Inhalt
E i n l e i t u n g 3
1. Nietzsches Denken bei Foucault - Methoden und Grundeinsichten 4
1.1 Die Methode der Genealogie 4
1.2 Über Wahrheit und Erkenntnis 5
1.3 Über das menschliche Subjekt 6
2. Nietzsches Wege zum Glück - sich selber treulich nachgehen 8
2.1 Nietzsches „Experimentalphilosophie“ 8
2.2 Der Gedanke der „Ewigen Wiederkunft“ 10
2 3 D e r „ p o s i t i v e A s k e t i s m u s “ 1
2.4 Zusammenfassung 12
3. Foucaults Wege zum Glück - die Philosophie der Lebenskunst 14
3 1 S u b j e k t u n d W i s s e n 1 4
3 2 S u b j e k t u n d M a c h t 1 6
3.3 Subjekt und Ethik des Selbst 17
4 Zusammenfassung, Würdigung und Kritik 18
A b k ü r z u n g e n 2 3
L i t e r a t u r 2 4
2
Einleitung
Die Popularität des Denkens Michel Foucaults scheint kein Ende zu nehmen. Bereits in den achtziger Jahren erreichte er in einem Ranking der hundert meistzitierten Autoren den vierundzwanzigsten Platz. 1 Auch die Theologie scheint seit einiger Zeit erkannt zu haben, dass ohne eine Auseinandersetzung mit der Gedankenwelt Foucaults, zeitgemäßes Theologietreiben an seine Grenzen stößt, und an die Fragen der Menschen von heute vorbeizugehen droht. Obwohl man Denker wie Foucault schwer in vorgefertigte Kategorien bestimmter Denkstile oder Philosophien einordnen kann, kann man ihn ohne weiters als einen der wirkungsmächtigen Vertreter und Nachdenker der Postmoderne bezeichnen. Sein Vordenker war Friedrich Nietzsche, der etwa hundert Jahre zuvor wie ein Seismograph die Gedanken der Postmoderne und die dunklen Gewitterwolken des Nihilismus über den Horizont des (noch) christlichen Abendlandes auftauchen sah. Ihre verschiedenen Perspektiven richteten sie hauptsächlich auf das fragwürdige Wesen des Menschen, auf seine Vernunft, seine gesellschaftliche Stellung, seine Triebe, seine Leiden, Abhängigkeiten und Sehnsüchte. Letztlich waren beide auf der Suche nach einer neuen Existenzform des Menschen, nach einer „Ästhetik der Existenz“, die ein glückliches oder besser gesagt ein dem Menschen „gerechteres“ Leben ermöglichen soll. Auf dieser Suche stießen sie in Gedankenräume vor, die zuvor nur wenige beschritten hatten. Diese Gedankenräume möchte ich in der vorliegenden Arbeit versuchen nachzuspüren. In einem ersten Schritt (Kap. 1) werfe ich einen Blick auf Nietzsches Methode der Genealogie, auf seinen Zugang zur „Wahrheit“ sowie auf sein Verständnis über den Menschen als fragwürdiges Wesen. Diese Grundgedanken Nietzsches zeihen sich - so meine These - wie ein roter Faden durch die Gedankenwelt von Michel Foucault. Danach (Kap. 2) versuche ich mögliche Auswege des Menschen aus dem von Nietzsche diagnostizierten und zu überwindenden abendländischen Nihilismus aufzuzeigen. Auch wenn die Terminologie eine andere sein mag, diese Konzeptionen decken sich inhaltlich wiederum in vielen Bereichen mit Foucaults Überlegungen zu einer Ästhetik der Existenz. Foucaults Philosophie der Lebenskunst steht im Mittelpunkt meiner abschließenden Überlegungen (Kap. 3), wobei das Hauptaugenmerk vor allem auf seine „Ethik des Selbst“ gerichtet wird. Eine Zusammenfassung, verbunden mit einer Würdigung und Kritik (Kap. 4) stellt schließlich Fragen nach Chancen und Risken für den Menschen von heute auf seiner Suche nach einer „Ästhetik der Existenz“.
