1. Einleitung
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts befinden sich die Staaten der globalisierten Welt sowie deren Bevölkerungen in einem massiven ökonomischen Ungleichgewicht. 1,3 der mittlerweile 6,67 1 Milliarden Menschen sind der Gruppe der extrem bzw. absolut Armen zuzurechnen. 2 Das bedeutet, dass fast ein Fünftel der Menschheit chronisch unterernährt ist, keinen Zugang zu ärztlicher Versorgung und sauberem Trinkwasser hat sowie nicht über ausreichend schützende Unterkünfte oder anderweitige elementare Güter wie Kleidung, sanitäre Anlagen usw. verfügt. 3 Die absolute Armut bewirkt, dass gegenwärtig alle fünf Sekunden ein Kind unter zehn Jahren an den Folgen von Unterernährung stirbt, dass alle vier Minuten ein Mensch aufgrund von Vitamin A-Mangel erblindet und dass täglich 15.000 Afrikaner/-innen an behandelbaren Krankheiten sterben, da sie keinen Zugang zu Arzneimitteln haben. 4 Insgesamt sterben so mehr als acht Millionen Menschen jährlich, „weil sie zu arm sind, um am Leben zu bleiben“ 5 . Auf der anderen Seite besitzen die reichsten zehn Prozent der Einwohner der Vereinigten Staaten allein soviel wie 43 Prozent der ärmsten Weltbevölkerung, und die 360 Dollar-Milliardäre der Welt sind so reich wie die ärmsten 2,5 Milliarden Menschen zusammen. 6 Während die tägliche Nahrungsaufnahme in Deutschland pro Einwohner/-in durchschnittlich 3.620 Kalorien umfasst, beträgt die eines Einwohners/-in in der Demokratischen Republik Kongo im Durchschnitt 1.550 Kalorien. 7 Dieses Ungleichgewicht hat nicht nur für die von absoluter Armut betroffenen Individuen weittragende Folgen, sondern auch globale Auswirkungen. Denn von Armut betroffene Regionen sind besonders krisenanfällig und stellen für den gesamten Globus ein Sicherheitsproblem dar. Neben diesem Sicherheitsaspekt besteht auch ein ökologisches Risiko. Häufig sind in Entwicklungsstaaten global essentielle Naturressourcen anzutreffen, wie beispielsweise die klimaregulierenden Regenwälder, die durch eine exzessive Ausbeutung bedroht sind. Zudem befinden sich oftmals für Industriestaaten wichtige Rohstoffe in Staaten und Regionen mit geringem und mittlerem Pro-Kopf-Einkommen, die es
1
CIA. The World Fact Book. Online im Internet:
factbook/geos/xx.html>. Stand: 10.08.08.
2
Vgl. Rodenberg (2003), S. 3. Online im Internet:
gdi.de/die_homepage.nsf/0/fa66ed1ab3b8efd6c1256ce100431e37/$FILE/Gender&Armut%20(151203).pdf>.
3 Vgl. Sachs, S. 34.
4 Vgl. u.a. ebd. Sowie Ziegler. Alle fünf Sekunden stirbt ein Kind. Online im Internet:
5 Sachs, S. 13.
6
Vgl. u.a. Rodenberg (2003), S. 3. Online im Internet:
gdi.de/die_homepage.nsf/0/fa66ed1ab3b8efd6c1256ce100431e37/$FILE/Gender&Armut%20(151203).pdf>. Stand:
