Die Herangehensweise der Studie - Eine Analyse: „Eine für manchen wohl überraschende Konsequenz ausgerechnet der
neurowissenschaftlichen Forschung lautet: Die Therapie muss sich stärker um die zwischenmenschlichen Beziehungen des Klienten kümmern. Beziehungserfahrungen sind für das Gehirn sehr wichtig.“ (Psychologie heute, 5/2004, zitiert in Käppler, 2005) Wenn auch dieses Zitat des Psychotherapeuten Klaus Grawe aus dem Zusammenhang gerissen erscheinen mag und der vorliegende Artikel nicht der neurowissenschaftlichen Forschung zu zuordnen ist, möchte ich dennoch diese die vorliegende Arbeit abschließende Feststellung bewusst an den Anfang meiner Rezension stellen, da sie für mich bezeichnend, ja charakteristisch für die Herangehensweise und den Schwerpunkt des vorliegenden Artikels ist: wie schon aus dem Titel hervorgeht, stehen (Familien-)Beziehungen im Mittelpunkt der Beschäftigung mit Therapieverfahren hyperaktiver Kinder. Der Autor schildert zu Beginn ein realistisch anmutendes Bild der aktuellen Therapiesituation von Kindern mit Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS): obwohl das Bewusstsein für die Notwendigkeit der Einbeziehung der Familien in den Therapieprozess von ADHS-Kindern weit verbreitet ist und Fachleute dieser Forderung auch nahezu einheitlich zustimmen, mangelt es bis jetzt noch an konkreten Methoden der praktischen Umsetzung, sowie an adäquaten und differenzierten familiendiagnostischen Untersuchungsverfahren, die mehr als nur einen bloßen Eindruck der Situation zu liefern vermögen.
In diese deskriptive Schilderung mischt sich - nach meinem Empfinden - bereits unterschwellig der Wunsch nach und der Anspruch an eine geeignete Herangehensweise im Therapiekontext, die die familiären Beziehungskonstellationen ins Zentrum rückt und das Umfeld der von ADHS betroffenen Kindern bereits in den diagnostischen Prozess integriert. Schon ganz zu Beginn des Artikels wird für den Leser deutlich, dass der Autor sich von der überholten Vorstellung einer einseitig auf das „Problemkind“ (in diesem Fall das Kind mit ADHS) fixierten Vorgehensweise gelöst hat und in systemisch-ökologischen Dimensionen denkt, die die wechselseitige Beeinflussung und Vernetzung der (Familiensystem-) Mitglieder berücksichtigen. Eine effektive Therapie erfordert für Käppler demnach - um mit den Begriffen Bronfenbrenners zu sprechen - die vollständige und umfassende Berücksichtigung des gesamten Mikrosystems „Familie“, d.h. des Lebensraums des von ADHS betroffenen
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Kindes, der als „reziprokes Interaktionssystem“ (Peterander) verstanden wird und die wechselseitigen Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern umfasst. Dadurch kann sich der Blick weiten, weg vom engstirnigen Nahzoom auf das ADHS-Kind, hin zur Weitwinkelperspektive auf die gesamte Familie. Diese methodische Herangehensweise ermöglicht es, gleichzeitig wertvolle Informationen von mehreren Familienmitgliedern zu bekommen und so durch das Aufgeben der auf eine Person zentrierten Perspektive ein umfassenderes Bild der Familien-, und Beziehungskonstellation, sowie der Interaktionsmuster zu erhalten. Der große Vorteil, der sich aus diesem systemtheoretischen Ansatz ergibt, ist die Möglichkeit, Entwicklungen innerhalb des Systems zu erfassen und zu verstehen, die in direktem und unmittelbarem Zusammenhang zum eigentlichen Mittelpunkt der Therapie, dem ADHS-Kind, stehen.
Die Ziele der Studie - eine Herausarbeitung:
Aus dem vorliegenden Artikel werden folgende explizit formulierte und implizit erschließbare Ziele ersichtlich:
1. Der Autor möchte untermauert durch einige theoretische Erklärungen die Bedeutung des familiären Beziehungskontexts bei der Behandlung von ADHS-Kindern hervorheben und auf die sträfliche Vernachlässigung desselben aufmerksam machen. 2. Darüber hinaus macht er auf die Relevanz des Verständnisses intrafamiliärer Identifikationsprozesse zur Evaluierung der familiären Beziehungsqualität aufmerksam und betont in diesem Zusammenhang einen eklatanten Mangel an theoretischen Modellvorstellungen.
