Einleitung
Derzeit leben rund 2,5 Mio. Menschen türkischer Herkunft in Deutschland, davon sind ca. 750 00 im Besitz eines deutschen Passes. Die Türken stellen damit den größten „Ausländer Anteil“ in der Bundesrepublik dar. 1 Auf der Grundlage das im Jahr 1961 abgeschlossenen Abkommen zur Anwerbung von Arbeitskräften zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Türkei kamen Menschen aus der Türkei als sog., „Gastarbeiter“ nach Deutschland. Der Begriff „Gastarbeiter“ 2 bezog ein, dass jemand nur vorübergehend also „zu Besuch“ ist und anschließend wieder zurück kehrt. Dies war aber bei den meisten Gastarbeitern unter anderem , die auch aus anderen Ländern kamen, wie Italien, Griechenland, Jugoslawien usw. nicht der Fall. Viele entschlossen sich in Deutschland zu bleiben, da die Lebensbedingungen und Arbeitsverhältnisse besser waren als in ihrem eigenen Land. Inzwischen lebt die zweite und die dritte Generation der ursprünglich als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen Menschen hier und viele von ihnen haben Deutschland zu ihrer Heimat erklärt und einen deutschen Pass beantragt. Ich möchte mich in meiner Arbeit mit der Literatur bzw. den Filmen der Gegenwart beschäftigen, die von in Deutschland lebenden und arbeitenden Autorinnen und Autoren bzw. Regisseurinnen und Regisseuren türkischer Herkunft geschaffen wurden. Als Schwerpunkt möchte ich mich mit dem Regisseur und Drehbuchautor „Fatih Akin“ und seinem Kinofilm „Gegen die Wand“ beschäftigen.
1. Begriffsdefinition
1.1. Gastarbeiterliteratur bzw. Migrationsliteratur
Die Gastarbeiterliteratur bezog sich in der Regel auf Texte die „Betroffenheit“, bzw. Verständnis und Mitgefühl für Menschen warben, die ihre Heimat verließen um in einem für sie fremden Land „Deutschland“ Geld zu verdienen und dafür von den Menschen in Deutschland als Menschen zweiter Klasse betrachtet wurden. Als die Gastarbeiter in den 80er Jahren keine „Gäste“ mehr waren, veränderten sich die
1 Vgl. die Angaben des Statistischen Bundesamt: http://www.destatis.de/basis/d/bevoe/bevoetab10.php (2006).
2 Vgl. http://www.bundesregierung.de/nn_774/Content/DE/Lexikon/IB/G/gastarbeiter.html
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Themen der Texte und damit auch die Grundhaltung der Autorinnen und Autoren in Richtung auf ein „ausgeprägteres Selbstbewusstsein und Anspruch auf politischgesellschaftliche Partizipation“ 3 . Der Begriff „Gastarbeiterliteratur“ wurde somit im Zuge der Globalisierung und weltweiter Migrationsbewegung durch den der „Migrationsliteratur“ abgelöst.
1.2. „Migrantenkino“
In Deutschland entwickelt sich in den 1960er Jahren im Zuge der Masseneinwanderung von Arbeitsmigranten zaghaft, aber unübersehbar das populäre „Migrantenkino“ als sozial-realistisches Genre. In diesen Filmen werden die (vorwiegend türkischen) Migranten als Opfer am Rande der Gesellschaft dargestellt - unfähig zur Kommunikation und Interaktion. Das Scheitern der Migranten in der Fremde ist auch in zahlreichen Dokumentarfilmen ein zentrales Thema. Ebenfalls wird in Unterrichtsfilmen die Integrationsproblematik geschildert. Insbesondere der türkische „Gastarbeiter“ nimmt eine zentrale Rolle im „Migrantenfilm“ 4 ein. Auch heute werden teilweise noch Filme von deutsch-türkischen Regisseuren , wie z.B. Fatih Akin, als „Migrantenkino“ bezeichnet, da sie ihre eigene Migrationsgeschichte, bzw. die ihrer türkischen Eltern, auf die Leinwand bringen. Eine Schublade, in die
sich die deutsch-türkischen Filmemacher nur ungern stecken lassen.
