Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung. 1
2 Das Konzept der neuen Väterlichkeit. 3
2.1 Was ist neue Väterlichkeit? 5
2.1.1 Mythos neue Väter? Die Schieflage zwischen der Einstellungs-
und der Verhaltensebene. 9
2.2 Die traditionelle Vaterrolle vor dem Hintergrund des bürgerlichen
Familienkonzepts. 12
2.2.1 Das bürgerliche Familienkonzept 13
2.2.2 Die traditionelle Vaterrolle. 16
2.3 Traditionelle Väterlichkeit versus neue Väterlichkeit 21
3 Ursachen der Entwicklung neuer Väterlichkeit 25
3.1 Gesellschaftliche Veränderungen. 25
3.1.1 Die Freisetzung aus den Geschlechterrollen und die Emanzipation
der Frau. 26
3.1.2 Strukturveränderungen und Wertewandel. 30
3.1.3 Familienpolitische und rechtliche Veränderungen. 40
3.2 Persönliche Voraussetzungen. 46
3.2.1 Sozialisationserfahrungen und Persönlichkeitscharakteristiken 47
3.2.2 Sozioökonomischer Hintergrund, Bildung und Alter 51
3.2.3 Die Paarbeziehung. 59
3.2.4 Das Kind. 63
3.3 Die Berufstätigkeit und der Arbeitsmarkt als Einflussfaktoren für die
kontextbezogene Ausgestaltung der Geschlechterrollen. 68
4 Resümee und Ausblick. 75
Literaturverzeichnis. 80
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Grundlegendes 4-Rollen-Muster der Kernfamilie. 15
Abbildung 2: Carl Begas (1821): Die Familie Begas. 19
Abbildung 3: „Teufelskreis“ und „Engelskreis“ am Beispiel einer
Vater -Kind-Transaktion 68
1 Einleitung
Gegenstand der vorliegenden Arbeit sind Familienväter. In der gegenwärtigen Diskussion ist immer wieder die Rede von neuer Väterlichkeit, in Folge einer erhöhten Beteiligung von Vätern an der Erziehung und Betreuung ihrer Kinder. Nicht nur in Zeitschriften und Tageszeitungen wird diese Thematik rege debattiert, auch die Anzahl wissenschaftlicher Diskurse steigt stetig an. So kommen, um eines der aktuellsten Beispiele zu nennen, die frankfurter Soziologen Bambey & Gumbinger in ihrer im Jahre 2006 vorgestellte Studie „Neue Vater - neue Kinder?“ zu dem Ergebnis, dass sich rund 28% der Väter dem Konzept der neuen Väterlichkeit zuordnen lassen (vgl. Bambey & Gumbinger 2006: 27). Und auch andere Studien weisen auf das Vorhandensein eines neuen Verständnisses der Vaterrolle hin. Die Rolle des Vaters (bezüglich der innerfamiliären Funktionen) war im geschichtlichen Kontext immer Wandlungen unterworfen. Im 20. Jahrhundert ist sie hauptsächlich durch ihre Loslösung vom Leitbild der traditionellen Väterlichkeit geprägt. Welche Einflussfaktoren aber liegen dem Wandel der Vaterrolle hin zu der neu verstandenen Vaterrolle zu Grunde? Wissenschaftliche Diskurse und Studien konzentrieren sich eher darauf, die Ausgestaltung der neuen Vaterrolle zu beschreiben und deren Einfluss auf den innerfamiliären Bereich zu untersuchen. Selten stößt man auf Studien, welche sich differenziert mit den Ursachen für den Wandel zur neuen Väterlichkeit beschäftigen. Dabei liegt genau in der Betrachtung der gesellschaftlichen Veränderungen sowie der persönlichen Voraussetzungen der Kern, um die Diskussion um den neuen Vater grundlegend nachvollziehen und das Aufkommen dieses Vaterschaftskonzepts erklären zu können. Kern dieser Arbeit soll somit sein, das „Warum“ ausführlicher zu betrachten. Welche Ursachen lassen sich für die Entwicklung einer neuen Väterlichkeit erkennen?
Um dieser Frage nun detailliert nachgehen zu können ist es unerlässlich, vorangehend einige grundlegende Beobachtungen zur neuen Väterlichkeit zu betrachten. Das zweite Kapitel widmet sich somit dem Konzept der neuen Väterlichkeit und dient dem Einstieg in die Thematik. In Abschnitt 2.1 wird der
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Frage nach der Ausgestaltung neuer Väterlichkeit nachgegangen um zu klären, was genau jene Väter auszeichnet, die sich unter dem Etikett des neuen Vaters verbergen. Im Zuge dessen wird auch ein Blick darauf geworfen, inwiefern Einstellungs- und Verhaltensebene der neuen Väter übereinstimmen und diesbezüglich die Unzulänglichkeit der Konzeptualisierung von Vaterschaft aufgezeigt (Abschnitt 2.1.1). Abschnitt 2.2 beschäftigt sich mit der traditionellen Vaterrolle vor dem Hintergrund des bürgerlichen Familienkonzepts. Nachdem zunächst das Konzept das bürgerliche Familienkonzept (Abschnitt 2.2.1) dargestellt wird, folgt in Abschnitt 2.2.2 die nähere Betrachtung des traditionellen Vaters. Die Darstellung dieser historischen Familienform inklusive seiner traditionellen Geschlechterrollenverteilung ist deshalb relevant, weil die bürgerliche Familienform auch heute noch vielmals als Maßstab für ein „gängiges“ Familienleben gilt. Der neue Vater wiederum wird am traditionellen Modell gemessen und lässt sich deshalb nicht ohne dieses historische Vaterkonzept denken. Anschließend folgt eine Gegenüberstellung von traditioneller und neuer Väterlichkeit (Abschnitt 2.3). Vor dem in Abschnitt 2.2 dargestellten historischen Hintergrundwissen wird somit noch einmal das Verständnis des neuen Vaters vertieft und gegenüber des traditionellen Vaters abgegrenzt.
