Menschen soziale Differenzen, erzeugen soziale Ordnungen und schaffen Gefühle der Zugehörigkeit. Sie bieten Menschen die Möglichkeit, sich im gemeinsamen Handeln zu begegnen, miteinander zu kommunizieren und zu interagieren. Rituale vermitteln emotionale Sicherheit und soziale Verlässlichkeit. Besonders in Zeiten ökonomischer, politischer und sozialer Ungewissheit spielen ihre Möglichkeiten, Gemeinschaften zu erzeugen, eine wichtige Rolle". 3 Somit lassen sich wichtige Funktionen herausstellen: Feste erzeugen und festigen die Gemeinschaft, sie schaffen und stärken die sozialen Bindungen des Einzelnen und bieten dadurch Orientierung. 4 Man kann sich dies an einem ganz simplen Beispiel verdeutlichen, indem man sich einmal den umgekehrten Fall vorstellt: Erhält man keine Einladung zur Hochzeits- oder Geburtstagsfeier eines Freundes oder nahen Verwandten, fühlt man sich (zu Recht) von der jeweiligen Gemeinschaft ausgeschlossen.
Ein weiteres Merkmal ist die meist reiche Ausstattung von Festen - gerade in armen Gesellschaften neigt man dazu, seine Feste im Überfluss zu feiern. So werden Speisen aufgetischt, die sich im „normalen Leben“ niemand der Anwesenden leisten könnte, es „wird symbolisch im Fest der Mangel zu überwinden versucht“. 5 Dadurch heben sich die Zeiten der Feste vom Alltag ab und lassen dessen Probleme und Lasten, zumindest für einen Augenblick, in den Hintergrund treten.
2. Religiöse Festtage
Obwohl jedes, auch noch so weltliche Fest im Ansatz religiösen Charakter aufweist - man denke nur an die stark gottesdienstähnlichen Eröffnungszeremonien großer Sportveranstaltungen 6 möchte ich das Augenmerk weg von den säkularen hin zu den religiös motivierten Festen lenken, denn hier ergeben sich weitere wichtige Funktionen. Natürlich spielen die vorgenannten eine ebenso zentrale Rolle. Die Besonderheit religiöser Feste ist, „dass transzendente Aspekte, die über die eigene unmittelbare Erfahrung hinausreichen und durch das Lehrsystem der jeweiligen Religion bestimmt sind, eine größere Rolle spielen. Ebenso werden in religiösen Festen eher existenzielle Fragen thematisiert als bei Sportereignissen“. 7 Sie „organisieren sich zentral um Akte des religiösen Kultes. Unter Kult ist hier eine bestimmte Form des religiösen Rituals verstanden, nämlich diejenige, in der eine religiöse Gemeinschaft die für die konstitutive Ursprungstradition rituell erneuert“. 8
Eine letzte wichtige Funktion religiöser Feste stellt die Abgrenzung gegenüber Andersgläubigen dar: So grenzt beispielsweise das Freitagsgebet den Muslim vom Christen oder Juden ab, deren heilige Tage der Sonntag beziehungsweise der Sabbat sind. 9 „Abgrenzungen vollziehen sich nicht nur durch das Begehen von Festen, sondern gerade auch durch das Nicht-Begehen [...] [und] haben identitätsstiftende Funktion“. 10
3. Religiöse Bindung als Orientierung in der Fremde
Die Diasporasituation „stellt [...] die Menschen vor die Frage der kulturellen Identität. Oft betonen und überhöhen sie die Werte ihres Ursprunglandes“. 11 Dies lässt sich durch die zahlreichen Schwierigkeiten und Unverständlichkeiten erklären, die während der Eingewöhnungszeit in der neuen Heimat auftauchen. Ein wohl typisch menschliches Phänomen ist das Verklären der eigenen Vergangenheit. Gerade in neuen Situationen, die Unsicherheit und Unbehagen hervorrufen, sehnt sich der Mensch schnell zurück in ein gewohntes, Sicherheit und Geborgenheit, zumindest aber
3 http://www.fu-berlin.de/presse/publikationen/tsp/2006/ts_20060211/ts_20060211_07.html