12.08.08. Sowie Werner/Weiss, S. 27.
7
Vgl. Welt in Zahlen Online im Internet:
2
durch zwischenstaatliche Beziehungen zu sichern gilt. Bis zum Ende des Ost-West-Konfliktes waren es vor allem politische Motive, die Staaten zu einem Engagement für Entwicklungsländer bewegten. Die Partnerländer sollten sich dadurch den entsprechenden Ideologien und Bündnissen verpflichten. Hinzu kommt eine gefühlte Verantwortlichkeit zahlreicher Industriestaaten für Entwicklungsländer, die aus ihrer kolonialen Vergangenheit und damit häufig einhergegangenen Menschenrechtsverletzungen, einseitigen
Begünstigungen, Unterdrückungen und Ausbeutungen herrühren. Andererseits bestehen aber auch moralische Beweggründe, die einzelne Staaten und Staatengemeinschaften sowie deren Institutionen zur Zusammenarbeit mit wirtschaftlich und technisch unterentwickelten Staaten veranlassen. Anhand dieser pragmatischen und moralischen Motive ist das Ressort Entwicklungspolitik entstanden. Darin sind politische Aktivitäten und staatliche Maßnahmen darauf ausgerichtet, Entwicklungs- und Schwellenländer bei einer wirtschaftlichen, sozialen und technischen Weiterentwicklung zu unterstützen. Dadurch soll eine grundlegende Verbesserung dort vorherrschender Lebensverhältnisse sowie ein damit einhergehender, gegenseitiger und gesamtgesellschaftlicher Nutzen erzielt werden. 8 Um dies zu ermöglichen, wurden von entwicklungspolitischen Akteuren im Laufe der Zeit unterschiedliche Instrumente, Konzepte und Strategien entwickelt, unterschiedliche Prinzipien und Leitlinien verfolgt sowie unterschiedliche Zielgruppen fokussiert. Doch inwieweit wurden und werden Frauen, ihre Bedürfnisse, Belange und Fähigkeiten innerhalb dieses Ressorts, seiner Maßnahmen und Aktivitäten berücksichtigt? Um dieser Frage nachzugehen, wird in der vorliegenden Arbeit zunächst die Gesamtsituation von Frauen dargestellt, um auf die Notwendigkeit politischen Handels hinzudeuten. Im darauf folgenden Kapitel wird erläutert, welche Folgen der soziale Status von Frauen und damit einhergehende Konsequenzen auf die Entwicklung von Staaten haben. Das vierte Kapitel erörtert, inwieweit Frauen bzw. die Verbesserung ihrer Lage zur wirtschaftlichen, technischen und sozialen Entwicklung von Staaten und Gemeinschaften beitragen könnten. Im fünften Kapitel werden anhand einer ideengeschichtlichen Einordnung entwicklungspolitische Strategien, Konzepte und Instrumente vorgestellt, die zur Förderung von Frauen bzw. zur Förderung der Geschlechtergerechtigkeit dienen sollen. Um die Rolle der Frau in der internationalen Entwicklungspolitik zu verdeutlichen, folgt im sechsten Kapitel eine Hinwendung zu den Millenniumsentwicklungszielen, die internationalen entwicklungspolitischen Bestrebungen einen Orientierungsrahmen bieten. Das siebte Kapitel beschäftigt sich exemplarisch mit dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und dessen
8 Vgl. u.a. Andersen. In Politik und Zeitgeschichte, S. 54f. Sowie Ihne/Wilhelm, S. 8ff. Sowie Schubert/Klein, S. 89.
3
Bestrebungen zur Gleichstellung bzw. zur Förderung von Frauen. Abschließend werden die Erfolge und Misserfolge bisheriger entwicklungspolitischer Bemühungen im Bezug auf die Gleichstellung und Förderung von Frauen geschildert sowie kritisch beleuchtet.
2. Die Gesamtsituation von Frauen
Die Situation von Frauen sowie ihre wirtschaftliche, soziale und kulturelle Stellung variiert zwischen einzelnen Regionen, Staaten und Kontinenten stark. Durchweg lässt sich allerdings sagen, wie im Folgenden dargelegt wird, dass Frauen weltweit, im Vergleich zu der Situation von Männern, erheblich benachteiligt sind. Auch in Westeuropa und Nordamerika ist trotz der Frauenbewegung bis heute keine vollständige Gleichstellung zwischen den Geschlechtern erreicht.
