegten Deutungsmuster muss somit eine andere sein.
Hier ist es erneut sinnvoll das Textmusterwissen zu reaktivieren. Es wurde bereits gesagt, dass Kampagnenplakate sehr provokativ sind. Das Ziel der Michael-Stich-Stiftung war es vermutlich die Leute unter allen Umständen auf das Thema Aids aufmerksam zu machen. Außerdem ist bereits festegestellt worden, dass Kinder einen besonderen Stellenwert einnehmen. Sie fungieren als ‚Hingucker’. Wenn sich etwas um Kinder handelt, reagieren Menschen mit einer besonderen Aufmerksamkeit und Emotionalität. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass nicht das eigentliche Problem die Ansteckung von Kindern mit HIV ist, sondern der Umgang mit dem Thema HIV und Aids an sich.
37 AIDS-Hilfe Baden-Württemberg e.V: Beschwerdebrief gegen die Anzeigekampagne. Stuttgart: 30.06. 2007.
38 (Die Bremer Landesbeauftragte für Frauen): Hauffe, Ulrike Beschwerdebrief gegen die Kampagne. Bremen: 11.06.08.
39 Deutsche AIDS- Hilfe e.v.: HIV Heutiger Wissenstand AIDS. Berlin: 2008. (07.01. 2009):< http://www.aidshilfe.de/media/de/Heutiger%20Wissensstand%202008%2031.%20Auflage.pdf>.
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Diese These unterstützen auch die Texte selbst. Im Text 1 und Text 2 heißt es jeweils „Informieren Sie sich!“ Das impliziert ein mangelndes Bewusstsein für HIV und Aids in unserer Gesellschaft und die Vermeidung des Themas Aids im allgemeinen. Zusätzlich steht im Text 1: „Denn Aufklärung schützt vor Ansteckung“. Zudem wird die These durch eigene Aussagen der Stiftungsleiter untermauert: „Was auch immer man von solch drastischen Worten hält, sicher ist, dass solche Bilder provozieren und das Thema HIV wieder ins Blickfeld der Öffentlichkeit rücken.“ 40 „Die Kampagne soll provozieren und sie soll informieren“, sagt Linda von Neree. Sie arbeitet bei der Michael-Stich-Stiftung und hat seit Veröffentlichung der Motive viel zu tun. [...] Das Telefon steht nicht still und der Mail-Account quillt über. Es gibt wahnsinnig viele Anfragen von Privatpersonen und von Medien, die die Plakate haben möchten. [...]„Hauptsache, es kommt eine Reaktion.“. 41
Grund für die Kampagne könnte außerdem eine Zunahme von Neuinfektionen in Deutschland sein.
2.2) Deutungsmuster
Das kulturelle Deutungsmuster, das daher den Texten zugrunde liegt, ist der Umgang mit HIV in Deutschland. Die HIV und Aids-Problematik verschwindet zunehmend aus dem Bewusstsein der Deutschen. Daraus resultieren mangelnde Informationen über HIV und Aids. Dies führt somit ebenfalls zu einer Zunahme von Neuinfektionen in Deutschland.
Die Zunahme von Neuinfektionen lässt sich leicht mit Hintergrundtexten belegen: „Laut Robert Koch Institut (RKI) ist die Zahl der HIV-Neudiagnosen im Jahr 2007 weiter gestiegen. Bis zum 01.03.2008 wurden 2.752 neue Fälle gemeldet. Das bedeutet eine Zunahme um 4% gegenüber dem Jahr 2006.“ 42
Auch ein Diagramm des Robert Koch Instituts, welches im Epidemiologischen vom November 2008 zu finden ist, gibt Aufschluss über Neuansteckungen. 43 Bei der Prävalenz
40 Adrian, Thomas et al.: Kampagne der Michael-Stich-Stiftung. In: Rosa Greif e.v.: RG.III. Greifswald: 01.2007. (07.01.2009):< http://www.rosagreif.de/site_rosagreif/download/rg3/07_01_pdf.pdf>.
41 Wagner, Peter: Zu drastisch? Über eine Plakatkampagne gegen AIDS. In: jetzt.de. Süddeutsche Zeitung. 29.03.2007. (07.01.2009): < http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/373207>.