4 Vgl. ebd.
5 REMID, S. 17
6 Vgl. ebd, S. 14
7 Rink, S. 3
8 REMID, S. 19
9 Vgl. ebd, S. 21
10 Ebd.
11 http://de.wikipedia.org/wiki/Diaspora
2
Orientierung, bietendes Umfeld. Kommen im neuen Land auch noch Ablehnung, als fremdartig empfundene Werte- und Moralvorstellungen und mangelndes Verständnis durch die Umwelt dazu, wundert es nicht, dass die Suche nach Orientierung in der eigenen, bekannten Kultur - und damit auch Religion - mündet. So „verstärkt die gesellschaftliche Missachtung dessen, worauf die eigenen Vorfahren stolz waren, nostalgische Tendenzen“. 12
Während der Migration selbst, demnach im aktuellen Prozess der Flucht bzw. des Fortzugs, haben religiöse Bindungen für viele eine wichtige unterstützende und Trost bietende Bedeutung. Gerade angesichts von Gefahren auf der Flucht und einer unklaren Zukunft bieten religiöse Rückversicherungen Halt und Zuversicht. [Obwohl der] Aufbau religiöser Institutionen zu diesem Zeitpunkt nicht ihr vordringlichstes Ziel [ist, und es] vielmehr gilt [...], das eigene Leben in der neuen Umwelt zu gestalten, sich zurechtzufinden, die Sprache des Landes zu erlernen und vieles mehr, [...] erfolgt [früher oder später] unweigerlich der Zusammenschluss und die Organisierung der Migranten in eigenen Vereinen, Gesellschaften, Einrichtungen und Landsmannschaften. [...] Für die Neuankömmlinge und Flüchtlinge bieten die religiösen Vereinigungen psychologisch-emotionale Unterstützung, Hilfe und Trost als auch ein Gefühl von Vertrautheit und Heimatverbundenheit. Die Ausübung der religiösen Vollzüge erhalten gewissermaßen die Verbindung zur zurückgelassenen Heimat. Hier werden die gleichen rituellen Handlungen durchgeführt, die Sprache gesprochen und Personen gleicher kulturell-nationaler Herkunft getroffen. [Die] Unterstützung und Stabilisierung des Einzelnen durch Religion wird durch die Bedeutung von Religion zur Vergewisserung der eigenen Identität ergänzt und verstärkt. [...] In der neuen, fremd-kulturellen Umwelt [erfolgt] oftmals eine neue und geschärfte Wahrnehmung der eigenen religiösen Zugehörigkeit. 13
Zu dem Gefühl des Fremd- und Ausgeschlossen-Seins kommt oft die Angst vor Verlust der eigenen Identität. 14 Und wenn sich der Mensch (zumindest anfangs) weder mit der Kultur und Gesellschaft seines neuen Landes, noch mit den Werten und Traditionen seiner Heimat identifizieren kann -woran soll er sich dann orientieren? Eine Rückbesinnung auf altvertraute kulturelle und religiöse Bezüge liegt somit nahe.
So lässt sich zusammenfassend sagen, dass oft erst durch die Erfahrungen in der Diaspora „die religiöse Zugehörigkeit und Orientierung von vielen der Zugezogenen als bedeutsam erfahren [wird]“. 15 Auch wenn die Annahme weit verbreitet ist, gehen „die religiösen Bezüge und Bindungen in der westlichen, säkularisierten Welt nicht verloren, [sondern werden] im Gegenteil [...] erneuert und verstärkt“. 16
Die eingangs beschriebenen, zentralen Bedeutungen und Funktionen von Festen für die jeweilige Gemeinschaft, finden sich auch - oder gerade - bei den zugewanderten Minderheitenreligionen wieder: Der gemeinschaftliche, temporäre Ausstieg aus dem grauen Alltag und der oft noch fremden Umwelt, hinein in heimische, gewohnte Traditionen und Rituale bindet die Menschen umso fester aneinander und bietet dem Einzelnen Halt. „Für alle Religionen gesellschaftlicher Minderheiten [...] ist es so, daß das kulturelle Gedächtnis der Menschen sie zu den großen Festen ihres religiösen Jahres die Gemeinschaft suchen läßt, die die Traditionen der Vorfahren mit ihnen teilt“. 17 Demnach sind die gemeinsamen religiösen Feste und Feiertage in der Fremde von besonderer Bedeutung. Das Beispiel des muslimischen Fastenmonats Ramdan soll dies im folgenden verdeutlichen.
12 REMID, S. 225
13 Baumann, S. 21 f.
14 Vgl. REMID, S. 11
15 Ebd.
16 Ebd.
17 Ebd., S. 220
3
4. Was ist Ramadan?
Wie schon erwähnt, stellt der Monat Ramadan (eigentlich arab. ramaḍân) eine ganz besondere Zeit im islamischen Kalender dar. Dieser nach islamischer Zeitrechnung neunte Monat des Jahres ist die Zeit des Fastens. Das Fasten (arab. ṣaum) ist eine der 5 Grundpflichten jedes Muslims. Die anderen vier der „fünf Säulen des Islam“ sind das Glaubensbekenntnis (shahâda), das Gebet (ṣalat), die Abgabe der Almosensteuer (zakât) und die Pilgerfahrt nach Mekka (ḥajj). 18 In konservativ islamischen Ländern wie Saudi Arabien oder Ägypten fastet während des Ramadan nahezu jeder Gläubige, der dazu gesundheitlich in der Lage ist.