1.3. „deutsch- türkisches Kino“
Der Begriff deutsch-türkisches Kino (auch: türkisch-deutsches Kino, türkischdeutscher Film oder deutsch-türkischer Film) ist ein Terminus aus der Filmwissenschaft 5 . Er beschreibt in erster Linie ein Kino der aus der türkischen Einwanderergruppe im deutschsprachigen Raum hervorgegangenen Filmemacher. Darüber hinaus werden zur Geschichte des deutsch-türkischen Kinos auch Filme aus dem deutschen Sprachraum mit inhaltlichem Schwerpunkt auf deutsch-türkischen Phänomenen gerechnet, gleich welcher Herkunft oder Abstammung die Filmemacher sind.
In den 1970er und 1980er Jahren hat das noch kaum zu verortende Kino deutschtürkischer Themen bis auf wenige Ausnahmen nur problemorientierte Filme „über
3 vgl. Blumentrath, Transkulturalität…, 2007, S. 8
4 Vgl. Göktürk, Deniz: Migration und Kino…, 2000, S. 330.
5 Vgl. http://film-dienst.kim-info.de/artikel.php?nr=150793&dest=frei&pos=artikel
3
Migranten“ hervorgebracht und selbst frühe Werke im deutschsprachigen Raum lebender türkischer Filmschaffender sind eher einem „Betroffenheitskino“ zuzuordnen. Erst in den ausgehenden 1990er Jahren setzte vor allem in der Bundesrepublik eine rege und vielfältige Produktion ab diesem Zeitpunkt auch sogenannter deutsch-türkischer Filme ein. Diese stammte vornehmlich von Filmemachern aus der zweiten Generation türkischer Einwanderer, aus der mit Fatih Akın einer der international anerkanntesten deutschen Filmemacher der Gegenwart stammt.
2. Entwicklung der türkisch- deutschen Literatur
„Die ersten Gesichter, die zwischen den Ländern ausgetauscht worden sind, sind die Filmgesichter. Die Filme sind die einzige gemeinsame Sprache dieser Welt. Die Bilder sind Freiheit.“ 1 (Emine Sevgi Özdamar) 6
Dieses Zitat einer türkischen Schriftstellerin verdeutlicht, dass sich der Film wie kaum ein anderes Medium dazu eignet, das Verständnis für andere Kulturen zu fördern. Auch die deutschen Regisseure türkischer Herkunft sehen in diesem Medium eine geeignete Ausdrucksform, um von der Migration und einem Leben in mehreren Kulturen zu erzählen. Mit dem Film „Gegen die Wand“ von Fatih Akin erreicht 2004 die deutsch-türkische Filmgeschichte ihren - vorerst - bedeutendsten Höhepunkt. Der deutsch-türkische Film, der sich in den 1970er Jahren aus dem „Migrantenkino“ entwickelt hat, und seit Mitte der 1990er Jahre zunehmend differenziert vom Leben in zwei Kulturen und den kulturellen Wechselwirkungen und Konflikten erzählt, wird als Genre immer populärer.
Alle für das Verständnis relevanten Begriffe der vorliegenden Arbeit, wie z.B. „Gastarbeiterliteratur“, „Migrationsliteratur“, „Migrantenkino“ und „deutsch-türkisches Kino“, habe ich zu Beginn definiert. Allerdings ist zum Begriff „Migrationsliteratur noch zu sagen, dass zwar die Erfahrung der Migration in vielen aktuellen Texten noch eine große Rolle spielt, jedoch hat die zweite bzw. dritte Generation der Migrantenkinder selbst keine Migrationserfahrung mehr gemacht. Migration stellt für
6 vgl. Özdamar, Ermine Sevgi zit. n. Akin, Fatih: Gegen die Wand: Das Buch zum Film. Drehbuch, Materialien, Interviews. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2004, S. 7.
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sie keinen zentralen Bezug mehr dar, da sie in Deutschland geboren und aufgewachsen sind. Deshalb wäre der Begriff „ trankskulturelle Literatur“
angebrachter, denn die Bezeichnung „Migrationsliteratur“ wäre in diesem Fall von begrenzter Gültigkeit.
