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Inhaltsverzeichnis
Der Amerikanische Traum: Hintergrund und Kernelemente I
Inhaltsverzeichnis 1
1. Der Amerikanische Traum: Einleitung 2
2. Die Entstehungsgeschichte des amerikanischen Traums 3
2.1. El Dorado und Brave New World: Der mythische Traum 4
2.2. A City upon a Hill: Der religiöse Traum 5
2.3. Life, Liberty, and the pursuit of Happiness: Der politische Traum 7
3. Konstitutive Elemente des amerikanischen Traums 8
3.1. Freiheit und Gleichheit. 9
3.2. Die amerikanische Frontier. 11
3.3. Manifest Destiny 12
3.4. Melting pot. 14
3.5. Der Erfolgmythos. 16
4. Traum oder Albtraum? Schlussbetrachtung und Ausblick 19
Literaturverzeichnis 21
1. Der Amerikanische Traum: Einleitung
Der Begriff American Dream ist in seiner Bedeutung ebenso vage wie ambivalent, 1 auch wenn seine häufige Verwendung in Verbindung mit dem bestimmten Artikel ein eindeutig definiertes Phänomen suggeriert. Gleichwohl ist der amerikanische Traum wesentlicher Bestandteil der nationalen Identität und Symbol des amerikanischen Selbstverständnisses. 2 Bereits das von Thomas Jefferson in der Unabhängigkeitserklärung formulierte, gottgegebene Recht des Menschen auf "Life, Liberty, and the pursuit of Happiness" 3 kann als eine Urform des amerikanischen Traums gesehen werden, auch wenn sich der Begriff zum ersten Mal erst über 150 Jahre später bei James Truslow Adams findet. 4 Dieser spricht 1931 in seinem Buch The Epic of America von dem "American dream, that dream of a land in which life should be better and richer and fuller for every man, with opportunity for each according to his ability or achievement." 5
Truslows Definition zufolge scheint sich der amerikanische Traum im Kern auf die Hoffnung eines besseren und glücklicheren Lebens für alle Menschen jeglicher sozialer, ethnischer und religiöser Herkunft zu beziehen. Hierauf deuten auch zahlreiche Aussagen berühmter Amerikaner. So stellt Richard Nixon die materielle Komponente des Traums heraus und nennt "full employment, better housing, excellence in education; in rebuilding our cities and improving our rural areas; in protecting our environment and enhancing the quality of life" als zentrale Elemente. Ronald Reagan erinnert an die Einzigartigkeit des amerikanischen Volkes und hebt den Sonderstatus hervor, welcher den USA in der Welt zukomme. Amerika sei "too great a nation to limit (them)selves to small dreams." Jesse Jackson und Martin Luther King träumen von Freiheit und Gleichheit für alle Bürger, insbesondere für die afroamerikanische Bevölkerung. 6 Und Bill Clinton betont die universelle Gültigkeit des amerikanischen Traums, welcher jeden Bürger am Erfolg partizipieren lasse, solange er hart und rechtschaffen arbeite. 7
Wohl ist der amerikanische Traum durch diese subjektiven Meinungen nur unzureichend definiert und insbesondere die Aussagen der amerikanischen Präsidenten müssen sicherlich teilweise als politische Wahlkampf-Phrasen gewertet werden. Allerdings verdeutlichen obige Begriffsverwendungen zum einen, dass der amerikanische Traum von unterschiedlichen Generationen ganz verschieden ausgelegt wurde, und zum an-
1 Vgl.Carpenter (1968): S. 3.
2 Vgl. Cullen (2003): S. 6.
3 Jefferson (1989): S. 640.
4 Cullen und Jillson merken an, dass Unklarheit darüber herrscht, ob Adams den Begriff tatsächlich geprägt oder ihn von einem anderen Autor übernommen hat. Vgl. Cullen (2003): S. 4 und Jillson (2004): S. 6.
5 Adams (1941): S. 404.
6 Zitiert in Freese (2006): S. 12-23.
7 Vgl. Clinton zitiert in Hochschild (1995): S. 18.
deren, welch fundamentale Bedeutung ihm in der amerikanischen Gesellschaft zukommt. Es handelt sich beim Amerikanischen Traum offensichtlich um ein äußerst wichtiges, doch auch sehr komplexes Phänomen, welchem wir durch Betrachtung unterschiedlicher Interpretationen nur ungenügend Rechnung tragen.