Frauen sind überall auf der Welt stärker von Armut bedroht und leben in weit stärkerem Maße in Armut. Der Anteil der Frauen an der Gruppe der absolut Armen, welche von weniger als einem Dollar pro Tag leben, liegt nach Schätzungen bei etwa 70 Prozent 9 . Insgesamt hat sich darüber hinaus die Kluft zwischen den sich in der Armut befindenden Frauen und Männer vergrößert, so dass von einer Feminisierung der Armut gesprochen wird. 10 Der hohe Betroffenheitsgrad von Frauen an der weltweiten Armut ist vor allem auf deren strukturelle Diskriminierung innerhalb aller Gesellschaften zurückzuführen. „Wesentliche Ursache der Armut von Frauen ist die gesellschaftliche Ungleichheit der Geschlechter, die sich in spezifischen Diskriminierungen von Frauen niederschlägt.“ 11
9 Vgl. u.a. Nuscheler (2005), S. 165. Sowie VENRO Online im Internet:
10 Vgl. u.a. Wahl in Ihne/Wilhelm, S. 117. Sowie BMZ. Gleichberechtigung. Schlüssel zur Umsetzung der
Millenniumserklärung der Vereinten Nationen. Online im Internet:
Rodenberg mahnt allerdings in ihren Untersuchungen an, dass eine Feminisierung der Armut sowie der 70-prozentige Anteil
von Frauen an den absolut Armen bislang nicht bestätigt werden konnte. Vgl. Rodenberg (2003), S. 3. Online im Internet:
12.08.08. Die Verfasserin hat sich aufgrund der zahlreichen Nennungen dieser Angaben dennoch dazu entschieden, diese so
auch in die Arbeit zu übernehmen.
11 BMZ. Aktionsprogramm 2015, S. 33. Online im Internet:
4
Begriffserläuterung Diskriminierung: 2.1
Karl-Heinz Hillman beschreibt das aus dem Lateinischen stammende Wort Diskriminierung als eine
„Ungleichbehandlung, im soziologischen Sinne eine ungleiche, herabsetzende Behandlung anderer Menschen nach Maßgabe bestimmter Wertvorstellungen oder aufgrund unreflektierter, zum Teil auch unbewusster Einstellungen, Vorurteile und Gefühlslagen. (…) Als bewusst vorgenommene und rational kontrollierte ist die Diskriminierung ein Mittel im Kampf um die Erringung und Konsolidierung von Herrschaftspositionen bzw. zur Ausschließung anderer von sozialen Chancen und Einflussmöglichkeiten. (…)“ 12
Geschlechtsspezifische Diskriminierungen zum Nachteil des weiblichen Geschlechts haben zur Folge, dass Frauen und Mädchen weit schlechtere Zugangsmöglichkeiten zu Gütern und sozialen Chancen haben. Dadurch befindet sich eine Vielzahl von Frauen in prekären Lebenslagen, die gerade in Entwicklungsstaaten nicht nur eine materielle Beeinträchtigung, sondern eine existenzielle Bedrohung für die Frauen und deren Familienmitglieder darstellen. Die Diskriminierung von Frauen und Mädchen resultiert aus einer Vielzahl politischer, kultureller, wirtschaftlicher und sozialer Ungleichbehandlungen, die sich in zahlreichen sozialen und kulturellen Bereichen manifestiert haben. Die Formen geschlechtspezifischer Diskriminierungen sind vielfältig und beeinflussen bzw. verstärken sich in ihrer Wirkung gegenseitig.