Um den biografischen und kulturellen Hintergrund der deutsch-türkischen Regisseure besser verstehen zu können, werde ich die Geschichte der Migration in Deutschland in diesem Abschnitt beleuchten. In der deutschen Fachliteratur wird der deutschtürkische Film kaum eigenständig behandelt. Nur wenige Filmzeitschriften und die Internet-Plattform filmportal.de, ein Projekt des Deutschen Filminstituts, bilden eine Ausnahme und befassen sich eingehend mit dem Thema Migration und Kino.
2.1. Die Geschichte der Migration in Deutschland
Knapp zehn Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs wollte der deutsche Wirtschaftsminister Ludwig Erhard einige Hunderttausend Italiener nach Deutschland holen. Angesichts von sieben Prozent Arbeitslosigkeit und anhaltenden
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Zuwandererströmen von rund 13 Millionen Vertriebenen und Flüchtlingen, die aus dem Osten in die Westzonen kamen, stieß dieser Plan in Deutschland auf wenig Begeisterung. Erhard vertraute jedoch auf positive konjunkturelle Prognosen. Weil die Wehrpflicht wieder eingeführt werden sollte, erwartete der Minister ohnehin einen zusätzlichen Arbeitskräftemangel.
Am 20. Dezember 1955 trat der deutsch-italienische Anwerbevertrag in Kraft 7 , die ersten Züge mit jungen, arbeitswilligen Italienern erreichten Deutschland wenig später. Auch mit anderen Ländern wurden Anwerbeverträge abgeschlossen, so mit Spanien, Griechenland, 1961 mit der Türkei 8 , dann mit Marokko, Portugal, Tunesien und Jugoslawien. Die Beamten der Bundesanstalt für Arbeit vermittelten die Neuankömmlinge an geeignete Unternehmen, zunächst vor allem in der Schwerindustrie und auf dem Bau, dann auch im Automobilbereich. So schraubten in den 1960er-Jahren viele italienische Arbeiter am VW Käfer - dem Symbol des Wirtschaftswunders, mit dem die Deutschen bald über den Brenner an die italienische Riviera rollten und die Strände rund um Rimini bevölkerten.
Die „Gastarbeiter“ kamen, um sich in der Fremde Geld zu verdienen, mit dem sie sich in ihrer Heimat später eine Existenz aufbauen wollten. Ihre Familien blieben deshalb zunächst im Ursprungsland, die Männer lebten in barackenartigen Sammelunterkünften. Ihr Aufenthalt war ohnehin nicht auf Dauer angelegt: Um eine wirklich Ansiedlung und Integration zu verhindern, wollte man auf das preußische Rotationsprinzip zurückgreifen. Die Verträge galten deshalb erst einmal nur für ein Jahr und einen bestimmten Arbeitgeber. Die Gastarbeiter, die schon bald aufgrund der Namensähnlichkeit zum nationalsozialistischen „Fremdarbeiter“ zumindest offiziell in „Arbeitsmigranten“ umgetauft wurden, durften außerdem nur die Arbeitsstellen annehmen, für die kein deutscher Interessent gefunden werden konnte.
Nachdem die Konjunktur aufgrund des Ölpreis-Schocks nachließ, verhängte die Bundesregierung 1973 den sogenannten Anwerbe-Stopp, um dem Zuzug von Arbeitskräften aus dem Ausland ein Ende zu bereiten. Gerade jetzt holten diejenigen, die schon in Deutschland waren, vermehrt ihre Familien ins Land, auch wenn immer noch davon ausgegangen wurde, dass die Migranten nur auf Zeit integriert werden
7 Vgl. http://www.filmportal.de/df/b7/Artikel,,,,,,,,ED2AEFC454C790CEE03053D50B371867,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html
8 vgl. http://www.filmportal.de/df/b7/Artikel,,,,,,,,ED2AEFC454C790CEE03053D50B371867,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html
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Arbeit zitieren:
Iscan Sibel, 2008, Das Kino der doppelten Kulturen - Migration als Thema im deutsch-türkischen Film „Gegen die Wand“ von Fatih Akin, München, GRIN Verlag GmbH
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