Nicht weniger problematisch ist der Versuch, sich dem amerikanischen Traum über synonym verwendete Begriffe zu nähern. Ergebnis einer solchen Betrachtung ist eine Aneinanderreihung nahezu sämtlicher Aspekte der amerikanischen Gesellschaft, angefangen von Teilaspekten des amerikanischen Traums wie equal opportunity oder individual success bis hin zu ähnlich umfassenden und vagen Konzepten wie American creed, American destiny oder American way of life, mit denen der amerikanische Traum häufig gleichgesetzt wird. Es scheint, als kennzeichne es den amerikanischen Traum, dass eine Definition, die über eine Aufzählung solcher Aspekte hinausgeht, nicht möglich ist und lediglich zu einer Verwässerung seiner Bedeutung führt. 8
Andererseits mag gerade in dieser Ungreifbarkeit der Reiz des Traums begründet liegen. Hierauf verweist Cullen, wenn er sagt: "The American Dream would have no drama or mystique if it were a self-evident falsehood or a scientifically demonstrable principle. Ambiguity is the very source of its mythic power." 9 In jedem Fall ist der amerikanische Traum ein allgegenwärtiges Phänomen, dessen Faszination, Entstehungsgeschichte und einzelne Elemente es im Folgenden zu ergründen gilt.
2. Die Entstehungsgeschichte des amerikanischen Traums
Wenngleich es schwierig scheint, den amerikanischen Traum zu definieren, ist es doch möglich, verschiedene Entwicklungen aufzuzeigen, die zu seiner Entstehung beigetragen haben. Nach Freese basiert der Mythos auf drei Konzepten: (1) Der mythischen Vorstellung Amerikas als einem zweiten El Dorado 10 ; (2) der religiösen Vorstellung Amerikas als einem Neuen Jerusalem; und (3) der politischen Vorstellung Amerikas als einem Land, in dem Tyrannei und Unterdrückung durch Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit abgelöst werden. 11
8 Vgl. Keil (1968): S. 4f.
9 Cullen (2003): S. 7.
10 Der Begriff El Dorado kommt aus dem Spanischen und heißt übersetzt "der Vergoldete". Er geht zurück auf eine kolumbianische Sage, der zufolge ein mit Goldstaub bedeckter Stammeshäuptling zur Opferdarbietung auf einen See hinausfuhr, um sich den Goldstaub in einem zeremoniellen Bad abzuwaschen. Heute bezeichnet El Dorado im metaphorischen Sinne ein üppiges, fruchtbares Land, in dem es jeder zu Reichtum und Wohlstand bringen kann. Vgl. Brockhaus 7 (2006): S. 672.
11 Vgl. im Folgenden Peter Freese: The American Dream and the American Nightmare. Paderborn, 1987, bes. 95-108.
2.1. El Dorado und Brave New World: Der mythische Traum
Der mythischen Auffassung des amerikanischen Traums zufolge ist Amerika ein Land der Neuanfänge und unbegrenzten Möglichkeiten und ein El Dorado des Überflusses und der Reichtümer. Diese Vorstellung ist wesentlich durch europäisches Gedankengut geprägt und kommt in Wunschvorstellungen wie der Insel Atlantis, der Terra Repromissionis oder der Utopia zum Ausdruck. Bevor Amerika als Kontinent entdeckt wurde, existierte daher bereits ein "America of the mind" 12 , welches mit der Entdeckung eines neuen Kontinents im Westen eine geeignete Projektionsfläche fand.
Die Glorifizierung Amerikas als "brave new world" und zweites Paradies auf Erden wurde vorangetrieben von verheißungsvollen Nachrichten aus der Neuen Welt. So vergleicht bereits Christoph Kolumbus in einem seiner Reiseberichte Amerika mit einem "irdische(n) Paradies" und Captain John Smith schildert Virginia als ein "fruitful and delightful land", welches einen idealen Lebensraum biete: "(H)eaven and earth never agreed better to frame a place for man's habitation." In einer berühmt gewordenen Aussage William Penns zu Pennsylvania heißt es: "The air is sweet and clear, the heavens serene." Und Thomas Morton schreibt: "For mine eyes t'was Nature's masterpiece. [...] If this land be not rich, then is the whole world poor." 13
Gleichwohl gab es durchaus auch kritische Schilderungen, die von Elend, Krankheit und Tod berichteten. 14 Diese negativen Berichte wurden anfangs jedoch aus mindestens zwei Gründen weitgehend ignoriert: 15 Zum einen löste die Entdeckung eines in weiten Teilen unbesiedelten und in den Augen der Europäer unzivilisierten Landes ein bis dato einzigartiges Besitzdenken aus. Zwar war Amerika nicht das erste Land, welches Europa mit kulturellen Unterschieden konfrontierte. Doch während die Europäer bei ihren Begegnungen mit fremden Völkern in der alten Welt lediglich den Status von Gästen innehatten, fiel ihnen jetzt der Status von Entdeckern zu, und diese Tatsache implizierte ein gewisses Eigentumsrecht. "America, having been uncovered and, in a sense, 'given to them' by their own initiative, seemed to be theirs to expropriate and to