Kapitel drei wendet sich schließlich den Ursachen der Entwicklung neuer Väterlichkeit zu. Dabei wird zwischen gesellschaftlichen Veränderungen (Abschnitt 3.1) und persönlichen Voraussetzungen (Abschnitt 3.2) unterschieden. Im Rahmen der gesellschaftlichen Veränderungen werden die Freisetzung aus den Geschlechterrollen und die Emanzipation der Frau (Abschnitt 3.1.1), Strukturveränderungen und Wertewandel (Abschnitt 3.1.2) sowie familienpolitische und rechtliche Veränderungen (Abschnitt 3.1.3) als Aspekte erläutert. Das Kapitel der persönlichen Voraussetzungen beschäftigt sich mit Sozialisationserfahrungen und Persönlichkeitscharakteristiken (Abschnitt 3.2.1), Sozioökonomischem Hintergrund, Bildung und Alter (Abschnitt 3.2.2), der Paarbeziehung (Abschnitt 3.2.3) und dem Kind (Abschnitt 3.2.4). In Abschnitt 3.3 werden die Berufstätigkeit und der Arbeitsmarkt als Einflussfaktoren für die kontextbezogene Ausgestaltung der Geschlechterrollen erläutert. Im abschließenden Kapitel vier werden die in dieser Arbeit dargestellten Erkenntnisse, insbesondere im Hinblick auf den zu Grunde liegenden Schwerpunkt, resümiert und mit einem Ausblick erweitert.
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2 Das Konzept der neuen Väterlichkeit
Seit den 70er und 80er Jahren wird in der wissenschaftlichen Literatur wie in den Medien vermehrt vom Wandel der Vaterrolle hin zur neuen Väterlichkeit gesprochen. Angeregt von dem Aufkommen erster feministischer Ansätze (vgl. Benhard & Schaffler 1992; Eckart 1992) rückte das Phänomen der neuen Väterlichkeit auch immer mehr in den Fokus sozialwissenschaftlicher 1 und insbesondere soziologischer Diskurse (vgl. u.a. Dunde 1986; Nave-Herz 1988; ausführlicher Schneider 1989). Darüber hinaus entstand ein „Väter-Markt“ (Walter 2000a: 22) der von Literatur gespeist wurde, die ratgebend und richtungsweisend „werdende und frisch gebackene Väter“ (ebenda) anzusprechen versuchte. Exemplarisch ist hier das Werk „Wenn Männer Väter werden“ von Bullinger aus dem Jahre 1983 zu nennen. Die wissenschaftlichen und nicht-wissenschaftlichen Beiträge widmeten sich der Reflexion eines möglichen Einstellungswandels der Väter bezüglich ihrer Rolle und man bemühte sich, diese neue Vaterrolle konzeptuell zu positionieren. Den neuen Vätern wurde eine bewusste Auseinandersetzung mit ihrer Vaterschaft nachgesagt und das Bedürfnis, sich zunehmend im traditionellen Sinne „mütterlichen“ Aufgabenbereichen zuzuwenden (vgl. Schneider 1989: 33f.). Dieses neue Verständnis von Vaterschaft stellte ein Novum dar, denn bisher hatte man der Vaterrolle wenig Aufmerksamkeit geschenkt. „Über Jahrzehnte hinweg existierte ein einziges, normativ verbindliches Leitbild von Vaterschaft, nämlich das Bild des 'traditionellen Vaters'“ (Matzner 1998: 13). Nun traten Väter hervor, die ihre Rolle anderes erleben und ausgestalten wollten. Schneider weist darauf hin, dass die neuen Väter anfangs eher die Ausnahme bildeten (vgl. Schneider 1989: 41). Dies zeigt sich auch in der Erhebung von Pross aus dem Jahre 1978, die zu dem Ergebnis kam, dass die befragten Väter noch mehrheitlich an traditionellen Mustern festhielten (vgl. Pross 1987).
Einige Jahrzehnte später lässt sich ein anderes Bild feststellen. Fthenakis & Minsel kommen 2002 in ihrer Studie bezüglich der Rolle des Vaters in der Familie zu dem Ergebnis, dass sich etwa 70% der Väter eher in der Rolle des „Erziehers“, denn des „Ernährers“ im klassischen Sinne sehen (vgl.
1 Die ausführliche Darstellung der sozialwissenschaftlichen Väterforschung würde den Rahmen der vorliegenden Arbeit überschreiten. Vgl. für einen Überblick u.a. Walter 2002a.
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Fthenakis & Minsel 2002: 264). Das meint, dass für die Väter, welche das Konzept „Vater als Erzieher“ präferieren, instrumentelle Funktionen (wie z.B. sich über die Erziehung und Entwicklung von Kindern zu informieren) und soziale Funktionen (z.B. offen für die Anliegen und Probleme des Kindes zu sein) mehr wiegen als die „Brotverdienerfunktion“ und der Nicht-Verzicht auf Karrierepläne (vgl. ebenda: 37). Die heutige Vätergeneration ist, wie Werneck formuliert, einem neuen Vaterschaftskonzept gegenüber nicht nur aufgeschlossen, sondern präsentiert sich auch engagiert, interessiert und den Kindern emotional und fürsorglich zugewandt (vgl. Werneck 2004; auch Keddi & Seidenspinner 2001: 166). Das Bild des des traditionellen Vaters scheint somit zunehmend an Bedeutung verloren zu haben. Betrachtet man empirische Befunde zum tatsächlichen Verhalten der Väter, dann lässt sich belegen, dass es in der heutigen Zeit kaum noch Väter gibt, die sich gar nicht beteiligen. Grunow stellt auf der Basis der individuellen Zeitverwendungsdaten des Sozioökonomischen Panels dar, dass sich 1985 16% der Väter von der Kinderbetreuung fern hielten. 2004 brachten sich hingegen nur noch 5% der Väter gar nicht ein (vgl. Grunow 2007: 72). Folgt man den oben dargestellten Ergebnissen, dann stellt sich zunächst einmal der Frage danach, welchem Verständnis die neue Rolle des Vaters folgt und welche Attribute ihr zugeordnet werden. Es wurde angedeutet, dass die neuen Väter bewusster mit ihrer Vaterschaft umgehen, doch was zeichnet diese neuen Väter noch aus? Welche Definitionen lassen sich in der Literatur finden? Die folgenden Abschnitte widmen sich dieser Darstellung, um den Begriff der neuen Väterlichkeit genauer konkretisieren zu können. Gleichzeitig wird auf die vorfindbare Diskrepanz zwischen der Einstellungs-und der Verhaltensebene neuer Väter hingewiesen und diesbezüglich die Unzulänglichkeit der Konzeptualisierung von Vaterschaft aufgezeigt (Abschnitt 2.1.1).
