1. Einleitung
Den Begriff Zeichen verwenden Menschen in den unterschiedlichsten Lebenslagen und in den verschiedensten Anwendungsgebieten. So wird der Begriff unter anderem im Alltag, in der Philosophie und auch im Rahmen der Sprachwissenschaft verwendet. Im alltäglichen Leben wird der Terminus in vielen unterschiedlichen Situationen verwendet wie beispielsweise: „Das ist ein gutes Zeichen.“; „Achtet bitte auf die Zeichen!“ Häufig ist uns dabei die Zeichenhaftigkeit gar nicht bewusst, oder häufig erst dann, wenn wir darauf aufmerksam gemacht werden. In der Sprachwissenschaft wird der Begriff des Zeichens am häufigsten im Rahmen der Semiotik verwendet. „Die Semiotik ist die Theorie und Lehre von sprachlichen und nichtsprachlichen Zeichen und Zeichenprozessen, in deren Zentrum die Erforschung natürlicher Sprache als umfassendstem Zeichensystem steht.“ 1 Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Begriff des Zeichens innerhalb des Gebietes der Sprachwissenschaft. Wann kann von einem Zeichen gesprochen werden? Was macht ein Zeichen als solches aus? Hier gibt eine Vielzahl von Theorien. In dieser Arbeit werden, zur Beantwortung der Fragen, die Zeichentheorien sowohl Ferdinand de Saussures als auch Nelson Goodmans erläutert, kritisch betrachtet, ihre Stärken und Schwächen herausgearbeitet und schließlich vergleichend gegenübergestellt.
Unter der verwendeten Literatur sind insbesondere zwei Werke hervorzuheben. Zum einen, der 1916 posthum publizierte Cours de linguistique générale, der auf studentischen Mitschriften einer von 1906 bis 1911, vom schweizer Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure, gehaltenen Vorlesung beruht. Der Einfluss dieses revolutionären Werkes ist heute noch in der modernen Sprachwissenschaft zu spüren. Der Cours de linguistique générale legte den Grundstein für die moderne Linguistik als wissenschaftliche Disziplin, galt als Gründerschrift des Strukturalismus und lieferte nicht zuletzt die Grundlage einer allgemeinen Zeichentheorie.
Das vom amerikanischen Philosophen Nelson Goodman verfasste Buch Sprachen der Kunst ist das zweite zentrale Werk für diese Hausarbeit. In diesem Buch entwirft Goodman eine detaillierte Symboltheorie, die sowohl bildliche Symbolsysteme, wie Malerei oder Fotografie, als auch auf Schrift basierende Symbolsysteme, wie die Alphabetschrift oder Musik zu erklären vermag. Obwohl Nelson Goodman in erster Linie Philosoph und nicht etwa Sprachwissenschaftler war, ist sein Werk ein Meilenstein für die Semiotik und für den Ansatz einer Erklärung des Zeichenbegriffs unabdingbar. Er vertrat die Meinung, dass sowohl die
1 Bußmann 2002: 595.
2
Künste, als auch die Wissenschaften durch ihre jeweiligen Symbolsysteme zur Erkenntnis bzw. Konstitution der Welt beitragen. Mit dieser Auffassung gelang es Goodman, diese Bereiche durch semiotische, ästhetische und erkenntnistheoretische Fragestellungen zu verbinden.
2. Die Zeichentheorie Ferdinand de Saussures
In der Sprachwissenschaft ist die wahrscheinlich bis dato einflussreichste Zeichentheorie jene des Sprachwissenschaftlers Ferdinand de Saussure. De Saussure definierte jedoch nicht das Zeichen als solches, sondern das „sprachliche Zeichen“ (frz.: signe linguistique). 2 Ferner widersetzte er sich der Alltagsvorstellung, dass das sprachliche Zeichen einen Namen und eine Sache in sich vereinigte, und fasste es statt dessen auf als „etwas im Geist tatsächlich Vorhandenes, das zwei Seiten hat“. 3
De Saussure räumte jedoch ein, dass seine Vorstellung nicht mit dem damals gängigem Sprachgebrauch übereinstimmte. Dies begründete er damit, dass der Begriff Zeichen im Allgemeinen lediglich das Lautbild bezeichnete. Um der Gefahr, dass diese Kluft zwischen seiner Bezeichnung und der des allgemeinen Sprachgebrauchs zu einer ungewollten Mehrdeutigkeit führt, vorzubeugen, seien zwei eng miteinander verbundene Begriffe von Nöten:
„Ich schlage also vor, dass man das Wort Zeichen beibehält für das Ganze, und Vorstellung bzw. Lautbild durch Bezeichnetes und Bezeichnung (Bezeichnendes) ersetzt; […]“ 4
Mithin führte de Saussure in diesem Zusammenhang die französischen Wörter signifié und signifiant ein. Ins Deutsche übersetzt heißt signifié Signifikat oder Bezeichnetes, während der Begriff signifiant gemeinhin als Signifikant oder Bezeichnendes übersetzt wird.
