Inhalt
1. Einleitung 3
2. Definitionen 5
2.1 Der Begriff der Medienethik 5
2.2 Medien und Kontrolle 8
2.3 Qualität im Journalismus: eine Annäherung 9
3. Ethische Normen: Vergleich der Kodizes 12
3.1 Präambel 12
3.2 Grundsätze 13
4. Die Entwicklung der Presseselbstkontrolle 15
4.1 Österreich 15
4.1.1 Geschichte 15
4.1.2 Organisationsform 18
4.1.3 Entscheidungen 19
4.1.4 Die Leseranwaltschaft 22
4.2 Deutschland 25
4.2.1 Geschichte 25
4.2.2 Organisationsform 26
4.2.3 Entscheidungen 28
4.3 Schweiz 30
4.3.1 Organisationsform 30
4.3.2 Entscheidungen 32
4.3.3 Leseranwälte 33
5. Problemfelder der Presseselbstkontrolle 34
6. Ein Fallbeispiel:
Die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen 37
7. Schlussfolgerungen 39
7.1 Ergebnisse 39
7.2 Lösungsvorschläge 41
Literatur und Quellen 43
Anhang: Pressekodizes von Österreich, Deutschland und der Schweiz 46
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1. Einleitung
Qualität ist ein maßgebliches Entscheidungskriterium für den Kauf oder Konsum von Waren und Dienstleistungen. Konsumenten setzen Qualität und Qualitätskontrolle als selbstverständlich voraus.
Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Qualität und der Kontrolle in und von Printmedien. Medienschaffende sehen sich heute in erster Linie als „Dienstleister“; der Bogen spannt sich von der Produktion bis zur Dienstleistung: Die Ware der Journalisten, die sie selbst herstellen und verbreiten, ist die Nachricht. Doch ist die Medienbranche nicht ohne weiteres mit anderen Wirtschaftszweigen vergleichbar, in der Frage der Qualität und ihrer Kontrolle gelten nicht dieselben harten Kriterien, die für viele andere Güter des alltäglichen Lebens relativ einfach aufgestellt werden können.
Für eine Ware wie die Nachricht sind weichere Kriterien ausschlaggebend: Dazu zählt das äußere Erscheinungsbild, doch hat der Inhalt das größere Gewicht; wie Inhalte bei den Rezipienten ankommen, hängt von Faktoren wie Lesart und Interpretation ab. Die Nachricht in der Zeitung entzieht sich (nicht in allen, aber in vielen Fällen) einer schnellen Überprüfbarkeit.
Auch für das journalistische Arbeiten gibt es objektive und messbare Kriterien. Doch ist die Frage nach allseits anwendbaren Qualitätskriterien ungleich schwerer zu lösen, wie der anschließende Punkt 2 dieser Arbeit, vor allem aber Punkt 2.3 darzustellen versucht. Die Definition von Qualität führt zu der Frage, wie Qualität hergestellt und gehalten werden kann. Wer auf einem gleich bleibend hohen Niveau arbeiten will, muss sich überlegen, wie die Beschaffenheit des Produktes überprüft werden kann. Unternehmen haben in der Regel interne Kontrollmechanismen, sie müssen sich aber auch staatlichen Instanzen unterwerfen. Im Mediensektor steht dem Staat als Kontrollor die mühsam erkämpfte Pressefreiheit entgegen. Auf staatliche Tendenzen, die Pressefreiheit durch Aufsichtsorgane einzuschränken, wurden beispielsweise in Österreich und in Deutschland Presseräte ins Leben gerufen - als Instrument der so genannten Selbstkontrolle.
Die Presseräte (1956 Deutschland, 1961 Österreich, 1977 Schweiz) verstanden bzw. verstehen sich heute unter anderem als Beschwerdeinstanz, an die jedermann herantreten und die auch von sich aus aktiv werden kann: Wer sich von einer Zeitung oder Zeitschrift unfair behandelt oder sich in seinen Rechten verletzt fühlt, kann eine Beschwerde einreichen, die dann nach den jeweiligen ethischen Verhaltensnormen für Journalisten (Pressekodex) abgehandelt wird. Presseräte in der Schweiz, Österreich und Deutschland hatten bzw. haben
3
die einzige Sanktionsmöglichkeit, einen Journalisten bzw. ein Medium zu rügen und diese Rüge zu veröffentlichen.