Darüber hinaus wurde angedeutet, dass sich Vaterschaft lange Zeit am Bild des traditionellen Vaters orientierte. Die Familienstruktur und somit das Vaterverständnis im Sinne seiner familieninternen Funktionen wurde durch diese traditionelle Vaterrolle in der bürgerlichen Familie geprägt. Auch heute gilt die bürgerliche Familienform noch als die bekannteste (vgl. Nave-Herz 2006: 37). Eine systematische Auseinandersetzung mit dem Konzept der neuen Väterlichkeit schließt demnach die Darstellung der bürgerlichen
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Familie (Abschnitt 2.3.1) und des traditionellen Vaters (Abschnitt 2.3.2) ein. Schließlich lässt sich Neues (eben das Bild des neuen Vaters) nur an bereits Bestehendem, in diesem Fall dem Leitbild des traditionellen Vaters, ausmachen.
2.1 Was ist neue Väterlichkeit?
In der Literatur stößt man auf eine Vielfalt an Begriffen, die die neuen Väter beschreiben sollen. So zum Beispiel „egalitäre Väter“, „familienorientierte bzw. familieninvolvierte Väter“ (vgl. Herlth 2000; Matzner 2004), „aktive“ (vgl. Schmidt-Denter 1988) oder „engagierte Väter“ (vgl. Fthenakis 1999) und im negativ gemeinten Sinne „abwesende Väter“ (vgl. Roth 1991). Dies macht deutlich, dass bis dato kein allgemein gültiges und explizites (neues) Vaterbild existiert. Im Großen und Ganzen wird neue Väterlichkeit jedoch als eine positive verstanden. Folgend soll nun eine Auswahl der gängigen Definitionsansätze aufgezeigt werden, um das Bild des neuen Vaters in seiner Vielfältigkeit konkretisieren zu können.
Der neue Vater als egalitärer Vater
In Anlehnung an Zulehner & Volz lassen sich unter dem Begriff neue Väter im weitesten Sinne all jene Männer bzw. Väter mit einer „zeitgenössisch-modernen“ (Zulehner 2003: 17f.) Geschlechterrollenorientierung summieren. In der repräsentativen Studie „Männer im Umbruch“ halten die beiden Autoren fest, dass für den neuen Mann bzw. Vater folgende familien- und berufsbezogene Aspekte relevant sind:
1) Es ist eine Bereicherung, in Erziehungsurlaub zu gehen um die Betreuung des Kindes zu übernehmen. 2) Frauenemanzipation ist eine positive Entwicklung. 3) Sowohl Ehemann als auch Ehefrau sollen zum Haushaltseinkommen beitragen und dies im optimalsten Falle
4) in einer halbtäglichen Erwerbsstelle, um eine gemeinschaftliche Partizipation an Haushalt und Kinderbetreuung zu ermöglichen (vgl. Zulehner & Volz 1998: 35).
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Der neue Vater als egalitärer Vater zeichnet sich vor allem als solcher aus, weil er ein gleichberechtigtes Rollenkonzept befürwortet und ein traditionelles ablehnt (vgl. Bambey & Gumbinger 2006: 29; Fthenakis & Minsel 2002: 41). Dies äußert sich nicht nur in einer positiven Haltung zu einer gleichberechtigten Aufteilung familienrelevanter Aufgaben, sondern auch in der persönlichen Zuschreibung emotionaler Fähigkeiten. Demnach zeichnet sich dieser Vatertypus auf emotionaler Ebene durch seine größere Gefühlsoffenheit aus. Er sieht sich nicht nur in der Lage, seine Gefühle zu artikulieren (vgl. Astrachan 1992: 360; Zulehner & Volz 1999: 23), sondern zeigt zudem ein im traditionellen Sinne „muttertypisches“ expressiveres Verhalten im Umgang mit den Kindern (vgl. Herlth 2000: 119).
Der neue Vater als familienorientierter und familieninvolvierter Vater
Die Familienorientierung der neuen Väter zeigt sich in der Bedeutung, der sie der Familie und dem Beruf beimessen. So wiegt für diese Väter die Erfüllung innerhalb der Familie und der Vaterschaft mehr, als die berufliche Verwirklichung (vgl. Matzner 2004: 425ff.; Beck-Gernsheim 1984: 179f.). Solche Tendenzen lassen sich auch in der bereits zitierten Studie von Fthenakis & Minsel erkennen, wenn diese darauf hinweisen, dass der „Vater als Erzieher“ die instrumentellen und sozialen Funktionen höher bewertet als die „Brotverdienerfunktion“ und die Karriereorientierung (vgl. Fthenakis & Minsel 2002: 66).