42 Bekele, Geleta: HIV und AIDS. Aktuelle Zahlen. (06.01.2009): < http://www.michael-stich-stiftung.org/index.php?id=hiv-zahlen>.
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handelt es sich um Erkrankungsfälle. Bei der Inzidenz um Neuerkrankungen. Ferner sind nur HIV-Neuerkrankungen von Bedeutung, da diese die Infektion mit dem Virus während Aids den Ausbruch der Krankheit anzeigt. Tatsächlich lässt sich hier eine Zunahme der Neuinfektionen ab der Jahrtausendwende ablesen.
Für das Deutungsmuster, das die Thematik mehr und mehr aus dem Bewusstsein der Deutschen verschwindet, lassen sich zahlreiche Belege finden: „Das Thema HIV/ AIDS ist in den letzten Jahren immer mehr aus den Medien und dem Bewusstsein der Menschen verschwunden. Das geringe Wissen über die Krankheit in Deutschland ist erschreckend und die Aufklärung von Kindern und Jugendlichen über die Folgen von HIV und AIDS nicht ausreichend. Aus diesem Grund hat es sich die Michael Stich Stiftung zur Aufgabe gemacht, neben der Direkthilfe für betroffene Kinder, auch die Prävention und Aufklärung aktiv mitzugestalten. Die Präventionskampagne der Michael Stich Stiftung besteht einerseits aus Veranstaltungen zur Prävention und Aufklärung an Schulen sowie andererseits aus Anzeigenmotiven und TV-Spots. Die Anzeigenkampagne und die TV-Spots sollen HIV und AIDS wieder verstärkt in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken und die Menschen auffordern, sich mit der Krankheit auseinander zu setzen und sich zu informieren.“ 44
Bzgl. der Aids-Problematik: „Diese katastrophale Entwicklung muss uns mit Sorge erfüllen, dass die Wahrnehmung der Situation hierzulande oft aus dem Blickfeld gerät.“ 45 „Angesichts dieser katastrophalen Entwicklung gerät die HIV-Situation der westeuropäischen Länder in der öffentlichen Wahrnehmung derzeit fast völlig in den Hintergrund. Daraus zu schließen, in Europa sei das Aidsproblem gelöst, ist aber ein gravierender und gefährlicher Fehlschluss. So haben sich nach jüngsten Angaben der UNO die HIV-Neuinfektionen in Europa von 1996 bis heute verdoppelt.“ 46
43
Robert Koch Institut:
Epidemiologisches Bulletin.
21. November 2008. (07.01.2008):
44 Michael-Stich-Stiftung: Hintergrund. (06.01.2009) < http://www.michael-stich-stiftung.org/index.php?id=praevention>.
45
Die Bundesregierung
(Hg.).
E-balance. Magazin für soziales:
Aids-Prävention - eine Investition für die Zukunft.
04.2007. (08.01.2009):
46 Pressemitteilung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. 28.11.2005 (08.01.2009): < http://www.bzga.de/botpresse_318.html>
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Dr. Jörg Gölz: „Ich denke, wir sind an einen Punkt geraten, dass wir in einem 80 Millionen-Volk mit wahrscheinlich 40 Millionen sexuell aktiven Menschen nicht sehr viel weiter unter 2.000 kommen. Wofür wir aber Prävention brauchen, ist, dass es nicht wieder ansteigt. Inzwischen lebt eine, zwei Generationen junger Menschen, die überhaupt den Anfang der Aidsepidemie gar nicht mitbekommen hat. Die also nicht wie die davor lebenden zwei Generationen gewarnt waren in ihrem Sexualverhalten, für die das 'ne erledigte Sache ist, wenn man das hat, geht man zum Arzt und lässt sich behandeln. Ich mein, ich seh' ja auch sehr viele Jugendliche in meiner Praxis und über meine Kinder hab' ich Kontakt zu anderen Jugendlichen und ich muss einfach sagen, im Großen und Ganzen ist die Möglichkeit, dass man sich da anstecken könnte, vergessen worden. Deswegen, denk ich, muss Prävention auch wieder in den öffentlichen Raum verlegt werden.“ [...]Da ist es verheerend, wenn in Deutschland nur noch 30 Prozent der Bürger bei Umfragen Aids für eine besonders gefährliche Krankheit halten.[...] AIDS wird bei uns heute nur noch wahrgenommen als Problem der armen Länder, als Zahlengespenst: In Afrika sterben jeden Tag 6.300 Menschen an AIDS! “47
„Homosexuelle verzichten auf Safer Sex, Jugendliche halten Aids für eine Krankheit der Erwachsenen - 20 Jahre nach ihrem Ausbruch hat die Seuche in Deutschland ihren Schrecken verloren. Ein tödlicher Irrtum.“ 48
Dass der Wissensstand über Aids gering ist,wird in den meisten Hintergrundtexten oft eher subtil vermittelt. So ist aber auffallend, dass viele Texte zu vermitteln versuchen, auf welchen Wegen HIV nicht übertagen wird. Das legt die Vermutung nahe, dass viele Menschen in Deutschland nicht wissen, wie eine Übertragung der Krankheit stattfindet und was unbedenklich ist. So zum Beispiel in diesem Text:
„Kein Risiko
Küsse, Zungenküsse.