Die Selbstkontrolle der Presse ist ein höchst umstrittenes und umkämpftes Feld, wie das Beispiel von Österreich anschaulich zeigt. Die vielschichtigen Konflikte gipfelten 2002 in der Auflösung des österreichischen Presserates. Ein Instrument der Selbstkontrolle gibt es erst wieder seit Juni 2007 durch die neu eingerichtete Leseranwaltschaft. Eines der Probleme, an dem nicht nur die Selbstkontrolle in Österreich krankt, ist die geringe Akzeptanz unter den Medienschaffenden. Entwicklungen und Reformen der Selbstkontrolle vorausgesetzt, könnten diese Einrichtungen jedoch stärker als Chance begriffen werden. Denn - siehe oben - Qualität und Transparenz wird von mündigen Konsumenten heute überall und zu Recht eingefordert. Die Medienbranche hat in punkto Vertrauen außerdem einiges aufzuholen, wie einschlägige Studien immer wieder zeigen. 1 Ausgehend von der These, dass journalistische Qualität und Selbstkontrolle eng miteinander verknüpft sind und Selbstkontrolle ein Lernprozess ist, soll in dieser Arbeit eine Antwort auf die Fragen versucht werden, wie Zeitungen und Zeitungsleser von diesem Instrument profitieren und welche Schritte die Selbstkontrolle noch verbessern können. Ein wesentlicher Teil der Arbeit befasst sich mit dem Vergleich der Einrichtungen Presserat und Leseranwalt in Österreich, Deutschland und der Schweiz, mit Blick auf Geschichte 2 , Funktionsweise, die Entwicklung der Spruchpraxis und der Probleme. Ein besonderer Dank gilt dem Verband der österreichischen Zeitungen (VÖZ), dem Medienhaus Wien und Paul Vecsei, dem letzten amtierenden Vorsitzenden des österreichischen Presserates, für die Bereitstellung von Literatur und Quellenmaterial.
1 Pressemitteilung von GfK Austria am 8. 8. 2007: 37 Prozent der Österreicher bringen den Journalisten Vertrauen entgegen, 60 Prozent aber misstrauen ihnen. Einen noch schlechteren Wert haben nur Politiker, lautet das Ergebnis einer Studie in 23 Ländern.
2 Bei der Schweiz musste dieses Kapitel mangels einschlägiger Untersuchungen, Literatur und Daten entfallen.
4
2. Definitionen
2.1 Der Begriff der Medienethik
Ethik ist die philosophische Auseinandersetzung mit dem Sittlichen, sagt das Lexikon. „Vor dem Hintergrund einer Pluralität an Auffassungen hinsichtlich der guten Lebensführung des Menschen und des richtigen Handelns sucht sie Antworten auf die Frage: ,Was sollen wir tun?‘“ 3 Eine einfache Definition, die mitten ins Thema führt. Auch Journalisten stehen täglich vor dieser Frage, wenn es darum geht, ein Bild zu veröffentlichen, einen Namen auszuschreiben, das Bedürfnis nach Information und Unterhaltung bei den Medienkonsumenten zu stillen und zugleich etwa die Persönlichkeitsrechte der Protagonisten nicht zu verletzen oder die Sensationslust nicht zu übertreiben. Anders gefragt: „Darf der Journalismus, was er kann?“ 4
Medienethik befasst sich unter anderem mit der Frage, wie Informationen beschafft, wie sie bearbeitet und wie sie schließlich publiziert werden sollen. Anfänge eines ethischen Diskurses gehen zurück in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, als im Deutschen Reich ein erster Schritt in die Richtung einer Selbstkontrolle der Presse getan wurde. 5 Die erste praktische Umsetzung erfolgte in Schweden, wo ein Presserat 1916 gegründet wurde (es folgten 1927 Finnland und 1928 Norwegen). 6 Im deutschen Sprachraum wurde 1956 als erster der Deutsche Presserat gegründet, welcher die Pressefreiheit verteidigen und Missstände innerhalb der Presse beseitigen sollte.