Herlth geht davon aus, dass sich anhand der Familienorientiertheit des Vaters Rückschlüsse auf seine Geschlechterrollenvorstellungen ziehen lassen. So deutet ein hohes Maß an väterlicher Familienorientierung auch auf egalitäre Rollenvorstellungen seinerseits hin. Die Familienorientierung wirkt sich wiederum positiv auf die tatsächliche Haushaltbeteiligung aus. Anhand dieser beiden Indikatoren lässt sich laut Herlth das Ausmaß der väterlichen Familieninvolviertheit messen (vgl. Herlth 2000: 110ff.). Geht man also davon aus, dass neue Väter familienorientiert sind und sich zudem an Haushaltsaufgaben beteiligen, dann kann man sie als familieninvolviert bezeichnen.
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Der neue Vater als engagierter und aktiver Vater
Die Aktivität und das Engagement des neuen Vaters bezieht sich, wie oben laut Herlth beschrieben, auf seine Beteiligung an haushaltsrelevanten Bereichen. Im Zuge der Diskussion um väterliche Beteiligung, die in Deutschland ihre Anfänge in den 1980er Jahren fand, zog man auf sozialwissenschaftlicher Ebene das väterliche Engagement als Indikator heran, um einen Wandel väterlicher Orientierung festzustellen (vgl. Bereswill et al. 2006: 8f.). Schmidt-Denter identifizierte demnach 1988 neue Väter als diejenigen, die in der Vater-Kind-Interaktion erhöhte Aktivität bewiesen (vgl. Schmidt-Denter 1988: 50f.). Auch in der aktuellen wissenschaftlichen Betrachtung des neuen Vaters wird als entscheidender Bestandteil des neuen Konzepts das hohe Maß an Engagement herangezogen (vgl. u.a. Grant 1992: 35; Fthenakis 1999; Matzner 2004; Werneck 1998). Herlth fasst diesbezüglich zusammen, dass die neuen Väter
„ein deutliches Interesse am Umgang mit ihren Kindern demonstrieren, indem sie z.B. nicht nur Wert auf die Anwesenheit bei der Geburt legen, sondern sich auch in der Säuglingspflege beteiligen, die Kinder betreuen und mit ihnen spielen sowie auch im Haushalt vermehrt Aufgaben übernehmen.“ (Herlth 2000: 107)
Der neue Vater als verunsicherter Vater
Resümiert man die oben dargestellten Ergebnisse, dann scheint sich neue Vaterschaft gewissermaßen an den bislang von Frauen absolvierten Leistungen zu orientieren. Nicht zuletzt die angesprochene Fürsorglichkeit und emotionale Zuwendung der neuen Väter gegenüber dem Nachwuchs lässt Kritiker von einer Vereinnahmung oder Nachahmung der Mutterrolle durch den Vater sprechen (vgl. hierzu Bopp 1986: 55ff.; Lenzen 1991: 246). Fernab des traditionellen Leitbildes, das zunehmend an normativer Gültigkeit verliert, fehlt den neuen Vätern die Orientierung. Cyprian formuliert treffend, dass „die heutige Vätergeneration in der Rückbesinnung auf ihre eigenen Väter kaum Parallelen ziehen kann [...], da ein Modell im Hinblick auf 'zeitgemäße' väterliche Rollen und Funktionen nicht zur Verfügung steht“ (Cyprian 2007: 29). Die Verunsicherung der neuen Väter resultiert jedoch nicht nur aus den
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fehlenden Orientierungsmöglichkeiten, sondern auch an den divergenten Ansprüchen, die gesellschaftlich und individuell an Vaterschaft und Männlichkeit gestellt werden.
Wenngleich neue Männer bzw. Väter sich nicht mehr vorrangig über die Rolle des Ernährers definieren, wird die Sicherung des Familieneinkommens nach wie vor überwiegend von den Vätern übernommen. Diese Tatsache geht mit der Vorstellung vieler Paare über die familieninterne Aufgabenverteilung konform. Wie der „Datenreport 2006“ des Statistischen Bundesamtes zeigt, wird die Hauptsicherung des Familieneinkommens weiterhin als Aufgabe der Väter angesehen. Erwähnenswert bleibt jedoch, dass im Vergleich zu vergangenen Jahren weitaus weniger Paare dieser Ansicht zustimmen (vgl. Statistisches Bundesamt 2006a: 519ff.).
Von Vätern wird aber nicht nur weiterhin erwartet, dass sie als „Brotverdiener“ fungieren, sondern dass sie darüber hinaus im Familienkontext präsent und aktiv sind. Diese Ansprüche werden nicht ausschließlich von den Partnerinnen gestellt, auch die Väter selbst wollen die Familie sowohl mit sicherem Einkommen versorgen als auch engagiert für ihre Kinder da sein und die Partnerin im Haushalt unterstützen (vgl. Peitz 2006a: 36). Somit stehen viele Männer vor einem Dilemma. Auf der Handlungsebene ist es ihnen oftmals schwer möglich, dem gedanklich präferierten Konzept der neue Väterlichkeit zu folgen. Viele Väter, die sich weiterhin vorrangig dem Beruf widmen, bewältigen den Zwiespalt, indem sie zumindest für kindbezogene Freizeitaktivitäten vermehrt Zeit aufbringen. Dieser Zusammenhang kann als Erklärungsansatz für die in Studien zu väterlicher Partizipation immer wieder deutlich werdende Tatsache, dass Männer im Umgang mit ihrem Nachwuchs eher spielerische als pflegebezogene Aufgaben übernehmen. Die zunehmende Betonung der sozialen „expressiven“ Funktionen des Familienvaters stellt die neuen Männer bzw. Väter vor noch eine andere Unsicherheit. Neue Männer unterscheiden in Bezug auf Geschlechterrollenvorstellungen zwar nicht in dem Maße zwischen Männern und Frauen wie traditionelle Männer es tun, dennoch haben auch sie stereotypische Vorstellungen darüber, was das jeweilige Geschlecht auszeichnet. Das männliche Geschlecht wird verbunden mit Attributen wie Stärke, Selbstvertrauen und Dominanz, das weibliche mit u.a. Gefühlsbetontheit, Gepflegtheit und Mitgefühl.