Zunächst ist eine marktbasierte Diskriminierung von Frauen anzumerken. Weltweit ist in den letzten Jahren, vor allem durch die voranschreitende Globalisierung, ein starker Anstieg der Erwerbstätigkeit von Frauen feststellbar. Der Anteil weiblicher Erwerbstätigkeit liegt insgesamt mittlerweile bei fast 40 Prozent 13 . Auch in den Entwicklungsländern lag der Anteil weiblicher Arbeitnehmer in der Industriearbeit im Jahr 2000 bereits bei einem Drittel. 14 Somit
12 Hillmann, S. 155.
13 Vgl. BMZ. Aktionsprogramm 2015, S. 33. Online im Internet:
14 Vgl. BMZ. Frauen bewegen die Welt, S. 2. Online im Internet:
5
hat sich eine „Feminisierung der Arbeit“ 15 vollzogen, die zwar auch neue Chancen für Frauen eröffnet hat, häufig aber dennoch keinen umfassenden Zugewinn für sie bedeutet. Frauen bekommen, trotz des gleichen Leistungsumfangs für ihre Arbeitskraft eine geringere Vergütung. Insgesamt beträgt der Verdienst von Frauen im formellen Sektor somit lediglich 75 Prozent 16 des Lohnes männlicher Arbeitnehmer. In wirtschaftlich unterentwickelten Staaten variiert der prozentuale Anteil des Stundenlohnes von Frauen zwischen 39 und 70 Prozent des Stundenlohnes von Männern. 17 Diese monetäre Ungleichbehandlung von Frauen am Arbeitsmarkt ist zu einem großen Teil auf „traditionelle Gender-Stereotype“ 18 zurückzuführen, die eine geschlechtsspezifische Segmentierung der Arbeitsmärkte zur Folge haben. Dadurch können Frauen fast nur in Arbeitsbereichen aktiv werden, denen weniger Leistung und daher eine geringere Bezahlung beigemessen wird. Frauen beziehen dadurch nur 10 Prozent 19 der weltweiten Einkommen, obwohl sie mit 40 Prozent an der weltweiten Erwerbsarbeit beteiligt sind. Der Anteil von Frauen an der Gruppe der working poor liegt infolgedessen bei über 60 Prozent 20 . Hinzu kommt, dass Frauen gerade in Entwicklungs- und Transformationsländern in ihren Arbeitsverhältnissen kaum arbeitsrechtlich geschützt und gewerkschaftlich organisiert sind. Daher sind Frauen auch stärker von Arbeitsplatzverlusten bedroht. Zudem verfügen sie häufig nicht über vertragliche Vereinbarungen bezüglich ihrer Löhne und Arbeitszeiten. 21
Die Erwerbstätigkeit von Frauen bedeutet außerdem eine erhebliche Mehrbelastung, da Frauen ohnehin ein sehr hohes Arbeitspensum erfüllen. Neben ihrer Erwerbstätigkeit leisten sie nach wie vor den größten Anteil unbezahlter Reproduktions- und Versorgungsarbeit zur Existenzsicherung ihrer Familien. Dementsprechend umfasst der weibliche Anteil an allen Weltarbeitsstunden zwei Drittel 22 , und lediglich 30 Prozent 23 der von Frauen verrichteten Arbeit wird vergütet. Der Anteil vergüteter Männerarbeit liegt bei 75
15 Nuscheler (2005), S. 170.
16 Vgl. Rodenberg (2002). Online im Internet:
17 Vgl. Weltbank. Equality for women. Online im Internet:
18
Kartusch, S. 6. Online im Internet:
10.08.08.
19 Vgl. BMZ. Gleichberechtigung. Schlüssel zur Umsetzung der Millenniumserklärung der Vereinten Nationen. Online im
Internet:
20
Vgl. VENRO, S. 8. Online im Internet:
Stand: 14.08.08.
21 Vgl. BMZ. Frauen bewegen die Welt, S. 2. Online im Internet:
22
Vgl. VENRO, S. 8. Online im Internet:
Stand: 14.08.08.