1 Vgl. Ruoff, Michael: Foucault-Lexikon, Entwicklung - Kernbegriffe - Zusammenhänge, Paderborn: Fink 2007, 13.
3
1. Nietzsches Denken bei Foucault - Methoden und Grundeinsichten
„Warum lehnt der Genealoge Nietzsche zumindest gelegentlich die Suche nach dem Ursprung ab?“. Diese Frage stellte sich Michel Foucault zu Beginn seines Aufsatzes Nietzsche, die Genealogie, die Historie (1971). Seine Antwort verweißt auf ein Hauptmerkmal des Denkens beider: „Vor allem weil damit die Suche nach dem genau abgegrenzten Wesen der Sache gemeint ist“ 2 . Der Genealoge Foucault hingegen begibt sich in Anlehnung an Nietzsche auf die Suche nach der Herkunft einer Sache und kommt dabei zur Erkenntnis, „[d]aß [!] es hinter allen Dingen ‚etwas ganz anderes’ gibt: nicht ihr wesenhaftes und zeitloses Geheimnis, sondern das Geheimnis, daß [!] sie ohne Wesen sind“ 3 .
Nietzsches Denken ist bei Foucault permanent präsent. Obwohl es in den Hauptwerken Foucaults relativ wenig direkte Verweise auf Nietzsche gibt (eher noch in den gesammelten Aufsätzen und Interviews, die 1994 unter dem Titel Dits et Ecrits erschienen sind), scheint der Vater der Postmoderne, wie Nietzsche gerne genannt wird, wie ein Schatten über seinen „Hohenpriester“ zu schweben. In der Folge möchte ich einige Grundzüge des Denkens Nietzsche aufzeigen, die sich auch bei Foucault ausmachen lassen. Dabei beschränke ich mich auf die „Methode der Genealogie“ (1.1), auf sein Verständnis über „Wahrheit und Erkenntnis“ (1.2) sowie auf seine Gedanken über das menschliche „Subjekt“ (1.3).
1.1 Die Methode der Genealogie
Wie bereits oben angeführt, begibt sich ein Genealoge nicht auf die Suche nach einem wesenhaften Ursprung, sondern nach unzähligen Einzelheiten und Zufällen, die am Beginn eines kulturellen Phänomens stehen. Dazu Foucault in einer Anmerkung zu Nietzsches Zur Genealogie der Moral: „Es gilt zu entdecken, daß [!] an der Wurzel dessen, was wir erkennen und was wir sind, nicht die Wahrheit und das Sein steht, sondern die Äußerlichkeit des Zufälligen. Darum verdient jeder Ursprung der Moral, sofern er nicht mehr verehrungswürdig ist - und die Herkunft ist es niemals - Kritik.“ 4 Anstatt soziale und kulturelle Phänomene zu begründen, blickt Nietzsche auf deren Entstehungsgeschichte. Dahinter steht eine kritische Geschichtsschreibung, bei der die Möglichkeit einer linearen Geschichte mit einem Anfang und einem Ende ausgesperrt bleibt. Sie richtet sich weiters gegen ein von der Vernunft geleitetes platonisches Verständnis von Wesenhaftigkeit und Wahrheit. Weiters gesellt sich, vor allem beim frühen Nietzsche, noch ein von einem radikalen Pessimismus geprägtes Bild vom Menschen dazu, das ihn permanent an seine Vergänglichkeit erinnert. Dazu schreibt Nietzsche in der Morgenröthe: „Das neue Grundgefühl:
2 Foucault, Michel: Nietzsche, die Genealogie, die Historie, in: Seitter, Walter (Hg.): Von der Subversion des Wissens, München: Hanser 1974 (= Hanser 150), 83-109, hier: 85.