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Trotz bestehender Modernisierungstendenzen in Bezug auf das Vaterverständnis herrscht auch bei neuen Männern bzw. Vätern diese traditionell geprägte Geschlechterrollenvorstellung vor (vgl. Zulehner & Volz 1998: 234). Somit sehen sich viele neue Väter vor die Aufgabe gestellt, ihre emotionale und fürsorgliche Seite zu zeigen, ohne sich dabei „unmännlich“ zu fühlen. Schon Bullinger bemerkte 1983 diesen Zusammenhang und postulierte, dass die Definition der neuen Vaterschaft eine Infragestellung männlicher Geschlechtsidentität mit sich bringe. Gleichzeitig biete sich aber auch die Chance auf eine Erweiterung der Männeridentität im positiven Sinne (Bullinger 1983: 22ff.). Die Infragestellung der Geschlechtsidentität lässt sich aber auch auf gesellschaftlicher Ebene bemerken. Trotz allgemein gewandelter Anspruchshaltungen an das Vatersein, scheint in vielerlei Köpfen „Mannsein“ noch immer an stereotype Eigenschaften gekoppelt. Auch ein Vater muss noch immer „männlich“ sein und „männliche“ Funktionen erfüllen. Thomä bittet in seinem neuen Buch „Väter. Eine moderne Heldengeschichte“ Prominenz zu Wort. So erfährt man, dass Karl Lagerfeld Brad Pitt nachsagt, dieser sei nur noch Kindermädchen und vernachlässige darüber hinaus seine Karriere (vgl. Thomä 2008: 18f.). Auch wenn eine solche Aussage nicht voreilig verallgemeinert werden sollte und man annehmen kann, dass in Lagerfelds Aussage sein Geschäftssinn (und wahrscheinlich sogar seine Generationszugehörigkeit) mitschwingen, so lässt sich doch auch der oben beschriebene Zwiespalt neuer Väterlichkeit erkennen.
2.1.1 Mythos neue Väter? Die Schieflage zwischen der Einstellungs-
und der Verhaltensebene
Das Vorhandensein neuer Väter auf der Handlungsebene wird oftmals in Frage gestellt. Neue Väter seien ein „Mythos“, lässt sich als These in der Literatur finden (vgl. u.a. Tazi-Preve 2006: 119ff.) oder gar eine „Vater Morgana“ (Mühling & Rost 2007: 14).
Auf der Einstellungsebene lassen sich sehr wohl neue Väter anhand der Daten einiger Studien belegen. Exemplarisch zu nennen sind hier die bereits zitierte Studie von Zulehner & Volz, die 19% der westdeutschen Männer als neue Männer identifizieren konnten (vgl. Zulehner & Volz 1999: 50), sowie
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jene von Gumbinger & Bambey, laut denen sich rund 28% der Väter dem Konzept der neuen Väterlichkeit zuordnen lassen (vgl. Bambey & Gumbinger 2006: 27). Der normative Einstellungswandel zum väterlichen Verhalten geht auch aus Studien hervor, die belegen, dass Familienväter aus eigener Initiative heraus ihre mangelnde Haushaltsbeteiligung begründen oder entschuldigen (etwa auf Grund fehlenden Geschicks oder Zeitmangels) (vgl. Hartenstein et al. 1988: 58ff.). Dieses Verhalten der Männer kann als Indiz dafür herangezogen werden, dass sie sich bewusst sind, dass die traditionelle Arbeitsteilung normativ nicht mehr vorherrschend ist. Auf der Verhaltensebene zeigt sich dennoch ein anderes Bild als das, was Männer im Sinne des neuen Vaterschaftskonzepts auf der gedanklichen Ebene zeichnen. Und hier setzen auch die Kritiker an, wenn sie den Wandel der Vaterrolle in Frage stellen. Aktuelle Studien zeigen, dass in der Realität das traditionelle Konzept der innerfamilialen Arbeitsteilung nach wie vor in der Mehrzahl der Familien vorherrscht. Betrachtet man den Zeitaufwand, den Männer und Frauen im Haushalt bzw. in der Kinderbetreuung aufbringen, so scheint die erstmalig von Beck erwähnte „Verhaltensstarre“ (Beck 1986: 169) der Männer auch aktuell gewissermaßen noch gegeben zu sein. Die im Jahre 2003 vom Statistischen Bundesamt veröffentliche Studie „Wo bleibt die Zeit?“ veranschaulicht, dass in einer Paarbeziehung mit Kindern die Mütter etwa zweieinhalbmal soviel Zeit wie die Väter für Haushaltstätigkeiten und Kinderbetreuung aufbringen (vgl. Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend/Statistisches Bundesamt 2003: 14ff.). Und auch vorangegangene Studien weisen darauf hin, dass Familienväter weitaus weniger haushalts- und kindbezogene Dinge erledigen, als es ihre Frauen tun (vgl. hierzu u.a. Fthenakis & Minsel 2002; Keddi & Seidenspinner 1991; Künzler 1994; Walter & Künzler 2002).
Es darf jedoch nicht außer Acht gelassen werden, dass sich Männer, wie bereits erwähnt, im Gegensatz zu früheren Jahren zeitlich gesehen tatsächlich mehr mit der Haushaltsführung und der Kinderbetreuung beschäftigen (vgl. Pinl 2004: 23ff.) 2 . Summa summarum beteiligen sich Väter im Bereich Haushalt jedoch eher an handwerklichen Tätigkeiten oder beim Erledigen
2 Von entscheidender Relevanz in Bezug auf das Maß der Beteiligung von Vätern in haushalts- und kindbezogenen Bereichen sind jedoch bestimmte Faktoren (u.a. das Alter, der Bildungsstand und die Sozialisationserfahrungen der Männer). Darauf wird in Abschnitt 3.2 dieser Arbeit eingegangen.