23 Vgl. BMZ. Frauen bewegen die Welt, S. 2. Online im Internet:
6
Prozent 24 . Frauen verrichten somit zusätzlich insgesamt 70 Prozent 25 der unbezahlten Arbeit. Dieser hohe Arbeitsumfang, welcher neben der Erwerbsarbeit vorrangig durch Tätigkeiten im häuslichen Bereich, im informellen Sektor und in ungeschützten und unbezahlten Arbeitsverhältnissen abgeleistet wird, ist vor allem auf die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung zurückzuführen. Diese Belastungssituation ist für Frauen in Entwicklungs- und Transformationsstaaten bei weitem stärker als für Frauen in den westlichen Industrienationen. Neben den schweren häuslichen Tätigkeiten, die das Kochen, Beschaffen von Wasser und Brennholz, Verarbeitung der Nahrungsmittel, die Erziehung und Versorgung der Kinder umfassen, ist die Agrarproduktion ein weiterer Arbeitsbereich in dem in starkem Maße Frauen in Entwicklungsländern tätig sind. Dort leisten sie teilweise mehr als 75 Prozent 26 der landwirtschaftlichen Arbeit und produzieren bis zu 80 Prozent 27 der Grundnahrungsmittel. Hierbei kommt erschwerend hinzu, dass jede dritte Frau aufgrund von Scheidung, Arbeitsmigration und Witwenschaft, allein erziehend ist. 28 Dadurch sind zahlreiche Frauen bei der Versorgung ihrer Familie vollständig auf sich allein gestellt. Der hohe Arbeitsumfang, der von Frauen geleistet wird, umfasst Tätigkeiten, die körperlich sehr belastend und zeitintensiv sind. Gerade in Entwicklungs- und Transformationsstaaten sind Arbeitnehmerinnen mit schlechten Arbeitsbedingungen konfrontiert. Sie müssen oft ungeschützt mit giftigen Substanzen arbeiten, sind Lärm und Schmutz ausgesetzt und haben sehr lange Arbeitszeiten. Die Arbeiten im familiären Bereich sind häufig noch beschwerlicher. Landwirtschaftliche Tätigkeiten sind körperlich sehr hart und das Sammeln von Feuerholz, das Beschaffen von Wasser und die Nahrungszubereitung sind extrem zeitintensiv. Nach Angaben des Human Development Report (HDR) aus dem Jahr 2003 des United Nations Development Programme (UNDP) verbringen afrikanische Frauen und Mädchen durchschnittlich drei Stunden täglich mit Wasserholen. 29 Der hohe Zeitaufwand für die Grundbedürfnisbefriedigung der Familie bedeutet einen extremen Zeitverlust für die betroffenen Frauen und Mädchen, denn diese Zeit könnte für profitablere Tätigkeiten wie Bildung, kommunale, familiäre oder soziale Aktivitäten genutzt werden. Hinzu kommt, dass diese zeitaufwendigen Tätigkeiten einen starken Kalorienverbrauch verursachen. „Chronic energy deficiency is higher in females than males.
24 Vgl. Ebd.
25 Vgl. BMZ. Gleichberechtigung. Schlüssel zur Umsetzung der Millenniumserklärung der Vereinten Nationen. Online im
Internet:
26 Vgl. Weltentwicklungsbericht (2006), S. 63.
27 Vgl. BMZ. Stärkung der Teilhabe von Frauen in der Entwicklungszusammenarbeit. S. 5. Online im Internet:
28 Vgl. BMZ. Frauen bewegen die Welt, S. 2. Online im Internet:
29
Vgl. UNDP. HDR 2003, S. 128. Online im Internet:
11.08.08.