3 Ebd., 86.
4 Ebd., 90.
4
unsere endgültige Vergänglichkeit. - Ehemals suchte man zum Gefühl der Herrlichkeit des Menschen zu kommen, indem man auf seine göttliche Abkunft hinzeigte: diess ist jetzt ein verbotener Weg geworden, denn an seiner Thür steht der Affe […]. Das Werden schleppt das Gewesensein hinter sich her: warum sollte es von diesem ewigen Schauspiele eine Ausnahme für irgend ein Sternchen und wiederum für ein Gattungchen auf ihm geben! Fort mit solchen Sentimentalitäten!“ 5 Wie ich in einem späteren Abschnitt zeigen werde, will Nietzsche den Menschen in dieser „heideggerischen“ Geworfenheit und in seinem In-der-Welt-sein nicht stehen lassen. Nietzsche hat in seiner bekanntesten Genealogie, nämlich in der Genealogie der Moral (1887) nicht nur seinen Feldzug gegen die abendländische Moral zu einem Höhepunkt getrieben, er legt darin auch den Grundzug seiner historischen Methode wie folgt dar: „‚Entwicklung’ eines Dings, eines Brauchs, eines Organs ist demgemäss […] die Aufeinanderfolge von mehr oder minder tiefgehenden, mehr oder minder von einander unabhängigen, an ihm sich abspielenden Überwältigungsprozessen, hinzugerechnet die dagegen jedes Mal aufgewendeten Widerstände, die versuchten Form-Verwandlungen zum Zweck der Vertheidigung und Reaktion, auch die Resultate gelungener Gegenreaktionen. Die Form ist flüssig, der ‚Sinn’ ist es aber noch mehr…“ 6 Die Absicht, die hinter einer solchen Methode steckt, scheint eine pragmatische zu sein: Durch eine deskriptive Analyse der Vergangenheit soll der Mensch zu einer radikalen Kritik der Gegenwart befähigt werden. Indem Nietzsche scheinbar Unveränderbares und Ewiges als bloße Konstrukte entlarvt, fordert er den Menschen implizite dazu auf, sich dagegen aufzulehnen und zu handeln. Annemarie Pieper verweist noch auf drei weitere Komponenten der historischgenealogischen Methode hin: 7 Erstens schärft sie den Blick für das Zufällige und scheinbar Belanglose, zweitens zersetzt sie im Licht des neu entdeckten gewohnte Lesearten der Geschichte, und drittens ermuntert sie auch zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunftsgeschichte.
1.2 Über Wahrheit und Erkenntnis
Nietzsches Verständnis über das Wesen, den Wert und die Funktion von Wahrheit zeigt sich bereits ansatzweise in der Analyse seiner historisch-genealogischen Methode. Nachdem die Wesenhaftigkeit einer Sache in Abrede gestellt wird, kann es auch keine Wahrheit geben. Damit stellt er auch den Wert der Wahrheit in Frage und sieht die Funktion der Wahrheit einerseits in der Daseinsbewältigung und andererseits in der Selbsttäuschung über den Wert des Daseins, ohne die der Mensch nicht in der Lage wäre, die katastrophale Einsicht in seine Existenz zu bewältigen. Deshalb kann man m. E. bei Nietzsche auch nicht von einer Wahrheits- oder Erkenntnistheorie sprechen. Eine detaillierte Übersicht über seine Überlegungen zur Wahrheit
5 KSA 3, 53 f. - M 49.
6 KSA 5, 314 f. - GM II: 12.
7 Vgl. Pieper, Annemarie: Vorrede, in: Höffe, Ottfried (Hg.): Zur Genealogie der Moral, Berlin: Akademie Verl. 2004 (= Klassiker Auslegen 29), 15-29, hier: 28.