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des Einkaufes bzw. der Haushaltsplanung (vgl. Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend/Statistisches Bundesamt 2003: 16f.). Im Umgang mit dem Nachwuchs bevorzugen sie eher spielerische Freizeitaktivitäten denn pflegebezogene Aufgaben (vgl. Fthenakis 2002: 84). In Anbetracht des belegbaren Einstellungswandels der Väter dürfen zwei Aspekte nicht vernachlässigt werden, bevor anhand der noch immer geringen Beteiligung der Väter das Vorhandensein neuer Väter in Frage gestellt wird. Zum einen mögen „die meisten gesellschaftlichen Veränderungensubjektiv, aus der Zeitperspektive eines Menschenlebens, extrem langsam bis kaum merkbar erscheinen, aus der historischen Perspektive aber vergleichsweise rasch und auch von seiner Dimension her nicht unbedeutend“ (Werneck 2004). Zum anderen wirken auch immer gewisse Rahmenbedingungen förderlich oder hinderlich auf Handlungsoptionen ein. Dieser Aspekt wird im Laufe der Arbeit noch näher betrachtet. Wie oben angesprochen wird in der Literatur aufgrund der Diskrepanz zwischen der Einstellungen und dem Verhalten vieler Väter von einer „Verhaltensstarre“ gesprochen. Ein Ansatzpunkt zur Überwindung dieser Schieflage liegt in der Umorientierung der Väterforschung in Bezug auf die Erhebung väterlichen Engagements. Solche „Appelle“ lassen sich in der Literatur vermehrt finden 3 . Cyprian kritisiert an den bestehenden Untersuchungen zur väterlichen Partizipation an haushalts- und kindzentrierten Leistungen die „enge[...] Konzeptualisierung der Vaterschaft“ (Cyprian 2007: 37). So fehle es in diesem Rahmen an der Einbeziehung von u.a.
a) alltäglichen indirekten Leistungen (z.B. materielle Versorgung, Dienstleistungen wie Fahrdienst, Kontrollleistungen bei den Hausaufgaben), b) Vater und Kind gemeinsam ausgeübten Interessen und Aktivitäten, c) direkt und indirekt geäußerten Formen von Fürsorglichkeit, Schutz und emotionaler Zuwendung gegenüber dem Kind und d) der affektiven Bedeutung des Kindes für den Vater bzw. die gedankliche Auseinandersetzung mit dem Nachwuchs (vgl. ebenda: 37).
3 Sehr umfassend wird der Bedarf der Horizonterweiterung im Rahmen einer systematischen Väterforschung von Fthenakis 1999: 32ff. dargestellt.
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Die unzureichende Konzeptualisierung von väterlichen bzw. elterlichen Engagements kritisiert auch Palkovitz. Anhand eigener Datenanalysen hat er ein erweitertes „Modell elterlichen Engagements“ entwickelt, das 15 Kategorien einschließt 4 , die er wiederum nach verhaltensbezogenen, kognitiven und affektiven Bereichen unterscheidet. Interessant an diesem Modell ist, dass Palkovitz neben bereits gängigen Kategorien wie Versorgung, gemeinsame Aktivitäten und Kommunikation, vermehrt Kategorien des kognitiven und affektiven Bereiches miteinschließt und besonders hervorhebt. Er geht davon aus, dass es nicht ausreicht, nur die verhaltensbezogene Ebene insbesondere väterlichen Engagements zu betrachten und stützt seine Ansicht auf eigene Untersuchungsergebnisse. Er fand heraus, dass ein großer Teil des täglichen Bewusstseins, Handelns und Denkens der Väter durch kindbezogene Gedanken beeinflusst wird. Väterliches Engagement kann sich somit direkt äußern, aber ebenso indirekt (vgl. Palkovitz 1997, zitiert nach Matzner 2004: 30; auch Fthenakis 2002: 96f.). Der vermehrte Einsatz des Vaters im Berufsleben kann u.U. auch als indirektes Engagement betrachtet werden, denn viele Männer betrachten den Einkommenserwerb „als eine männliche Form der Sorge, als ihren Beitrag zur Familienarbeit“ (Gesterkamp 2007).
2.2 Die traditionelle Vaterrolle vor dem Hintergrund des bürgerlichen Familienkonzepts
Laut dem Brockhaus lautet die Definition von Familie: „[...] das Elternpaar mit den unselbständigen Kindern als Einheit des Haushaltes“ (Brockhaus 2005: 702). Wie sich im folgenden Abschnitt zeigen wird, stimmt diese Definition von 2005 mit dem Bild der bürgerlichen Familie überein. Nave-Herz geht davon aus, dass „die Maßstäbe für ein vermeintlich 'normales' Familienleben [...] noch immer [...] mit dem Blick auf ein bestimmtes Familienmodell [bestimmt werden], nämlich das Bürgerliche“ (Nave-Herz 2006: 37). Um einen Einblick in dieses Familienmodell zu gewinnen, widmet si ch der folgende Abschnitt der Darstellung des bürgerlichen Familienkonzepts. Nun ist der Gegenstand der vorliegenden Arbeit nicht die Familie sondern der Familienvater. Wenn man jedoch die Rolle des Vaters fokussieren möchte, dann kann
4 Für einen ausführlichen Überblick vgl. u.a. Fthenakis 2002: 96.
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dies nur über die Einbeziehung des gesamten Systems Familie geschehen. Väter gibt es nur, weil es auch Mütter und Kinder gibt. Und die Funktionen, die von einem Vater erwartet werden, beziehen sich in erster Linie auf den familialen Binnenraum und stehen immer auch in Abhängigkeit zu den Rollen der übrigen Familienmitglieder. Dies gilt selbstverständlich nicht nur für das Konzept der bürgerlichen Familie, kann jedoch anhand dessen sehr deutlich beschrieben werden.