7
And the nutritional status of women is always low compared to men.” 30 Allein während der durchschnittlich drei Stunden täglichen Wasserholens afrikanischer Frauen und Mädchen, verbrauchen diese mehr als ein Drittel 31 ihrer täglichen Kalorienaufnahme. Auch das Kochen mit Biomasse in schlecht gelüfteten Innenräumen erhöht das Gesundheitsrisiko, da die starke Konzentration von Schadstoffen zu Atemwegserkrankungen führen kann. 32 Dementsprechend werden bei Frauen „häufiger Krankheiten nachgewiesen, die aus einer Kombination von Unterernährung, physischer Erschöpfung und gesundheitsgefährdenden Tätigkeiten resultieren“ 33 . Ebenso büßen Frauen und Mädchen durch diesen Kalorienverlust an körperlichem und geistigem Leistungsvermögen ein, welches für produktivere Aktivitäten wie Bildung, gesellschaftliches Engagement und politische Partizipation genutzt werden könnte. Die häufige Unterernährung von Frauen rührt neben den starken körperlichen Belastungen aber auch aus einer unmittelbaren Missachtung innerhalb der Familie. Weiblichen Familienangehörigen wird häufig keine gleichberechtigte Nahrungszufuhr ermöglicht. In diesen Fällen bekommen sie nur die Nahrungsreste und weniger nahrhaftes Essen, das von männlichen Familienmitgliedern übrig gelassen wurde, bzw. den weiblichen Familienmitgliedern zugestanden wird. Dadurch sind Frauen und Mädchen insgesamt krankheitsanfälliger. Schließlich investieren Gemeinschaften und Familien während ökonomischer Krisen und außergewöhnlicher Belastungen in geringerem Maße in die Gesundheit und die Gesunderhaltung von Frauen und Mädchen. 34 Impfungen und Arztbesuche finden bei ihnen seltener statt, da ihrer Genesung und Gesunderhaltung keine gleichermaßen hohe Wichtigkeit eingeräumt wird, wie der der Männer. 35 Für Frauen ist aber auch der Zugang zu wirtschaftlichen Ressourcen, wie Landbesitz, erschwert. Obwohl sie häufig den höchsten Anteil an der landwirtschaftlichen Produktion in Entwicklungsländern leisten, besitzen sie nur zehn Prozent der Anbauflächen und weniger als zwei Prozent aller Landtitel. 36 Dieses extreme Missverhältnis ist zum einen auf die rechtliche Ungleichstellung von Frauen zurückzuführen, die in zahlreichen Gemeinschaften der Welt vorherrscht. Dort ist es Frauen nicht gestattet Land zu besitzen oder eigenständig zu verwalten. 37 Zum anderen sind hierfür „patrilinear ausgerichtete Vererbungssysteme“ 38
30
WHO. Women´s health and develoopment, S. 56. Online im Internet:
Speech-WomensHealthDevelopment.pdf>. Stand: 11.08.08.
31 Vgl. ebd.
32 Vgl. Nuscheler (2005), S. 169.
33 Ebd.
34 Vgl. Duflo in Ockrent, S. 455.
35 Vgl. Brisset in Ockrent, S. 24.
36 Vgl. BMZ. Gleichberechtigung. Schlüssel zur Umsetzung der Millenniumserklärung der Vereinten Nationen. Online im
Internet:
37 Vgl. Duflo in Ockrent, S. 452.
8
verantwortlich, durch die die Frauen kein Land und kein wirtschaftliches Vermögen erben können. Hierbei wird der Familienbesitz allein an Söhne oder, wie in Teilen Asiens, sogar nur an für diesen Zweck adoptierte Söhne weitergegeben, mit dem Ziel die männliche Linie der Familie fortzusetzen. Dieser ungleiche Zugang zu Vermögenswerten zeigt sich auch in traditionellen Mitgiftverpflichtungen. Hier müssen die Brauteltern eine hohe Aussteuer an die Eltern des Bräutigams entrichten, die für arme Familien kaum zu tragen ist. Diese Praktiken machen eine Geringschätzung des weiblichen Geschlechts in einigen Regionen der Erde offensichtlich. Manchmal gehen die Folgen dieser Geringschätzung soweit, dass sich Eltern aufgrund ökonomischer Belastungen gezwungen sehen, den Zuwachs eines weiblichen Familienmitgliedes mit allen Mitteln zu verhindern. Dies wird in demographischen Statistiken deutlich. Dort weist die Geschlechterquote eine extrem hohe Unterrepräsentanz von Mädchen und Frauen auf. Es wird geschätzt, dass die derzeitige Anzahl von Menschen weiblichen Geschlechts mit 100 Millionen 39 von der biologischen Rate (105 Jungen auf 100 Mädchen) abweicht. Diese auf 100 Millionen geschätzten fehlenden Frauen und Mädchen werden zum Teil bereits als Föten im Mutterleib mit Hilfe pränataler Diagnostik erkannt und abgetrieben. Ein weiterer Teil wird durch Kindstötungen selektiert und der wohl größte Teil wird durch „Vernachlässigung und andere Praktiken, die eine höhere Sterberate von weiblichen als von männlichen Kleinkindern zur Folge haben“ 40 , beseitigt. Frauen und Mädchen wird aber nicht nur das Recht auf Leben und auf Eigentum vorenthalten, sondern auch das Recht auf Bildung. Gerade in Entwicklungsstaaten haben Mädchen und Frauen nicht die gleichen Zugangsmöglichkeiten zu Bildungseinrichtungen. Obwohl die weltweite Einschulungsrate stark angestiegen ist und mittlerweile 95 Prozent 41 aller Kinder im Grundschulalter eine Schule besuchen, sind immer noch 80 der 130 Millionen Kinder, die keine Grundschule besuchen, Mädchen. 42 Dies hat zur Folge, dass nach wie vor zwei Drittel 43 der weltweiten Analphabeten weiblichen Geschlechts sind. Häufig geht der Schulbesuch von Mädchen nicht über die Grundschule hinaus, eine höhere schulische, universitäre und berufliche Ausbildung wird vorrangig männlichen Familienmitgliedern eingeräumt. Dies liegt vor allem daran, dass die traditionelle weibliche Einflusssphäre in den meisten Gesellschaften im familiären und häuslichen Bereich gesehen wird. „Da die sozialen
38 Weltentwicklungsbericht 2006, S. 62.
39 Vgl. Brisset in Ockrent, S. 23.
40 Weltentwicklungsbericht 2006, S. 62.
41 Vgl. Rodenberg (2002). Online im Internet:
42 Vgl. Nuscheler (2005), S. 168.
43 Vgl. u.a. BMZ. Gleichberechtigung. Schlüssel zur Umsetzung der Millenniumserklärung der Vereinten Nationen. Online
im Internet:
Sowie VENRO. Online im Internet:
14.08.08.
9
Arbeit zitieren:
Katrin Geier, 2008, Die Rolle der Frauen in der Entwicklungszusammenarbeit, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Katrin Geier's Text Die Rolle der Frauen in der Entwicklungszusammenarbeit ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Katrin Geier hat den Text Die Rolle der Frauen in der Entwicklungszusammenarbeit veröffentlicht
Katrin Geier hat einen neuen Text hochgeladen
Deutsches Internationales Privatrecht im 16. und 17. Jahrhundert
Band 1: Materialien, Übersetzu...
Christian von Bar, Peter Dopffel
Deutsches Internationales Privatrecht im 16. und 17. Jahrhundert
Band 2: Materialien, Übersetzu...
Christian von Bar, Peter Dopffel
Evaluation in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit
Band 1: Systemanalyse. Band 2:...
Reinhard Stockmann, Axel Borrmann
Akteure, Handlungsmuster und I...
Bea de Abreu Fialho Gomes, Irmi Maral-Hanak, Walter Schicho
Brot für die Welt: Fünf Jahrzehnte kirchliche Entwicklungszusammenarbe...
Wirkung, Erfahrungen, Lernproz...
Eine Einführung in Probleme, M...
Karin Fischer, Irmi Hanak, Helmut Kramer
0 Kommentare