3. Schlussfolgernd spricht er sich am Beispiel der Behandlung von ADHS-Kindern für eine Neuorientierung im Diagnose- und Therapieprozess aus, deren elementares Kernstück -ausgehend von einem system-ökologischen Ansatz- eine aktive Einbeziehung der Familien in Diagnose und Therapie darstellen soll. 4. Die vorliegende Wirksamkeitsstudie, der eine Untersuchung in einem auf ADHS spezialisierten Therapiezentrum zu Grunde liegt, geht vordergründig nicht konkret auf das den Familienkontext berücksichtigende Therapieverfahren ein; indes soll exemplarisch anhand der Ergebnisse einer längsschnittlichen Untersuchung und eines querschnittlichen Vergleichs mit zwei weiteren Risikogruppen (Gruppe 1: stationär behandelte Kinder einer Kinder- und Jugendpsychatrie ohne ADHS, Gruppe 2: Kinder
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aus heilpädagogischen Heimen) und einer nicht-klinischen Vergleichsgruppe ein familiendiagnostisches Untersuchungsverfahren, der Familien-Identifikations-Test (FIT, Remschmidt & Mattejat, 1999), auf seine Wirksamkeit getestet werden.
Die Ergebnisse der Studie - ein Überblick:
Die genauen Ergebnisse der Studie sind für die vorliegende Rezension weitestgehend unerheblich, ein knapper Überblick soll zur weiteren Interpretation genügen:
1. Querschnittliche Betrachtung: Die Anwendung des Familien-Identifikations-Tests (FIT) ergab, dass Kinder mit psychischen bzw. psycho-sozialen Belastungen (u.a. ADHS) im Vergleich zur nicht-klinischen Kontrollgruppe eine signifikant geringere Selbstkongruenz aufweisen und sich sowohl real als auch ideal in geringerem Maße mit ihren Eltern identifizieren, wobei die Identifikation der ADHS-Patienten mit ihrem Vater ähnlich stark auftritt wie in der Vergleichsgruppe.
2. Längsschnittliche Betrachtung: während des Behandlungsverlaufs von 1 ½ Jahren konnten signifikante Veränderungen in mehreren individuellen und familiären Variablen (u.a. Zuwachs an Selbstkongruenz, höhere Identifikation mit der Familie) festgestellt werden.
Entscheidend sind für unsere Zwecke allerdings weniger die detaillierten Veränderungen als vielmehr die Erkenntnis, dass sich der Familien-Identifikations-Tests (FIT) als familiendiagnostisches Instrument bewährt hat, mit dessen Hilfe bedeutsame Veränderungsprozesse zuverlässig festgehalten werden konnten.
Eine zusammenfassende kritische Würdigung der Studie:
a) Herangehensweise
Wie bereits ausführlich dargestellt, hat der Autor einen systemtheoretischen Zugang gewählt, der jedes Familienmitglied, sowie die wechselseitigen Interaktionen in den Therapieprozess mit einbezieht und darüber hinaus die intrafamiliären Beziehungen diagnostisch zur Evaluierung der Veränderungen nutzt. Obwohl die Erkenntnis, dass
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Arbeit zitieren:
Franziska Roßmann, 2007, Rezension zu Familienbeziehungen bei hyperaktiven Kindern im Behandlungsverlauf (Christoph Käppler 2005, in Kindheit und Entwicklung 14 (1), 21-29), München, GRIN Verlag GmbH
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Franziska Roßmann's Text Rezension zu Familienbeziehungen bei hyperaktiven Kindern im Behandlungsverlauf (Christoph Käppler 2005, in Kindheit und Entwicklung 14 (1), 21-29) ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Franziska Roßmann hat den Text Rezension zu Familienbeziehungen bei hyperaktiven Kindern im Behandlungsverlauf (Christoph Käppler 2005, in Kindheit und Entwicklung 14 (1), 21-29) veröffentlicht
Franziska Roßmann hat einen neuen Text hochgeladen
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