12 Freese (1987): S. 94.
13 Shakespeare (2002): S. 209, Colombo (1956): S. 267, Smith (1967): S. 344, Penn (2002): S. 592, Morton (1989): S. 23.
14 Vgl. beispielhaft die Schriften von John Captain Smith und William Bradford, in denen es heißt, dass viele Menschen bereits die Überfahrt nach Amerika aufgrund von "extreme weakness and sickness" nicht überstanden (Vgl. Smith (1989): S. 13) bzw. aufgrund von Epidemien oder Unterernährung den ersten Winter vor Ort nicht überlebten (Vgl. Bradford (1989): S. 68).
15 Billington zeigt in seinem Buch Land of Savagery, Land of Promise am Beispiel der Frontier, dass sich die europäische Wahrnehmung Amerikas mehrfach änderte. So schlug die Konzeption Amerikas als einem Gelobten Land (16. Jhd.) im 17. Jhd. rasch ins Negative um. Im 18. Jhd. änderte sich das Bild im Zuge der Romantik erneut: Das 'Land of Savagery‘ wich einer Verherrlichung der Natur zum 'Wilden Westen‘ und aus dem gefährlichen Wilden wurde der Noble Savage. Vgl. Billington (1981): S. 1-28.
define." 16 Zum anderen hatten viele der ersten Siedler Europa nicht freiwillig verlassen, sondern kamen aus Angst vor Hunger, Armut und drohenden Kriegen oder um ihrer politischen oder religiösen Verfolgung zu entfliehen. 17 Die Neue Welt bot für sie einen Zufluchtsort, und glücklich, dort angekommen zu sein, verherrlichten sie das Land als ihre neue Heimat. Zu diesem Fazit gelangt auch Robert Beverly, der in seinem Buch The History and Present State of Virginia die Eindrücke der ersten Siedler in Virginia folgendermaßen zusammenfasst:
Being over-pleased with their Profits, and finding all Things there entirely new, and surprizing; they gave a very advantageous Account of Matters; by representing the Country so delightful, and desirable; so pleasant, and plentiful; the Climate, and Air, so temperate, sweet, and wholsome; the Woods, and Soil, so charming, and fruitful; and all other Things so agreeable, that Paradice it self seem'd to be there, in its first Native Lustre. 18
Auf diese Weise entstand die weit verbreitete Vorstellung von Amerika als einem idyllischen, unschuldigen und pastoralen Land, welche in starkem Kontrast zum dekadenten und verstädterten Europa stand. In den folgenden Jahrzehnten veranlasste dieser Mythos Millionen Flüchtlinge dazu, ihr Glück in der Neuen Welt zu suchen. Mit den Immigranten kam auch der Wunsch nach religiöser, politischer und wirtschaftlicher Freiheit ins Land, welcher sich später in der religiösen sowie soziopolitischen Konzeptualisierung des amerikanischen Traums wiederfinden sollte. Insofern begründet die frühe Mythologisierung Amerikas durch die Europäer jene dominante religiöse und soziopolitische Dimension, welche den amerikanischen Traum bis heute kennzeichnet.
2.2. A City upon a Hill: Der religiöse Traum
Die religiöse Tradition sah Amerika als ein neues Kanaan 19 , in welchem Gottes auserwähltes Volk ein zweites Jerusalem errichten werde. Im Gegensatz zur mythischen Vorstellung, welche im 16. Jahrhundert insbesondere Abenteurer auf den Plan rief, die in ihrem Entdeckerdrang freiwillig die gefährliche Reise nach Amerika antraten, waren es im 17. Jahrhundert vorwiegend als religiöse Dissidenten verfolgte Puritaner 20 , die in Amerika einen Ort zu finden hofften, an dem sie ihren Glauben frei leben konnten.