Im heutigen so genannten „Medienzeitalter“, wo sich die Redaktionen zwischen der Verantwortung als „vierte Gewalt“ im Staat, Konkurrenz, Konzentration und dem ökonomischen Druck sehen, stehen ethische Fragen an der Tagesordnung (leider nicht immer vorrangig bei den Medienschaffenden); das klassische Beispiel der gefälschten Hitler-Tagebücher wird in der Literatur nach wie vor zitiert. Der wissenschaftliche Diskurs über Medienethik ist mittlerweile so umfangreich und breit, dass er an dieser Stelle nur kursorisch abgebildet werden kann. 7 Hilfreich bei der Standortbestimmung des Themas ist Funiok, welcher die Medienethik als a) normbegründende Ethik, b) angewandte Ethik und c) „innere
3 http://lexikon.meyers.de/meyers/Ethik (21.1.2008)
4 Boventer, Hermann. Ethik des Journalismus. Konstanz, 1984. S. 13
5 Baum, Achim. Pressefreiheit durch Selbstkontrolle. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 38/2006.
6 Bernthaler, Peter. Entstehung des Österreichischen Presserates sowie Organisationsformen von 1961 bis 1999. Diplomarbeit an der Universität Wien, 2001. S. 4
7 Die Grundlagen aus der Sicht verschiedener Disziplinen: Holderegger, Aldrian (Hg.). Kommunikations- und Medienethik. Interdisziplinäre Perspektiven. Freiburg i. Breisgau, 1999.
5
Steuerungsressource vor und neben dem Recht“ 8 unterteilt. Hier sollen Streiflichter wenigstens Eckpunkte abstecken.
Ethik und Philosophie. Ethik (als eine Theorie des Handelns unter normativen Gesichtspunkten) ist zuallererst eine philosophische Disziplin. Die Medienethik aber grenzt Rainer Leschke, Medienwissenschafter aus Siegen (D), von der philosophischen Ethik ab. Was unter dem Signum Ethik firmiert, habe für den medialen Diskurs nahezu keine Relevanz. Aus einem Theoriedefizit heraus sei der Medienethik die Anerkennung als Ausdifferenzierungsprodukt einer philosophischen Disziplin bisher versagt geblieben 9 , Medienethik, in ihren bislang vorhandenen Ausprägungen, verfüge gar nicht so sehr über ein theoretisches Interesse an der Ethik, sondern vor allem über ein pragmatisches. Die philosophische Ethik, merkt Leschke kritisch an, fungiere dabei als eine Art Kronzeuge, als formale Legitimation, wobei jedoch zu bezweifeln sei, dass sie das Gewünschte überhaupt liefern könne.
Ethik und Medienpraxis. Leschkes Zugang verfolgt nicht das Ziel, Handlungsanleitungen für Journalisten aufzustellen. Demgegenüber steht eine Reihe von Arbeiten, die Normen für das praktische Handeln von Medien aufzeigen wollen. Boventers Standardwerk („Ethik des Journalismus“) war seit der Mitte des vergangenen Jahrhunderts die erste Medienethik mit normativem Anspruch und sorgte schon allein deshalb für Aufsehen. Sie wird auch mehr als 20 Jahre nach ihrem Erscheinen (1984) im philosophischen Diskurs reflektiert. Die kritischen Stimmen überwiegen bei weitem, sowohl auf Seiten der journalistischen Praxis als auch der Wissenschaft. 10 Obgleich sich Boventer anstrengt, im Spannungsfeld zwischen Philosophie, Kommunikationswissenschaft und journalistischer Praxis „die Kriterien für einen im ethischen Sinn ,guten‘ Journalismus zu erforschen“ 11 , verfehlt sein unsystematisch angelegtes Werk das Ziel. Er vertritt eine individualethische Perspektive, demzufolge Journalismus durch das Handeln einzelner Individuen bedingt ist; doch gelingt es ihm weder, aus praktischer Sicht Hilfestellungen zu geben, noch findet seine Philosophie der Medienkultur - mangels Theoriebildung - Annahme im philosophischen Diskurs.