Nur wer das Fasten, so wie es im Islam vorgeschrieben ist, ohne gesundheitlichen Schaden durchführen kann, ist zu diesem Gebot verpflichtet. Deshalb sind Kranke, Altersschwache, Schwangere, stillende Mütter, Frauen in der Menstruation und ähnliche Personengruppen von dieser Pflicht ausgenommen. Personen, deren gesundheitliche Situation sich voraussichtlich nicht bessern wird, wie z.B. chronisch Kranke oder Altersschwache, sollen für jeden im Ramadan versäumten Fastentag einen Bedürftigen speisen (die sog. Fidya). Andere, die unter die Ausnahmeregelung fallen und deren Situation sich bessern wird, wie z.B. Schwangere, stillende Mütter etc., holen die versäumten Fastentage zu einem späteren Zeitpunkt nach. 19
Das Fasten im Monat Ramadan besitzt für die Muslime tiefe Bedeutung. Es ist ein Gottesdienst: die Gläubigen zeigen dem Schöpfer damit ihren Gehorsam und Ehrerbietung und hoffen auf Belohnung im Jenseits. Das Fasten ist eine „Prüfung für Aufrichtigkeit, Hingabe und Gehorsam gegenüber dem Herrn und Schöpfer des Universums“. 20 Da nach islamischer Überzeugung die sinnlichen Begierden des Menschen seinem Glauben und seiner Verbindung zu Gott im Weg stehen, muss er sich in Selbstkontrolle üben. Der Verzicht auf weltliche Genüsse während des Tages erfordert viel Disziplin, das Fasten ist somit eine Übung, die den Charakter des Menschen formen und seinen Glauben stärken soll. Die Muslime bekunden damit „ihren Glauben an Gott, ihr Vertrauen in sein Gesetz sowie ihren Willen, Leidenschaft, Geiz und Selbstsucht zu überwinden und Selbstdisziplin zu üben“. 21 Das Fasten ist eine „geistlich-spirituelle Anstrengung mit dem Ziel der Selbstbeherrschung und gibt Gelegenheit, wieder zu sich selbst zu finden“. 22 Es geht dabei also nicht nur um das Entbehren von Nahrung - auch seinen Geist soll der Fastende reinigen und sich bewusst von falschen Handlungen wie Lügen, übler Nachrede, Verleumdungen und Beleidigungen lösen. So soll schon der Prophet Muhammed gesagt haben: “Wenn sich jemand nicht der Falschheit in Wort und Tat enthält, dann liegt Allah nichts daran, dass er sich des Essens und Trinkens enthält.” 23
Auch soziale Aspekte spielen eine nicht zu unterschätzende Rolle. Wenn sonst wohlversorgte Menschen „die Pein des Hungers während des Fastens erfahren, dann haben sie größeres Mitleid mit denen, die die Erfahrung des Hungers auch in den übrigen Monaten des Jahres haben“ 24 , was dann zu größerer Solidarität und Hilfsbereitschaft führen soll. Ebenso versucht man, Konflikte mit Verwandt- und Nachbarschaft beizulegen und Beziehungen zu intensivieren, wofür sich das gemeinsame Fastenbrechen bestens eignet. 25
Überhaupt besinnen sich die Muslime während des gesamten Ramadan besonders auf ihren Glauben und widmen sich somit auch verstärkt ihren anderen religiösen Pflichten - sie halten sich an die regelmäßigen Gebete, an ein striktes Alkoholverbot (auch während der Nacht) und geben mehr Almosen an Bedürftige. 26
18 Vgl. Thoraval, S. 288 ff.
19 http://www.muslimefasten.de/Fragen_zum_Fasten.249.0.html
20 http://www.muslimefasten.de/Der_Sinn_des_Fastens.1161.0.html
21 Religionen feiern, S. 111
22 Thoraval, S. 289
23 25 Fragen
24 Heine, S. 144
25 Vgl. Heine, S. 147
26 Vgl. ebd., S.144
4
Arbeit zitieren:
Berit Stehr, 2008, Ramadan in Deutschland, München, GRIN Verlag GmbH
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