2.2.1 Das bürgerliche Familienkonzept
Mit dem Aufkommen der Industrialisierung Ende des 18. und Beginn des 19. Jahrhunderts vollzog sich ein Wandel der sozialen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse. Die wirtschaftliche und technische Expansion hatte zur Folge, dass die für die vorindustrielle Gesellschaft typische Grundstruktur des Hauses 5 als Einheit von Produktionsbetrieb und Wohnort zerfiel (vgl. Görtemaker 1996: 179f.). Es kam nunmehr zu einer räumlichen Trennung von Arbeits- und Lebenswelt, die nicht nur das private vom öffentlichen Leben differenzierte (vgl. Peikert 1982: 131f.), sondern auch eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung zwischen (Ehe-)Mann und (Ehe-)Frau hervorbrachte. Der Familienverband war nunmehr der Bereich, der Emotionalität, Intimität und Ruhe bot, welchem gegenüber die Arbeitswelt stand. (vgl. Fthenakis 1999: 20). In diesem Zusammenhang wird vom Privatisierungs-, Intimisierungs- und Emotionalisierungsprozess der Familie gesprochen. Das bedeutet zum einen, dass die Zweigenerationengruppe aus Eltern und Kindern als dominierende Lebensform betrachtet werden konnte 6 (vgl. Walter 2002b: 91 f.). Zum anderen bedeutet es, dass mit der Privatisierung einhergehend der familiäre Binnenraum als Ort der emotionalen Bindungen und Intimitäten angesehen wurde. „Die emotionale und intime Beziehung der Ehepartner zueinander [...] [sollte] im Mittelpunkt des Zusammenlebens [stehen] und nicht wie im Ganzen Haus die wirtschaftliche Produktion“ (Mühling et al. 2006: 14).
5 Für eine ausführliche Darstellung der Familie in der vorindustriellen Gesellschaft siehe u.a. Nave-Herz 2006: 37 ff.
6 Die vorindustrielle Zeit hingegen wurde geprägt vom Konstrukt des „Ganzen Hauses“. Hier lebten Verwandte mehrerer Generationen sowie Nicht-Verwandte in Form von u.a. Gesinde unter einem Dach.
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Auch den Kindern wurde im Zuge dieser Prozesse mehr Beachtung geschenkt. Anderes als in vorindustriellen Familien, in denen Kinder eher als Arbeitskraft zu dienen hatten, wurde ihnen zunehmend eine eigenständige emotionale Bedeutung zugewiesen. Die Pflicht und Verantwortung der Eltern (in erster Linie der Mutter) bestand nunmehr darin, den Familienbinnenraum so zu gestalten, dass dem Nachwuchs ein kindgerechtes Aufwachsen möglich war (vgl. Walter 2002b: 98).
Dieses Modell der Geschlechterrollendifferenzierung, welches als das traditionelle angesehen wird, regelte jedoch nicht nur den Aspekt der Arbeitsteilung, sondern diente hiermit einhergehend auch als ein strukturierendes Element der Beziehungen innerhalb der Kernfamilie (vgl. Parsons & Bales 1955: 22). Der Begriff der Kernfamilie (nuclear family) stammt von Parsons, der im Rahmen der Beschreibung des bürgerlichen Familienideals die Kernfamilie als ein von der Herkunftsfamilie isoliertes soziales System mit bestimmten strukturellen Merkmalen definiert. So besteht die Kernfamilie aus miteinander verheirateten Eltern und ihren noch abhängigen Kindern (vgl. ebenda: 10). Darüber hinaus lassen sich laut Parsons zwei biologische Differenzierungs-grundlagen, nämlich einerseits das Geschlecht und andererseits die Generationsfolge, als strukturierende Merkmale der Kernfamilie hervorheben. Aus diesen beiden Merkmalen differenziert der Autor die familiale Struktur weiter und hebt hervor, dass die typische Kernfamilie ein für Kleingruppen bezeichnendes Vier-Rollen-Muster 7 aufweist: „eine hierarchische Differenzierung in Führungs- und Gefolgschaftsrollen, und eine qualitative Differenzierung in mehr instrumentale und expressive Rollen“ (Parsons 1986: 112). Demnach ergeben sich zwei Achsen, wobei die Generationsfolge als Achse der Macht-oder Hierarchie-Differenzierung, das Geschlecht als Achse der Instrumental-Expressiv-Differenzierung fungiert. Abbildung 1 bietet ein anschauliches Bild über die beschriebene Rollenstruktur.
7 Bezogen auf eine Gruppe mit vier Mitgliedern, da der Differenzierungsgrad in Abhängigkeit zur Gruppengröße steht.
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Abbildung 1: Grundlegendes 4-Rollen-Muster der Kernfamilie
In Anlehnung an Parsons & Bales 1955: 46.
Entsprechend dieser Ausgestaltung der jeweiligen Rollen ergibt sich die oben bereits angesprochene geschlechtsverbundene Aufgabenverteilung innerhalb der Kernfamilie. Die Rolle der Mutter und die damit einhergehende Funktion stellt sich als mehr expressiv dar. Sie ist somit für „die Harmonie oder Solidarität der [...] [Familie] selbst, die internen Beziehungen der [...] [Familienmitglieder] untereinander und die 'emotionalen' Spannungszustände“ (Parsons 1986: 112) zuständig und kann als „emotionaler Kern“ der Familie betrachtet werden. Darüber hinaus ist die Mutter als Hausfrau in erster Linie für das Führen des Haushaltes und die Fürsorge und die Erziehung der Kinder zuständig (vgl. Parsons & Bales 1955: 14). Parsons nennt als Begründung für diese Zuweisung die „universale Tatsache, dass Frauen soviel enger mit der Fürsorge des Kleinkindes befasst sind als Männer (wobei das Stillen eine sehr wesentliche Rolle spielt)“ (Parsons 1968: 112). Der Vater übernimmt hingegen nach Parsons Darstellung die instrumentelle Führung der Familie, indem er sie zum einen nach außen vertritt und zum anderen für deren ökonomische Versorgung durch Erwerbseinkommen zuständig ist (vgl. Parsons & Bales 1955: 12; 47).