Boventer ist es aber zu Gute zu halten, dass er eine Diskussion in Gang gebracht oder wenigstens neu angefacht hat. Heute finden interessierte Journalisten sehr alltagstaugliche
8 Funiok, Rüdiger. Medienethik: Trotz Stolpersteinen ist der Wertediskurs über Medien unverzichtbar. In: Karmasin, Matthias (Hg.) Medien und Ethik. Stuttgart, 2002. S. 37-58. S. 38ff.
9 Leschke, Rainer. Einführung in die Medienethik. München, 2001. S. 109f.
10 Pohla, Anika. Medienethik. Eine kritische Orientierung. Frankfurt a. Main, 2006. S. 191ff. Vgl. auch Leschke, Medienethik. S. 160ff.
11 Pohla, S. 186
6
Anleitungen vor, wie ethische Fragen gelöst werden können, etwa anhand des Buches „Ethik im Redaktionsalltag“. 12
Ethische Dimensionen. Zur angesprochenen Individualebene kommen die an sie eng gekoppelte Berufsethik und die Institutionsethik, welche in dieser Arbeit mit dem Thema der Medienselbstkontrolle eine besondere Rolle spielen, da für das Modell der Berufsethik Deutschland und für das der Institutionsethik die Schweiz als beispielhaft gelten. (Als Beispiele für die Umsetzung einer Öffentlichkeits- bzw. Publikumsethik sind Großbritannien und die USA zu nennen. 13 ) Unter die Institutionsethik fällt vor allem die „Medienunternehmung als ethischer Akteur“, der Karmasin 14 im Kontext mit der Ökonomie (bzw. kommerziellen Zielen) und der Pressekonzentration eine Schlüsselfunktion einräumt. Auf der Ebene der Individualethik finden sich journalistische Tugenden und Selbstkritik, Qualitäts- und Professionalisierungsbemühungen. Hierzu gehören die Schlagwörter Sozialisation, Fähigkeiten und Fertigkeiten, Erfahrung und Motivation des einzelnen Journalisten.
Die Institutionsethik umfasst auf der Ebene der Organisation festgelegte Normen, rechtliche Regeln und Sachzwänge. Neben Hierarchiestrukturen und Machtverhältnissen wirken hier auch Markt- und Publikumsbedürfnisse.
Die Professionsethik (oder Berufsethik) wird als Ort ethischer Medienselbstkontrolle gesehen. Journalistische Normen werden implementiert und institutionalisiert, z. B. in Form von Presseräten.
Die Öffentlichkeits- oder Publikumsethik bildet Erwartungen, Haltungen, Bedürfnisse und die Übernahme von Verantwortung durch die Medienkonsumenten ab.
12 Deutscher Presserat, Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses (Hg.). Ethik im Redaktionsalltag. Konstanz, 2005.
13 Vgl. Gottwald, Franzisca/ Kaltenbrunner, Andy/ Karmasin, Matthias. Medienselbstregulierung zwischen Ökonomie und Ethik. Erfolgsfaktoren für ein österreichisches Modell. Wien, 2006. S. 99ff.
14 Karmasin, Matthias/ Winter, Carsten. Medienethik vor der Herausforderung der globalen Kommerzialisierung von Medienkultur: Probleme und Perspektiven. In: Karmasin, Medien und Ethik. S. 9-36. S. 22ff.
7
2.2 Medien und Kontrolle
„Journalismus bedingt Freiheit und Verantwortung“, lautet der erste Satz im Ehrenkodex für die Österreichische Presse. 15 Medien pochen - zu Recht - auf diese Freiheit. Die Wurzeln der Pressefreiheit entsprangen der Märzrevolution des Jahres 1848 (daran erinnert etwa die Tageszeitung Die Presse täglich rechts oben auf Seite 1 mit dem Vermerk: „Frei seit 1848“), das Recht der freien Meinungsäußerung ist in der Konvention zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten (Abschnitt I, Art. 10) festgeschrieben und hat Verfassungsrang.