16 Greene (1993): S. 11.
17 Vgl. Dippel (2005): S. 7-17.
18 Beverly (1703): S. 262.
19 Kanaan ist der historische Begriff für die syrisch-palästinensische Küste, steht in der biblischen Terminologie jedoch für das Gelobte Land (Vgl. Brockhaus 14 (2006): S. 362). In 2 Mose 3,8 heißt es: "Ich bin herabgestiegen, um sie der Hand der Ägypter zu entreißen und aus jenem Land hinaufzuführen in ein schönes, weites Land, in ein Land, in dem Milch und Honig fließen, in das Gebiet der Kanaaniter, Hetiter, Amoriter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter."
20 Im 17. Jahrhundert zersplitterte der Puritanismus in verschiedene Religionsgemeinschaften wie Presbyterianer, Kongregationalisten und Separatisten, sodass der Ausdruck 'Puritaner' streng genommen zu kurz greift. Für unsere Zwecke soll im Folgenden nicht zwischen den einzelnen Kongregationen unterschieden
Der Puritanismus war eine theologische Protest- und Reformbewegung innerhalb des englischen Protestantismus, die sich in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts bildete und eine liturgische und moralische Erneuerung der Anglikanischen Kirche forderte. 21 Sein Name leitet sich von seinem erklärten Ziel ab, die Kirche nach kalvinistischen Grundsätzen von römisch-katholischen Lehren zu reinigen (im Englischen: to purify). Im weiteren Sinne wurden jedoch auch jene Gläubige abwertend als Puritaner bezeichnet, die sich einem frommen, sittenstrengen, am Biblizismus ausgerichteten Le-benswandel verschrieben hatten. 22
Grundlage des Puritanismus ist die Vorstellung, die Heilige Schrift enthalte eine verbindliche gesellschaftliche Ordnung für das Zusammenleben von Menschen. Aus diesem Grund lehnten die Puritaner alle Formen der Religionsausübung ab, die sie nicht durch die Bibel begründet fanden 23 , und forderten eine Rückkehr zum reinen Glauben. Aufgrund des Vorwurfs an die Regierung, die Trennung vom Katholizismus nicht vollzogen und die protestantische Reformation nicht vollendet zu haben, setzte mit dem 'Act Against Puritans' ab 1593 die Verfolgung der Puritaner ein, die als Andersdenkende zunehmend als Bedrohung empfunden wurden. 24 So emigrierten in der Folge viele Puritaner in die Niederlande und ab 1620 nach Neuengland, wo sie zunächst Plymouth Colony (1620), dann Massachusetts Bay (1630) und schließlich weitere Siedlungen im Connecticut-Tal sowie New Haven und Providence errichteten. 25 Ihre Hoffnung, die Anglikanische Kirche in England zu reformieren, hatten sie aufgegeben. Vielmehr sahen sie nun in Neuengland die Möglichkeit, ein paradigmatisches Gemeinwesen im Sinne eines 'model of christian charity' zu errichten, welches als Vorbild für die gesamte Menschheit dienen würde. So heißt es in einer berühmt gewordenen Aussage John Winthrops: "(W)e must consider that we shall be as a City upon a Hill, (and that) the eyes of all people are upon us." 26 In Anlehnung an die Prophezeiungen Jesajas und die Offenbarung des Johannes sahen sie sich selbst als auserwähltes Volk, welches Gott über den Atlantik geführt habe, um unter einem neuen Himmel und einer neuen Erde 27
werden. Für eine genaue Analyse der Aufspaltung der Puritaner siehe Linder und Christadler (1996): S. 619, sowie Ralph Barton Perry: Puritanism and Democracy. New York 1944, bes. S. 62-81.
21 Vgl. zur Geschichte der Puritaner Cal Jillson: Pursuing the American Dream. Lawrence 2004, 15-47.
22 Brockhaus 22 (2006): S. 294.
23 So verlangten die Puritaner weit reichende Reformen hinsichtlich Kirchenordnung und Liturgie. Sie traten für eine Gleichheit der Gläubigen ein und lehnten jede Form der kirchlichen Hierarchie, z.B. den Einsatz von Bischöfen, ebenso ab wie eine Instrumentalisierung und Vergegenständlichung des Glaubens durch Devotionalien und 'vermenschlichte' Traditionen. Vgl. Linder; Christadler (1996): S. 619.
24 Vgl. Raeithel (1987): S. 30.
25 Vgl. Linder; Christadler (1996): S. 620.
26 Winthrop (1989): S. 41.
27 Vgl. Jesaja 65,17: "Denn schon erschaffe ich einen neuen Himmel und eine neue Erde." und Offenbarung 21,1: "Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, auch das Meer ist nicht mehr."
Arbeit zitieren:
Lydia Prexl, 2009, Der Amerikanische Traum: Hintergrund und Kernelemente, München, GRIN Verlag GmbH
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