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LMU München
GSI für politische Wissenschaft
Übung: Theorien des Multikulturalismus
Wintersemester 2002/2003
Hausarbeit
Autor: Volker Schmidt
Die „Idee“ des Multikulturalismus
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Gliederung:
I Einleitung
II Hauptteil A Begriffsdefinitionen
1 Kultur
2 Multikulturelle Gesellschaft
3 Minderheit
B Ziele des Multikulturalismus
C Anforderungen an den Multikulturalismus
D Positionen des Multikulturalismus
1 Liberaler Multikulturalismus
i, Liberaler Nationalismus
ii, Das Verhältnis von Staat und Kultur
iii, Das Verhältnis zwischen Individuum und Kultur
iv, Die Unterscheidung zwischen nationaler Minderheit
und Einwanderergruppe
v, Welche Arten von Rechten fordert der liberale
Multikulturalismus
vi, Der Umgang mit illiberalen Gruppen
vii, Kritik am liberalen Multikulturalismus 2 Demokratischer Multikulturalismus
III Schluss
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I Einleitung
‚Mit dem Begriff der multikulturellen Gesellschaft ist nach Miksch - einem der maßgeblichsten Vertreter und Befürworter dieser Vorstellung - eine Gesellschaft gemeint, in der „Menschen mit verschiedener Abstammung, Sprache, Herkunft und
Religionszugehörigkeit so zusammenleben, da[ß] sie deswegen weder benachteiligt noch bevorzugt werden. Zwischen den meist eingewanderten Menschen und den Einheimischen wird eine ständige Kommunikation angestrebt.
[...Es geht] bei der Diskussion über multikulturelle Gesellschaft im wesentlichen um die Frage, unter welchen Gesichtspunkten ein Zusammenleben zwischen einheimischer Bevölkerung und zugewanderten Minderheiten gestaltet werden soll und welche Rolle in diesem Zusammenhang „strukturelle“ Dimensionen (Ökonomie, Politik, Recht usw.) einerseits und kulturelle Dimension andererseits haben (sollen).’ 1 Dieses Zitat soll zur Veranschaulichung der vielschichtigen Probleme, die mit der Thematik Multikulturalismus einhergehen, dienen. Zunächst ermangelt es an einem eindeutigen begrifflichen Instrumentarium. Es existieren keine allgemeingültigen Definitionen der Begriffe „Kultur“, „multikulturelle Gesellschaft“ oder „Minderheit“. Dies macht es nahezu unmöglich eine universal anwendbare Theorie zu entwickeln. Axel Schulte verwendet in diesem Zusammenhang die Formulierung ‚Vorstellung’ und nimmt somit eine deutliche Abgrenzung zu einer ‚sozialwissenschaftlich fundierten Theorie’ 2 vor. Darüber hinaus spricht er von Einwanderern und ignoriert damit - ganz im Gegensatz zu Kymlicka - nationale Minderheiten und deren Forderung nach Gleichbehandlung oder sogar Selbstbestimmung. Er erkennt jedoch durchaus die Unterscheidung von ‚struktureller’ Dimension und kultureller Dimension und vermeidet somit die Gefahr der Kulturhervorhebung in seiner Ausarbeitung. Unabhängig davon sollte eine Theorie des Multikulturalismus auch Antworten auf Fragen zur Bedeutung der eigenen Kultur für den Menschen, Legitimität einer solchen Politik, dem Umgang mit illigitimen bzw. intoleranten Gruppen sowie der Selektion durch die Gesellschaft oder durch Staatliche Eingriffe bieten.
1 Axel Schulte, Multikulturelle Gesellschaft: Chance Ideologie oder Bedrohung?, In: Politik und Zeitgeschichte
Bd. Heft 23-2 (1990) S.3 u. 5
2 Vgl. Axel Schulte, Multikulturelle Gesellschaft: Chance Ideologie oder Bedrohung?, In: Politik und
Zeitgeschichte Bd. Heft 23-2 (1990) S. 5
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Mit dem Wissen um diese Problematik wird offensichtlich wie schwierig sich die Gestaltung einer universellen Theorie des Multikulturalismus erweist. Dennoch haben sich einige Philosophen daran gewagt, wobei Will Kymlicka eine nicht zu leugnende herausragende Stellung einnimmt.