Daneben bedürfen Medien und Journalismus auch einer Kontrolle; sie findet auf mehreren Ebenen statt: Zu unterscheiden ist zunächst zwischen der Selbst- und der Fremdkontrolle. 16 Die Fremdkontrolle wird bestimmt vom Markt (indirekt), von der Politik (direkt und indirekt) sowie durch Gesetze (direkt, in Österreich zum Beispiel durch das Mediengesetz). Die Selbstkontrolle hingegen kann durch einzelne Journalisten erfolgen, durch Medienunternehmen sowie durch Medien als Profession (institutionell, in Form eines Presserates). Eine starke Selbstkontrolle stellt immer auch einen Schutz vor Regulierung und Eingriffen von außen dar (Leschke bezeichnet die Selbstkontrolle als eine „Erfindung zur Abwehr von Fremdregulierung“ 17 ).
Der Begriff Selbstkontrolle bezeichnet einerseits die Einflussnahme höherer Prozesse auf das Selbst, andererseits sich gegenseitig kontrollierende Mechanismen innerhalb von biologischen, sozialen oder auch politischen Netzwerken. Ein Instrument der Selbstkontrolle ist ein institutionalisiertes oder nicht institutionalisiertes Set von Bestimmungen, die auf eine Berufsgruppe oder in einem Wirtschaftsbereich Anwendung finden und deren Inhalt ursprünglich von Angehörigen des betreffenden Wirtschaftszweiges oder der betreffenden Berufsgruppe festgelegt wurde. 18
In der wissenschaftlichen wie praktischen Auseinandersetzung finden sowohl die Begriffe Selbstkontrolle und Selbstregulierung Anwendung - auch nebeneinander, wie etwa in der Studie von Gottwald, Kaltenbrunner und Karmasin. Die Grenzen sind offenbar fließend und unklar; nach der Definition von Donges et. al. sind unter Selbstregulierung jene Formen zu verstehen, in denen private Akteure, wie zum Beispiel Medienunternehmen, bindende Regeln für die gesamte Branche aufstellen und diese auch selbst durchsetzen. Erfolgt die
15 Siehe auch im Anhang dieser Arbeit.
16 Nach Stapf, Ingrid. Medien-Selbstkontrolle. Ethik und Institutionalisierung. Konstanz, 2006. S. 225
17 Leschke, Rainer. Programmatische Unauffälligkeit und symbolische Aufregung. Zur Logik medialer Selbstkontrolle. S. 2. www.rainerleschke.de (31.1.2008)
18 Gottwald/ Kaltenbrunner/ Karmasin. S. 31
8
Durchsetzung dieser Regeln in Zusammenarbeit oder im Auftrag staatlicher Akteure, so ist von Co-Regulierung oder regulierter Selbstregulierung zu sprechen. 19 Der Einfachheit und der Einheitlichkeit halber soll in dieser Arbeit hauptsächlich der Begriff Selbstkontrolle verwendet werden.
Karmasin et. al. fassen die unterschiedlichen Arten der Medien(selbst)kontrolle anhand von drei Schemata zusammen: 20
1. Modell der reinen Selbstregulation. Entspricht einer Regulierung durch private Akteure; bindende Regeln, Durchsetzung und Sanktionierung. Innerhalb dieses Modells lassen sich die explizite Selbstregulierung (verschiedene Akteure einigen sich auf Regeln für das Handeln und beschließen diese etwa in Form von Kodices) und die spontane oder implizite Selbstregulierung differenzieren.
2. Modell der Co-Regulierung/regulierte Selbstregulierung (Definition siehe oben). Besteht aus Regelsetzung, Durchsetzung und Sanktionierung. Der Staat setzt die Mindeststandards und Ziele.
3. Modell der reinen (gesetzlichen) Fremdkontrolle. Der Staat legt selbst die Ge- und Verbote fest und kontrolliert auch deren Einhaltung.