Kein Risiko bei Küssen. Bei Zungenküssen ist ein Risiko theoretisch nicht auszuschließen,
aber weltweit in keinem Fall als Übertragungsweg nachgewiesen.
Körperkontakte, Hautkontakte
Kein Risiko bei Haut- und Körperkontakten wie Händeschütteln, Streicheln, Schmusen.
47
Westhoff, Andrea und Justin Westhoff:
AIDS! Wie die Öffentlichkeit lernte, damit umzugehen.
1.12.2003.(09.01.2009):
48 Kirbach, Roland: Die Rückkehr zum Leichtsinn. In: Die Zeit-Online. 25.11.2004. (10.02.2009): < http://www.zeit.de/2004/49/aids_Deutschland>.
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Familienleben, Gemeinschaftsleben
Kein Risiko. Niemand kann sich anstecken, auch wenn er mit einem Infizierten in einer
Familie oder Wohngemeinschaft eng zusammenlebt.
Übertragung durch die Luft
Kein Risiko. Auch durch Anhusten oder Niesen kann man nicht mit HIV infiziert werden.
Essen und Restaurant
Kein Risiko
Geschirr, Kleidung, Wäsche
Kein Risiko. Die gemeinsame Benutzung von Essgeschirr birgt keine Gefahr. Auch Kleidung
oder Wäsche von Infizierten muss nicht gesondert gewaschen werden.
Schwimmbad, Sauna, Toiletten, Waschräume
Kein Risiko. HIV kann bei der gemeinsamen Benutzung von Gemeinschaftseinrichtungen
nicht übertragen werden.
Arzt, Zahnarzt, Krankenhaus
Kein Risiko durch medizinische Maßnahmen bei Beachtung der üblichen Hygienevorschriften
(d.h. Benutzung von Einwegmaterial oder sicher keimfrei gemachten Instrumenten).
Bei Gabe von Blut und Blutplasma besteht trotz sehr effektiver Sicherungsverfahren ein -
äußerst niedriges - Restrisiko. Deswegen wird bei planbaren Operationen die
Eigenblutspende empfohlen. Inaktivierte Blutprodukte sind bei ordnungsgemäßer Herstellung
praktisch HIV-sicher.
Friseur, Maniküre, Piercing, Tätowieren, Ohrlochstechen
Kein Risiko, wenn die bestehen- den Hygieneregeln eingehalten werden. Alle stechenden oder
schneidenden Gegenstände, die mit Blut in Kontakt kommen können, immer nur einmal
benutzen oder wirksam desinfizieren.
Rat: Piercen, Tätowieren oder Ohrlochstechen nur bei Fachkräften.“ 49
Dieses Thema wird jedoch auch explizit formuliert:
„Das Thema HIV/ AIDS ist in den letzten Jahren immer mehr aus dem Bewusstsein der Menschen verschwunden und der Wissenstand über die Krankheit in Deutschland ist schlecht“ 50
Auch gibt es einige Organisationen, die sich aktiv mit der Aufklärung von Jugendlichen beschäftigen. So zum Beispiel ehrenamtliche Helfer des Vereins !Präventionsprojekt der
49 Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: HIV-Übertragungswege und Schutzmöglichkeiten im Einzelnen. (10.02.2009): < http://www.gib-aids-keine-chance.de/themen/uebertragung/schutz.php#gruen>.