Im folgenden werde ich nun zunächst einige Vorschläge diverser Autoren zur Definition der Begriffe Kultur, multikulturelle Gesellschaft und Minderheit aufgreifen, um auf die damit verbundenen Schwierigkeiten näher einzugehen. Ich werde anschließend Kymlickas Position zu diesem Thema kritisch beleuchten. Dabei werde ich mich hauptsächlich auf seine Werke „Multicultural Citizenship“ sowie „Multikulturalismus und Demokratie“ konzentrieren und dies mit Kommentaren bzw. Sichtweisen anderer Autoren ergänzen um die zentralen Thesen des Multikulturalismus zu erarbeiten. Anschließend werde ich noch den demokratischen Multikulturalismus behandeln, bevor ich die Arbeit mit einem Fazit schließe.
II Hauptteil
A Begriffsdefinitionen
1. Kultur
Lothar Probst zitiert in seinem Text ‚Gesellschaft versus Gemeinschaft’ Norbert Elias der Kultur durch Abgrenzung zu Zivilisation erklärt: ‚Zivilisation bezeichnet einen Proze[ß] oder zumindest das Resultat eines Prozesses. Es bezieht sich auf etwas, das ständig in Bewegung ist. [...] Der deutsche Begriff „Kultur“ hat eine andere Bewegungsrichtung: er bezieht sich auf Produkte des Menschen, die da sind, wie „Blüten auf den Feldern“, auf Kunstwerke, Bücher, religiöse oder philosophische Systeme, in denen die Eigenart eines Volkes zum Ausdruck kommt. Der Begriff „Kultur“ grenzt ab. Der Zivilisationsbegriff lä[ß]t [dagegen] die nationalen Differenzen bis zu einem gewissen Grade zurücktreten [...]. Der deutsche
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Kulturbegriff dagegen hebt die nationalen Unterschiede, die Eigenart der Gruppen, besonders hervor.’ 3
Micha Brumlik hält diese Definition allerdings für überholt und dem ‚nationalistischen Dünkel des frühen neunzehnten Jahrhunderts entsprungen um die demokratischen Institutionen des Westens abzuwerten.’ Er beschreibt den heutigen Kulturbegriff ‚einerseits als eigensinniges, Utopien und Widersprüche artikulierendes Ausdrucksphänomen und andererseits als jenen Bereich des sozialen Systems [...], der die spezifische Aufgabe der Weitergabe von Normen und Werten übernommen hat.’ Und so führt er fort: ‚[...] Der Kultur [können] wir die Funktion der symbolischen Reproduktion der Gesellschaft zuschreiben.’ 4 Auch Will Kymlicka gibt eine Definition auf die ich zu einem späteren Zeitpunkt noch genauer eingehen werde. 2 Multikulturelle Gesellschaft
Eine Definition der multikultureller Gesellschaft habe ich schon in der Einleitung vorgestellt. Aber auch Micha Brumlik liefert eine solche: ‚Eine multikulturelle Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, da[ß] sie in allen genannten Bereichen Anregungen aus dem Selbstverständnis verschiedener „ethnischer“ Gruppen entgegennimmt und dabei zunächst vorfindliche Selbstverständlichkeiten als solche in Frage stellt, sie durch die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Weltentwürfen die Individuen aus Bornierungen ihrer konventionellen Identität herausreißt, ihnen dabei erste Einsichten in die Relativität ihrer Standpunkte ermöglicht und sie somit auf den weg universalistischer Wertgesichtspunkte bringt.’ 5
3 Norbert Elias, Über den Prozeß der Zivilisation, Frankfurt/M (1989), S. 4 In:Lothar Probst, Gesellschaft versus
Gemeinschaft In:Aus Politik und Zeitgeschichte Bd. 36 (1996), S. 30
4 Micha Brumlik, Bunte Republik Deutschland? - Aspekte einer multikulturellen Gesellschaft, In: Blätter für
deutsche und internationale Politik Bd. 35 Heft 1 (1990) S. 104
5 Micha Brumlik, Bunte Republik Deutschland? - Aspekte einer multikulturellen Gesellschaft, In: Blätter für
deutsche und internationale Politik Bd. 35 Heft 1 (1990) S. 105
Arbeit zitieren:
Volker Schmidt, 2003, Die Idee des Multikulturalismus, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
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