Was charakterisiert nun das sprachliche Zeichen als solches? Was verschafft dem sprachlichen Zeichen seine Identität?
2 Saussure 2001, S. 76-77.
3 Ebd.: 78.
4 Ebd.: 78-79.
3
2.1 Die grundlegenden Unterscheidungen bei der Konzeption des sprachlichen Zeichens
De Saussure führt an, dass Zeichen konventionell und arbiträr sind und dass jedes Zeichen nicht durch bestimmte Charakteristika, sondern vielmehr durch Differenzen zu anderen Zeichen konstituiert ist. Sprache kann mithin als ein System von Differenzen aufgefasst werden. Als Differenzen zwischen dem Sprachsystem (langue) und den tatsächlichen Sprechakten (parole), zwischen der Untersuchung der Sprache als festes System zu einem gegebenen Zeitpunkt (Synchronie) und der Untersuchung der Relationen sprachlicher Elemente unterschiedlicher zeitlicher Perioden (Diachronie). Diese Unterscheidungen machen die „Natur des Zeichens“ 5 aus.
2.2 Die Unterscheidung der langue von der parole
Ein zentraler Punkt in der Konzeption des sprachlichen Zeichens bildet die Unterscheidung bzw. die Trennung von langue und parole, der Sprache als System und dem Sprechen. Laut de Saussure hat die Sprachwissenschaft in der langue einen eigenständigen, fassbaren (tangible) Gegenstand, der mit den realen Phänomenen der Sprache nicht zusammenfällt und mithin eigenständig untersucht werden kann. Er begründet dies, indem er die Sprache als ein System von Zeichen deklariert. 6 Das macht er auf eine Art, bei der er bewusst auf die Begriffe und Gedanken der Repräsentation verzichtet. Im Allgemeinen wird das Zeichen in vielen Zeichentheorien, gemäß des Grundsatzes aliquid stat pro aliquo („Etwas steht für etwas“), verwendet. 7 Ergo ist die Repräsentations- bzw. Stellvertreterfunktion des Zeichens ein wesentliches Merkmal in der traditionellen Auffassung der Zeichentheorie. In ihrem Aufsatz über diese Problematik sieht Sybille Krämer gerade in diesem Bruch mit den Traditionen die „Innovationskraft de Saussures“. 8 Aufgrund dieser Trennung von langue und parole und dem Hauptaugenmerk auf der Untersuchung der langue (die langue ist „an und für sich selbst betrachtet [...] der einzig wirkliche Gegenstand der Sprachwissenschaft [ist])“ 9 besteht die Semiotik aus der Untersuchung von signifiant und signifié, bzw. genauer der Einheit beider, des signe linguistique. Denn wie bereits erläutert ist ein Zeichen nicht etwas, was für etwas
5 Vgl. Saussure 2001: 76-82.
6 Vgl. ebd.: 19.
7 Vgl. Krämer: 20 - 21.
8 Ebd.: 21.
9 Saussure 2001: 279.
4
anderes steht, sondern ein Zeichen ist die untrennbare Einheit von signifiant und signifié. Mareike Buss äußert sich in ihrem Aufsatz Gebrauchsspuren - Zeichen, Gebrauch und System bei Saussure kritisch gegen den Standpunkt, dass die „langue im CLG als starres, den einzelnen sprachlichen Äußerungen vorgängiges Zeichensystem beschrieben wird […]“. 10 Ferner sieht sie die langue als ein „System von Gebrauchsspuren“, 11 das sich ständig durch Sprachgebrauch verändert. Diese Theorie würde zwangsläufig zu einem Verfall der bestehenden, hierarchisch konstituierten, Zweigeteiltheit von langue und parole führen. Vielmehr stehen beide Begriffe in mutueller Dependenz. Als ein „System von Gebrauchsspuren ist die langue in dieser Theorie eine sich ständig wandelnde Grundlage, vor dem kommunikative Akte (insbesondere Sprechakte) ablaufen. Demnach ist sie also nicht schlichtweg eine Anhäufung sprachlicher Typen, die in jedem einzelnen Sprechakt der parole identische Token repliziert. 12 Durch den ständigen Sprachgebrauch und dem daraus resultierenden Wandel, dem sich die Sprache unterzieht, wird in letzter Konsequenz auch das als starr geltende Sprachsystem, die langue, verändert. Vereinfacht ausgedrückt lässt sich sagen, dass der Sprachgebrauch und die Übernahme neuer bzw. veränderter Sprachgewohnheiten, im Sprachsystem stetig und nachhaltig Spuren hinterlässt. Ergo hätte nicht das System Priorität vor jedem einzelnen Sprechakt, sondern beide Faktoren würden wechselseitig aufeinander einwirken. 13
„Heute sieht man, daß eine /durchgängige / {
Die Reduktion der Semiotik auf die langue führt unausweichlich zu einer Trennung der sozialen Komponente der Sprache und der Allgemeinen. De Saussure erwähnte zwar, dass langue und parole eng miteinander verbunden seien und die parole nur aufgrund der allgemein geltenden Gesetzmäßigkeiten der langue existieren könne, doch sagte er ebenfalls, dass im Umkehrschluss beispielsweise die geschichtlichen Veränderungen der langue aus dem individuellen Akt des Sprechens entstehen oder dass durch die Ausübung der Sprache, die langue an die Mitglieder der Sprachgemeinschaft weitergegeben wird. 15 Nichtsdestotrotz sah de Saussure, in seiner Zeichentheorie, den auf der langue, der Sprache im Allgemeinen,