Parsons hebt hervor, dass der Berufsstatus des Vaters derjenige ist, durch den auch der Status der gesamten Familie als System festgelegt wird. Er argumentiert dies mit den Tatsachen, dass erstens die Kinder in der Regel nicht arbeiten 8 und zweitens die Mutter neben ihrer Funktion als Hausfrau
8 Andernfalls befinden sie sich bereits auf dem Weg ihrer Selbständigkeit.
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lediglich eine Nebentätigkeit, nicht aber einen festen Beruf hat (vgl. Parsons 1986: 103). Diese ungleichmäßige Beziehung von Mann und Frau zum Berufssystem stellt für den Autor eine gewisse funktionale Relevanz dar. Die Solidarität der Ehe und die Aufrechterhaltung der Liebe wird durch eventuell aufkommende Wettbewerbsgedanken hinsichtlich der statusbildenden Berufsrollen nicht gefährdet. Darüber hinaus bleiben die geschlechtsspezifischen Aufgabenbereiche klar definiert und voneinander trennbar. Sowohl die instrumentalen als auch die expressiven Rollenfunktionen werden vom zuständigen Elternteil übernommen und ergänzen sich im Sinne einer Koalition (vgl. ebenda: 101ff; 113f.). Die primäre Funktion der Familie, nämlich die der Reproduktion und der kindlichen Sozialisation, König (1974) benennt es als die „biologisch-soziale Doppelnatur“ (vgl. König 1974: 96), kann somit gewährleistet werden.
Walter hält fest, dass „die traditionell bürgerliche Familie [...] sich durch den Vater [definiert], [...] durch den Vater beherrscht und durch den väterlichen Interaktionsstil geprägt [wird]“ (Walter 2002b: 93). Ausgehend von dieser Aussage wird im Folgenden die traditionelle Rolle des Vaters näher erläutert.
2.2.2 Die traditionelle Vaterrolle
Das traditionelle Rollenverständnis des Vaters hat, wie bereits oben angeführt, seine Wurzeln in der bürgerlichen Familie der Industrialisierung im 18. und 19. Jahrhundert. Gemäß der traditionellen Differenzierung war der Vater in erster Linie über seine Haupternährerrolle in die Familie eingebunden. Er sorgte somit für die ökonomische Sicherheit dieser und fungierte darüber hinaus als ihr Repräsentant in der Öffentlichkeit sowie als Vermittler gesellschaftlicher Werte und Normen gegenüber der Frau und den Kindern. Mit der Übernahme der Versorger- und Ernährerrolle spezialisierte sich der Vater auf den Bereich der außerfamilialen Aufgaben. Im Berufssystem konnte er sich, anders als in der vorindustriellen Agrargesellschaft, in der die soziale Position an den durch die Geburt erworbenen Stand gebunden war (vgl. Neidhardt 1966: 24), durch Leistung seinen gesellschaftlichen Status erarbeiten.
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„Die väterliche Autorität ergab sich in diesem Familienmodell im wesentlichen aus der Stellung des Vaters innerhalb der gesellschaftlichen Berufshierarchie und seiner ökonomischen Unabhängigkeit, für die er sowohl von seiner Frau wie von seinen Kindern Gehorsam und Unter-ordnung einfordern konnte.“ (Bertram 1997: 377)
Gemäß der oben nach Parsons aufgezeigten instrumentell-expressiven Koalition der Eltern innerhalb der quadratischen Rollenbeziehungen aus den einzelnen Familienmitgliedern der Kernfamilie, übernimmt der Vater somit die instrumentelle Führungsposition innerhalb der Familie. Seine primäre Rolle war jedoch in erster Linie im Berufssystem verankert (vgl. Parsons & Bales 1955: 14f.). Er widmete sich gemäß dieser Rolle tagsüber der Einkommensbeschaffung und war dementsprechend im Familienverband, in erster Linie für den Nachwuchs und deren Erziehung, nicht verfügbar. Ein konkreter Familienbezug war demnach kaum gegeben (vgl. Macha 1999: 21f.). Dem Vater stand aufgrund seiner Position als Familienoberhaupt zwar die Entscheidungsfreiheit in familieninternen Angelegenheiten zu, er musste hier jedoch im Zuge seiner berufsbedingten häufigen Abwesenheit einen Großteil seiner Macht an die Ehefrau abgeben. Diese hatte als expressiver Part der Familie nicht nur für Heim und Kinder zu sorgen, sondern übernahm darüber hinaus auch „eine Vermittlerfunktion zwischen dem Vater und den Kindern“ (Nave-Herz 2006: 52) und band „mit ihrer 'Herzenswärme' den Mann und Vater an Haus und Familie“ ( Tyrell & Herlth 1994: 8). Im privaten und intimen Bereich des Familienverbandes konnte sich der Mann vom Arbeitsalltag und seiner Funktion als „Weltbürger im öffentlichen Bereich“ (Drinck 2005: 18) erholen, wohlwissend, dass die Frau als „Verwalterin des Hauses“ (ebenda: 18) sein Bedürfnis nach Ruhe und Erholung befriedigen würde, indem sie ihm nahezu alle familieninternen Aufgaben abnahm. Die Rolle des Mannes als Ernährer und Oberhaupt der Familie ließ sich zweifelsohne nur in der Polarität zur Mutterrolle denken und durchführen. Denn um uneingeschränkt der beruflichen Verpflichtung nachgehen zu können, brauchte es eben den auf die Binnenwelt der Familie ausgelegten Gegenpol - die Ehefrau und Mutter. (vgl. Herlth 2000: 106). Im Gegenzug bot er ihr durch sein Einkommen ökonomische Sicherheit und einen sozialen Status.
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Lena Vormann, 2009, Neue Väterlichkeit - Über die Ursachen und Voraussetzungen eines veränderten Vaterbildes, München, GRIN Verlag GmbH
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