50
Michael-Stich-Stiftung:
Die Michael Stich Stiftung. Beispielhaftes Engagement für Kinder mit HIV und AIDS.(06.01.2009):
~ Seite 23 von 28 ~
Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e. V.“. Während ihrer Aufklärungsstunden in deutschen Schulen stoßen die angehenden Mediziner immer wieder auf mangelndes Wissen beim Thema HIV:
„Aus den lückenhaften Informationen, die sich die Jugendlichen dann von Freunden, aus Magazinen oder dem Fernsehen holen, entstehe ein gefährliches Halbwissen. Dass die Pille zwar vor ungewollten Schwangerschaften schützt, aber nicht vor Aids, hat der Medizinstudent schon in mehreren Schulen klarstellen müssen.“ 51
51 Meyer, Florian: Gefährliches Halbwissen. In: Zeit-online. 02.05.2008. (07.01.2009): < http://www.zeit.de/campus/online/2008/19/aufklaerungsunterricht-studenten>.
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3) Fazit
Die kulturwissenschaftliche Textanalyse am Beispiel der Kampagneplakate der Michael-Stich-Stiftung hat gezeigt, dass diese Analyse ein hilfreiches Mittel zur Aufschlüsselung des kulturellen Hintergrundes sein kann. Auch hat dieses Beispiel gezeigt, dass es dabei darauf ankommt, die einzelnen Schritte der Analyse miteinander verbinden. Nur so wurde deutlich, dass auch das Textmusterwissen hier einen entscheidenden Einfluss auf die Entschlüsselung des kulturellen Deutungsmusters hatte.
Diese Methode der Textanalyse ist, wie Altmayer es häufig betont, jedoch keine Methode des Unterrichts. Sie dient dazu, dass der Lehrende sich selbst über die kulturellen Hintergründe eines Ausgangstextes klar wird. Die Textanalyse dient also als ein Mittel der Bewusstmachung, die vor der Didaktisierung der Lehrinhalte stehen sollte. Jedoch ist es zu bezweifeln, dass eine solche Analyse vor jeder Behandlung eines Ausgangstextes im Unterricht möglich beziehungsweise sinnvoll ist. Dennoch sollte sich ein Lehrender solche Strategien kennen und eine solche Analyse vornehmen. Eventuell, und das erscheint hier von größerer Bedeutung, gewinnt der Lehrende eine neue Herangehensweise an einen Ausgangstext, sodass er sich zumindest ein paar Gedanken zu dem kulturellen Hindergrund macht, bevor er mit seiner Didaktisierung beginnt.
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4) Literaturnachweis
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Altmayer, Claus: Kultur als Hypertext. Zur Theorie und Praxis der Kulturwissenschaft im Fach Deutsch als Fremdsprache. Iudicium Verlag. München: 2004.
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Yellow Ribbon 'Tradition' Is of Recent Origin. Folklorists Say Symbol's history stretches back little more than 20 years.
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Lassen, Oliver
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Michael Stich Stiftung. Kampagne gegen Aids.
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Wagner, Peter: Zu drastisch? Über eine Plakatkampagne gegen AIDS. In: jetzt.de. Süddeutsche Zeitung. 29.03.2007. (07.01.2009): < http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/373207>.
Westhoff, Andrea und Justin Westhoff:
AIDS! Wie die Öffentlichkeit lernte, damit umzugehen.
1.12.2003.(09.01.2009):
Willmann, Urs: Leben in Deutschland. Wie man in Deutschland begraben wird. In: Die Zeit Online. 15.04.2004. (06.01.2009): < http://www.zeit.de/2004/17/Serie-Begraben_werden?page=1>.
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Ria Strehle, 2009, Darstellung von Altmayers kulturwissenschaftlicher Textanalyse anhand einer Kampagne der Michael-Stich-Stiftung, München, GRIN Verlag GmbH
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