1 Einleitung
Im Laufe der Entwicklung der Menschheit hat es immer wieder Wanderungen von Personen, Personengruppen und sogar Völkern gegeben, welche im Zusammentreffen mit anderen Kulturen und Gemeinschaften konfliktreich endeten. Durch das Zeitalter der Industrialisierung und der daraus resultierenden stark globalisierten Welt, durch Kriege und den auseinanderdriftenden ökonomischen Klüften zwischen Regionen, Staaten und Gemeinschaften existieren heute nach wie vor Migrationsbewegungen, welche Nationalstaaten und Gemeinschaften immer wieder vor ökonomische, kulturelle aber auch normative Herausforderungen stellen. So sind immigrierende Personen und Personengruppen aufgrund ihrer Sprache, ihren moralischen Anschauungen, ihren Denk- und Handlungsmustern und ihren Lebensgewohnheiten, sprich wegen ihren unterschiedlichen kulturellen
Hintergründen, immer wieder von Marginalisierung bedroht bzw. zur Assimilation in ihrer Aufnahmegesellschaft gezwungen.
Die damit einhergehende Diskriminierung von Minderheiten wird aber grundsätzlich moralisch in Frage gestellt und normativ diskutiert. In diesem Zusammenhang wird neben der Gleichberechtigung von Minderheiten in den letzten Jahren vor allem auch deren Anerkennung gefordert und über deren angemessene und gerechtfertigte Umsetzung diskutiert.
2 Abriss zu den Theorien der Anerkennung
Theorien der Anerkennung beziehen sich auf Überlegungen der neueren Zeit und wurden als Ergänzung zu liberalen Gerechtigkeitstheorien entworfen. Vor allem in Verbindung mit sozialen Bewegungen unserer Zeit erlangen Theorien der Anerkennung Aufmerksamkeit und Interesse. Während sich frühere soziale Forderungen ausdrücklich auf die Gleichbehandlung und Gleichberechtigung sozialer Gruppen beschränkten, wird von diesen nun darüber hinaus eine besondere politische und soziale Anerkennung gefordert, welche die Förderung und Wertschätzung ihrer Identitäten beinhaltet. Denn in der sozialen und politischen Anerkennung von Personen und Personengruppen wird einer moralischen Forderung entsprochen, die darüber hinaus vor allem darin beruht, dass in der persönlichen Anerkennung ein elementares
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menschliches Bedürfnis gesehen wird, welchem politische und soziale Grundbegebenheiten entsprechen sollen.
So wird innerhalb der Theorien debattiert, inwieweit politische und rechtliche Maßnahmen den Forderungen verschiedener gesellschaftlicher Gruppen und Personen entsprechen können und in welcher Weise staatliche Institutionen fungieren sollen und dürfen.
Darüber hinaus versuchen Theorien der Anerkennung die Dynamik und die Mechanismen von Widerstandsbewegungen zu erläutern, also welche Begebenheiten Personengruppen schlussendlich zum offenen Widerstand in der Forderung nach Anerkennung bewegen, sowie welche individuellen,
gesellschaftlichen, staatlichen und politischen Auswirkungen die Forderungen sozialer Bewegungen bewirken.
Somit können Theorien der Anerkennung unmittelbar kritisch fungieren und aufzeigen, inwieweit soziale Missstände vorherrschen bzw. wo und wie soziale Anerkennung verwehrt bleibt.
Die Debatte um Anerkennung findet nicht zuletzt in Verbindung mit der Idee des Multikulturalismus statt.
3 Ideen des Multikulturalismus
Die Idee des Multikulturalismus wurde erstmals zu Beginn der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts durch kulturanthropologische und kulturrelativistische Strömungen in Kanada artikuliert und zunächst auch vor allem nur in klassischen Einwanderungsländern wie Kanada, Australien und den USA aber auch Großbritannien diskutiert.
Entgegen den zuvor angestrebten Konzepten der Integration, welche sich primär auf die Idee der Assimilation bezogen, also der allmählichen Angleichung der kulturellen Minderheiten an die dominierende, vorherrschende Kultur, sieht die Idee des Multikulturalismus ein Nebeneinander, die Förderung und den Erhalt verschiedener Kulturen in einer Gesellschaft vor.
Die ursprüngliche Annahme, dass sich Migranten mit der Zeit an die Mehrheitskultur anpassen und assimilieren würden, wurde durch die Erfahrung ernüchtert, dass diese teilweise noch in der vierten oder fünften Generation erheblich an ihren
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ethnischen Traditionen sowie ihren Kulturen festhielten bzw. festhalten und nach wie vor über ein intensives Gruppenzugehörigkeitsgefühl verfügen. 1 So sollen in einer multikulturellen Gesellschaft unterschiedliche Kulturen anerkannt, ohne Diskriminierung und ohne Assimilationsdruck in gegenseitigem Dialog miteinander leben.
Darüber hinaus wird in der Idee des Multikulturalismus die identitätsstiftende Funktion kultureller Gemeinschaften betont, welche, in der Beachtung der hohen Bedeutsamkeit von Identität, gesonderte Rechte sowie den besonderen Schutz kultureller Praktiken verschiedener Gesellschafts- bzw. Minderheitengruppen rechtfertigt.
Durch die Gewährung von Minderheitenrechten soll somit erreicht werden, dass unterschiedliche Kulturen in einer Gemeinschaft soziale und politische Anerkennung erfahren und dadurch nicht marginalisiert oder zur Assimilation genötigt werden. Dennoch sind Minderheitenrechte in ihrer Wirkung und Sinnhaftigkeit stark umstritten. Teilweise wird in diesen sogar eine gegenteilige Wirkung, also die weitere Marginalisierung von kulturellen Gruppen, vermutet.
Zudem wird in einer multikulturellen Gesellschaft die Gefahr des Verlustes einer kollektiven Identität gesehen, welche aber für die Organisation sozialen Zusammenlebens in einer Gesellschaft unabdingbar sei. 2 Seit den 80er Jahren ist auch in Deutschland eine Multikulturalismusdebatte im Gange, welche positive Einschätzungen, aber auch Befürchtungen hervorruft. So sehen die Befürworter des Multikulturalismus eine Bereicherung der dominierenden Gesellschaft durch die Minderheitskulturen. Andererseits wird von den Gegnern eine Überlagerung und ein Verlust des eigenen Kulturgutes befürchtet. Multikulturalismus ist aber in seiner Definition und in der politischen Umsetzung dennoch stark variierend und von Gesellschaft zu Gesellschaft in seinen Ausprägungen und Erscheinungsformen unterschiedlich.
In den USA beispielsweise, wird der Multikulturalismus als „Ausdruck der Proteste und Frustrationen ethnischer Gruppen [gesehen, der] zunehmend und bedenklich die amerikanische Gesellschaft in kulturell unverrückbare Segmente parzelliert und ethnisiert“ 3 . In Kanada hingegen ist der Multikulturalismus eine direkt politisch
1 Vgl. v.a.Petrus Han (2004), S. 321.
2 Vgl. David Stecker (2004), S. 288.
3 Petrus Han (2004), S. 330.
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Katrin Geier, 2008, Anerkennung und Multikulturalität, Munich, GRIN Publishing GmbH
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