2.3 Qualität im Journalismus: eine Annäherung
„Nun wissen wir wahrscheinlich alle, was Qualität ist und was sie ausmacht, also weiß es natürlich auch unsere Initiative. Ich gestehe Ihnen aber, dass wir bis dato nicht einmal versucht haben, eine Definition journalistischer Qualität zu entdecken oder selbst zu finden“, erklärt Engelbert Washietl, Vorsitzender der „Initiative Qualität im Journalismus“ (IQ), in einem Beitrag auf der Homepage der IQ. 21
Es ist gewiss nicht leicht, eine allgemeingültige und von allen akzeptierte Formel oder Definition für Qualität im Journalismus aufzustellen. Definitionen existieren wohl unzähligejeder Leser bzw. Seher und Hörer wird seine Vorstellungen von Qualität haben, und die meisten Journalisten werden sich selbst Maßstäbe geben, doch da diese Berufsbezeichnung viele unterschiedliche Tätigkeiten und Arbeitssituationen subsumiert, werden die Definitionen immer mehr oder weniger voneinander abweichen.
19 Donges, Patrick/ Künzler, Matthias/ Puppis, Manuel et.al. Selbstregulierung und Selbstorganisation.
Unveröffentlichter Schlussbericht eines Forschungsprojektes der Universität Zürich zuhanden des Bundesamtes für Kommunikation. Zürich, 2004. S. 9f.
20 Gottwald/ Kaltenbrunner/ Karmasin. S. 31f.
21 Washietl, Engelbert. Qualitätsdebatte in Österreich. www.iq-journalismus.at (26.1.2008)
9
Qualität ist von mehreren Faktoren gleichzeitig abhängig: vom Medium, der Zielgruppe, vom Genre, der Quellenlage und von der Funktion, die der Journalismus erfüllen will. Die einfachste These von allen, es sei auch alles Qualität, was sich gut verkaufen lässt, stößt bei dem in Qualitätsfragen renommierten Medienwissenschafter Stephan Ruß-Mohl auf deutliches Missfallen. Mit Qualitätsvorstellungen, die sich an Normen journalistischer Professionalität orientieren, sei diese Einstellung nicht vereinbar. 22 Der Journalismus befindet sich seit den 1990er Jahren in einer Qualitätsdebatte; die Ursachen hiefür sind vielfältig, doch ist mit ein Grund im Trend zur Boulevardisierung zu sehen, der in den vergangenen Jahren auch die so genannten Qualitätsmedien erfasst hat. Der Sensationsjournalismus hat auf breiter Front zugenommen, konstatiert etwa der Spiegel 23 (diese Ausbreitung geht jedoch zu Lasten der Boulevardzeitungen, deren Auflagen sich seit Jahren im Sinkflug befinden).
Als Reaktion auf den Verlust an Reputation und Vertrauen wurden in Deutschland, der Schweiz und in Österreich Qualitätsinitiativen gestartet. So bemühen sich in der im Dezember 2000 gegründeten österreichischen Initiative Journalisten, Kommunikationswissenschafter, Publizisten und andere Persönlichkeiten um die Sicherung und Verbesserung journalistischer Standards. Partner sind die Institute für Kommunikationswissenschaft der Universitäten Wien und Salzburg, das Kuratorium für Journalistenausbildung und die Austria Presse Agentur. Als erster Verein mit dem Ziel, die Qualität im Journalismus zu fördern, war im März 1999 in Luzern von 32 Medienschaffenden die Schweizer Initiative gegründet worden. 24 Stolz verweist sie darauf, dass ihr Verein keiner Medieninstitution besonders zugehörig ist, das „hat international einmalige Bedeutung“. 25 In Deutschland ist die Initiative breit angelegt: Träger sind unter anderem die Journalistenverbände, der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger, die Bundeszentrale für politische Bildung und auch der Presserat. 26 Was also ist Qualität im Journalismus? Mit einer einfachen Definition können (oder wollen) auch die Initiativen nicht antworten, doch hat der Schweizer Verein eine Charta herausgegeben - gleichsam als Leitfaden. Sie umfasst zwölf Punkte und bezieht sich gleich zu Beginn auf den Kodex der „Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten“, das Pendant zu den Kodices von Österreich und Deutschland. Als weitere Säulen, welche die
22 Ruß-Mohl, Stephan/ Held, Barbara. Qualitätsmanagement als Mittel der Erfolgssicherung. In: Fasel, Christoph (Hg.). Qualität und Erfolg im Journalismus. Konstanz, 2005. S. 49-64. An Beispielen wie Spiegel, Wall Street Journal oder New York Times lasse sich zeigen, dass sich hohe publizistische Qualität wirtschaftlich rechnet.