10 Buss 2005: 212.
11 Ebd.: 212.
12 Vgl. Buss 2005: 223.
13 Ebd.: 223.
14 Jäger 1979: 236.
15 Vgl. Saussure 2001: 16-18.
5
beruhenden Faktor als eine von dem gesellschaftlichen bzw. sozialen Faktoren, das heißt als eine von den Sprachgemeinschaften losgelöste Größe, zu betrachten. 16
2.3 Die Beschaffenheitsprinzipien des sprachlichen Zeichens
Voraussetzung dieser Zeichenbestimmung ist neben dem Prinzip der Arbitrarität die bereits angesprochene Linearität der Lautsubstanz bzw. der Artikulation. Denn erst die zeitlich versetzte Abfolge, die Zergliederung des Gedankens in der Artikulation schafft die Voraussetzung für die Abgrenzbarkeit und Unterscheidbarkeit sprachlicher Einheiten. Und damit auch die Voraussetzung für ihre Identifizierbarkeit. 17
2.3.1 Arbitrarität
Wie bereits erwähnt, ist die Bedeutung eines Zeichens nicht in einem starren System verankert, sondern wird vielmehr im sozialen Diskurs festgelegt. Die Bedeutung eines Zeichens wird dabei jedoch nicht mittels einer naturgegebenen Bindung zwischen Zeichen und Bezeichnetem festgelegt. Das Zeichen selbst hat keine Macht eine bestimmte Bedeutung in sich zu tragen und aufrecht erhalten zu können.
„Das Band, welches das Bezeichnete mit der Bezeichnung verknüpft, ist beliebig; und da wir unter Zeichen das durch die assoziative Verbindung einer Bezeichnung mit einem Bezeichneten erzeugte Ganze verstehen, so können wir dafür auch einfacher sagen: das sprachliche Zeichen ist 18 beliebig.“
Dieses erste Beschaffenheitsprinzip nennt Saussure Arbitrarität. Die Arbitrarität des sprachlichen Zeichens wird häufig, fälschlicherweise, mit Beliebigkeit oder Willkür übersetzt. Doch gerade das ist nicht die Aussage hinter dem Arbitraritätsprinzip. Gemeint ist vielmehr die Beliebigkeit bzw. die Unmotiviertheit des sprachlichen Zeichens, das nicht durch eine naturgegebene vorausliegende Eigenschaft an eine bestimmte Bedeutung gebunden ist. Der Umstand, dass unterschiedliche Sprachen unterschiedliche Zeichen für identische Bedeutungen verwenden als auch die Tatsache, dass sich die Bedeutung von Zeichen mit der Zeit verändert, bekräftigt diese Übersetzung. 19 Mithin ist das sprachliche Zeichen ist in doppelter Hinsicht arbiträr: Zunächst scheint es, um ein Beispiel anzuführen, keinen rationalen Grund zu geben, warum eine große holzige Pflanze mit der lautlichen Abfolge [baum] deklariert wird und nicht etwa mit [boom] oder [arbre], wie es in der niederländischen
16 Vgl. Trabant 1996: 43-44.
17 Vgl. Saussure 2001: 82. 18 Ebd.: 79.
19 Vgl. Saussure 2001: 80.
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Arbeit zitieren:
Jan van Uffelt, 2009, Zeichen und Symbol: Eine Begriffserklärung, München, GRIN Verlag GmbH
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