5
kann hier nicht gegeben werden. Trotzdem ist eine Grundeinsicht in sein „Wahrheitsdenken“ notwendig, um den diesen Unterkapitel folgenden Zugang zu seinem Subjektverständnis zu erleichtern.
Für Nietzsche gibt es keine wahre Welt „an sich“ und auch keine darüber hinaus. Den Platonismus, nämlich die „Erfindung vom reinen Geist und vom Guten an sich“, bezeichnet er als den bisher größten „Dogmatiker-Irrthum“ 8 . Weiters gibt es ihn für weder eine absolute, noch eine objektive und schon gar keine logische Ordnung in der Welt. Sie erscheint uns nur logisch, weil wir sie logisiert haben. 9 Wahrheit sei nur eine Erfindung und ein Konstrukt unserer Sprache: „Was ist also Wahrheit? Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen kurz eine Summe von menschlichen Relationen, die poetisch und rhetorisch gesteigert, übertragen, geschmückt wurden, und die nach langem Gebrauche einem Volke fest, canonisch und verbindlich dünken: die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind [Hervorhebung von J. P.].“ 10 Der Wert der Wahrheit, die sich als Illusion herausgestellt hat, liegt ausschließlich in der Daseinsbewältigung und in der Selbsttäuschung, dabei muss die Vernunft aber letzlich ihre eigene Untauglichkeit erkennen. Der menschliche Intellekt sei den „unglücklichsten delikatesten vergänglichsten Wesen“ nur „als Hülfsmittel“ beigefügt, „um sie eine Minute im Dasein festzuhalten; aus dem sie sonst […] zu flüchten allen Grund hätten“. 11 Bis in die Zeit vor Nietzsche ist der Mensch grundsätzlich davon ausgegangen, dass Bemühungen um Erkenntnis zur Wahrheit führen. Nietzsche hat das konsequent verneint und sogar den Wert der Wahrheit in Frage gestellt. Diese Einsicht, dass der Mensch zu keiner Wahrheit kommen kann ist dabei nicht als eine „Lehre“ Nietzsches zu verstehen, denn Lehren und Dogmen lehnt er ja ab, sondern bloß als „ein Stück Unwissenheit mehr“. 12
1.3 Über das menschliche Subjekt
„Gleichnis. - Jene Denker, in denen alle Sterne sich in kyklischen Bahnen bewegen, sind nicht die tiefsten; wer in sich wie in einem ungeheuren Weltraum hineinsieht und Milchstrassen in sich trägt, der weiss auch, wie unregelmässig alle Milchstrassen sind; sie führen bis in´s Chaos und Labyrinth des Daseins hinein.“ 13 Mit diesem, von gewaltigen Bildern getragenen Aphorismus aus Die fröhliche Wissenschaft kann man meines Erachtens Nietzsches Sicht über das menschliche Wesen gut auslegen. Die Wahrheit über den Menschen finden wir demnach nicht „oben“, in den geordneten Bahnen von Definitionen und Bestimmungen über sein Wesen, sondern es stellt sich vielmehr die Frage, ob und wo man sie finden könnte. Der Platonismus wurde ja bereits schon als der größte Dogmatiker-Irrtum entlarvt, ebenso musste die Vorstellung vom Menschen als Abbild Gottes der
8 KSA 5, 12 - JGB: Vorrede.
9 Vgl. Schiller, Wolfgang, Art. Wahrheit, in: Ottmann, Henning (Hg.): Nietzsche-Handbuch. Leben - Werk -Wirkung, Stuttgart: Metzler 2000, 330 f., hier: 330.
10 KSA 1, 880 f. - WL 1.
11 KSA 1, 876 - WL 1.
12 KSA 11, 486 - N 34 [194].
13 KSA 3, 552 - FW 322.
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Arbeit zitieren:
Mag. Johann Platzer, 2008, Nietzsche und Foucault. Das Glück einer Ästhetik der Existenz, München, GRIN Verlag GmbH
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