23 Spiegel Nr. 6/2008. S. 72ff. Die These lautet: Im Boulevardjournalismus haben Boulevardzeitungen wie Bild, Abendzeitung u. a. starke Konkurrenz von Premiumtiteln wie Zeit, Süddeutsche Zeitung oder Spiegel bzw. auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen bekommen.
24 Vgl. www.quajou.ch (26.1.2008)
25 Ebd.
26 Vgl. www.initiative-qualitaet.de (26.1.2008)
10
Qualität sichern helfen sollen, werden genannt: Redaktionsstatute, Aus- und Weiterbildung, individuelle Kompetenz, soziale Sicherheit, intensive Recherche, zuverlässige Quellen, Unabhängigkeit sowie interne und externe Kritik. Auch in Deutschland gibt es eine solche Charta, herausgegeben vom Deutschen Journalistenverband 2002 in Chemnitz 27 , welche dem Schweizer Modell inhaltlich sehr ähnlich ist.
Qualität im Journalismus ist auch häufig Thema universitärer Forschung. So setzte sich im Jahr 2003 eine Arbeit von Thomas Winkler zum Ziel, einen umfassenden Katalog allgemeingültiger Qualitätskriterien für Printprodukte zu erstellen und auf seine Praxistauglichkeit hin zu bewerten. 28 Der in dieser Arbeit zusammengestellte Katalog könnte demnach als Aufstellung jener Zutaten dienen, die einen qualitativ hochwertigen journalistischen Text ausmachen. Diese Kriterien sind Informationsmenge, Relevanz, Richtigkeit, Transparenz, Sachlichkeit, Ausgewogenheit, Vielfalt, Verständlichkeit, Ethik und Verantwortung, Unterhaltung, Interaktivität und Orientierung. Um die Vielzahl an Qualitätskriterien auf wenige Komponenten zu reduzieren, hat Ruß-Mohl das „magische Vieleck“ mit den Bestandteilen Komplexitätsreduktion, Objektivität, Aktualität, Transparenz und Originalität aufgestellt. In seinem 1992 publizierten Aufsatz hatte er die These vertreten, dass sich journalistische Qualität nicht messen ließe. 29 Diese Auffassung hat Ruß-Mohl mittlerweile revidiert und er unterscheidet nun vier Verfahrensweisen der Qualitätsmessung. 30
1. Direkte Messung von Qualitätskriterien. Im Rahmen von Inhaltsanalysen - geeignet für Aktualität, Relevanz, Transparenz, Verständlichkeit und Interaktivität. 2. Publikumsgunst. Danach sei Qualität das, was Leser, Hörer und Zuschauer für Qualität halten. Dazu gibt es Messinstrumente für Quoten, Reichweiten und Einschaltziffern. 3. Expertenurteile. Qualität ist demzufolge, was anerkannte und mit Autorität ausstaffierte Experten als Qualität definieren. So liegen der Vergabe von Journalistenpreisen oder der Erteilung einer Rüge durch den Presserat professionelle Qualitätsmaßstäbe zugrunde. 4. Indirekte Indikatoren. Gemessen wird nicht der qualitative Output, sondern der Input, die Rahmenbedingungen, wie: Anzahl der Redakteure, Ausbildung, Redaktionsbudgets. Dem
27 Vgl. www.djv.de (26.1.2008)
28 Zitiert nach: Fabris, Hans Heinz (Hg.) Bericht zur Lage des Journalismus in Österreich. Ein Qualitäts-Monitoring. Erhebungsjahre 2002/2003. Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg. S. 77ff.
29 Ruß-Mohl, Stephan. Am eigenen Schopfe. Qualitätssicherung im Journalismus - Grundfragen, Ansätze, Näherungsversuche. In: Publizistik 1/1992. S. 83-96
30 Ruß-Mohl/ Held. Qualitätsmanagement.
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Hannes Gaisch, 2009, Presserat und Leseranwalt, München, GRIN Verlag GmbH
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